Keine Puppe
Ein kleines Essay von mir. Leider konnte ich mich nicht entscheiden, in welche Kategorie es gehört, und hab es hier reingestellt. Sollte es hier falsch, können die Verantwortlichen es ja verschieben.
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
Keine Puppe
Für Anita, Rini, Betty und alle anderen,
die je unter dem Popularitätswahn zu leiden hatten.
„Ich hab den perfekten Anfang gesucht, aber ich hab ihn nicht gefunden. Nun weiß ich, dass ich für diese Geschichte keinen perfekten Anfang brauche. Diese Geschichte ist wahr, sie wurde vom Leben geschrieben, und sie beschreibt meine Gefühle und Empfindungen. Das ist wichtiger als guter Stil, oder gekonnte Wortwahl. Denn dieser Text soll nicht vor meinem Deutschlehrer bestehen, sondern Leute erreichen, sie zum Nachdenken bringen, und bestenfalls das Verhalten von ihnen beeinflussen.
Oft wundere ich mich, wie verlogen er sein kann. Er ist stark, erfolgreich, beliebt. Er hasst die großen Probleme der Welt, hasst den Krieg, Tod, Schmerz und das Leid. Er ist Teil der Zukunft, wettert gegen Ungerechtigkeit, geht auf Demonstrationen, und beschwört, er würde alles besser machen, wäre er verantwortlich. Und doch, wenn es darum geht seine selbstlose Seite im Alltag zu gebrauchen, sich selbst zu vergessen und stattdessen an andere zu denken, bleibt nichts mehr von diesem gutem Menschen übrig. Es erscheint der Egoist. Der selbstverliebte, ignorante Verursacher vieler Dinge, die er vorgibt zu verabscheuen. Er ist es: Der Durchschnittsteenager.
Der Durchschnittsteenager wäre eigentlich ein ganz erträgliches Wesen, wäre da nicht sein größtes Ziel, bei dessen Erreichen er fähig ist jede Art von moralischen Prinzipien zu zertreten. Beliebt werden, und beliebt zu bleiben! Und da nicht alle ‚cool sein’ können, gibt es ein bestimmtes System, das willkürlichen alle Menschen in Kasten einteilt. In diesem System gibt es Täter und Opfer. Die Täter, die ‚cool’ sind, und die Opfer, die erbarmungslos dazu missbraucht werden diese Einteilung überhaupt möglich zu machen, und sie aufrecht zu erhalten.
Ich war beides. Heute bin ich nichts davon.
Erst mal muss man wissen, dass ich , besonders als kleines Kind, ein sehr sensibler und schüchterner Mensch gewesen bin. Der Begriff „Selbstwertgefühl“ war für mich ein Fremdwort. Wenn ich mich also mit jemandem angefreundet habe, habe ich mich an ihn geklammert. Es war leichter bei einer bestimmten Person zu bleiben. Wie bei Nadja. Ich kenne sie schon seit meinem viertem Lebensjahr, und damals war sie meine beste Freundin. Aber dann kam Robin. War sie als Kind einfach gemein, ist sie heute eine typische Tussi. Jeden Tag so aufgestylt, als ob sie auf die Party des Jahrtausends wolle, arrogant, falsch, nuttig – aber vor allem.... beliebt. Meine persönliche Princess of Nasty.
Nadja wurde nun Robins Freundin. Ich wollte Nadja aber um jeden Preis nicht loslassen. Robin hat das gemerkt, und mit mir gemacht was sie wollte. Es gibt immer irgendwo Leute, die sich nicht wehren können, und deswegen gemobbt werden. Genau das war ich. Robins Spielzeug. Eins, das man in die Ecke werfen konnte, wenn es einem langweilig war, und das man später wieder rausholte, wenn man wieder Lust darauf hatte. Und Nadja, unter Robins diabolischem Einfluss, hat mitgemacht. Sie haben mich einmal sogar versucht zu erpressen: „Kauf uns Süßigkeiten oder wir laufen vor dir weg.“ Ich hab es nicht getan, aber später hab ich mir Naiverweise gewünscht ich hätte. Mit der Zeit hab ich darunter so sehr gelitten, dass ich meine Mutter mit neun Jahren gefragt habe, ob ich ein böses Mädchen sei. Weil ich nicht verstehen konnte, warum sie mich nicht richtig akzeptieren.
Dann zog Nadja um. Und, oh wunder...Robin wollte sich nun mit mir treffen. Mit mir, die doch lange so wichtig wie der Schnee vom letzten Winter für sie war. Und ich hab mich darauf eingelassen. Ich hab nicht daran gedacht, was sie mir angetan hat. Ich hab nicht daran gedacht, wie schlecht ich mich gefühlt habe. Ich dachte nur an eins: Selbst endlich mal beliebt zu sein! Und ich war es tatsächlich. Aber um welchen Preis? Ich gehörte nicht mehr mir. Ich sagte nicht was ich dachte. Ich tat nicht was ich wollte. Nun war ich persönliches Eigentum von Robin Paul. Wie gesagt, Robin beherrschte mich regelrecht. Sie verhöhnte mich. Sie lästerte über mich. Aber ich nahm alles hin. Der Popularität wegen. Und ich ging noch weiter. Ich tat all die Dinge die sie wollte. Dinge, die unter normalen Umständen für mich undenkbar gewesen wären. Ich spottete über ein Mädchen, dass ich eigentlich gern mochte, nur weil die anderen es taten. Es tat mir leid. In mir schrie es: „Warum machst du das? Das willst du doch gar nicht?“ Doch etwas anders antwortete: „Wenn du es nicht tust, wirst du demnächst die Person sein, die Alinas Platz einnimmt.“
Zwei Sachen halfen mir schließlich, mich zu befreien. Eine davon war die Tatsache, dass Robin zu weit gegangen ist. Mit mir konnte sie alles machen. Alles über mich sagen. Ich war ihre Puppe, ihr Schoßhündchen. Aber sie sagte etwas über eine Person, die ich sehr liebe. Überhaupt, ich verzeihe schnell etwas, wenn nur ich Schaden darunter genommen habe. Aber ich verzeihe so gut wie gar nicht, wenn die Sache jemanden etwas antunt, der mir wichtig ist. Und indem nachdem sie Lügen über meine Familie verbreitet hat, war mein Becher voll.
Die zweite Sache ist eigentlich eine Person. Sie heißt Hannah. Auf dem Gymnasium habe ich sie kennen gelernt, und mich nur zögerlich an sie rangetraut. Aber Hannah war genau der Typ Mensch den ich brauchte. Kontaktfreudig, gesprächig, offen. Ich hab mich immer öfter mit ihr getroffen, und dabei eine ganz neue Erfahrung gemacht. Nämlich jemanden zu haben, der mich so respektiert wie ich bin. Ohne mich modellieren zu wollen. Ohne etwas von mir zu verlangen. Ohne mir meinen Willen zu nehmen. Ich war baff! So was ging? Also war es nicht nötig Robins Püppchen zu sein? Nein, es war nicht nötig. Und ich wollte es auch nicht mehr. Ich hab Robin losgelassen. Zwar hab ich einen ganzen Batzen meiner Popularität, auf die ich heute spucke, verloren, aber ich war seid langen wieder wirklich glücklich. Es war nicht leicht, und ich hab es auch nicht sofort geschafft. Aber nach und nach, und mit der Hilfe von Hannah, hab ich Robin einfach Robin sein lassen. Heute sag ich nicht mal „Hallo“ zu ihr.
Ihr seht, dass das „Cool-Sein-Syndrom“ nichts anderes als eine Plage ist.
Eine Plage, von der alle Teenager in irgendeiner Art betroffen sind.
Eine Plage, die verletzen kann.
Eine Plage, die unzähligen Menschen das Selbstbewusstsein zerstört hat.
Aber vor allem eine Plage, durch die man Sachen tut, die für einen unter normalen Verhältnissen moralisch undenkbar gewesen wären.
Natürlich trifft das nicht auf alle ‚beliebten’ Teenager zu. Manche sind einfach gute Menschen mit Rückgrad, und werden deswegen gemocht. Doch viel öfter sind es Menschen, die auf ihrem Weg hinauf skrupellos andere Jugendliche zerstört haben.
Und das ist jetzt an Euch, die ihr momentan in meiner früheren Position oder einer ähnlichen steckt. Lasst euch nicht einreden, ihr seid minderwertig oder mit euch sei etwas nicht in Ordnung. Es ist euch vielleicht nicht klar, aber ihr habt es im Grunde genommen besser als die Crème de la Crème. Denn auch wenn immer eine Heer von Menschen um diese populären Leute rumwuselt, richtige Freunde haben sie selten. Diese Leute wollen eigentlich nur das, was ich von Robin wollte. Ein Fetzen ihres Prestiges. Sie als Person hat mich nie interessiert. Wie oft hab ich gehört, dass Leute, die vor Robin Sitz und Platz machen, die sie ihre Freunde nennt, hinter ihrem Rücken aufs übelste über sie herziehen...
Was für ein Leben! Umgeben von Bewunderern, aber dennoch allein.
Also denkt daran: Tut nichts, dass ihr sonst auch nicht tun würdet. Wozu braucht man Drogen, Alk und Zigaretten? Wozu Markenklamotten? Warum oberflächlich oder kriminell werden? Wozu Menschen wehtun? Kurz gesagt, warum sollte man es sich zur Lebensaufgabe machen der Popularität nachzulaufen? Dabei kann man seine Zeit viel sinnvoller verwenden. Mit dem erlangen von Charakter.
Zum Schluss noch ein Wort an die ‚coolen’ Leute, die meinen dies sei das verzweifelte Geschreibsel einer ‚uncoolen’ Person. Ihr mögt recht haben, aber ich sag euch eins: Ihr seid cool, ich dafür glücklich.“
© Galaxy 2003