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Käthe
„Da hab ich gewohnt, das hab ich verlassen.“
(aus dem Song „Sehnsucht nach der Schönhauser“ von Barbara Thalheim)
Eines Tages kam eine alte Bekannte bei mir auf Arbeit vorbei. Ich hatte zu der Zeit einen befristeten Job im Kiezcafe in der Wühlischstraße und wohnte in Friedrichshain. Ein Kumpel, der mich dort traf, hatte ihr wohl erzählt, dass ich da arbeite.
Wir beide hatten uns schon etliche Jahre nicht mehr gesehen. „Stell dir vor, wer jetzt in deiner Wohnung in der Käthe wohnt. Bobby.“ Den kannte ich sehr gut. Ihr Freund und sie wollten ihn besuchen, wussten aber nur die Hausnummer, nicht welche Wohnung es war. „Wenn das mal nicht die von Frieda ist“, meinte ihr Freund, als sie ratlos vor den Briefkästen standen.
Und er sollte Recht behalten. So stand sie plötzlich wieder in der Wohnung, in der sie gut zehn Jahre zuvor mit mir, später kam ihr Freund hinzu und noch viele andere, ein Jahr gewohnt hatte, und an die Wand schrieb: „Der Blues ist die Musik eines unterdrückten Volkes ohne Geld, ohne Liebe aber nicht ohne Hoffnung.
Den Satz hatte sie aus „Amerikanische Bilder“ von Jacob Holdt. Ein Langhaariger aus einer Pastorenfamilie in Holland, der ein bisschen wie Jesus Christus aussieht, trampt durch die Vereinigten Staaten. Ein offener Typ, der sich mit jedem einließ. Sogar mit Ku Klux Klan Mitgliedern freundete er sich an und bekehrte den Anführer. Besonders hatte mich beeindruckt, dass er auch mit jedem schlief, egal welches Geschlecht. Das könnte ich nicht.
Bei uns im Osten ein Kultbuch und schwer zu bekommen. Ich hatte es überglücklich in der Buchhandlung in der Chausseestraße neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof erstanden.
Ich lernte es durch jemanden in meiner Abiklasse kennen, der bei uns an der Schule den intellektuellen Rebellen gab, und den man nie ohne ein Buch unter dem Arm geklemmt durch die Gänge flitzen sah.
In einem kleinen mecklenburgischen Dorf zu DDR-Zeiten.
„Es geht durch die Nacht. Die Nacht ist kalt.
Der Fahrer bremst. Sie halten im Wald,“ deklamiere ich vor der Klasse. Dann blieb ich stecken.
„Zehn Mann Geheime Staatspolizei“, flüsterte mir meine Banknachbarin zu. Der Lehrer sah sie warnend an, sagte aber nichts. Ich fand den Faden wieder. Die nächsten sieben Strophen schnurre ich runter wie am Schnürchen und ende erleichtert mit:
„Kommt mit Exzellenz, die Abrechnung für John Schehr und Genossen“.
„Noch zwei, setzen“, sagt der Lehrer.
Als nach der Wende bei uns die Skinheadbewegung so viel Zulauf hatte, dachten viele, die bei uns im Osten nie in die Schule gegangen waren, das läge daran, dass wir uns dort angeblich nicht genug mit den zwölf schwarzen Jahren befasst haben.
Das Gegenteil war der Fall. Fast alle Bücher bei uns waren über die Zeit. Wir lernten Gedichte und Lieder über die Helden des Widerstands auswendig. Straßen, Schulen und Betriebe hießen nach ihnen. Leider auch die berüchtigten Jugendwerkhöfe.
Wenn die unfreiwilligen Namensgeber das gewusst hätten, hätten sie sich im Grabe umgedreht. Was für ein Gefühl es ist, in einer Zelle am Heizungsrohr angekettet zu sein, wussten auch sie nur zu gut. Das war in der DDR eine gängige Praxis in diesen Knästen für Kinder.
Eine, die auch eine Weile mit uns in der Käthe24 wohnte, erzählte mir viel von Einzelzellen, in die sie nach Fluchtversuchen kamen. „Im Werkhof in Burg haben wir immer Nut-Fleckentferner aus der Tüte geschnüffelt“, sagte sie. Das mit dem Fleckentferner habe ich natürlich auch ausprobiert. War aber nicht begeistert.
Überall standen in Stein gemeißelte Skulpturen rum, vor denen man ständig Appelle durchführte und Eide schwor. Auf Klassenfahrten wurden wir von Konzentrationslager zu Konzertrationslager geführt.
Auf Jugendweihefahrt in der Hauptstadt marschierten wir von Oranienburg aus mit Kranz und in FDJ-Bluse nach Sachsenhausen.
Ich bedauerte, dass die Filmstelle an diesem Tag zu hatte, denn es hatte sich rumgesprochen von den Gruppen in den Jahren vor uns, was man zu sehen bekam. Eigentlich ging es mir mehr um den Nervenkitzel.
In jedem gottverlassenen Kaff, durch das wir auf Wanderungen mit der Schule kamen, gab es noch ein paar Viehtränken, die den Häftlingen eines Außenlagers als Waschgelegenheit gedient hatten, oder was davon übrig geblieben war, zu besichtigen, auch wenn die umgebenden Wände schon fehlten oder eher wahrscheinlich, nie vorhanden gewesen waren. Ist mir von einer Klassenfahrt in den Harz so in Erinnerung geblieben.
Für mich war das kein verordneter Antifaschismus, auch so eine neumodische Wortschöpfung. Im Gegenteil.
Die Leute waren echte Vorbilder für mich. Ich war felsenfest überzeugt davon, dass ich es genauso gemacht hätte wie sie, die Juden im Schrank versteckten oder bei Nacht und Nebel mit Pinsel und Farbeimer unterwegs waren und „Alle Macht für Thälmann -Wählt Liste 3“ an die Wände schrieben.
Das ist ein Slogan, der heute noch irgendwo hier an einer Wand steht. Wenn ich daran vorbeikomme, überlege ich immer, wie der Spruch an die Mauer gekommen ist. Ich glaube nicht, das er die Nazizeit überstanden hat. Vielleicht von einem Filmdreh übriggeblieben.
Wenn sie mich dann vor einer Hauswand erschossen hätten, hätte ich zuvor noch schnell die Marseillaise gesungen. So, wie das die Helden in den Filmen immer taten. „Warum nicht die Internationale?“, hat mich mal jemand gefragt. „Weil Marseillaise besser klingt“, erwidere ich.
Später hätten sie dann die Straße nach mir benannt. Ob einem das nützt, wenn sie Straßen nach dir benennen?
Ein DDR-Historiker hatte später mal gesagt, dass er es bereut, solche holzschnittartigen Biografien geschrieben zu haben. Die Gestapoakten, zu denen er Zugang hatte, sagten ja was anderes. Sie waren Menschen wie du und ich, mit Fehlern und Schwächen, es gab viele Verräter unter ihnen und waren keine unbeugsamen Helden.
Ferienlager
Wir waren beide zehn. „Zeig mal her, was du da hast“, sagte meine Freundin, von der ich nicht mehr wusste, ob sie überhaupt noch meine Freundin war. Auf der Hinfahrt im Aufsetzbus hatten wir noch nebeneinandergesessen.
Ich hatte im Gefühl, dass es mit uns beiden auseinandergehen würde.
Während wir uns unterhielten, saßen wir zusammen auf der unteren Liege eines der vielen Doppelstockbetten, mit denen die Baracke, die zum Kinderferienlager in Prerow an der Ostsee gehörte, vollgestellt war.
Eigentlich hatte sie mich ja die ganze Zeit ignoriert, aber Büchern konnte sie nicht widerstehen. Ihre wache Intelligenz verlangte nach Nahrung.
Das Buch hatte ich mir aus der Bücherei des Kinderferienlagers ausgeliehen. Ich langweilte mich. Seit meine Freundin mich nicht mehr beachtete, saß ich nur noch traurig in der Ecke rum. Das Bild auf dem bunten Einband hatte mir gefallen. Es zeigte ein hübsche, dunkelhaarige Frau, eine bekannte Antifaschistin.
In der Käthe
Das Buch beginnt mit der Ankunft einer jungen Familie in Berlin und ihrem Einzug in ein dunkles Hinterhaus. Im selben Bezirk, dem Prenzlauer Berg, war meine eigene erste Wohnung. In der Nummer Vierundzwanzig. Die Namensgeberin für meine Straße war ausgerechnet Käthe, eine der Töchter der Familie*.
Um sie war es in dem Kinderbuch gegangen.
Ich nahm das als ein Zeichen. Auch sie eine Frau, die nicht dem gängigen Schema entsprach.
Obwohl sie bestimmt, wenn sie überlebt hätte, in der DDR eine dieser Funktionärinnen geworden wäre, mit denen ich keine guten Erfahrungen gemacht hatte.
Wirklich hielt sie wohl die schützende Hand über mich, denn, weil ich keinen Mietvertrag, sondern nur einen Ausbauvertrag hatte, war ich illegal hier in der Käthe24.
Ein Begriff, der ihr bestimmt sehr geläufig war, da sie es auch ihr halbes Leben gewesen war. Wenn ich auf der Treppe Schritte hörte, rechnete ich damit, dass die Polizei kam. Auch da gab es Übereinstimmungen mit der Namensgeberin meiner Straße.
Und auch ich war eine Kommunistin, denn ich machte diese Wohnung zu einem Domizil für Unbehauste. Ich hielt mich daran, prinzipiell keinen Übernachtungsgast abzuweisen. „Ich glaube, ich habe mich verliebt“, sagte mein bester Kumpel eines Tages zu mir. „Sie muss bei ihrem Freund ausziehen. Kannst du sie bei dir aufnehmen?“ So saßen wir denn bald beide mit knurrendem Magen in der Käthe24.
Die Beziehung zwischen ihr und meinem besten Kumpel ist über eine platonische Freundschaft nicht hinaus gekommen. Er trugs mit Fassung und war trotzdem jeden Tag bei uns in der Käthe24.
Sie stammte auch aus Mecklenburg, wie mein Kumpel und ich und war aus der Lehre nach Berlin geflüchtet, weil ihr Lehrmeister sie schikanierte. Da konnte ich mich hineinversetzen, denn auch während meiner Ausbildungszeit in der Landwirtschaft gab es jemanden, der mich auf dem Kieker hatte. Das scheint ein Beruf zu sein, der oft Leute anzieht, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, und das an ihren Lehrlingen auszulassen versuchen.
Meine Freundin war nicht die Einzige, von der ich gehört hatte, dass sie deshalb nach Berlin geflüchtet war.
Am Ostbahnhof angekommen, setzte sie sich in einen Biergarten, wo sie sich mit ein paar langhaarigen Blueskunden anfreundete. Mit einem war sie eine Weile zusammen. Er hatte gerade Liebeskummer und brauchte Trost. „Er hat mich gar nicht mehr aus dem Bett gelassen“, erzählte sie mir. „Natürlich habe ich mich in ihn verliebt.“ Aber er nicht in sie. Nach vierzehn Tagen war es aus. Er traf die Frau seines Lebens.
Sie nahm es ihm nicht krumm. Sie lernte seinen Freund kennen. Bei ihm wohnte sie ein Jahr.
Dann brachte er ständig Frauen mit, und ihr wurde klar, dass sie sich nach etwas anderem umsehen muss. So kam sie zu mir in die Käthe.
Ihre Eltern schickten ihre Brüder vorbei, sie zu suchen, als sie hörten, dass sie nicht mehr bei ihrem Freund ist.
Jetzt muss man wissen, dass es zwei Straßen gab, die so heißen wie meine. Ihre Brüder suchten definitiv in der falschen, die mitten in den Grenzanlagen lag.
Dort, an der Mauer mit ihren Scharfschussanlagen, tappten die beiden Mecklenbörger Jungs ratlos umher und fuhren unverrichteter Dinge wieder ab. Zum Glück sind sie den Grenzern nicht aufgefallen. „Können sie begründen, was sie in der Nähe des antifaschistischen Schutzwalls zu suchen haben“, hätte die Frage lauten können, und man würde den beiden vielleicht versuchte Republikflucht unterstellt haben.
Ihre Schwester freute sich, dass sie nicht gefunden wurde. Später, als ich ihre Brüder auch kennenlernte, lachten wir vier oft darüber. Einer ist nicht mehr unter uns. Sie erzählte mir viel von ihrer Kleinstadt in Mecklenburg und über ihre Familie. In einer Stadt in der Nähe von ihrer ist meine Mutter aufgewachsen.
Ich hätte gar nicht gedacht, dass man in einer großen Familie, ich, die mit ihre Mutter alleine aufwuchs, kannte sowas ja nicht, so dermaßen viel Fernsehen kuckt. "Ich könnte mir gar nicht vorstellen, wie es ohne Vater ist", sagte sie einmal zu mir. "Und ich nicht wie es mit ist", entgegnete ich.
Der Apparat war bei ihnen ständig an. Für viele ist das gemeinsame Fernsehkucken ja mehr als Information und Unterhaltung, sondern ein Symbol für Familie, vermittelt ihnen den Anschein von Geborgenheit. Die meisten meiner Kumpel waren fernsehsüchtig.
Was musste ich schon für Filme über mich ergehen lassen. Wenn ich da nur an StarTrek denke und an Spiderman. Ich konnte mir nicht vorstellen, was irgendjemand über zwanzig daran finden konnte. Aber die Anderen, mit denen ich zusammen vor der Flimmerkiste saß, waren happy.
Ihre Eltern nahmen oft Kinder aus schwierigen Verhältnissen bei sich auf.
Ihr Vater, ein Handwerker, war ein ungewöhnlicher Typ. „Stell dir mal vor, er konnte sogar Glas essen“, sagte sie. Sommers wie Winters lief er barfuß in Jesuslatschen rum. Als ihn jemand bei Minusgraden darauf aufmerksam machte, dass seine Füße blau wurden, gab er schlagfertig zurück: „Das sind meine Socken“.
Wir sprachen über Filme. „Mein Lieblingsfilm ist „Vogelfrei“, sagte sie.
Den kannte ich auch. Scheinbar identifizierte sie sich mit Mona, einem Mädel, dass kopflos durch die Gegend trampt. Leider hatte sie auch die negativen Eigenschaften der Hauptfigur. Die Ablehnung von Verantwortung gehörte dazu.
Und sie ist auch der Typ Mensch, der Solidarität erwartet, aber selber keine gibt und bei Schwierigkeiten einfach geht. Als ich einmal mit hohem Fieber flach lag, ließ sie sich einfach eine Weile nicht mehr blicken. Unser bester Kumpel, der, der sie zu mir gebracht hatte, war einmal sehr enttäuscht von ihr, weil sie ihn beim Karneval in Wasungen, wo sie zusammen hinfuhren, einfach stehenließ und mit jemand anderem loszog.
Sie steckte, wie die Filmheldin, voller Widersprüche, war keine, die einfach zu charakterisieren ist. Sie wusste selber um ihre Fehler. „Ich kann auch gemein sein“, sagte sie eines Tages zu mir, so, als wollte sie um Verständnis für sich werben.
Ich überlegte mir, dass man sich den Charakter der Menschen als ein Art Lochstreifen vorstellen muss, oder wie die Walzen, mit denen vor der Erfindung der Schellackplatten Musik abgespielt wurde, und die immer wieder das selbe reproduzieren, wo man also nichts ändern kann dran.
Wahrscheinlich habe ich auch ich so eine Art von Charakter, an dem ich nichts ändern kann. Finde ich aber Quatsch. Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich. Interessante Frage. Was ist eigentlich Charakter? Ist er angeboren? Ist er entwicklungsfähig?
„Wenn man das selber um seine Fehler weiß, wie meine Freundin, warum kann man die nicht ändern?“, fragte ich mich.
Als wir eines Tages vor dem Fernseher saßen, kam ausgerechnet „Vogelfrei“. Der Film wird eher selten gezeigt. Es gibt nur ein paar Filme, in denen ich mich wiederfinde. Das ist so einer.
So wie sie diesen Film nicht vergessen konnte, hatte mich ein Film mit Michael Caine fasziniert, der, in dem er den Liebhaber von seiner Frau erschießt. Davon erzählte ich ihr. Und merkwürdigerweise lief auch dieser Film kurz darauf. Fast, als wenn der Fernseher verhext war, und mit einmal zeigte, was man gerade sehen wollte. Wünsch dir was - TV.
Wenn ich schon einmal bei Filmen bin.
Wir sahen zusammen „Yentl“, auch ein Lieblingsfilm von ihr, ein Film von Babra Streisand, in dem sie sich als Mann verkleidet, weil sie an einer Schule für Rabbiner studieren will. Damals wussten wir noch nicht, dass wir in einem der ehemals jüdischten Viertel von ganz Berlin lebten.
Sie liebte das Fernsehen, denn sie war davor aufgewachsen. Als sie später eine eigene Wohnung mit Mann und Kind hatte, kauften sie sich einen kleinen Fernseher, der aber Großes leistete. Er wurde jahrelang niemals ausgeschaltet.
Das war noch deutsche Wertarbeit.
Ich hatte bloß meine Bedenken, dass sie ihre Tochter, die auffällig helle war, auch dazu verdonnerte, ständig in den Apparat zu glotzen. Wenn ihre Mutter in der Küche war, versuchte das Kind den Fernseher abzuschalten. Ihre Mutter kam wieder rein, blickte sich irritiert um und machte ihn wieder an.
Bald kamen noch mehr zu unserer Kommune in der Käthe24 hinzu. Wir waren zu zehnt in der Einraumwohnung. „Der Turm stürzt ein, der Turm stürzt ein, Halleluja der Turm stürzt ein“, schallte es den ganzen Tag aus dem Kassettenrecorder, meinem wertvollsten Besitz. Wir alle waren beinharte Fans der Ton Steine Scherben.
Bei den Nachbarn galt ich als Schlampe wegen meiner Lebensweise. Eine Nachbarin, mit der ich mich angefreundet hatte, erzählte mir, dass sie gewarnt wurde: „Geben sie sich nicht mir der ab.“ In Wirklichkeit wuchs ich vollkommen über mich hinaus was Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft anbelangte und war ein viel besserer Mensch als vorher.
Als ich das erste Mal in meiner Wohnung in der Käthe24 stand, wurde mir klar, dass sie Geschichte atmete. Wer mochte hier vor mir alles gewohnt haben? Das Haus war achtzig Jahre alt. Irgendwie hatte ich das im Gefühl, dass meine Vorgänger in einer ähnlichen Misere gesteckt hatten wie ich. Auch sie nicht verwöhnt. Kein Geld, keine Liebe.
Unsere Wohnung in unserm Dorf bei Stralsund dagegen war ein Erstbezug. Die Neubauten hatte die LPG in den Sechzigern errichtet, weil sie Arbeitskräfte brauchte.
Und die Vormieterin der nächsten Wohnung, zwei Blocks weiter, war die beste Freundin von meiner Mutter gewesen, eine Lehrerin, die an die Ostsee zog, um in einem Kinderheim zu arbeiten. So kann man nicht behaupten, dass die Hauswände Geschichte atmeten und meine Phantasie anregten.
In meinem Haus, in der Vierundzwanzig, hat mal ein Schauspieler gelebt, erzählt mir das Internet, vielleicht sogar da, wo ich wohnte, wahrscheinlich zwangsumgesiedelt, weil er die falsche Rasse hatte.
Er gab in vielen Ufa-Filmen den Bösewicht. Ich sehe mir Ausschnitte auf You-Tube von alten Stummfilm-Streifen an, auf denen der Schauspieler zu sehen ist. Auch ihn haben sie über den Jordan geschickt, genauso wie die Namensgeberin der Straße. Natürlich hatte meine Klasse dort in Ravensbrück auch einen Kranz niedergelegt.
Außerdem wurde in meiner ersten Straße eine Kondommarke namens Fromms erfunden. Auch von einem Mitglied des auserwählten Volkes. Ich wusste übrigens gar nicht, dass Rolf Eden auch dazu gehörte. Er hat, als der Krieg vorbei war, in Westberlin klein angefangen mit einer Bar.
Zum Schluss gehörten ihm zwölf Mietshäuser. So stellt man sich das vor. Ein Loft würde mir schon reichen. Eigentlich weiß ich gar nicht richtig, was das ist. Auf alle Fälle irgendwas Schickes.
Winsstraße Herr WeltWeit hat mehr erstaunliches Wissen mitzuteilen. Vor 33 war im Bötzowviertel, in dem meine Straße liegt, der Anteil der jüdischen Bevölkerung, bezogen auf die anderen Stadtbezirke von Groß-Berlin, am höchsten. Davon wusste ich nichts.
Es gab, nur ein paar Nummern entfernt von meinem, ein Haus, in dem Anfang der Vierziger viele Menschen lebten, die durch die Rassegesetze aus ihren angestammten Wohnungen vertrieben wurden. Bis zur Deportation. Um so älter ich werde, um so mehr komme ich ins Grübeln, wie so was passieren konnte.
Eine konnte fliehen und versteckte sich bei Bekannten in der Winsstraße. Das ist gleich in der Nähe, nur über die Greifswalder Straße rüber.
Als ihre Bekannten auch abgeholt werden, verbirgt sie sich unter dem Bett. Sie bleibt allein in der verschlossenen Wohnung zurück. Nachts dreht sie sich aus Bettlaken ein Seil und lässt sich damit aus dem zweiten Stock auf den Hof. „Das muss ja am nächsten Tag noch aus dem Fenster gebaumelt haben“, geht mir durch den Kopf.
Dort, in der Winsstraße, habe auch ich eine Weile bei Kumpels gewohnt. Nachdem sie mich dreieinhalb Jahre in der Käthe 24 vergessen hatten, hatte sich die Kommunale Wohnungsverwaltung gemeldet. So zogen meine Freundin, ihr Freund und ich zu drei Typen, Anfang Zwanzig, die aus Schwerin kamen und in Berlin neu anfangen wollten.
Einer von ihnen ist heute noch hier. Zur Abwechslung besaßen sie mal einen Mietvertrag, da sie den Verwalter kannten.
Im Hinterhaus, in der Winsstraße, ließ ein Mieter jeden Tag eine Platte von Vroni Fischer laufen.
Der „Blues von der letzten Gelegenheit“ schallte über den Hof, und ich überlegte mir, ob das eine Warnung ist, denn auch ich, die Mitte Zwanzig war, liebte jüngere Männer.
Man sollte einem, der noch alles vor sich hatte und „ein lachendes Gesicht“, nicht den Schwung aus den Flügeln nehmen, womit wohl gemeint war: Kinder anhängen und Familiengründung etcetera.
Alle lasen „100 Jahre Einsamkeit“, das ich in Umlauf gebracht hatte und dann noch ein Buch mit vergilbten Seiten, das die Jungs irgendwo gefunden hatten. Es hieß, glaub ich, „Paris bei Nacht“ oder so ähnlich. Morgens sahen wir immer „Reich und Schön“, eine gruselige Serie, von der ich noch nie was gehört hatte. Außerdem spielten wir rund um die Uhr Mensch ärgere dich nicht.
Die drei Schweriner hatten irgendwo Metallbetten aufgetan. Das erinnerte mich an einen nieseligen Tag während meiner Lehrzeit in der Landwirtschaft. In dem Dorf bei Stralsund arbeiteten auch ein paar geistig Behinderte auf der LPG. Man erkannte sie daran, dass sie gelbe Gummistiefel trugen.
Die anderen Arbeiter spotteten über sie. Auch meine Klassenkameraden rissen unaufhörlich Witze. Der langhaarige Bluesfreak, in den ich verknallt war, machte da auch keine Ausnahme.
Unser Lehrmeister schickte uns an dem Tag, an dem es nicht viel zu tun gab, in ihre Unterkunft. Wir sollten dort streichen.
Dort sah ich diese Eisenbetten, an denen man auch Patienten fixieren konnte. In einem Glasschrank lagen auf Plastikschäufelchen bunte Pillen, wahrscheinlich die Tagesdosis für jeden einzelnen. „Ich war früher NVA-Offizier“, sagte einer der Männer zu mir. Ansonsten schien sich keiner um sie zu kümmern. Mir wurde beklommen zumute. Ich begann zu begreifen.
Langsam wurde ich erwachsen.
In solch einem Bett schlief ich in der Winsstraße im Bötzowkiez jede Nacht zusammen mit einem von den Schwerinern. Er und ich waren aber kein Paar. Aber nach einer Weile ließ er durchblicken, dass er nicht abgeneigt wäre, aber schon gemerkt hätte, dass er nicht mein Typ ist. Er hatte übrigens zu der Zeit gerade zwei Verhältnisse nebeneinanderlaufen.
Trotzdem hätte er mich gerne an die Luft gesetzt. Das konnte er aber nicht, denn seine Freunde mochten mich.
Sonst hätte es eng werden können für mich. Ich hatte oft Probleme damit, dass welche, die was von mir wollten und ich nicht von ihnen, mich rausekeln wollten. Ich hatte vielleicht hellsichtig ihren egoistischen Charakter erahnt, als ich ihre Avancen ablehnte.
Es ist wohl überall dasselbe, denn auch aus einem besetzten Haus in Friedrichshain hatte ich sowas gehört. Sie, die aus Bayern kam: „Am Anfang, als ich noch neu war, hatte ich mit ihm ein gutes Verhältnis, und er kümmerte sich sehr um mich. Dabei hat er sich wohl total in mich verliebt. Später, als er merkte, dass mir das nicht so ging, wurde Hass draus“.
Dort, bei den Autonomen, wurde doch angeblich so gegen Sexismus gekämpft. „Spiel doch mal was von den Stones“, bat ich einen, der im Eisenbahner, einer Hausbesetzerkneipe in der Pfarrstraße, hinterm Tresen stand. „Stones spiele ich nicht. Die sind mir zu sexistisch“, antwortete er auf meinen Musikwunsch. „Man kann es auch übertreiben“, dachte ich.
Ich glaube, aus echten Gefühlen wird kein Hass. Man muss die innere Größe haben und einsehen, dass man Liebe nicht auf Verlangen kriegt.
Heute lebt er wieder in Schwerin und hat sich ein Haus gebaut mit seiner Frau und den Kindern, denkt aber noch gern an seine Berliner Zeit in der Winsstraße zurück. Er ist öfter mal zu Besuch bei meiner Freundin und ihrer Familie. „Weißt du noch, wie wir von einer Teekanne mal 8 Aufgüsse gemacht haben?“, fragte er mich einmal und lachte dabei.
Das Problem war nämlich, dass den drei Jungs, die zuerst recht tatkräftig waren, nach einer Weile irgendwie der Elan ausging. Die Stadt überforderte sie. Sie ließen sich hängen. Von Arbeitssuche war keine Rede mehr. Besonders er verwilderte regelrecht. Eines Tages zog er den Schlussstrich und ging zurück zu seiner Mutter nach Schwerin.
Mittags aßen wir bevorzugt Schmorkohl. Erst wurden Kohl und Kartoffeln in einer riesigen Kaserolle, die ich im Sperrmüllcontainer gefunden hatte, im billigsten Fett angebraten und dann ewig geschmort, bis das ganze auch ohne Fleisch Geschmack annahm. Außerdem entdeckten wir in der Kaufhalle der Winsstraße Kochkäse, den preiswertesten Brotaufstrich, eine gallertartige Masse, die es jetzt jeden Tag zum Frühstück gab.
So hatte jede Kommune ihr Gericht. In meiner, in der Käthe24, wurde nur von Spaghetti mit Tomatensoße gelebt, von Schmorkohl in der Winsstraße und Punks aus Rostock, die in der Nähe wohnten, aßen jeden Tag Kartoffeln mit Zwiebelsoße.
Mitten in dem Ganzen fiel die Mauer. Man konnte leicht Wohnungen besetzen.
Einer, der in der Neuen Bahnhofstraße, in Friedrichshain lebte, erzählte: „Mein Nachbar ist ausgezogen“. Der Freund von meiner Freundin, ein breitschultriger Typ, trat die Tür ein, und ich hatte eine Wohnung. Abschied vom Prenzlauer Berg. Ich landete am Ostkreuz, weit weg von der Käthe.
Fazit:
Was wir damals erlebten waren die letzten Ausläufer der Bluesbewegung. Die stärkste Jugendbewegung und auch längste, die es im Osten gab. Die gab vielen Halt.
Nachdem der weggefallen war, weil sich in der Wendezeit die Netzwerke auflösten, höre ich öfter, wenn ich mich nach jemandem erkundige, den Satz: „Der ist nicht mehr unter uns“.
Im Nachhinein finde ich, dass wir die Bälle, die uns das Leben zuspielte, gar nicht richtig parierten, dass wir die Chancen, die uns das Aufeinandertreffen so vieler ungewöhnlicher Individualitäten gab, nicht genügend nutzten. Wir Neuberliner hatten es zwar alle nicht leicht und weder Geld noch Gut, aber was wir hatten waren wir und unsere Freundschaft. Das ist viel mehr als Andere besaßen.
Stattdessen zerrieb sich alles in Kleinlichkeit. Viele sahen das nur als Notgemeinschaft, die sie gering schätzen, und von der sie versuchten, den Absprung zu schaffen, und in ihr nicht das einmalige Geschenk erkannten, das sie war. Wie ein Kind das ein teures Spielzeug zerschlägt, weil es seinen Wert nicht ermessen kann. Eigentlich hätten wir an unseren Konflikten wachsen sollen.
Jeder lebte sein Ego aus, versuchte mit Hilfe der Anderen, seine eigenen Interessen durchzusetzen, die Frechen benutzten die Gutmütigen. „Die Szene zerstört sich selbst“, habe ich mal irgendwo gelesen. Da ist Wahres dran. Wir Frauen wurden geringgeschätzt in dieser Machooase und bekamen wenig Solidarität. Die meisten kapitulierten wohl irgenwann und zogen sich zurück.
Vielen tut es heute leid. Das merke ich daran, dass in ihren Augen echte Freude aufleuchtet, wenn man mal einem von ihnen über den Weg läuft. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, wie mir eine Tür vor der Nase zugemacht wurde, als ich Hilfe brauchte. „Das war ´ne geile Zeit in meinem Leben“, sagte mal jemand zu mir, machte dann eine kurze Pause und sah mich an: „Vielleicht das Beste überhaupt.“
Die, die mich auf der Arbeit besuchte, und damals in der Käthe24 fast noch ein Mädchen war, heute aber schon erwachsene Kinder hat, und ich sind schon lange keine Freundinnen mehr. Vielleicht waren wir das auch nie. Eher ´ne Zweckgemeinschaft. Jedenfalls von ihrer Seite. Das wir uns irgendwann mal völlig aus den Augen verlieren würden, stand wohl schon damals unausgesprochen im Raum. „Weil ich hilfsbereit bin, halten die meisten mich für einen Engel. Wenn sie merken, dass ich das nicht bin, für das Gegenteil“, habe ich mal bei Henry Miller gelesen.
So erging es mir auch mit ihr, als sie merkte, das ich nicht die naiv, gutmütige Seele war, für die sich mich am Anfang hielt.
Sie war eine Menschenkennerin. „Du musst nicht immer so ein Vertrauen haben“, sagte sie einmal zu mir. Wollte sie mich vor sich selbst warnen. Ein andermal: „Du denkst zu viel nach.“ Das kann ja sein, aber sie dafür zu wenig.
Im Nachhinein waren wir aber sieben Jahre befreundet.
Sie hat sich damals in die Gegend verliebt und wohnt heute noch dort.
*Niederkirchner