Kann denn Liebe Sünde sein?
Kann denn Liebe Sünde sein?
Gülseren – Das Mädchen, das Rosen ausstreut. Der Name vermittelte ein harmonisches Bild. Doch Ibrahim Demirbilek, ihr Vater, sah die langjährige Harmonie in der muslimischen Familie durch die mißratene undankbare Tochter massiv gestört.
27 Jahre war es nun her: Die Eltern, die Großfamilie und fast das gesamte Hab und Gut ließen sie in ihrer türkischen Heimat zurück. Gut, so oft es nur ging fuhren sie in Urlaub mit ihrem uralten Ford-Transit – in das Land ihrer Väter. Mit dem gut verdienten Geld, den Gütern aus der Wohlstandsgesellschaft und ihrer Arbeitskraft versuchten sie sich etwas eigenes aufzubauen. 10 Monate am Fließband bei Ford – 2 Monate Hausbau in der Türkei. Und das alles für die Kinder, Gülseren und Bülent. Zu mehr Kindern hatte es nicht gereicht. Bülent trat wie erwartet in die Fußstapfen des Vaters. Er heiratete seine Großcousine, so wie es schon vor 19 Jahren bestimmt worden war und arbeitete ebenfalls in den Ford-Werken am Band. Doch ja – da gab es auch noch Gülseren – das schwarze Schaf in der Familie, jedenfalls für Ibrahim.
Schon bei der Geburt hatte Ibrahim einem Geschäftsfreund aus der Türkei versprochen mit 18 werde sie seinen Sohn heiraten. Und unter Türken gilt ein Wort noch etwas, dachte er immer. Nun bereitete sie ihm diese Schande.
Es war Samstag Morgen. Ibrahim saß gerade bei einem Kaffee über der Morgenzeitung. Gülseren schlich sich durch den Flur, als wäre der Boden aus feinstem zerbrechlichem Porzellan.
„Gülseren, streng dich nicht an“, brüllte Ibrahim.
Er riß die Tür auf, so daß sie fast aus den Angeln flog. Gülseren stand wie angewurzelt da mit langem schwarzem bildschönem Haar und gut gestylt, wie es sich für einen 16-jährigen Teenie, der ankommen wollte gehörte.
„Komm sofort her! Wo warst Du schon wieder diese Nacht und wie siehst du überhaupt aus?“
Ohne abzusetzen ging die Bewegung des Türaufreissens in Prügel für die Tochter über. Gülseren heulte und schluchzte. Ibrahim prügelte immer weiter und schimpfte in seiner Muttersprache.
„Ibrahim hör auf! Sie ist doch deine Tochter“, kreischte Aische und fing an selbst zu weinen.
„Laß uns doch in Ruhe darüber reden.“
Als Mutter und Ehefrau oder Türkin in Deutschland war sie selbst mit diesen Widersprüchen in ihrer ganzen Gefühlswelt erschüttert. Da gab es den Koran, die Erziehung, die Forderungen einer Männerwelt aber auch die eigene Betroffenheit, Mitgefühl und ihre Erlebnisse. Vor allem aber ein weinendes mitfühlendes Mutterherz und ein bißchen auch das Herz einer Freundin.
„Ibrahim warte, ich rede mit ihr.“
„Da gibt es nichts mehr zu reden.“
„Du siehst es doch! Wie eine Nutte läuft sie rum.“
„Was haben wir nur verbrochen? So eine Schande. Du wirst zu den Großeltern in die Türkei gehen und die Regeln des Koran befolgen lernen – gleich nächste Woche.“
Ibrahim riß seine Tochter an den Haaren in ihr Zimmer und warf die Tür hinter ihr zu.
„Ibrahim, so laß uns doch erst Mal reden.“
„Aische, ich habe entschieden. Ich bin der Mann im Haus und halte du deinen dummen Mund.“
Da war es wieder, dieses befremdende Gefühl. Als wäre sie mit einem Fremden verheiratet. Liebe – was war es wohl für ein Gefühl? Aische hatte es gegenüber einem Mann nie kennengelernt und gegenüber ihrem Ehemann erst recht nicht.
Und körperliche Liebe kannte sie nur als Zeugungsakt, Orgasmus als verruchtes schmutziges westliches kapitalistisches Wort aus der Zeitung. Aische begann wieder zu weinen.
„Und wag dich nicht jetzt dieses Miststück auch noch trösten zu gehen – die soll brüten.“
Sie rannte einfach davon, die Holzstiegen des alten riesigen und rissigen Mietshauses hinunter. Sogar die Tür hatte sie offengelassen. Weg – einfach nur weg. Doch es war nicht Gülseren sondern Aische.
Nur ihre Schwester Yasemin konnte sie vielleicht verstehen. Schließlich mußte sie Ibrahims Bruder heiraten. Sie konnte keine Kinder bekommen, vielleicht sogar wegen ihrer Geschlechtsteilbeschneidung, die sie im zarten Alter von 3 Jahren der Tradition wegen ertragen mußte. Dafür hatte sie von ihrem Mann so manch blauen Fleck und Tritt in den Bauch einstecken müssen, von den verbalen Entgleisungen ganz zu schweigen.
Sie dachte an Gülseren – wie konnte sie ihr nur helfen glücklich zu werden, ohne ihre Familie zu verlieren? Eigentlich gar nicht. Die Haustür flog auf und ein Windstoß gab ihr einen kurzen Moment das Gefühl frei zu sein. Aische lief und lief, als wäre ein Monster hinter ihr her.
Ein furchtbares Quietschen hallte durch die enge noch fast menschenleere Straße des Arbeiterviertels. Es gab einen dumpfen Schlag und ein menschlicher Körper flog aufs Pflaster. Der Busfahrer stieg leichenblaß aus und mußte sich übergeben. Er konnte nicht hinsehen, geschweige denn hingehen. Schlagartig kam Leben in die Totenstille. Doch scheint dies fast unpassend. Vielleicht besser umgekehrt: Der Tod holte sich dieses eben noch blühende Leben.
Eine Stimme war zu hören:“ So hol doch jemand einen Notarzt!“
„Zu spät, glaube ich.!
„Da ist wohl nix mehr zu machen.“
Nach unendlich lange vorkommenden 10 Minuten ertönte Martinshorn und Blaulicht war zu sehen.
„Kennt jemand die Frau?“
Betretenes Schweigen.
„Ja, ich – Die wohnt, glaub ich in dem Türkenbunker dahinten. Hab sie manchmal mit ihrer Tochter gesehen. Die gehen ja fast nie alleine raus.“
Ein Polizeibeamter ging in Richtung des Wohnhauses von Familie Demirbilek. Ibrahim kam schon von dem Lärm beunruhigt auf die Straße.
„Ist etwas mit meiner Frau?“
„Wie heissen sie denn?“
„Demirbilek. Ibrahim Demirbilek.“
„Ihre Frau hatte einen Unfall. Sie wurde ins Johanniter Krankenhaus gebracht.“
„Wir bringen sie hin. Wir haben noch einige Fragen an sie.“
„Wie geht es ihr? Ist es schlimm?“
„Es sieht nicht gut aus!“
Die Fahrt zum Krankenhaus nahm Ibrahim gar nicht wahr. Er war wie in Trance. „Was habe ich nur verbrochen?“
Mehrere Stunden saß er völlig geistesabwesend vor der Intensivstation. In seinem Gesicht konnte man tiefsten Schmerz und Aufgabe der eigenen Person erkennen.
„Herr Demirbilek – hallo, Herr Demirbilek.“
„Ja.“
„Es tut mir leid, wir konnten nichts mehr für ihre Frau tun. Sie können jetzt zu ihr, wenn sie möchten.“
Aus der Ferne hörte man zwei Schwestern reden:
„Der Lauf der Welt ist doch grausam. Gestern Morgen war sie mit ihrer Tochter hier und freute sich bald Großmutter zu werden und wenige Stunden später das hier. Ob sie es dem werdenen Großvater wohl schon erzählt hatten. Sie hatten doch solche Angst davor.....Psssst.“
Ibrahim brach mit schmerzverzerrtem Gesicht ohnmächtig zusammen.