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In der Trance des Lebens
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In der Trance des Lebens
„Hilf mir.“
Das war alles, was ich in meiner Trance hörte. Dieser winzige, kurze Augenblick, als seine Worte an mein Ohr drangen, war wie ein Hammerschlag gegen meine Seele, gegen mein wahres Ich. Mit einem Ruck, der mich fast in Ohnmacht fallen lies, wurde ich zurück in die Wirklichkeit geholt. Die Schlacht um mich herum nahm inzwischen Ausmaße an, die uns über den Kopf stiegen. Ich konnte Leute entdecken, die eindeutig zu keiner der beiden Gangs gehörten, die sich hier eine Straßenschlacht lieferten. Aber auch von ihnen besudelte viel Blut die von Schlaglöchern übersäte Straße. Alles voller Blut und unmenschlicher Schreie. Ich versuche an Etwas zu denken, das mir die Kraft gibt durchzuhalten. Das einzige was mir einfällt ist das Gesicht eines Engels – meiner Freundin. Sie gibt mir wieder die Kraft weiterzumachen.
„Hilf mir!“
Wieder diese Worte, die ich durch den Lärm vernahm. In der Ferne konnte ich einen Raben entdecken, der scheinbar in Zeitlupe auf mich zuflog. Es hatte fast den Anschein, als würde er mit ausgelassener Gemächlickeit dahingleiten. Ein Lächeln zauberte dieser Vogel auf mein Gesicht. Mit einem Finger fuhr ich über dieses Lächeln und bemerkte, dass auch Blut an mir klebte. Ich wusste nicht, ob es meines war. Das war auch unwichtig. Wir wurden immer weiter zurück gedrängt und inzwischen zeigte uns das Schicksal mit all seiner Grausamkeit, dass wir nicht mehr lange durchhalten würden. Um mich herum sackten meine Leute, meine Brüder wie Puppen zusammen, bei denen man die Fäden losgelassen hatte. Wie eine Maschine drückte ich den Abzug meiner Waffe durch. Das erste Mal, oder schon wieder? Keine Ahnung.
„Hilf mir!“
Die anfänglich lediglich klagende Stimme wurde zu einem Brüllen, zu einem Schreien. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, aber mein Überlebenswille fesselte meine Hände an die Waffe. Der Rabe war nun schon fast heran und ich glaubte ihn auch lächeln zu sehen.
Er jetzt wird mir klar, dass ich derjenige bin, der immer wieder diese Worte wiederholt. Es ist das Blut meines eigenen Körpers auf meinem Gesicht. Ich fange laut an zu lachen, öffne die Augen, die ich bisher die ganze Zeit geschlossen hielt und blicke in die Züge meines besten Freundes. Er versteht mich nicht, weiß nicht, was jetzt passiert. Ich habe unzählige Geschichten gehört, wo der Sterbende mit letzter Kraft dem gaffenden Schaulustigen, der ihn hält, etwas Wichtiges gibt. Es ist nicht schwer. Erst da fiel mir das kleine Bild auf, das ich die ganze Zeit in meiner Hand trug. Traurig schaute ich darauf und auch wenn die rote Körperflüssigkeit die Person unerkenntlich machte, erkannte ich noch immer die Liebe meines Lebens, die dort verewigt worden war. Mit neuer alter Kraft gab ich meinem baldigen Totenwächter mein letztes Geld und dieses Foto.
„Hilf ihr!“
Ohne ein Wort zu sagen, oder mir einen letzten Augenblick Zeit zu geben, legen sich die Schwingen, des Raben um meinen geschundenen Körper. Es ist wunderbar.