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Im Regen
Tropfen an der Scheibe, vom Fahrtwind waagrecht gezogen. Haltestelle. Die Tür faltet sich auf. Auf dem Bahnsteig eine Frau, ein Mann. Zusammen betreten sie die Bahn, sehen sich um. Leuchtend orange sein T-Shirt, ohne Aufdruck. Die Ärmelenden schlagen Falten, erlauben dem Blick, ein kleines Stück weit unter den Stoff zu dringen. Dunkle Flecken zeichnen den Regen auf dem orangenen Stoff. Auf den Schultern und ein kleines Stück unterhalb des letzten Rippenbogens, wo sein Bauch das Shirt zu einer kleinen Wölbung zwingt. Der Brustkorb breit. Links und rechts der Schultern kleine Dellen, die Enden seiner Schlüsselbeine.
Die junge Frau lächelt. Lächelt ohne Unterbrechung. Ein schönes Lächeln. Freundlich, offen. So ein Lächeln, das in den Augen beginnt. Ihre weißen Zähne leuchten in geraden Reihen. Die Lippen, ungefärbt und trotzdem rot. Dazwischen eine dünne Linie rosafarbenen Zahnfleischs. Zu dünn, um ein echter Makel zu sein. Lächelnd setzt sie sich, schlägt ein Bein über das andere.
Er, ein kleines Stück hinter ihr, bleibt stehen, obwohl gegenüber noch ein Platz frei ist.
Seine Stimme ist leise als er spricht. Kurze Sätze. Sie klingen wie Treibholz in einem See. Irgendwie verloren. Er steht neben ihr, aber nur manchmal dreht er den Kopf und sieht sie an während er spricht. Immer nur kurz, als wolle er nachschauen ob sie noch immer lächele.
Sie tut es. Lächelt und schaut nach oben zu den kleinen Dellen seiner Schlüsselbeinknochen und den dunklen Flecken auf seinen Schultern, die langsam blasser werden.
Vielleicht ist sie Studentin, er ihr Kommilitone. Beide Neulinge an der Uni. Aus anderen Städten hierher gezogen und nun irgendwie vereint.
Die Bahn wird langsamer. Menschen stehen auf, gehen zu den Türen. Er sagt etwas, das wie eine Verabschiedung klingt. Schüchtern schaut er sie dabei an. Sie lächelt. Die Bahn steht. Er geht zur Tür, tritt hinaus in den Regen, dreht sich nicht um.
Sie schaut ihm nach, lächelt in seinen Rücken. Die Tür schließt sich. Ein Rucken, die Bahn fährt an.
Das Lächeln ist verschwunden. Keine Spur mehr. Die Lippen geschlossen, die Augen ohne Ausdruck. In der Hand ein Mobiltelefon. Ihr Daumen zuckt über die Tasten. Zwei Worte: “Hab ihn!”.