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Jakobs Schirm

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12.01.2012
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Jakobs Schirm

Man sieht und wird von Tag zu Tag nicht satt - erneut ohne mich. Sie wollen sich sattsehen, selbstverständlich, leider selbstverständlich vor dem Fernseher, heute, wie auch morgen, dann, wenn ich mit meinem Füllfederhalter sicherlich wieder einmal Selbiges schreiben könnte. Dumpf klingt jenes durch die Tür, das von einer solchen überaus ideenlosen Einfalt zeugt; etwas, das schemenhaft hervorgebrachten Anspruch stumpfsinnigen Gemütern sogar nicht gerade häufig ins Ohr plärrt, ab und an für unnötigen Aufruhr unter meiner Familie sorgt, Diskussionen abgesunkenen Niveaus auslöst und mich zu nichts anderem zwingt, als hier zu sitzen, nicht auf den ledernen Sofas, sondern in meinem Zimmer, dort wo man das Doppelbett und das Radio teilt; das lästige Radio, das ich ausschalte, sobald man mir nach dutzendfachem Nachdruck endlich die Tür schließt.
Heute ist zwar ein Tag wie fast jeder Andere, eigentlich dazu verurteilt, nichts Anregendes zu liefern, nur selten eine Frau, die erschwerten Mutes mit ihrem Gehwagen in den Bus einsteigen möchte, trotz der aufwendigen Niederflurtechnik. Im Bus, dort steigt jeden Werktag zur gleichen Uhrzeit gleiches Gemenge ein. Damals - das war die einzige Abwechslung - stieg während der stundenlangen Fahrten auch jemand anderes, nicht nur anregendes, sondern auch mich erregendes, meiner Sinne beraubendes ein: Rebecca, das Mädchen von der zwölften oder drittletzten Bushaltestelle, das mich - ich kann es mir nicht oft genug schreiben - wie ein zu Erden herabgesetzter Engel mit seiner strahlenden Reinheit verblendete, anders als die meisten anderen Menschen, denen ich ungewollt begegne: wie nach Arte povera aus Erde und Dreck geradehin aufgetürmt, in der blendenden Sonne zum Zerfallen verdammt, matt und für mich unansehnlich - keine einzige, glitzernde Lichtgarbe, die meine Aufmerksamkeit beleuchten könnte, nein - bloß matte Nuttenhaftigkeit.
Warte ich auf den Bus, beobachte ich Triebtäter hier und dort, wie sie schmatzend in der Sonne zergehen, voll von unbedachtem Vergehen, voll von allem, was ich nie tat, auf den Treppenstufen des Hauptbahnhofes oder des Saalbaus, auf den Sitzbänken des Universitätsplatzes oder der Haltestellen, überall, wo man nur seine Blicke versehentlich hinwirft und Angiftende zurückgeworfen bekommt. - Meine Augen sollen Blind sein!
Steige ich durch die zischende Tür ein, so nehme ich meist die Rückbank, ziehe daraufhin meine Kopfhörer auf, höre aber keine Musik, und bin wegen der tagtäglichen Kinder in banger Sorge, da sie an der zweitletzten Haltestelle kreischend hinzukommen und mich selbst bei meinen übergroßen Schützern ohrenbetäubend auf den zermürbten Sitzen und dem matschigen Gang meiner oft ersehnten Ruhe berauben. - meine Ohren sollen Blind sein! - aber matschiger Gang, ja ich entsinne mich:
Als Schneeregen war, anheimelnde Pappeln schattenhaft den überbrückten Bach umsäumten, ebenso wie zwei Bäche das Schulgebäude umgaben und es noch heute tun - wie immer linde plätschernd - und als ich meinen roten Schirm bei mir trug, den hölzernen Griff umklammerte, ihn in meinen Händen wendete, um wieder das wundersame, eingravierte, filigrane Einhorn darauf zu bestaunen, da ging ich auf den Westeingang zu. - Hinter diesem trat man auf feuchten Abtretern seine Wanderschuhe aus, hörte sogleich ungezügelte Kinder durch Geschosse stürmen, die feuchten Dreck auf dem Boden verteilten, und hörte, wenn man zudem pünktlich kam, auch die unerträglich schrille Pausenklingel - aber inmitten der Unruhe und all dem Getose, das im Hause herrschte: stimulierende Eintracht. Es spielte jemand auf dem Ebenholzflügel im obersten Stock, verlieh beruhigenden Gleichklang, dem ich auf den granitenen Stufen folgte und mich von ihm neugierig durch das Treppenauge schauend führen ließ. Ich band meinen Schirm zu und holte jedes Mal Luft, wenn ich schnaufend auf einem Absatz stand und auf das schneeweiße Atrium sah. Und oben, nachdem ich die letzte Stufe erreichte, auf dem lichten Gang meine ersten Schritte tat und mich der Musik zukehrte, erblickte ich Sie, Sie das Mädchen, Sie die Glänzende - Rebecca spielte damals auf dem Flügel.
Ich nährte mich ihr sang- und klanglos an und setzte mich zu ihr, auf einen weiteren Hocker nebenan. Und dann, wohl aus Verlegenheit, unterbrach ich sie. Um ihren Mund und auf ihren molligen Backen spielte ein leichtes Lächeln, bis ihre Augen zu schimmern begannen und ihre Lippen von tiefen, unbeschreiblich schönen Grübchen umsäumt waren.
Die Tage, Wochen, Monate und Schuljahre darauf begegneten wir uns manchmal an der Bushaltestelle, irgendwann auch auf so manchen Festen durchzechter Nächte, spotteten über Lehrer und Mitschüler, unterhielten uns in Fantasie und redeten über nahezu alles, sogar über mein Lachen, das das natürlichste sei, das sie je gesehen und gehört habe. Auch ich machte ihr Komplimente, wenn wir zuzweit an einem Tisch saßen, sie dicht neben mir stand, wenn uns der Regen unter meinen roten Schirm zwängte, oder als wir Schulter an Schulter über die Scherbensaat nächtlich dunkler Pfade wanderten. Aber ihre Antwort war bloß ein Lächeln und ein ungewisser Blick, den sie verlegen auf den Boden schlug.
Und einmal, war ich auch bei ihr. Ich war in einen Bus eingestiegen, von dem ich genau wusste, dass er mich nicht bis zu mir nach Hause bringen würde, nicht bis in Einöde, aber bis zu Rebecca, die ich hinter der Scheibe erkannte und mich dazu trieb, einzusteigen. So wartete ich bei ihr auf den nächsten Bus, setzte mich an ihren Tisch, streichelte ihren Zwergdackel und redete mit ihr. Als wir damit begannen – mir ist der Grund entfallen – über Kunst zu reden, stand sie plötzlich auf und holte etwas im frohsinnigen Laufschritt aus ihrem Zimmer.
- Nun, da zeigte sie mir ein Bild, hielt es in ihren süßen Händen, mit denen sie den spannenden Holzrahmen umfasste, schaute selbst auf ihr Werk herab und ich erkannte trotz ihrer gut gelungenen Abstraktion und der Beschränkung auf grundlegende Formen eine gelbe Turmuhr, einen trüben Himmel und einen genauso trüben Fluss, den blauen Grund der Leinwand: ich erkannte London; sie erzählte von London, immer und immer wieder, voller Begeisterung und unermesslicher Schwärmerei, sie träumte von London, allnächtlich, trug London, zu jedem Anlass, schaute London, auf jedem Kanal, hörte es und ersinnte es bereits erwartungsvoll vor ihrer baldigen Haustür. Ich wusste schon lange davon; sie hatte mich einstmals darüber unterrichtet, beiläufig, als wir während einer Busfahrt über unsere Zukunft sprachen. Doch leider war der Zeitpunkt, an dem sie mir von ihrem unumstößlichen Vorhaben erzählte, zu spät, jedenfalls war ihm der Augenblick zuvor, an dem sie mir unter meinem Regenschirm ihr unbeschreibliches Lächeln vor Augen führte, wunderbar zu lachen begann, mich das laute umgrenzende Geplätscher und das Getrommel auf dem sattroten, uns beschirmenden Polyester vergessen lies und ich mir indessen in meinem unweigerlichen Sinnesrausch vorstellte, wie sie mit einem weißen Rüschenkleid in einer dicht bewachsenen Wiese umherspringe, mit ihren ausgestreckten zarten Händen Flughafer, Mäusegerste und die saftigen Kornblumen streife und letztlich, wie ich auf einem kräftigen Ast sitze, mit ihren zierlichen Fingern die rissige Rinde eines immergrünen Baumes betaste.
Hätte sie doch nur von meiner... - bloß keine verblassten Begriffe verwenden - von meiner Zuneigung erfahren, von meinem weiten Feld, das sie reich besät hatte, unbewusst. Vielleicht hätte das durchaus etwas ändern können und ihre Entscheidung, die jedes Mal aufs Erneute unsere Nähe zerfurchte, allemal zunichte gemacht hätte. Denn für nichts und wieder nichts habe ich sie so oft wie möglich getroffen, mit der leisen Hoffnung, vielleicht noch eines Tages, wenn uns die günstige Fügung des Schicksals widerfährt, von einem Goldregen zündender Elemente befallen zu werden; von einem Regen, der ihr Feld ihrer Triebe befruchtet, später von meinem blendenden Schein bestrahlt wird, sodass wir einst gemeinsam Sekunde für Sekunde reife Glückseligkeit voneinander ernten können. Ich dachte zuerst, mir wäre bereits ein solcher Regen begegnet, als wir an einer Haltestelle auf einer Bank saßen und dort den Bus verwarteten – es war Abend und schon dunkel. Sie deutete mit ihrem zierlichen Zeigefinger auf einen Baumriesen, der neben dem beleuchteten Saalbau seine Tracht teils dumpf und teils finster im Abendwind säuselnd zur Schau trug und Rebecca seiner Gestalt und ihrer reichen Fantasie wegen dazu veranlasste, darin ein ungeheures Wesen zu erkennen. Sie sagte es sei gruselig und ihre schlotternden Beine berührten meine. Aber aus irgendeinem Grund starrte sie stets die wiegende Baumkrone an, verschloss sich mit ihren Armen und ihrer Winterjacke vor der Kälte und damit auch vor mir, blieb still und wortlos und ich, ich verlor den Mut, den Regen schließlich doch noch über uns ergießen zu lassen.
Stattdessen muss ich mich mit meinem roten Schirm vor anderweitigem Unwetter erwehren, vor jenem, das mir matte Weiber durch aufdringliche Annährungen versuchen heraufzubeschwören, auf Festen benommener Trebegängerei, auf jeglichen Veranstaltungen rücksichtsloser Trunkenbolde und auch anderorts, wo ich nach all den Ablenkungen vergeblich meine Ruhe suche.
Heute weiß ich sie schon seit einigen Tagen in London. Im Gedröhne und Gejaule der Busfahrten lässt sich seit Langem nichts mehr heraushören, das mein Ohr nur im geringsten wohlklingend streicheln könnte.

Ich stieg diesen trüben Nachmittag aus dem Zug aus, spannte im wilden wetterwendischen Wind meinen Schirm auf und versuchte mühselig und verzweifelt meinen Weg zu keilen, durch den Lärm der anfahrenden Züge, durch das laute Geplätscher, in dem sich andere mit ihren Ordnern oder ihren Regenjacken trocken hielten, durch schmatzende Paare, durch das unentwegt fließende Gemenge und seinen unaufhörlichen, an mir brechenden Ameisenfleiß.
- Man reißt sie wieder auf, die Tür.

 

»J'ai rêvé la nuit verte aux neiges éblouies,
Baiser montant aux yeux des mers avec lenteurs,
La circulation des sèves inouïes,
Et l'éveil jaune et bleu des phosphores chanteurs!«​
Jean Nicolas Arthur Rimbaud: Le Bateau ivre, Verse 37 - 40​

- Man reißt sie wieder auf, die Tür.
Abgesehen vom unmotivierten Bindestrich, korrespondieren Anfang und Ende dieses kleinen Textes im „man“ miteinander.

Warum aber muss dieser kleine Text so lange warten, bis ein Gelegentlicher sich seiner annimmt (keine Bange, ich hab mich nicht erbarmt, weil ich mal in den unbeantworteten Themen geblättert hab). Aber die erste Lösung,

lieber Josef –
und damit erst einmal ein wegen der langen Wartezeit umso herzlicheres Willkommen hierorts –

der erste Satz hat es schon in sich:

Man sieht und wird von Tag zu Tag nicht satt - erneut ohne mich,
wird den meisten hier schwerverdaulich sein. Gelegentlich weiß einer selbst nicht, was seine Dichtung auslöst – wie hier, behaupte ich mal.

Ein scheinbar einfacher Satz zwischen zwei Pronomen geklemmt, dem unbestimmten „man“ in seiner Allgemeinheit und Zweideutigkeit als Einzahl des „der eine“ oder „die andere“, aber auch als unbestimmtes Zahlwort „die da / anderen“ und dem eindeutigen Akkusativ der 1. Person Einzahl.

Nach dem poetischen Einstieg (buchstäblich symbolisiert durch den ÖPNV) läuft dem Autor die Zunge über, zu viele Worte bis hin zum Schwülstigen. Ein Rimbaud palavert da nun gerade nicht. Muss auch nicht, aber dennoch könnte Rimbaud, der ja mit 19 aufhörte zu schreiben, um Kaufmann zu werden, aber im Waffenhandel versickerte, der trotz all seiner Wut auf die bürgerlichen Konventionen klassische und damit strenge Formen bevorzugte. Da gibt’s nur eins: Ballast abwerfen!, -

aber vorher noch einige kleine, notwendige Korrekturen am bestehenden Text:

Heute ist zwar ein Tag wie fast jeder Andere, …
Warum erhebst Du den anderen, fast jeden Tag zum Substantiv? Der Andere ist immer ein anderer Mensch oder Dein psychischer Apparat.

…, erblickte ich Sie, Sie das Mädchen, Sie die Glänzende – …
Warum das Anredepronomen, zudem beim Mädchen im falschen grammatikalischen Geschlecht?

zuzweit
Kann getrost getrennt werden: zu zweit

Ein m. E. unmotiviertes Komma setztu hier

Und einmal, war ich auch bei ihr.

…, hörte es und ersinnte es bereits erwartungsvoll vor ihrer baldigen Haustür.
Da schlägt dann doch die Be- in Entgeisterung um:
ersinnte?
Baldige Haustür?

… vergessen lies …
Da wird doch nicht gelesen, sondern gelassen: ließ!

Und immer wieder kommen in dem Wortschwulst poetische Momente wie hier etwa

… eine Frau, die erschwerten Mutes mit ihrem Gehwagen in den Bus einsteigen möchte, …
der Gebrauch der gewöhnlichen Bezeichnung des Rollators zerstörte die Poesie.
oder wie hier
- meine Ohren sollen Blind sein! -

So, das wär's für heute. Ich wünsch Dir noch ein schönes Wochenende und bis demnächst

Friedel

 

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