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Kein Frühstück ans Bett
Er war einfach da. Völlig überraschend, wie aus dem Nichts. Er packte sie an den Haaren, drückte ihr ein Tuch auf den Mund und zerrte sie zum Auto. Sie hatte keine Chance. Panik und Erstaunen vermischten sich in ihren Augen.
Sie ist so wunderschön. Wie sie eben die Straße entlang lief... Kaum merklich wippten ihre Hüften bei jedem Schritt. Die langen Haare wie immer völlig zerzaust und in wirren Strähnen. So wunderschön. So verletzlich. So unschuldig.
Als sie endlich wieder zu sich kam, saß sie mit Handschellen an die Tür gekettet und notdürftig geknebelt auf dem Rücksitz seines Wagens.
Verdammte Scheiße, was ist passiert? Was hat der Idiot vor?
Sie konnte sehen, wie er sie durch den Rückspiegel beobachtete, wie er sie anstarrte.
„Na, Süße... hast du gut geschlafen? Ich hoffe, ich habe dir nicht weh getan. Hab keine Angst. Ich werde dir nichts tun. Ich will nur reden.“
Ja, klar. Nur reden. Was sonst? Was zum Teufel sollte man sonst mit einer geknebelten Frau tun als reden? Dieser dämliche Spinner. Natürlich hat es nicht weh getan, als du mich an den Haaren zum Auto geschleift hast. Ich möchte nicht wissen, wie du meinen betäubten Körper in dein beschissenes Auto bekommen hast...
Wieder starrte er sie an. Sie wandte ihren Blick vom Rückspiegel ab und schaute aus dem Fenster. Die Strecke kannte sie nicht. War das die A9?
Sie ist immer noch so verdammt schön. So schön wie an dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal traf. Damals in der U-Bahn. Sie ist mir sofort aufgefallen. Ihr kleiner, weicher Körper, ihre Schüchternheit, versteckt hinter dieser unauffälligen Nickelbrille. Und diese süßen, winzigen Sommersprossen, die ihr Stupsnäschen schmücken, von dem man meint, es wäre kaum in der Lage, das Gestell der Brille zu halten. Jeden Morgen habe ich sie beobachtet. Wochenlang.
Plötzlich trat sie mit aller Wut und Kraft, die sie aufbringen konnte, gegen seinen Sitz. Im Spiegel erschien ein breites Grinsen.
„Keine Angst, meine Schöne. Wir sind gleich da.“
Sie hatten die Autobahn schon vor einiger Zeit verlassen. Es war ihr unmöglich, die Ortsschilder der kleinen Dörfer zu lesen, durch die sie fuhren. Ihr Kopf schmerzte, sie fühlte sich benommen und schlief ein.
Sie ist so schön, wenn sie schläft. Morgens in der U-Bahn, nachts bei mir. Kaum zu glauben, daß ich es tatsächlich irgendwann geschafft habe, sie anzusprechen. Oh man, war ich aufgeregt... Angestrahlt hat sie mich. Oder doch eher gelächelt? Es hat so verdammt lange gedauert, bis sie mein war. Aber ich habe es geschafft. Ich habe es wirklich geschafft...
Das Auto war bereits zum Stillstand gekommen, als sie langsam wach wurde.
So ein Mist. Hab ich geschlafen? Wo sind wir hier? Wieso parkt der mitten im Wald? Dieses kranke Arschloch. Reiß dich zusammen, es ist alles im grünen Bereich.
„Schön, daß du wieder wach bist. Wir sind fast da. Du mußt jetzt ein braves Mädchen sein. Das wirst du doch, oder?“
Sie trat erneut zu. Es muß weh getan haben, aber seine Miene zeigte keine Reaktion.
„Mein Engel, ich hoffe sehr, daß ich das als Zustimmung werten kann. Wir werden jetzt ein wenig spazieren gehen. Das mochtest du doch immer, nicht wahr?“ Ihre Schuhe bohrten sich in seine Rückenlehne.
„Fein. Ich bin froh, daß wir uns so gut verstehen. Ich hab dich echt vermißt in den letzten Wochen. Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hab dir mehrmals auf den Anrufbeantworter gesprochen. Naja, egal. Jetzt sind wir ja wieder zusammen.“
Er stieg langsam aus dem Wagen. Vor ihrer Tür blieb er stehen, schaute sie an und ging weiter zum Kofferraum.
Diese Augen. Wie ich diese Augen liebe! Wenn sie erzählt, rollen diese großen, blauen Augen aufgeregt hin und her. Schade, daß sie nur so selten lacht. Doch wenn sie es tut, kräuselt sich ihre Nase leicht und ein kleiner Teil der Sommersprossen wird unsichtbar. Ich habe sie noch nie laut lachen gehört. Ihre geschwungenen, schmalen Lippen stehen selten still. Häufig passiert es dann, daß sich ihre zarte, hohe Stimme überschlägt und sie vor Verlegenheit rot wird. Aber das nimmt ihr keiner übel. Am wenigsten ich. Wie könnte ich auch.
Endlich öffnete er die hintere Wagentür. Noch immer war sie daran festgekettet. Die Wut in ihren Augen war nicht zu übersehen. Er machte sich daran, ihre Füße zu fesseln, damit er die Handschellen abnehmen konnte, ohne daß sie in Versuchung käme, wegzulaufen.
Ich muß es versuchen. Jetzt oder nie. Scheiß auf die Handschellen. Diese Arschgeige. Ganz alleine mit dem Penner hier. Wer weiß, was der vorhat. Jetzt oder nie!
Ihre Beine befanden sich außerhalb des Autos, während er vor ihr kniete. Den Oberkörper so weit entfernt wie möglich. Er verlor sich fast im Anblick ihrer Beine. Sein Körper war angespannt, als er sich nach vorne beugte, um die Handschellen von der Tür zu entfernen. Seine Gedanken waren noch immer bei ihren Beinen, als ihn der Schlag ihres Handrückens hart im Gesicht traf. Er schrie, sprang auf. Das Blut lief von seinen Fingern, die er sich vor sein schmerzverzerrtes Gesicht gepresst hatte. Auf allen Vieren kroch sie panisch aus dem Auto. Es war nicht einfach, mit zusammengebundenen Beinen zu kriechen. Doch sie hatte den Dreh schnell raus. Ihre Knie waren bereits aufgerieben und blutig, als er sie an den Füßen griff, auf den Rücken drehte und ihr einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpaßte. Ohnmächtig sank sie zusammen.
Ich hasse es, ihr weh zu tun. Warum bringt sie mich immer dazu? Warum kann sie nicht einfach so zart und zerbrechlich sein, wie ich sie kennengelernt habe?
Tränen rannen ihm über die Wangen. Traurig und ohne Eile ging er zurück zum Wagen und räumte den Kofferraum leer. Als er alles in die kleine gartenhausähnliche Holzhütte geschafft hatte, zog er sie an den Füßen bis zu den Treppenstufen. Dann griff er ihre Hände, zerrte ihren leblosen Körper nicht ohne Anstrengung ins Haus und fesselte sie an die Pfosten des bäuerlichen Bettes. Wie er es haßte. 'Ich hätte sie lieber getragen.' dachte er, seufzte und verließ den Raum.
Nach kurzer Zeit kam er mit einem Waschlappen und Alkohol wieder. Zärtlich wusch er ihre Knie ab, länger und großflächiger als es nötig gewesen wäre. Liebevoll strich er ihr eine schmutzige Strähne aus dem Gesicht, berührte sanft ihren Hals, streichelte kaum merklich über ihre linke Brust, schüttelte den Kopf und ging hinaus.
Warum tut sie das? Glaubt sie etwa wirklich, ich könnte ihr etwas antun? Ich? Ich, der sie mehr liebt, als irgend jemand anders es jemals könnte? Oder gehört es dazu? Sie sah so unschuldig aus, wie sie auf dem Bett lag. Verdammt. Sie hat mir fast die Nase gebrochen. Ihre warmen, weichen Beine. Sie hat sie immer um meine geschlungen. Im Bett. Ihr Gesicht in ihrer Mähne versteckt und leise geschnarcht. Ob sie das immer noch tut? Die Wochen ohne sie waren die reinste Hölle. Warum tut sie mir so weh?
Sie öffnete langsam die Augen und spürte den Schmerz. Es war bereits hell draußen. Sie mußte kurz überlegen, wo sie war. Ihr rechtes Auge war zugeschwollen, der Kopf dröhnte. Sie ließ ihre Lider langsam sinken und wäre beinahe wieder eingeschlafen, wenn da nicht dieses schüchterne Klopfen an der Tür gewesen wäre.
"Was willst du, du Arschloch?" "Ähm, ich habe dir Frühstück gemacht. Brötchen mit Sonnenblumenkernen, ein Sechsminutenei und starken Kaffee, schwarz natürlich." "Ich will nicht frühstücken, du Idiot." "Naja, darf ich trotzdem reinkommen?"
Als keine Antwort kam, betrat er das Zimmer. Die Zartheit in ihrem Gesicht, die Zartheit, die er so liebte, war verschwunden. Sie sah böse aus.
Ach, Marie. Wenn du wüßtest, wie sehr ich das alles hasse. Aber ich tu das nur für dich. Warum bist du nur so böse auf mich? Können wir nicht ganz normal reden?
Er stellte das Tablett auf das Nachttischchen und zwang sich zur Härte.
"Du fragst dich sicher, warum ich dich hierher gebracht habe."
"Allerdings frage ich mich das. Meinste, es macht mir Spaß, mit so einem Wichser wie dir in einer Holzhütte im Wald zu hocken? Ans Bett gekettet mit blauem Auge. Außerdem muß ich pissen."
"Ich hatte gehofft, wir könnten nochmal in Ruhe über alles reden."
"Über alles reden?" Sie lachte schallend. "Du kleiner hoffnungsloser Spinner. Es gibt nichts zu reden. Du hast immer noch nicht verstanden, was ich will."
"Doch, das habe ich. Wären wir sonst hier?"
"Warum mußt du durch dein Gequatsche immer alles kaputt machen?"
Sie sieht so traurig aus. Ich bringe es nicht übers Herz. Ich weiß, was sie jetzt von mir erwartet. Aber ich kann das nicht mehr. Ich habe ihre Spielchen so satt. Ich will ihr nicht weh tun. Warum verlangt sie das von mir?
"Ich muß dir was sagen."
"Verfluchte Scheiße. Du hast alles versaut. Dabei warst du am Anfang so gut." Sie lachte.
"Du hast deine Rolle so perfekt gespielt. Ok, der Schlag ins Gesicht war schon ziemlich fest. So what? Du warst so überzeugend. Wow, es wirkte alles so verdammt echt. Ich bin voll aufgegangen in dem Spiel. Scheiße, sogar meine Gedanken waren echt. Es hätte so perfekt sein können, wenn du es endlich mal richtig gemacht hättest. Drei Wochen habe ich gewartet. Meinst du, es ist mir leicht gefallen, nicht anzurufen? Aber ich wollte dir Zeit geben. Zeit dich zu entscheiden. Zu entscheiden, das Richtige zu tun. Fuck. Diesmal sah es so gut aus."
"Marie, ich kann diese Spielchen nicht mehr. Du mußt dir jemand anderen suchen. Ich habe es wirklich versucht."
Mit gesenktem Kopf legte er den Schlüssel für die Handschellen neben das Sechsminutenei und verließ die Hütte.
© Pandora (K.B.), 2003