Was ist neu

J Big´s Tod

Mitglied
Beitritt
26.09.2002
Beiträge
46

J Big´s Tod

Ich rannte und rannte, die U-Bahn würde nicht mehr lange warten... ich betete, bitte, diese Frau mit dem Kinderwagen möge länger brauchen! Ich wollte unbedingt diese Bahn erreichen! Es waren nur noch wenige Meter und ich sprang hinein, in die überfüllte, nach Schweiß stinkende U-Bahn. Die Türen piepten kurz, bevor sie rasch und schnappend hinter mir schlossen. Ich blickte mich kurz um, sah einen freien Sitzplatz direkt am Fenster und drängelte mich durch. Schnaufend ließ ich mich fallen. Die dicke Dame neben mir hielt ihren weißen, frisch frisierten Pudel auf dem Schoß und schaute mich missbilligend an. Ich wusste schon um meine Reaktion auf andere, aber was kümmerte mich das jetzt? Ich war ein Mensch, genau wie alle anderen auch und hatte das Recht hier zu sitzen. Sollte die mich doch versuchen in den Boden zu starren, ich ignorierte sie jedenfalls. Scheppernd ließ ich meine schwarze Tasche fallen, ich sammelte neuerdings alte Bierdosen. Nicht wegen dem Pfand, sondern weil ich sie schön fand. Ich stellte sie in meinem Zimmer auf, hatte mir extra dafür ein neues Regal gebastelt. Und stolz war ich, hatte schon rund hundert!

Meine Mutter lag in einem weißen Zimmer. Ganz weiß. Nein, nicht ganz, der Boden war leicht grün, ein Krankenhausgrün eben. Wie einsam ich mich fühlte. Der Raum war so kalt, farblos und unfreundlich. Und eigentlich kein Raum, von dem man denkt, darin gesund zu werden. Aber sie lag da. Einfach nur so. Als würde sie schlafen. Nur das Summen und Piepen der Geräte und Maschinen erinnerten an den Unfall. Die ganzen Schläuchen... sie sah so friedlich und hilflos aus. Wie ein kleines Kind. Ich wollte sie umarmen, aber ich kam garnicht an sie heran. Ihr Gesicht war so nah, aber doch viel weiter weg, als es das jemals gewesen war. Und es war so weiß, so weiß wie das Bettlaken und die Decke, so weiß wie die Tapete und der Kittel der Frau, die Daten aufschrieb. Das viele Weiß blendete mich. Grausam grell war es. Ich fühlte, wie eine Übelkeit in mir aufstieg und ich rannte hinaus, suchte die Toilette. Ich fühlte Tränen in meinen Augen, dabei wusste ich, J Big weint nie. Selbst hier nicht. Sie ist stark, auch am Krankenbett ihrer Mutter, auch wenn sie weiß, dass es nie mehr wird, wie es mal gewesen war, auch wenn sie fühlt, dass ihre Mutter schon ganz weit weg ist, garnicht mehr hier auf dieser Welt, auch wenn sie...

Die U-Bahn schwankte. Mein Körper schwankte mit. Die Frau glotzte mich an, als wäre ich ein ausgestorbenes Tier, oder ein Dinosaurier. Aber was soll´s. J Big gefiel es, wenn die Leute nicht mit ihr zufrieden waren. Gefiel e4s mir auch? Ich wusste es nicht. Ich glaube, mir war es eher unangenehm. Ich wusste ja, dass meine Gestalt eher Furcht einflößend war, als Frieden stiftend. Aber ich war stolz. Nicht nur auf meine Bierdosensammlung. Auf mein Aussehen. Immerhin verbringe ich Morgens eine gute Stunde damit, mich zu schminken. Und ich gefalle mir, weil ich keinem anderen gefiel, will ich so anders war, als alle anderen, weil ich kein Mitläufer war. Und ich war stolz, weil ich sogar manchmal J Big verstand, wie es kein andere tat. Und sie ist doch so stark. Ich bewundere sie. Aber heute ist sie gestorben.

"Entschuldigung, sind Sie die Tochter von Frau Mino? Bitte folgen sie mir. Ich möchte mit ihnen über den Zustand ihrer Mutter reden." Der Mann mit dem Kittel. Die Frau mit dem Kittel folgte ihm. Ich auch. Wir gingen in ein Zimmer, nicht ganz so furchtbar weiß, aber ich mochte es trotzdem nicht. Angst lag in der Luft, ich hatte das Gefühl, das in diesem Raum schon viel passiert war. Ich bekam Angst. Natürlich nur, weil der Raum voller Angst war, denn J Big hat nie Angst. NIE! Und das sollte auch so bleiben. Ich setzte mich cool in einen der zwei Sessel, man hatte mir keinen Stuhl angeboten. Ich wollte nur sitzen, denn niemand sollte sehen, wie sehr meine Knie zitterten. "Ihre Mutter, sie wissen ja schon, sie hatte einen schweren Unfall. Ist mit dem Auto gerammt worden. Mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen. Sie hat innere Blutungen. Auch im Kopf. Es tut mir Leid, aber wir können nichts mehr für sie tun." Ich glotzen den Typen an. Ich kaute mein Kaugummi. Innerlich schrie ich auf.

Ich wusste es. Diese Frau mit dem Pudel, sie hatte wirklich was gegen mich. Nicht nur mein Aussehen. Sie rümpfte die Nase. Dann murmelte sie soetwas wie „Die Jugend von heute... also nein, nein, nein... Man kann ja immer wieder nur staunen.“ „Was die Eltern heutzutage alles aushalten müssen...“ „Ich bin entsetzt...“ „Fiffi, mein Liebes, schau nicht dahin! Gewöhne dir ja garnicht erst sowas an. Wir sind schließlich gesittete Leute...“ Pah! Was wusste die schon. War ihre Mutter gerade gestorben? Und war ihre Schwester, ihr ganzes Leben gerade zerstört worden? Nein, sie musste sich nur über etwas aufregen. Armer Fiffi. Den ganzen Tag das Geschwätz einer alten Tussi zu hören... auch nicht gerade das schönste Leben!

Erst jetzt bemerkte ich das Fenster. Es war hinter mir. Und dort lag sie. Bei jeden Herzschlag piepte es. "Sei ohne Sorge, wir schaffen das schon." Das hatte sie mir immer gesagt. "Hauptsache ist, dass wir uns verstehen. Am besten ich koche jetzt erstmal einen Tee." Meine Mutter. J Big´s Mutter. Und da rollte sie, die verhängnisvolle Träne. Erschrocken zischte meine Hand auf die Wange und wischte sie weg. Doch die Frau im Kittel hatte sie bereist gesehen. Meinte:" Ich weiß, wie ihnen jetzt zu Mute ist. Meine Mutter ist auch gestorben, als ich noch jung war. Wie sehr ich sie geliebt habe! Deswegen bin ich Krankenschwester geworden. Um anderen zu helfen. Hier, ein Taschentuch. Weinen kann manchmal so gut tun! Sie brauchen sich nicht zu schämen. Wirklich nicht!" Sie redete wie ein Wasserfall, merkte nicht, wie sehr ich sie begann zu hassen, sie wusste garnichts. Weder von mir, noch von J Big, noch von meiner Mutter. Aber J Big? Sie war gerade gestorben. Denn J Big ist stark, sie hätte nie geweint, sie wäre cool geblieben. Sie hätte auch das geschafft. Und jetzt... war sie gestorben-

Die Bahn ratterte. Ich wusste, gleich würde meine Station kommen. Und die ganzen bunten Plakate vor dem Bahnhof. Ich mochte sie nicht. Für alles hatten sie eine Lösung. Nur für mich , für den Tod gab es keine. Dafür gab es keine Werbeplakate. Noch nicht. Ich schnappte meinen Beutel und drängelte mich zur Tür. Ich hasste Krankenhäuser. Ich war weder alleine. Ohne Mutter, ohne J Big. Ich wollte tot sein.

Das Piepen wurde langsamer. Ich ging langsam durch die Tür, nah, die Hand meiner sterbenden Mutter. Riss die Schläuche ab. Legte mich zu ihr. Schwestern kamen. Zerrten an mir. Ich sah und hörte alles wie durch einen Schleier. Und dann sah ich plötzlich, wie J Big und Mama gleichzeitig in den Himmel stiegen. Und da waren sie fort. Hektik. Unruhe. Leute. Sie schubsten, zogen an mir. Aber ich blieb liegen. Denn gerade war ich eine Waise geworden. Hatte meine Schwester verloren. Vielleicht war es auch ganz gut, jetzt war ich wieder Lil und nicht mehr die starke, unnahbare J Big, die niemals geweint hätte. Frische Luft wehte mir um mein Gesicht, als ich zur U-Bahnstation lief. Ich war frei, alleine. Aber nicht freiwillig, auch wenn J Big das niemals zugegeben hätte.

 

Hallo Mary-Lou!

Eine gute Geschichte, finde ich! Der Aufbau mit den Einschüben ist gelungen, stellt die Rückbezüge gut her. Du machst es dem Leser aber nciht ganz einfach, zu durchschauen, wer die Prot eigenltich ist, und wer J Big ist. Am Ende wird es klarer, und ich empfinde diese Verflechtung als sehr gelungen. Durch die Tränen, den Tod der Mutter auch der Tod von J Big. Wer sich eigentlich hinter der Prot verbirgt, nachdem J Big tot ist, bleibt in der Situation noch undeutlich. Aber das macht nichts. Sie sammelt Bierdosen, schmnkt sich, ist ein Magnet für Aufmerksakeit und Reaktionen.
Sehr gut kommen auch ihre Gefühle zum Ausdruck, auch ihre innere Zerissenheit.
Gut gemacht!

"waren nur noch wenige Meter und ich sprang hinein, in die überfüllte, nach Schweiß stinkende U-Bahn. Die Türen piepten kurz, bevor sie rasch und schnappend hinter mir schlossen. Ich blickte mich kurz um, sah einen freien Sitzplatz direkt am Fenster und drängelte mich durch." - sorry, aber wenn die Ubahn überfüllt ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass noch ein Platz frei ist....

"Ich wusste schon um meine Reaktion auf andere, aber was kümmerte mich das jetzt?" - die anderen reagieren. Ich denke Du meinst iren Wirkung auf andere, nciht die Reaktion.

"als wäre ich ein ausgestorbenes Tier, oder ein Dinosaurier." - empfinde ich als etwas unglücklich, denn Dinos sind ja auch ausgestorbene Tiere...

"Gefiel e4s mir auch?" es

"Immerhin verbringe ich Morgens eine gute Stunde damit, mich zu schminken. Und ich gefalle mir, weil ich keinem anderen gefiel" - irgendwo hast du einen Knoten in den Zeiten.

schöne Grüße
Anne

 

Hi Anne!!

Schön, dass dir meine Gecshichte gefallen hat und dank, für deine Kritik! = )

Zu deinen Kritikpunkten kann ich nur sagen, ich stimme dir zu! Ich hätte die Geschcihte nochmal gründlicher auf Fehler lesen sollen... Das ist meine Schwäche... Nur bei deinem ersten Punkt, du schreibst was von der überfüllten U-Bahn und dem freien Sitzplatz, bin ich nicht ganz deiner Meinung. Ich finde oft in überfüllten öffentlichen Verkehrmitteln noch freie Plätze... vieleicht ist es Glück! Keine Ahnung! Jedenfalls muss ich sagen, dass sowas durchaus vorkommt...

Schönen Abend noch! mach´s gut, Mary-Lou

 

Gefällt mir auch sehr gut, deine Geschichte.
Einige Kritikpunkte wurden schon gesagt. Mehr ist mir auch nicht aufgefallen.
Man denkt über deinen Text nach, wenn man ihn gelesen hat und man nimmt ihn in irgendeiner Form mit. Und das ist glaube ich ein sehr gutes Zeichen. :)

 

N´Abend Fliegenbein!

Danke für deine Kritik! Ich hatte gehofft, dass mein Text zum Nachdenken anregt und ich bin so froh, dass es mir gelungen ist, dass wenigstens einer meine Geschichte so aufgenommen hat, wie ich es mir gewünscht habe. Danke!! = )

Schönen Abend noch, Mary-Lou.

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom