Jack, du verdammter Hund!
„Knuutschen!“
„Mit ha oder ohne...?“
„Nein am Hintern...“
„Bitte?“
„Am Hintern können sie mich mal... “
Herr Paulsen, der weder über einen Sprachfehler verfügte und dessen Nachname nicht Knutsen lautete, nahm Anlauf und schleuderte das Wort mit einer gehörigen Portion Speichel in Jacks Gesicht. „KNUTSCHEN!“
Jack wischte mit dem Zeigefinger einen Tropfen Speichel von seiner Nasenspitze, faltete das Angebotsprospekt wieder zusammen und legte eine Hand darauf. „Bedeutet dass...“
„Ja“, schrie der kurz vor einem Herzinfarkt stehende Paulsen, „Ja, das bedeutet, dass wir nicht ins Geschäft kommen, sie verdammter Winkeladvokat, sie...“ Paulsens Körper bebte, die Lippen zitterten und die Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen.
„Gut.“, meinte Jack, „Ich glaube, jetzt verstehen wir uns langsam.“
Jack ließ sich seine Belustigung über das HB-Männchen nicht anmerken. Er genoss es regelrecht, wie Paulsens pockennarbiges Schweinegesicht rot anlief, seine Stirn sich zu einer Hommage an Walther Mattheau verformte und aus seinen Mundwinkeln der Sabber troff. „Verdammter Hund...verdammter!!...Sie...“
Jack betrachtete den wild hüpfenden Adamsapfel, die ineinanderfallenden Augenbrauen und die glänzende Stirn, das wundersame Zusammenspiel von schielenden Augen, bebenden Nasenflügeln und verzerrten Mundwinkel. Eine Synfonie der Wut.
Jack hob wie ein Dirigent beschwichtigend die Arme, öffnete seine Handflächen und wiegte sie in einem gleichmütigen Rhythmus. „Ho... ho. Ganz ruhig, Herr Knutsen...“
„Paulsen!“, zischte der Mann, der nicht Knutsen hieß, „Paulsen und ich bin nicht ruhig.“
Jack legte den Kopf schief, lächelte sanftmütig. „Paulsen also, gut. Ich verstehe...“
Paulsen fummelte an seiner Krawatte, löste den Knoten und öffnete den obersten Hemdknopf. „Sie verstehen gar nichts! Sie sind...“
„...ein Winkeladvokat?“ Jack lächelte. „Ich weiß, aber um noch einmal auf ihre Situation zurückzukommen... Sie sind alleiniger Nachfolger von Johann Paulsen Junior. Stimmen Sie mir darin überein?“
Jack nickte für Paulsen, um den nächsten Wutausbruch hinauszuzögern. „Sie haben keinerlei Nachkommen, Anverwandte, Angetraute oder sonstige in direkter Linie zu Ihnen im Verwandtschaftsverhältnis stehende Personen, die ein Anrecht auf das Erbe hätten? Ist das soweit richtig.“
Jack beobachtete, wie Paulsen tief Luft holte. Den Mund hatte er bereits soweit geöffnet, dass man die schiefstehenden Zähne und das Goldplagiat des rechten Backenzahnes erkennen konnte, die Uvula, das kleine Zäpfchen am Ende des Gaumensegels flatterte heftig, als Paulsen seine hasserfüllte wütende Triade losließ. Eine lose folge zusammenhangloser Schimpfwörter und Grunzgeräusche, die in der Tonlage eines langgezogenen lauten Urschreis in Jacks Ohr drang. Jack hatte das Gefühl, dass die weitläufige Halle der Paulsen & Sohn Company über eine äußerst günstige Raumklangverteilung verfügte – ideal für Konzerte oder eben Schreie von wütenden Männern, deren Namen nicht Knutsen war.
Dann, nach einer Weile, eine Zeit, die man gut für Zigarettenpausen oder gepflegte Skatrunden verwenden konnte, trat Stille ein. Paulsens Kopf war zu einer rubinroten Bowlingkugel angeschwollen, die Haare standen zu allen Seiten ab. Seine zittrigen Hände gingen zu seinem Hemd, packten den nächsten Knopf und versuchten es noch weiter zu öffnen. Er stieß in hektischen Stößen seinen Atem in den Raum, das Gesicht zu einer gemeinen Fratze verzerrt. „Wissen sie“, keuchte Paulsen, „das ganze ist doch absurd.“ Er stieß ein kurzes hektisches Lachen aus. „Ich meine, da mache ich mir wochenlang Gedanken und dann tauchen sie hier auf und...“
Jack erkannte die Gesprächsbereitschaft, kramte ein Päckchen Marlboro aus seiner Hemdtasche, klopfte eine Zigarette hervor und bot sie ihm an. Paulsen ging darauf ein, er nahm sich eine und stieß sie sich zittrig in den Mundwinkel. Jack entflammte ein Zündholz und hielt es unter die Zigarette. Gierig sog Paulsen den Rauch in sich hinein, als wäre es sein Lebenselexier. „...und was passiert jetzt?“
Jack nickte, atmete tief ein, nahm die Luft des Raumes in sich auf, Staub, der in der Luft flirrte, den Duft der Zigarette und den Angstgeruch des Mannes, faltete die Hände, sah ihm tief in die Augen, packte sein Gesicht, hielt es fest in seinen Händen und mit einer einzigen fließenden Bewegung küsste er ihn – auf den Mund und voller Leidenschaft. Dann ließ er den leblosen Körper fallen wie einen nassen Sack Kartoffeln.
„Mein Ratschlag: Lesen sie immer das Kleingedruckte, Herr Paulsen, wenn sie mit dem Teufel verhandeln.“
Dann nahm Jack das Angebotsprospekt hundert verschiedenen Wege zu sterben und verschwand auf dem für ihn üblichen Weg durch die Eingangstür von Paulsen & Sohn Company.