Kruschinsky und die Maulwürfe (lang)
Eines schönen Sommertages saß ich auf der Terrasse und beobachtete meinen Nachbarn Horst Kruschinsky. Vor etwa einer Stunde hatte er sich in seinem roten Overall, den er bei jeder Garten- und handwerklichen Arbeit trug, auf den Rasen gehockt. Neben ihm stand eine hölzerne Kiste mit verschließbarem Deckel. In den Händen hielt er einen Spaten zum Zustechen bereit gegen einen Maulwurfshügel gerichtet. Seitdem verharrte er bewegungslos.
Nun, Kruschinsky ist auf jeden Fall ein eigenwilliger Mensch, und nicht alles, was er tat oder von sich gab, mag für mich jemals einen Sinn ergeben, aber diese Szene faszinierte mich. Er war auf Maulwurfjagd; das hatte ich begriffen. Aber wieso so umständlich? Wenn es ihm darum ging, die Tiere zu vertreiben, gab es bestimmt effektivere Methoden. Oder wollte er lediglich ein Anschauungsobjekt für seine Tochter beschaffen, das im Biologieunterricht eingehend untersucht wird? Ich wußte es nicht. Nur eines war mir klar: Bei Kruschinsky war alles möglich!
Plötzlich stießen seine Arme nach vorn. Der Spaten grub sich tief in den Hügel hinein, und mit Schwung hob Kruschinsky das Gerät wieder hoch.
„Hab ich dich endlich!“ rief er, griff auf das Schaufelblatt und hielt ein kleines schwarzes Fellknäuel in der Hand, das er in der Holzkiste verschwinden ließ. Dann rammte er den Spaten in den Boden und zog sich stöhnend daran hoch. Eine Stunde Bewegungslosigkeit hatte ihren Tribut gefordert.
Langsam wälzte ich mich aus meinem Liegestuhl und ging zum Zaun hinüber, um Kruschinsky zu fragen, was er mit dieser Aktion bezweckte.
„Grüß dich, Horst! Na, auf Maulwurfjagd?“ Zugegeben, es war eine blöde Frage, aber irgendwie mußte ich das Gespräch ja beginnen.
„Hallo Mike!“ grüßte er zurück, stemmte die Fäuste in den Rücken und bog sein Hohlkreuz durch. „Ja, eine mühselige Arbeit“, beantwortete er meine Frage. „Aber es muß sein. Die Biester haben innerhalb kürzester Zeit meinen gesamten Rasen verwüstet. Siehst es ja selbst.“
Das stimmte. Sein Garten war mit einem Heer von Maulwurfshügeln überzogen. Die Tiere hatten sich rasend schnell über die fünfhundert Quadratmeter verteilt. Vor einer Woche war hier noch feinster englischer Rasen gewesen.
„Meinst du nicht, daß es effektivere Methoden gibt, als die Tiere einzeln mit dem Spaten aufzustechen?“ fragte ich vorsichtig. Bei Horst waren solche Fragen immer schwierig anzubringen. Er war von allem, was er tat, absolut überzeugt. Deshalb überraschten mich seine nächsten Worte:
„Natürlich! Ich könnte ihnen mit ein paar Böllern einheizen. Aber dann hab ich gleich die Bullen, äh deine Kollegen, auf dem Hals. - Du würdest sie wahrscheinlich nicht rufen, aber Mölders, der Blödmann.“
Mölders war unser Nachbar von gegenüber. Ein Rentner, der den lieben langen Tag nichts anderes zu tun hatte, als darauf zu achten, daß die Menschen in seiner Umgebung gesetzestreu blieben. Ein von Kruschinsky mitten im Sommer gezündeter Böller wäre für ihn ein gefundenes Fressen gewesen.
„Gibst es da nicht diese elektonischen Apparate, die so 'ne Art Ultraschall oder Mikrowelle aussenden?“ fragte ich weiter. „Da kann sich Mölders nicht dran stören. Ich glaube, der olle Scholz hat so ein Gerät. Das kannst du dir bestimmt mal ausleihen.“
„Hab ich schon“, seufzte Kruschinsky. „In den Boden gesteckt, eingeschaltet, und dann fing Opa an zu schreien. Irgendwie spricht die Metallplatte in seinem Kopf darauf an. Auf jeden Fall bekam er noch in der gleichen Minute höllische Kopfschmerzen.“
Das war Pech. Somit waren die erfolgreichsten und preiswertesten Methoden der Maulfwurfjagd von vornherein ausgeschlossen. Nachdenklich betrachtete ich Kruschinskys Rasenreste. Da fiel mir, daß mein Cousin mal ein ähnliches Problem gehabt hatte. Mein Vater hatte ihm damals eine Mischung aus Unkraut-Ex und Schwefel empfohlen. Die beiden Substanzen wurden vermischt, in einer Tüte zusammengerollt, in eines der Schlupflöcher gestopft und dann angezündet. Der beißende Qualm, der dabei entstand, setzte sich durch alle Gänge fort und vertrieb die Maulwürfe.
Ich stieß meinen Nachbarn an. „Horst, du wirst es nicht glauben, aber ich habe die Lösung.“ Ich erklärte ihm die von meinem Vater angeratene und von meinem Cousin so erfolgreich erprobte Methode. Die anfängliche Skepsis in Kruschinskys Gesicht - schließlich kam es nicht alle Tage vor, daß ein Nachbar etwas besser wußte als er - wich langsam einem Lächeln.
Am Ende schlug er mir mit der flachen Hand auf die Schulter. „Mensch, Mike! Das ist hervorragend. Danke! Das probiere ich sofort aus.“
„Aber denk dran“, versuchte ich noch einen letzten Ratschlag anzubringen, „nur mit einem langen Zündholz anzünden. Es könnte sein, daß es eine Stichflamme gibt. Das Zeug ist explosiv!“
Ich hatte das letzte Wort noch nicht ausgeprochen, da war Horst Kruschinsky schon im Haus verschwunden. Kurz darauf lief er zu seinem Auto und raste mit heulendem Motor die Straße hinunter. Und ich fragte mich, ob es richtig gewesen war, Horst diesen Tip zu geben.
Am nächsten Tag betrat Kruschinsky kurz nach Mittag seinen zerstörten Rasen. Diesmal war er mit einer Batterie von Papiertüten beladen, alle fein säuberlich zusammengerollt, unten spitz zulaufend und oben mit einer kleinen Lunte versehen. Mit grimmiger Entschlossenheit kniete er vor dem ersten Maulwurfshügel nieder, grub den Gang frei und stopfte eine Tüte hinein. Dabei spielte der Wind mit seinen zersausten Haaren und gab ihm, trotz seines obligatorischen roten Overalls, ein bißchen das Aussehen eines verwegenen Desperados.
Nach und nach verteilte er die Papiertüten über den Garten. Jedesmal schob er mit einer kleinen Pflanzschaufel die Schlupflöcher frei und steckte eine der Tüten hinein. Nach einer halben Stunde betrachtete er zufrieden sein Werk und fingerte in einer der Brusttaschen seines Overalls nach Streichhölzern.
Während ich ihm zusah, beschlich mich das Gefühl nahenden Unheils. Hatte ich ihm eigentlich gesagt, daß mein Cousin nur zwei und nicht ein Dutzend oder mehr Rauchbomben gebraucht hatte? Ich wußte es nicht. Aber Horst war sowieso ein sehr gründlicher Mensch. Wahrscheinlich hätte ein solcher Hinweis nichts genutzt.
„Na, Horst“, rief ich über den Zaun, bevor er die erste Tüte anzünden konnte. „Jetzt geht's den Maulwürfen wohl an den Kragen, was?“
„Ja! Jetzt mache ich ihnen den Garaus.“ Ein diabolisches Grinsen huschte über sein Gesicht. „Deine Methode wird ein voller Erfolg werden. Ich hab sie übrigens noch ein wenig verfeinert.“
Ich schreckte auf. Das war Horst Kruschinsky: Eine Idee konnte noch so gut sein - Horst fand auf jeden Fall noch eine verbesserungswürdige Kleinigkeit. Und wieder hatte ich das Gefühl, daß sich eine kleine Katastrophe anbahnte. „Was hast du gemacht?“
„Ich habe die Tüten so verklebt, daß der Qualm auf keinen Fall nach oben dringen kann. Es bleibt ihm nur die Möglichkeit, nach unten in die Gänge zu ziehen.“
'Oh, oh', dachte ich. 'Wenn das nur gut geht.' Und laut sagte ich: „Vielleicht solltest du die Tüten über eine Lunte zünden. Das Gemisch brennt ziemlich schnell ab.“
„Meinst du?“
„Also ich würde es tun.“
„Vielleicht hast du recht“, überlegte Horst. „Ich hab noch ein paar Böllerschnüre im Keller. Die müßten eigentlich reichen.“
Er steckte die Streichholzschachtel zurück in seine Tasche und ging ins Haus. Nach einer Weile kam er mit einer Rolle dünnen Bindfaden zurück, die mir noch in guter Erinnerung war. Ein Eigenlaborat Kruschinskys für die letzte Silvesterfeier, bei der er ungewollt seinen Vorgarten gesprengt hatte. Er verband die Tüten mit der selbstgemachten Zündschnur und rollte dann das letzte Ende bis zur Terrasse aus.
„Jetzt kann gar nichts mehr schiefgehen!“ rief er mir zu, aber meine Ahnungen gingen in eine andere Richtung. Hätte ich doch bloß nichts gesagt!
Kruschinsky riß ein Streichholz an und senkte es der Zündschnur entgegen. Als der Streichholz sie berührte, war das Unheil nicht mehr aufzuhalten. Eine schwarze Spur im Rasen hinterlassend fraß sich die Flamme auf die Maulwurfshügel zu. Kurz darauf stiegen die ersten gelbweißen Rauchfähnchen aus den Hügeln auf. Es schien geklappt zu haben. Unwillkürlich atmete ich auf, doch zu früh.
Als die Zündschnur den letzten Hügel erreicht hatte, erscholl eine kleine Explosion. Und dann noch eine, und wieder eine. Sämtliche Tüten explodierten nacheinander und entließen ihre beißende Dämpfe schlagartig – nach oben. Schnell breitete sich der Qualm über Kruschinskys Grundstück aus. Horst verschwand in den gelbweißen Nebelschwaden und ich hörte ihn nur noch husten und verzweifelt nach Luft ringen.
Mit letzter Kraft rettete er sich ins Haus und schlug die Terrassentür hinter sich zu. Leider zu spät. Der plötzlich drehende Wind hatte bereits einen Großteil des Qualms hinein getrieben, so daß Horst, seine Frau Gisela, seine Tochter Anja und Opa Kruschinsky schließlich zur Vordertür hinaus zum Auto flüchteten und das Weite suchten.
Die Vertreibung war gelungen. Das Haus der Kruschinskys war unbewohnbar. Sie verbrachten die nächsten fünf Tage in einem Hotel. Jeden Morgen erschienen entweder Horst oder Gisela und öffneten sämtliche Fenster, um den Gestank aus der Wohnung zu bekommen, und in der Wedemark gab es einen Versorgungsengpaß mit Raumluftauffrischern. Außerdem sprach Horst ein halbes Jahr lang kein Wort mehr mit mir. Noch 14 Tage nach diesem Desaster konnte man in windgeschützten Ecken unseres Viertels einen leichten Schwefelgeruch wahrnehmen.
Und die Maulwürfe? Die waren natürlich auch aus Kruschinskys Garten verschwunden. Dafür hatten sie sich in meinem ausgebreitet. Manchmal konnte ich sie beobachteten, wie sie ihre Hügel aufwarfen. Sie saßen dann immer ein Weile auf dem Haufen, schauten zu mir hoch und lachten mich hämisch an.