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Kalte Nächte

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16.05.2003
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Kalte Nächte

Kalte Nächte

Der Schlaf war in kalten Nächten wie diesen ein scheuer Gast, der nur selten zu Besuch kam. Und wenn er sich doch einmal durch die halbgeöffnete Tür meines Kinderzimmers schlich, nahm er unerwünscht finstere Träume mit, die zerstückelt durch meinen Kopf schwammen wie Papierschnipsel durch einen reißenden Fluss. Aus den Nebenzimmern hörte ich das rhythmische Gemurmel von Papas Computertastatur und, weiter entfernt, das leise Schluchzen meiner Mama. Hin und wieder fuhr mit Gebrummel ein Auto vorbei, dessen Scheinwerfer dann mein Zimmer für einen kurzen Augenblick in silbrig-weißes Licht tauchten. Ohne die Autolichter war es stockfinster, die Dunkelheit, ein hungriges, unheimliches Tier, kroch aus allen Ecken und lauerte neben meinem Bett, bereit mich ins Bein zu beißen wenn ich es wagen würde aufzustehen. Ein haariges Monster knurrte und fauchte, seine grüngelben Augen funkelten mich böse an und machten mir Angst. Ich begann zu weinen, erst leise, dann immer lauter.
„Renate, siehst du nach dem Kind?“ rief Papa meiner Mama zu. Keine Antwort aus dem Schlafzimmer. Nach einigen Minuten stand Papa an der Tür und malte mit seiner Zigarette graue Gespensterfiguren aus Rauch an die Decke.
„Kannst du nicht schlafen?“ fragte er. Ich nickte und er trat an mein Bett, wobei er dem Monster, das darunter hervorlugte, auf den Kopf stieg und es verjagte. „Komm, ich bring dich zu deiner Mutter.“ Er hob mich nach oben und trug mich ins kalte Schlafzimmer. Die Vorhänge waren zugezogen, eine Kerze brannte auf den Nachttisch. Sie flackerte wild durch den Luftzug, den Papa und ich mitgebracht hatten. Unter der Decke ragte nur der Kopf von Mama heraus. Schwarzes, wirres Hexenhaar umrahmte das unnatürlich bleiche Gesicht und ließ die rotgeweinten Augen noch gespenstischer erscheinen.
„Nimm du sie, ich muss arbeiten.“ Papas Worte schnitten scharf wie Rasiermesser in die Stille. Eine Eisschicht hüllte zuerst Papa, dann mich ein. Er schien davon nichts zu merken, er legte mich neben Mama ins Bett und ging aus dem Zimmer.
„Mama, hast du geweint? Du bist ganz nass im Gesicht.“ Mit meinen winzigen, ungeschickten Fingerchen versuchte ich ihr die Tränen wegzuwischen.
„Ja, Schätzchen, ich bin ein bisschen traurig, aber wenn du da bist und mich tröstest wird es gleich besser. Siehst du?“ sie ließ die letzten Tränen auf ihren Wangen in einem Stofftaschentuch, das sie aus der Nachttischschublade zog verschwinden.
„Schon besser.“ murmelte ich beruhigt, schmiegte meinen Kopf an ihre Brust und ich döste langsam ein.

Dann dieses polternde Geräusch, und ich war wieder hellwach. Papa fluchte im Dunkeln des Schlafzimmers und fasste sich ans Bein. „Renate, ich habe mich schon wieder an deinem Glastisch gestoßen, verdammt! Räum’ das Ding endlich beiseite!“
„Verzichte auf die Trinkerei jeden Abend, dann wirst du dich am Tischchen nicht mehr stören.“ Mamas Stimme klang fremd, ganz rau und klirrend wie Eiswürfel.
„Ein paar Gläser haben noch niemandem geschadet.“
„Solange es bei einigen Gläsern bliebe, hätte ich auch nichts dagegen.“
„Du wirst wie deine Mutter. Bei einem zeternden Weib wie dir bleibt mir auch nichts anderes übrig als zu trinken!“
„Dann bin ich also wieder schuld?“
„Wer sonst?!“
„Lass uns nicht streiten, nicht, wenn das Kind hier ist.“
„Das Kind schläft wie ein Stein, nicht einmal ein Erdbeben würde es aufwecken.“ Mit diesen Worten kroch Papa ins Bett und legte eine Hand auf Mamas Brust. „Aber du hast recht, ich bin auch gegen Streit.“ Er rückte näher, sein Atem roch nach Bier und Zigaretten. Ich wäre jetzt überall lieber als hier.
„Lass das!“ zischte Mami und stieß seine Hand grob weg. „Das Kind wacht auf.“
„Na klar, das Kind.“ Ächzend und stöhnend stieg Papa wieder aus dem Bett und klemmte sich Decke und Kissen unter den Arm. „Ich übernachte im Gästezimmer.“ Wir blieben alleine. Mamas Tränen kullerten auf meine Stirn.
Die Kälte wich erst, als der Morgen blaurot gähnte. „Hoffentlich bleibt es nun für immer hell und warm.“, dachte ich noch, als ich meine Augen schloss und der Schlaf mich endlich in sein warmes Fell einpackte.

 

Ich bin noch absolute Anfängerin was das Schreiben angeht...freu mich also über jede Kritik, sowohl positive als auch negative! ;-)

 

Hallo Traumfängerin!

Erst mal herzlich Willkommen auf kurzgeschichten.de! :anstoss:

Die Kindheitserinnerung, die du hier schilderst, hinterlässt eine düstere Stimmung bei mir (besonders wenn man sie mitten in der Nacht liest...) Die ganze Geschichte ist durchweg in einer schweren, drückenden Atmosphäre gehalten - das mag auch an den vielen Metaphern liegen, die überall eingebaut sind und deinen Erzählstil charakterisieren.

Einige dieser Bilder haben mir sehr gut gefallen, zB:

Unter der Decke ragte nur der Kopf von Mama heraus. Schwarzes, wirres Hexenhaar umrahmte das unnatürlich bleiche Gesicht und ließ die rotgeweinten Augen noch gespenstischer erscheinen.
Klasse!

Oder:

(...)die Dunkelheit, ein hungriges, unheimliches Tier, kroch aus allen Ecken und lauerte neben meinem Bett, bereit mich ins Bein zu beißen wenn ich es wagen würde aufzustehen.
Gelungene Personifikation der "Dunkelheit".


Es gibt noch viele weitere schöne Bilder in deiner Geschichte, die einen gruseln können! - aber es sind leider auch solche Metaphern darunter, die mir nicht so gut gefallen haben: weil sie einfach nicht stimmig sind und unpassend erscheinen.

Hier ein Beispiel:

Auf meiner Decke saß eine Fliege und grinste mich an, ihre knotigen, pulsierenden Beine würden sich jeden Moment um meinen Hals schlingen um mich am Atmen zu hindern.
Dass das Kind das Gefühl hat, die Fliege grinse es an, ist in Ordnung - auch die knotigen Fliegenbeine, von mir aus. Aber Insektenbeine "pulsieren" nunmal nicht. Auch glaube ich nicht, dass ein Kind Angst haben könnte, dass die Fliegenbeine sich einem "um den Hals schlingen" und einen "am Atmen hindern" können. Das ist zu unrealistisch und übertrieben.

Hier noch eine Stelle, die mir aufgefallen ist:

„Kannst du nicht schlafen?“ fragte er. Ich nickte und er trat an mein Bett, wobei er dem Monster(,) das darunter hervorlugte(,) auf den Kopf stieg und es verjagte.
Die Idee mit dem Monster ist sicher nicht schlecht - aber es wäre besser gewesen, wenn du das "Monster" vorher irgendwann schon erwähnt und in die Handlung "eingeführt" hättest - dann ist nämlich der Effekt noch größer!


Grüße und gute Nacht,
Wolf

 

Hallo Traumfängerin!

Eine klasse Geschichte, nicht nur "für eine Anfängerin"! Man kann sich gut in die Protagonistin einfühlen; gute Beschreibungen, fesselnd geschrieben.

Mit der Fliege und dem Monster stimme ich kleinerWolf zu; vielleicht würde ich die Fliege weglassen und an der Stelle stattdessen das Monster auftauchen lassen, was unter dem Bett hervorkriecht und dem Mädchen "die Arme um den Hals schlingen und es am Atmen hindern" will.

Ansonsten nichts zu meckern; weiter so!


mfg
winternachtstraum

 

Hallo Traumfängerin,

auch mir hat Deine sehr metaphorische Geschichte wirklich gut gefallen! Ich weiß auch echt nicht, was ich noch dazu sagen soll... ;) Hab Deine Story richtig genossen!

Griasle,
stephy

 

Hallo Traumfängerin,

Wie ich sehe, hast du die Fliege ja jetzt ganz aus der Geschichte verscheucht... Deine Beschreibung vorher, wie die Fliege auf der Bettdecke sitzt, das Kind angrinst, und dem Kind Angst macht - die Idee fand ich aber im Prinzip nicht schlecht.

Auch wollte ich dir sagen, dass du das Monster genau an der richtigen Textstelle auftauchen lässt! (Du könntest jetzt sogar die "Dunkelheit" zu diesem Monster werden lassen - diese "Verwandlung" würde nämlich einen flüssigen Übergang in der Story bewirken...)

Nochmals: schöne unheimliche Bilder hast du dir ausgedacht - weiter so!

Liebe Grüße,
Wolf

 

Ich wäre jetzt überall lieber als hier.

*hehe* von wegen ... schläft wie ein stein.

hi traumfängerin,

eine sehr schöne und leicht zu lesende geschichte!

hat mir gut gefallen.

bis dann

barde

 

Hallo Traumfängerin!

Da ist Dir eine Geschichte gleungen mit viel Stimmung drinnen. Sehr gut, finde ich, vor allem auch durch Deine Formulierungen und Deine Art zu erzählen. Diese Realität kann wohl nur noch schwer von Alpträumen getoppt werden - und das bringst Du ausgezeichnet rüber.

"Renate, ich habe mich schon wieder deinem Glastisch gestoßen, verdammt! " - AN deinem Glastisch ;)

guter Text!

schöne Grüße
Anne

 

Schöne Geschicht! Die Gefühle und Eindrücke der "kleinen" hast du echt super rübergebracht.
Hab nur noch ein Makel: Also sie liegt ja in ihrem Bett im Kinderzimmer. Die einzelnen Autolichter sind das einzige Licht was das Zimmer erhellt. Vater kommt rein, und fragt, ob sie nicht schlafen kann. Sie nickt.
Wie kann er das nicken sehen, wenn es Stockdunkel im Zimmer ist, wie ich annehme? (schmunzel)
Vielleicht solltest du mit einfügen das das Flurlicht ins Zimmerströmt..(oder so ähnlich)...Gruß Joker

 

Ich hoffe, Traumfängerin, du nimmst es mir nicht übel, aber bei irgendwem muss ich mit dem Kritisieren ja anfangen. *fg* Ich hoffe, es gelingt mir einigermaßen.

Eine typische (leider ist es so) Familiengeschichte. Der Vater säuft, die Mutter ist zu schwach, um sich wirklich zu wehren und das Kind fühlt sich hin- und hergerissen zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter, möchte (doch) nur eine heile Familie und ist (noch) zu klein um für diesen Wunsch zu arbeiten.

Mit deiner Sprache bringst du die Gefühle und die Eindrücke des Kindes sehr gut rüber. Du nutzt starke, beinahe 'triefende' Metaphern, die aber der Geschichte nur selten schaden. Ein manches Mal ist es ein wenig übertrieben, aber, wenn du es untertrieben hättest, wäre dies schlimmer gewesen. Lass mich ein Beispiel nennen: "... ,die Dunkelheit, ein hungriges, unheimliches Tier, kroch aus allen Ecken und lauerte neben meinem Bett, bereit mich ins Bein zu beißen wenn ich es wagen würde aufzustehen." Diese Metapher hätte man unter Umständen etwas reduzierter einbauen können, aber so ist es allemal besser, als wenn du nur dröge geschrieben hättest, dass es ziemlich dunkel war und das Kind Angst hatte. *g*

Die Sprache ist eine leichte, dennoch keine dumme Sprache. Dir gelingt der Spagat zwischen einem "einfach zu lesen" und dennoch "anspruchsvolle Sprache". Leider stört mich das "Mama" und "Papa" in diesem Zusammenhang ein wenig. Als die beiden das erste Mal so genannt werden, würde meinem Sprachverständnis nach ein "Vater" und "Mutter" besser ins Gesamtbild passen.

Alles in Allem ist deine Geschichte gut gelungen und ich habe sie mit Freude gelesen. Weiter so! Danke!

 

vater und mutter????

ich bin jetzt ziemlich verblüfft.
ich weiss ja, dass kritiken individuell sind - aber mutter - vater anstatt mama und papa?????? ich weiss nicht!! änder das ja nicht, traumfängerin *smile*.

 

Keine Angst, ich hatte auch nicht vor in der Hinsicht etwas zu ändern :D "Mutter" und "Vater" fände ich schon allein deswegen unpassend, weil die Geschichte aus der Perspektive des Kindes geschildert wird...und ehrlich gesagt habe ich noch nie gehört, das ein Kind seinen Papa "Vater" genannt hätte *G*
Habe mich aber trotzdem über deine Kritik gefreut, dmst, dankeschön!

 

Ich erläutere meinen Standpunkt noch einmal: Als ich die Geschichte las und zum ersten Mal die Eltern genannt wurden, ("„Renate, siehst du nach dem Kind?“ rief Papa meiner Mama zu") musste ich diesen Satz noch einmal lesen. Etwas störte mich. Ich kam erst kurz danach darauf, dass es 'Mama' und 'Papa' waren. Mein Gefühl für Sprache 'meldete' sich und mokierte, dass die Wörter nicht in die Sprache passen. Es bricht etwas.

Ich las den Satz einmal mit den Wörtern 'Vater' und 'Mutter' und es passte besser.

Natürlich ist die ganze Geschichte aus der Sicht eines Kindes und natürlich ist dies das beste Argument für 'Mama' und 'Papa', dass es gibt. Ich meinte jedoch lediglich, dass es sprachlich einen Bruch gibt dort. :)

Ich hoffe, man nimmt mir dies nicht übel. Insbesondere du nicht, Traumfängerin.

 

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