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Klaras Nacht

Beitritt
19.06.2001
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Klaras Nacht

KLARAS NACHT

Im Zimmer war es kalt, die Spielzeuge warfen bizarre Schatten an die Wand und die beiden schlafenden Katzen zu ihren Füßen machten merkwürdige Geräusche. Klara hörte das Schnarchen ihrer Eltern aus dem Schlafzimmer, sie selbst lag seit Stunden wach und dachte über vieles nach. Beispielsweise über ihren Streit mit der Lehrerin in der Schule, oder über die ihr anvertrauten Wohnungsschlüssel, die eigentlich gleich neben der Tür hingen, doch nun wer weiß wo waren. Ihre Eltern hatten kein Wort darüber verloren, wohl wußte Klara aber, daß die Schusseligkeit, für die sie doch nichts konnte, den beiden manchmal ein leichtes Seufzen entlockte. Klara lag also in ihrem Bett, die Decke bis über die Nase gezogen und konnte nicht einschlafen.

Plötzlich klopfte es von draußen an die Fensterscheibe. Erschrocken zuckte das kleine Mädchen zusammen. Was war das? Langsam hob sie ihren Kopf und sah zum Fenster. Vielleicht hatten die größeren Kinder sich einen Streich erlaubt und ihr mit bunten Gardinen geschmücktes Fenster mit Schneebällen beworfen. Klara fragte sich, ob es wirklich machbar war, einen Schneeball bis hoch zum dritten Stock zu werfen. Draußen vor dem Fenster hockte eine Gestalt. Im dichten Tanz der kristallenen Schneeflocken konnte Klara erkennen, daß die Gestalt einen roten Mantel mit weißem, buschigem Kragen hatte, eine rote Mütze mit einem in vielen Farben glitzernden Bommel an der Spitze trug und einen langen, lockigen und grauen Rauschebart besaß. Klara traute ihren Augen kaum. War er es wirklich? Die Gestalt winkte ihr zu und klopfte erneut ans Fenster. Schnell sprang Klara aus dem Bett und lief auf das Fenster zu. Der Weihnachtsmann nickte freundlich und deutete an, daß er zu ihr ins Zimmer kommen wollte. Klara schüttelte beschämt den Kopf und rief ihm leise zu: „Hier drinnen ist es viel zu kalt.“ Kurz sah sie zu den beiden Katzen, die ab und zu im Takt ihrer Träume ihre Pfoten bewegten und immer noch schliefen. Als sie wieder zum Fenster sah, war der Weihnachtsmann verschwunden. ‚Oh Nein!‘ durchfuhr es Klara. Traurig stand sie da und schaute den Schneeflocken zu, die hin und her tanzend zu Boden fielen und dafür sorgten, daß die Straße von einer dicken wunderschön anzuschauenden Schneeschicht bedeckt wurde.

„Puh... Ganz schön kalt hier!“ sagte eine tiefe Stimme hinter ihr.
Schnell drehte sich Klara um. Vor ihr stand der Weihnachtsmann. „Bist du es wirklich?“
„Na klar! Was dachtest du denn? Ein böser Zauberer?“ entgegnete ihr der Weihnachtsmann und lachte laut auf. Es war ein aus dem Inneren kommendes Lachen, voller Wärme und Freude. Spürbar stieg die Temperatur im Zimmer, so schnell, daß die Katzen leise zu schnurren anfingen.
Klara ging auf den Weihnachtsmann zu und berührte ihn vorsichtig. Mit großen Kulleraugen sah sie ihn an und sagte: „Es gibt dich also wirklich.“
Der Weihnachtsmann beugte sich zu ihr hinunter. „Selbstverständlich, Klara.“
„Du weißt meinen Namen?“
„Ich weiß den Namen aller Kinder auf der Welt. Und weiß du, warum ich hier bin?“
Klara hob ihre Schultern hoch und sagte: „Ich... ich weiß nicht.“
„Ja... Oh, warte mal. Ich muß mich... Oh, mein Rücken!“ Ächzend setzte sich der Weihnachtsmann auf den Boden und winkte Klara zu sich heran. „Na, komm mal her, Kleines!“ Als das Mädchen bei ihm war, setzte er Klara auf seinen Schoß. „Gerade flog ich mit meinem Schlitten über die Häuser, als ich plötzlich deine Gedanken hören konnte. Und die haben mir überhaupt nicht gefallen. Und da hab ich mir gedacht: Na, da schaust du doch gleich mal vorbei.“ Er sah sich um. „Tja, und hier bin ich. Wanne-Eickel, wer hätte das je gedacht.“
„Was?“
„Ach nichts.“ Er tätschelte Klara behutsam den Kopf. „Sag mal, was die Schlüssel angeht...“
Klara schluckte. „Ich hab sie verloren. Ich kann einfach nichts dafür. Ich...“
„Schon gut, Klara. Sieh mal!“ Der Weihachtsmann legte seine Hände aufeinander und pustete sie an. Viele kleine goldene Glitzersterne schwirrten um seine Hände herum. Dann öffnete er sie. „Da, siehst du?“
Sprachlos starrte Klara auf die Handflächen des Weihnachtsmannes. Dort lagen die Schlüssel, die sie verloren hatte. „Wie hast du das gemacht?“
„Betriebsgeheimnis!“ sagte der Weihnachtsmann verschmitzt und zwinkerte ihr zu. „Am besten sagst du deinen Eltern, du hättest die Wohnungsschlüssel in deinem Schulranzen gefunden.“
„Soll ich? Dann lüge ich sie ja an.“
„Naja...“ Schulterzuckend verzog er das Gesicht. „Eine kleine Notlüge. Wir verstehen uns?“
„Ja, Danke!“ Klara umarmte den Weihnachtsmann. „Und... und die Sache mit Frau Malther?“
„Ho Ho Ho!“ Der Weihnachtsmann hob die Hände. „Morgen ist, wenn ich mich nicht irre, der letzte Schultag, oder?“
„Ja.“ antwortete Klara.
„Na, dann gehst du zu Frau... Wie hieß sie nochmal?“
„Frau Malther.“
„Ach ja, richtig. Witzig, als sie noch klein war...“ Der Weihnachtsmann räusperte sich. „Nun, morgen nach dem Unterricht gehst du zu Frau Walther und entschuldigst dich.“
„Ja, aber...“
Der Weihnachtsmann sah Klara streng an. „Na, kein Aber, Klara. Und du weißt auch warum.“
„Ja, Weihnachtsmann.“ Bedröppelt sah Klara zur Decke.
„He, kleines Fräulein. Schau mich mal an.“
Klara sah den Weihnachtsmann ins Gesicht. Er hatte strahlende Augen, glänzende Haut... Es war pure Magie. „Ja?“
„Kannst ruhig Bernd zu mir sagen.“
„Bernd?“
„Tja, das ist mein Name.“
„Bernd ist ein komischer Name für den Weihnachtsmann.“
„Ich weiß. Das hab ich denen auch gesagt.“ Er machte eine abfällige Handbewegung in eine unbestimmte Richtung. „Aber so ist es nun mal. So...“ Er rappelte sich auf und zog sich Mantel und Mütze zurecht. „Jetzt muß ich aber wieder. Hab noch viel zu tun. Am Nordpol gibt’s wohl Schwierigkeiten mit den Geschenken. Die anderen und ich treffen uns dort, um mal nach dem Rechten zu schauen.“
„Du und die anderen?“ fragte Klara neugierig.
„Na klar. Glaubst du, ein einziger Weihnachtsmann kann an einem einzigen Tag alle Kinder auf der Welt beschenken? Nein, so funktioniert das nicht. Aber das kann ich dir auch unterwegs erklären.“
Klara ging einen Schritt zurück. „Unterwegs?“
Bernd, der Weihnachtsmann, nickte lächelnd. „Pass auf.“ Er schnippte mit den Fingern. „Da schau, draußen vorm Fenster.“
Was Klara erblickte, war so wundervoll und atemberaubend, daß sie keines Wortes fähig war. „Du hast die Zeit angehalten.“ flüsterte sie nach einigen Sekunden. Die Schneeflocken schwebten in der Luft, wie zu Stein erstarrt. Kein Geräusch war zu hören, nur ihr pochendes Herz und ihr aufgeregter Atem. „Das ist... wunderschön.“
„Ja, ist es.“ Er nahm das kleine Mädchen an die Hand. „Na komm, fliegen wir zum Nordpol und schauen mal, was die dort so treiben.“ Der Weihnachtsmann hielt inne. „Ach, möchtest du überhaupt mitkommen?“ Ihr strahlendes Gesicht sagte alles. „Dachte ich mir.“

Direkt unter dem Fenster wartete bereits der Schlitten mit den zwölf Rentieren, die ungeduldig vor Tatendrang schnaufend mit ihren Hufen durch die Luft scharrten. Der Weihnachtsmann setzte Klara neben sich auf die weich gepolsterte Sitzbank. „Anschnallen, bitte!“ sagte er und reichte ihr eine Skibrille. „Bei dem Tempo ist das besser so, glaub mir.“
Klara zappelte aufgeregt hin und her. „Es ist wie ein Traum.“
„Möglich.“ antwortete der Weihnachtsmann. „Schließlich ist Weihnachten.“ Dann packte er die Zügel und zog sie kurz an. Die Rentiere setzten sich in Bewegung. Sekunden später rasten Klara und der Weihnachtsmann mit einem enormenTempo über die Häuser Richtung Nordpol.

Und als Klara am nächsten Morgen aufwachte, dachte sie zuerst, alles wäre ein schöner Traum gewesen. Aber als sie unter ihrem Kopfkissen die Wohnungsschlüssel fand, lächelte sie, sah aus dem Fenster und murmelte noch etwas schlaftrunken: „Danke, Bernd.“ Sie stand auf, ging in die Küche und deckte den Frühstückstisch für ihre Eltern. Durch plötzlichen Lärm aus der Küche aufgeschreckt, sprangen die beiden Katzen aus Klaras Bett. Sie gähnten noch einmal, bevor sie miauend zur Küche liefen und neugierig beobachteten, wie das kleine Mädchen bis über beide Ohren lachend mit einem Wischtuch die Spuren des zu Bruch gegangenen Marmeladenglases beseitigte...

ENDE

copyright by Poncher (SV)

03.12.2002

 

So, meine erste "Kindergeschichte" hier.

Kitschfaktor: 10
Anspruch: Unter Null
Moral: Wat?
Gesichtsverlust des Autors: Bar jeder Beschreibung...

:)

 

Kitschfaktor: 10
Anspruch: Unter Null
Willst du damit etwa sagen, dass Geschichten für Kinder kitschig und anspruchslos sein müssen? :shy: :D

Allerdings solltest Du in Kindergeschichten eventuell auf jeden Fall die Regeln der neuen RS beherzigen ;) , weil die lernen das sonst ganz falsch und dann können wir später ihre Fehler wieder mühsam korrigieren... :D

 

Na, eine Kindergeschichte vom lieben Poncher! Das ist ja mal was Feines! Das musst ich mir vorm Schlafen gehen doch glatt noch mal eben reinziehen... :D

Tja, wer wird denn gleich meinen, dass der Anspruch so tief liegen soll? Angenehm erzählt, mit Hand und Fuß, Einleitung und Schluss. Ich hatte bei diesem verrufenen Autor zwar mitunter schon die Befürchtung, der Weihnachtsmann Bernd könnte sich jeden Moment als etwas ganz anderes entpuppen, als für was er sich zunächst verausgabt. Aber dem war ja dann, der angepeilten Zielgruppe entsprechend, zum Glück nicht so.

Kritik:

Draußen vor dem Fenster hockte eine Gestalt.
Im dritten Stock? Unpassend ausgedrückt.
Kurz sah sie zu den beiden Katzen, die ab und zu im Takt ihrer Träume ihre Pfoten bewegten und immer noch schliefen.
Was sind denn das für Katzen? Träumen die mit klassischer Musik als Untermalung ? :lol:
Die Schneeflocken schwebten in der Luft, wie zu Stein erstarrt.
Um die Schneeflocken in der Luft schweben zu lassen brauchen sie nicht zu Stein zu werden. Das ist zuviel des Guten, deshalb würd ich den Nebensatz weglassen.

Nette Idee übrigens noch, dem Weihnachtsmann einen Namen zu geben. Bernd steht ihm sehr gut, möcht ich mal meinen.

Gruß
Philo-Ratte

 

Hallo Poncher,

Ich find die Geschichte sehr schön und passend für Kinder.
Ich war zwar etwas überrascht, dass bei "Deiner" Klara auch ans Fenster geklopft wird, aber da unsere Geschichten ansonsten unterschiedlich sind, geht das ja in Ordnung...

Was mir aufgefallen ist:

die Sache mit Frau Mahlter
„Na, dann gehst du zu Frau... Wie hieß sie nochmal?“
„Frau Malther.“
Ich nehme an, dass Bernd es dann falsch verstanden hat und "Walther" sagt, aber Klara wird wohl nicht zwei verschiedene Namen nennen.

Liebe Grüße,
Luisa :read:

 

@PhiloRatte: Ich hatte sogar schon ein alternatives Ende, aber dann müßten die Kinder über 16 Jahre alt sein. :dozey:

@LuiLieschen: Tippfehler von mir.

Danke fürs Lesen.

Gruß,

Poncher

 

also, ich will es ja nicht persönlich nehmen, aber der name der kinder in den kindergeschichten auf dieser page, warum ist der bloss so oft "klara"? meine geschichten legen glaub ich nicht nahe, dass ich ein ausgesprochen kindliches wesen hätte. andererseits -naja- hin und wieder kommt das "kind in mir" schon sehr verstärkt zum vorschein ...

egal, ich weiss eh, dass es zufall ist, das mit dem namen. aber ich musste schon ziemlich grinsen, als ich den titel "klaras nacht" las, und dann auch noch in der rubrik kinder. :)

die geschichte selbst jedenfalls ist wirklich nett. angenehm zu lesen und liebevoll erzählt. bin froh, sie gelesen zu haben. ;)

lg
klara

 

@Ponch

Ich hatte sogar schon ein alternatives Ende, aber dann müßten die Kinder über 16 Jahre alt sein.
hehe... wie wär's mit "KLARAS NACHT - was wirklich geschah" als Alternative in "Horror"? :messer: :D

 

@ Klara

:lol:

Siehste, jetzt wirst dein Nick schon bald in allen anderen Rubriken auftauchen, du bist dann global vertreten und musst dich nimma so ärgern, dass du nur in den Geschichten für die Kid`s vorkommst, hehe.

Ich spiele mich schon mit dem Gedanken, eine Story unter Experimente mit dem Titel „Klara`s Nacht mit Summsebrumm unter besonderer Berücksichtigung von Herrn Hubuu“ zu posten. :baddevil:

 

@Klara

für "meine" Klara passt kein anderer Name, denn jetzt heißt sie ja schon seit vier Folgen so... :rolleyes:
Und schließlich, wenn sie Anneliese hieße, hätte ich ja aus Peterchens Mondfahrt geklaut... :hmm:
Nee, also meinerseits kann ich da nix mehr dran ändern... :D

Luisa

 

Hallo Poncher,

die Kindergeschichte hat mir gefallen. Der Weihnachtsmann Bernd ist wunderbar lebendig, man möchte ihn gerne als Gast in seinem Zimmer haben. Sehr schön auch, dass Klara am nächsten Morgen den Schlüssel unter dem Kopfkissen findet und deshalb weiß, dass alles kein Traum war. :)

Was ich nicht verstanden habe: Was ist mit Klaras Lehrerin passiert? Was für eine Sache muß das Mädchen in Ordnung bringen?

Liebe Grüße
Barbara

PS: Schade finde ich, dass sich von 13 Antworten nur 5 wirklich mit der Geschichte befassen... :confused:

 

Hallo Poncher!
Eine schöne Geschichte ist dir hier gelungen. Ein angenehm zu lesender Stil, der sehr gut, wie ich finde, für Kinder geeignet ist; locker und doch nicht kindisch.

Zu meckern hab ich nichts gefunden. ;)

bye und tschö

 

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