Was ist neu

Kältetod

Mitglied
Beitritt
03.05.2002
Beiträge
270

Kältetod

Endlich. Fast hätte sie gedacht "endlich daheim", aber das war es ja nun doch nicht... Eher der Weg dorthin. Zwischenstation. Ein Hafen. Wasser gab es hier genug, schönes kaltes erfrischendes Wasser. Sie atmete tief durch, ließ die angenehme Luft ihre Lungen durchfluten. Ja... Es tat gut. War befreiend, verdrängte das stickige alte Leben aus ihr, das sie bisher ausgefüllt hatte.

Sie wollte mehr davon. Wollte es intensiv spüren, dieses Gefühl auf ihrer Haut. Langsam zog sie ihre Schuhe aus. Ihre Fußsohlen erfühlten die neue Welt unter ihr. Zuerst krümmte sie ihre Zehen, ließ sie ein wenig kreisen, doch dann ergab sie sich der Kühle. Leichter Schmerz, ziehend und stechend, stieg ihre Waden empor. Sie fühlte. Hier konnte sie endlich wieder fühlen, und es war ihr noch nicht genug.

Sie öffnete den Verschluss ihrer Hose und ließ sie an sich zu Boden fallen. Langsam stieg sie aus ihr heraus und ging neben ihr in die Hocke. Die Kühle erfasste ihre gesamten Beine und drang in ihren Unterleib vor. Das Fühlen folgte ihr, von unten nach oben. Langsames Strecken der Arme, das Abstreifen ihres Pullovers, der sie bisher in warmer Umarmung behütet hatte vor dem Leben. Auch ihn wollte sie nicht mehr. Er fiel zu Boden, auf den dort liegenden und schon ganz steif gewordenen Stoff der Hose.

Aus einem Reflex heraus schlang sie zunächst die Arme um sich - dann zwang sie sich dazu, es nicht zu tun. Alles zulassen, alles spüren. Endlich wieder. Der Schmerz erreichte die Herzgegend. Jahrelanges inneres Leiden wurde konkret, wurde nun von außen verursacht, und es war wundervoll.

Sie hatte Mühe, ihre Zehen noch zu fühlen, gleiches galt in zunehmenden Maße für ihre Beine, bald würde ihr ganzer Körper taub sein. Warten auf den Beginn der Reise. Nicht mehr lange, und alles würde vorbei sein. Der Start in eine neue Welt, das Zurücklassen des Alten, das sie hasste.

Das Summen der Maschinen war wie Musik in ihren Ohren, und die Bildung immer neuer Eiskristalle auf ihrer Haut registrierte sie glücklich, aber mit wachsender Schläfrigkeit. Nun schmerzte nichts mehr. Alles war gefühllos, auch in ihrem Innern. Endgültige Befreiung, sie war glücklich, es noch erleben zu dürfen, und ihr Lächeln blieb für immer erhalten.

 

Sprachlich gefällt mir Dein Text recht gut, wenn Du auch Deinen Stil nicht ganz durchgehalten hast.

Was mich eher bedenklich stimmt, ist, dass Du den Selbstmord als eine schöne, befreiende Erfahrung darstellst und dabei nicht einmal irgendwelche Bezüge zur Vergangenheit der Person lieferst.

Ach ja, eines noch: Welche Maschinen summen?
Und warum wird eine Hose steif, die im Wasser liegt?

 

Die Kühlaggregate des Kühlhauses, in dem sie sich befindet, summen. Und die Hose liegt nicht im flüssigen Wasser sondern in eben diesem Kühlhaus. Und da da alles gefriert, gefriert auch ihre Hose...

Die Worte am Anfang "Wasser gab es hier genug" musst du nicht SO wörtlich nehmen... Es kann ja auch gefroren sein, ergo Eis.

Kommt das nicht deutlich genug rüber, dass ich Eis meine?

 

Vielleicht war ich betriebsblind, aber in meinem Kopf hatte ich ein Bild, dass er/sie mitten im Winter in einen See geht ...

 

Hallo Mario

ich finde auch, dass die Story sprachlich ganz nett ist. Nur ich habe auch an Wasser gedacht statt an Eis. Wenn ich mir die Situation so vorstelle, habe ich das Bild von anfrierenden Gliedern vor Augen. Das bringt der Text nicht so rüber. Muss aber auch nicht. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Mit der Idee von dem "schönen" Selbstmord habe ich Schwierigkeiten.

Liebe Grüße
Ulla

 

Hi Mario!
Ja, sprachlich ist deine Story gut rübergekommen und ich wusste auch gleich dass es sich um Eis handelt, weil ich davor die Kritiken gelesen hab. *g* Ich kann auch nachvollziehen, dass der Selbstmord ne Befreiung ist, wenn man vom Leben nichts gehabt hat, aber trotzdem gefällt mir der Gedanke an deiner Geschichte nicht so besonders. Aber das ist mein subjektives Empfinden. Wie gesagt, der Stil ist gut. Aber das Thema ist wohl eher Geschmackssache.
Liebe Grüsse
Judy

 

Hi Mario,

ja - auch ich habe bis zum schluß immer wasser vor meinen augen gehabt...auch deshalb, weil sie - kaum dass die hose fällt - auch schon die kälte spürt..das passt ja so gut zu wasser - denke, in einem kühlhaus, würde das einige sekunden (minuten?) länger dauern..

auch dass sie in die knie geht, verstärkt den eindruck: hier handelt es sich um wasser (ein meer) und deshalb muss sie in die knie gehen, um ins wasser einzutauchen.. würde sie stehen bleiben und es wird trotzdem kalt - wird der leser vielleicht eher auf deine idee kommen..

ansonsten fand ich es gut geschrieben..und auch eine für mich neue idee.. ob das thema selbstmord gut ist? - na ja - wieviel tausend morde wohl allein auf kg.de beschreiben wurden? und der mörder ist ja heutzutage auch nicht immer "der böse"..

viele grüße, streicher

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom