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Kalte Nächte
Kalte Nächte
Der Schlaf war in kalten Nächten wie diesen ein scheuer Gast, der nur selten zu Besuch kam. Und wenn er sich doch einmal durch die halbgeöffnete Tür meines Kinderzimmers schlich, nahm er unerwünscht finstere Träume mit, die zerstückelt durch meinen Kopf schwammen wie Papierschnipsel durch einen reißenden Fluss. Aus den Nebenzimmern hörte ich das rhythmische Gemurmel von Papas Computertastatur und, weiter entfernt, das leise Schluchzen meiner Mama. Hin und wieder fuhr mit Gebrummel ein Auto vorbei, dessen Scheinwerfer dann mein Zimmer für einen kurzen Augenblick in silbrig-weißes Licht tauchten. Ohne die Autolichter war es stockfinster, die Dunkelheit, ein hungriges, unheimliches Tier, kroch aus allen Ecken und lauerte neben meinem Bett, bereit mich ins Bein zu beißen wenn ich es wagen würde aufzustehen. Ein haariges Monster knurrte und fauchte, seine grüngelben Augen funkelten mich böse an und machten mir Angst. Ich begann zu weinen, erst leise, dann immer lauter.
„Renate, siehst du nach dem Kind?“ rief Papa meiner Mama zu. Keine Antwort aus dem Schlafzimmer. Nach einigen Minuten stand Papa an der Tür und malte mit seiner Zigarette graue Gespensterfiguren aus Rauch an die Decke.
„Kannst du nicht schlafen?“ fragte er. Ich nickte und er trat an mein Bett, wobei er dem Monster, das darunter hervorlugte, auf den Kopf stieg und es verjagte. „Komm, ich bring dich zu deiner Mutter.“ Er hob mich nach oben und trug mich ins kalte Schlafzimmer. Die Vorhänge waren zugezogen, eine Kerze brannte auf den Nachttisch. Sie flackerte wild durch den Luftzug, den Papa und ich mitgebracht hatten. Unter der Decke ragte nur der Kopf von Mama heraus. Schwarzes, wirres Hexenhaar umrahmte das unnatürlich bleiche Gesicht und ließ die rotgeweinten Augen noch gespenstischer erscheinen.
„Nimm du sie, ich muss arbeiten.“ Papas Worte schnitten scharf wie Rasiermesser in die Stille. Eine Eisschicht hüllte zuerst Papa, dann mich ein. Er schien davon nichts zu merken, er legte mich neben Mama ins Bett und ging aus dem Zimmer.
„Mama, hast du geweint? Du bist ganz nass im Gesicht.“ Mit meinen winzigen, ungeschickten Fingerchen versuchte ich ihr die Tränen wegzuwischen.
„Ja, Schätzchen, ich bin ein bisschen traurig, aber wenn du da bist und mich tröstest wird es gleich besser. Siehst du?“ sie ließ die letzten Tränen auf ihren Wangen in einem Stofftaschentuch, das sie aus der Nachttischschublade zog verschwinden.
„Schon besser.“ murmelte ich beruhigt, schmiegte meinen Kopf an ihre Brust und ich döste langsam ein.
Dann dieses polternde Geräusch, und ich war wieder hellwach. Papa fluchte im Dunkeln des Schlafzimmers und fasste sich ans Bein. „Renate, ich habe mich schon wieder an deinem Glastisch gestoßen, verdammt! Räum’ das Ding endlich beiseite!“
„Verzichte auf die Trinkerei jeden Abend, dann wirst du dich am Tischchen nicht mehr stören.“ Mamas Stimme klang fremd, ganz rau und klirrend wie Eiswürfel.
„Ein paar Gläser haben noch niemandem geschadet.“
„Solange es bei einigen Gläsern bliebe, hätte ich auch nichts dagegen.“
„Du wirst wie deine Mutter. Bei einem zeternden Weib wie dir bleibt mir auch nichts anderes übrig als zu trinken!“
„Dann bin ich also wieder schuld?“
„Wer sonst?!“
„Lass uns nicht streiten, nicht, wenn das Kind hier ist.“
„Das Kind schläft wie ein Stein, nicht einmal ein Erdbeben würde es aufwecken.“ Mit diesen Worten kroch Papa ins Bett und legte eine Hand auf Mamas Brust. „Aber du hast recht, ich bin auch gegen Streit.“ Er rückte näher, sein Atem roch nach Bier und Zigaretten. Ich wäre jetzt überall lieber als hier.
„Lass das!“ zischte Mami und stieß seine Hand grob weg. „Das Kind wacht auf.“
„Na klar, das Kind.“ Ächzend und stöhnend stieg Papa wieder aus dem Bett und klemmte sich Decke und Kissen unter den Arm. „Ich übernachte im Gästezimmer.“ Wir blieben alleine. Mamas Tränen kullerten auf meine Stirn.
Die Kälte wich erst, als der Morgen blaurot gähnte. „Hoffentlich bleibt es nun für immer hell und warm.“, dachte ich noch, als ich meine Augen schloss und der Schlaf mich endlich in sein warmes Fell einpackte.