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Jugendsünde
Jugendsünde
"Schatz, gibst du mir bitte mal die Butter", fragte Ursula ihren Mann Wilhelm, der an diesem Tag deprimierter aussah als sonst.
"Hm, hier..", sagte er und überreichte seiner Frau das halbleere Päckchen Butter. Wenn es darum ging, ob etwas halbvoll oder halbleer sein sollte, dann war es für Wilhelm meistens halbleer. Er gehörte nicht zu den Menschen, denen permanent die Sonne aus dem Hintern schien, sondern eher zu denen, die selbst ein vierblättriges Kleeblatt ignorieren würden, aus Angst vor Käfern, die unter diesem Kleeblatt warten und ihnen bei der erstbesten Gelegenheit in den Finger beissen könnten.
"Ist etwas, Wilhelm? Du siehst so aus, als würde für dich eine Welt zusammenbrechen!", stellte Ursula fest. Sie wusste ja nicht, wie recht sie mit dieser Aussage hatte.
"Nö, alles in Ordnung", log Wilhelm und stand auf. Er ging zum Küchenfenster und blickte hinaus, während er gedanklich eine Zeitreise in die Vergangenheit machte.
Vor 15 Jahren erlebte Wilhelm den Tag, an dem sich sein weiteres Leben schlagartig ändern sollte.
Es war nachts in dem benachbarten Dorf. Dort stieg monatlich eine Riesenfete mit jeder Menge Alkohol. Wilhelm, damals noch 19 Jahre alt, war zu jener Zeit einer von vielen Stammgästen auf dieser Party und er ließ es sich nicht nehmen, all seine Sorgen in einem riesigen Besäufnis zu ertränken. Nach gut 5 Stunden feiern, machte sich Wilhelm fertig für den Rückweg. Und da in dieser Gegend weit und breit keine öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs waren, musste er diesen Weg zu Fuß zurücklegen. Schnell wurde ihm bewusst, dass seine Blase dem Druck von ca. 14 Litern Bier nicht mehr lange standhalten würde und somit entschied er sich zu einem Besuch bei Mutter Natur. Er peilte einen Baum an, der direkt neben einem Haus stand, und stellte sich dann vor ihm hin um seine Blase zu entlasten. Während seiner Entleerung starrte Wilhelm auf den Boden.
Jemand starrte zurück.
An der Wurzel des Baums lag ein junges Mädchen, das ihn entsetzt ansah und nur knapp der ausströmenden Körperflüssigkeit entkam. Das Mädchen heulte plötzlich los wie eine Polizeisirene und kurzerhand später fühlte WIlhelm den Lauf einer Schrotflinte in seinem Rücken. Es war die Schrotflinte vom Vater des Mädchens, das mittlerweile aufgehört hatte zu kreischen. Trotz seiner 5,9 Promille wurde Wilhelm schnell klar, dass er sich momentan auf sehr dünnem Eis bewegte. Der Vater blickte ihn an und sagt streng: "Hör zu Bursche! Ich weiss nicht was du hier zu suchen hast, aber anscheinend scheinst du ja Gefallen an meiner Kleinen gefunden zu haben." Wilhelm sah an sich runter. Er hatte seinen kleinen Freund immer noch in der Hand, während vor dem Mädchen stand.
Der Vater redete weiter: "Ich lasse dir die Wahl: Entweder du wanderst für 15 Jahre in den Knast, oder du nimmst meine Tochter zur Frau!"
Von einem lauten Furz seiner Frau wurde Wilhelm aus seinen Erinnerungen gerissen. Er ging zu dem Kalender an der Wand, blickte ihn an und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
An diesem Tag wäre er entlassen worden...