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Im düsteren Dornenwald

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11.02.2002
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Im düsteren Dornenwald

1958. Wir befinden uns in dem Dorf Rabensmoor. Es ist ein sehr kleines Dorf, in dem jeder den anderen kennt. Das Dorfidyll wird jedoch durch den angrenzenden Dornenwald betrübt. In diesem Wald soll Gerüchten zufolge eine Kreatur leben, die nicht menschlichen Ursprungs zu sein scheint. Ältere Personen reden meist von einem gottlosen Ort, wenn sie über den Dornenwald sprechen. Eltern fordern ihre Kinder dringlichst auf, sich von diesem Wald fernzuhalten. Diese Angst ist berechtigt, denn in den letzten zwölf Jahren sind immer wieder Menschen, überwiegend Kinder, im Wald verschwunden. Niemand hat sie jemals wieder gesehen. Auch die Polizei macht einen großen Bogen um den Dornenwald und erwähnt lediglich „keine Abnormalitäten“ im Wald vorgefunden zu haben.

In der Dorfkneipe ‚Zum schwarzen Raben’ ereignete sich am 12. Februar 1957 folgender Zwischenfall:
Fünf Einwohner des Dorfes, unter ihnen der Dorfpfarrer, hatten sich an einen Tisch gesetzt, um in geselliger Runde ein Bier zu trinken. Gegen 21 Uhr betrat der Förster die Kneipe. Er war völlig außer Atem und das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer.
„Ich habe es gesehen!“ Konnte er nur immer wieder von sich geben.
Der Wirt gab dem Förster einen Schnaps, den er in einem Zuge leerte. Er verlangte einen weiteren, bevor er seine Beobachtung erzählen konnte.
Der gespannten Runde teilte er mit, dass er mit einer Taschenlampe einen Kontrollgang durch den Wald machen wollte. Natürlich in Dorfnähe, denn auch er fürchtete sich vor den Gerüchten um die Kreatur, die in diesem Wald leben soll. Er fuhr fort, dass er mit einem male ein knackendes Geräusch vernahm und den Strahl der Lampe in die Richtung führte, aus der er das Geräusch vermutete. Mit grausiger Gestik erzählte er den Anwesenden über ein Wesen, dass sich an dem rohen Fleisch eines erbeuteten Rehs labte. Es trank sein Blut aus einem Kelch, welcher einem kindlichen Schädel glich.
Er ließ verlauten, dass das Wesen klein wie ein Kind wäre, es hätte feuerrotes Haar, leichenblasse Haut und eine merkwürdige Abnormalität am Mund, die man als Hasenscharte bezeichnet. Des weiteren würde es fürchterlich hinken, aber schnell wie ein Fuchs sein. Der Dorfpfarrer machte ein entsetztes Gesicht.
„Schließlich kam es auf mich zu und flüsterte mir mit rauer Stimme ‚sechs’ zu. Dann verschwand es in der Dunkelheit...“
„Sechshundertsechsundsechzig, die Zahl des Leibhaftigen.“ Murmelte der Pfarrer.
Eine wilde Diskussion entfachte, angeführt vom Dorfpfarrer.
„So kann es nicht weitergehen!“ Wurde mehrmals geäußert. Der Förster war immer noch voller Angst und leerte an diesem Abend eine ganze Flasche Schnaps. Es war das letzte mal, dass die Gemeindemitglieder den Förster sahen. Er verschwand in der Nacht zum 13. Februar. Sein Verschwinden wurde nie richtig geklärt, nur sein Försterhut fand man nahe am Rande des Dornenwaldes. Er war blutgetränkt...

Der neunjährige Melchor und der achtjährige Mirko leben mit ihren Familien in Rabensmoor. Sie sind die besten Freunde. Auch ihre Eltern haben ihnen eingetrichtert, sich vom Dornenwald fernzuhalten, aber wie Kinder nun einmal sind, machen diese Verbote sie erst so richtig neugierig.
Am 13. Juni 1958 beschließen sie, einen kleinen Ausflug in den Wald zu machen.
„Ich muss um fünf wieder zu Hause sein, hat Mama gesagt.“ Äußert Mirko. Melchor kann ihn beruhigen.
„Wir werden höchstens eine Stunde im Wald sein.“
Beide haben einen kleinen, geschnürten Rucksack dabei mit Keksen und anderem Süßkram, ihr Reiseproviant. Melchor schaut auf seine Uhr, es ist 14.40 Uhr. Bevor sie den Wald betreten, schauen sie sich noch einmal um, ob sie auch niemand gesehen hat, ein Geheimnis ist in Rabensmoor niemals sicher. Beide Jungen sind das erste mal in diesem Wald und staunen nicht schlecht über die großen Bäume und diese einmalige Naturkulisse. Jeder Baum und jeder Pilz wird von den beiden kleinen Forschern begutachtet, so neu ist das alles für sie.
„Melchor, wie spät ist es?“ will Mirko wissen. Melchor schaut auf die Uhr.
„Es ist jetzt ... warte mal ... vier Uhr dreiundzwanzig.“
„Lass uns mal wieder nach Hause.“ Drängelt Mirko.
„Na, schön, wir können ja morgen noch mal hierher kommen.“ Sagt Melchor.
Mirko nickt mit dem Kopf und beide gehen in die Richtung, aus der sie gekommen sind.
Nach einem zwanzigminütigen Fußmarsch bemerkt Mirko, dass irgendwas nicht stimmt. Verwirrt blickt er sich um.
„Müssten wir nicht schon längst wieder in Rabensmoor sein? Ich glaub, wir laufen im Kreis.“
„Ach, Mirko, wir schaffen das schon, keine Angst.“ Beruhigt ihn Melchor.
Eine Stunde später, Mirko ist schon total verheult, bekommt auch Melchor Panik und beginnt zu weinen.
„Ich will nach Hause!“ fleht Mirko und beide weinen synchron.
Wieder ist Zeit vergangen. Melchor schaut auf seine Uhr. 19.34 Uhr. Mirko ist völlig aufgelöst.
Zur selben Zeit in Rabensmoor. Fast die gesamte Gemeinde sucht nach den beiden Kindern. Ihre Namen hallen durch das ganze Dorf. Es sieht schlecht aus. Es dauert nicht lange und die Meinung über den Aufenthaltsort der Kinder ist eindeutig: Sie sind im Dornenwald. Viele der Suchenden weigern sich den Wald zu betreten und gehen nach Hause. Auch das Flehen der Eltern kann diese Menschen nicht umstimmen. Schließlich finden sich neun Dorfbewohner, die sich bereit erklären, den Dornenwald zu durchsuchen, unter ihnen befindet sich auch der Dorfpfarrer, der vorschlägt, ein Gebet zu sprechen, bevor sie diesen gottlosen Boden betreten.
Der Pfarrer, die acht Dorfbewohner und beide Eltern der Kinder falten ihre Hände und schließen die Augen, während der Pfarrer sein Gebet spricht.

Erneut schaut Melchor auf die Uhr. 20.12 Uhr. Es ist immer noch hell, aber eigenartigerweise ist es sehr still. Kein Zirpen einer Grille, kein Vogelgesang ist zu hören. Da Mirko unaufhörlich weint, gibt ihm Melchor seine letzten Kekse und weist ihn darauf hin, dass Weinen jetzt auch nichts bringe. Mirko schnieft ein paar mal und isst die Kekse.
„Unsere Eltern machen sich doch Gedanken.“ Sagt er.
„Ich weiß.“ Entgegnet ihm Melchor.
Mit einem male ist es plötzlich dunkel, als hätte jemand das Licht ausgemacht. Beide Kinder sind voller Furcht und schlottern. Mit der Dunkelheit scheint sich auch eine Hütte in den Wald gezaubert zu haben. Melchor und Mirko betrachten die Hütte mit ihren großen Kinderaugen.
„Vielleicht wohnt da jemand, der uns nach Hause bringen kann.“ Sagt Mirko mit einem hoffnungsvollen Ton.
„Es kann aber auch der ‚schwarze Mann’ drin wohnen, von dem mir meine Eltern immer erzählt haben.“ Bemerkt Melchor voller Angst. Mirkos Augen weiten sich noch mehr.
„Meinst du?“ hakt er nach.
Was die kleinen Kinder nicht bemerkt haben, ist, dass sich gerade eben die Tür der Hütte geöffnet hat und ein Augenpaar sie starr fixiert. Die Tür öffnet sich weiter und entlockt den Scharnieren ein fürchterliches Knarren. Die Kinder drehen ihre Köpfe in Richtung der Tür und sehen eine eigenartige Person. Es ist ein Mann, aber kaum größer als Melchor oder Mirko, sein Haar ist rot und er hinkt.
„Kinder, was habt ihr im Dornenwald verloren?“ zischt er zwischen seinen Zähnen hervor. Die Kerze, die er trägt, erhellt sein Gesicht nur wenig, aber mit jedem Schritt, den er auf die Kinder zuhinkt, werden mehr Details seines Aussehens erkennbar.
„Wir...wir haben uns verlaufen, bringen sie uns nach Hause?“ fragt Mirko.
„Gewiss.“ Sagt der Mann und lacht ein diabolisches Lachen, das sich im ganzen Wald verteilt und ein fürchterliches Echo nach sich zieht.
Jetzt erst merken die Jungen, dass der Mann eine ganz komische Oberlippe hat. Als wäre sie mit der Nase verwachsen.
„Ihr habt meine Frage nicht beantwortet, was habt ihr im Wald verloren?!“ wiederholt der Mann.
„Wir haben nur geguckt.“ Sagt Mirko.
„...und dann haben wir uns verlaufen.“ Ergänzt Melchor.
Der eigenartige Mann grinst noch immer und fordert die beiden Jungen auf, mit in die Hütte zu kommen.
„Kommt.“ Sagt er.

Stundenlang haben der Dorfpfarrer und sein Anhang nach den Kindern gesucht, aber vergebens. Sie sind unauffindbar. Der Geistliche fühlt sich verpflichtet den Eltern mitzuteilen, dass eine weitere Suche im Dunkeln sinnlos sei. So schonend wie möglich weist er sie auf die Tatsache hin.
„So Gott will, werden wir sie unversehrt finden.“ Fügt er hinzu.
„Was ist das für ein Gott! Das sind unschuldige, getaufte Kinder, welcher Gott lässt so etwas zu?!“ Fragt Mirkos Vater und sieht den Pfarrer kritisch an.
„Die Wege des Herrn sind unergründlich...“ beginnt der Pfarrer, aber Mirkos Vater unterbricht ihn.
„Kommen sie mir nicht mit diesem Spruch!! Denken sie sich mal etwas Neues aus, Pfarrer! Gehen sie, wenn sie wollen, ich werde die Beiden finden!“
Leicht gekränkt zieht der Pfarrer von Dannen, in dem Glauben, keine große Hilfe zu sein.
Zu Hause angelangt versucht er zur Ruhe zu kommen und legt sich in sein warmes Bett.
„Jonathan.“ Zischt es aus den Wänden. Jonathan ist der Vorname des Pfarrers, nur wenige in Rabensmoor kennen diesen Namen. Der Pfarrer schreckt auf.
„Wer ist da?“ fragt er.
„Gehe in die Bibliothek, Jonathan!“ flüstert die unheimliche Stimme.
Verwirrt, aber doch zielstrebig geht der Pfarrer zur privaten Bibliothek. Er ist überzeugt, dass diese Stimme ein Repräsentant Gottes ist und so fürchtet er sich nicht.
In der Bibliothek angelangt ist es dunkel, denn der Pfarrer hat es – aus welchen Gründen auch immer – nicht geschafft, die Lampe reparieren zu lassen, die der Bibliothek zu Licht verhelfen sollte. Zu diesem Zwecke hat er noch eine alte Petroleum-Lampe, die ihm das nötige Licht spendet. Der Pfarrer bemerkt ein gewisses Unbehagen, er bekommt eine Gänsehaut, denn ein eiskalter Windhauch streichelt seinen alten Rücken. Dann plötzlich stolpert er über ein Buch. Er ist sich sicher, dass er dieses Buch noch nie gesehen hat und seine Bibliothek am Nachmittag sauber und aufgeräumt verlassen hatte.
„Lies es!“ Der Pfarrer zuckt zusammen, da war sie wieder, diese flüsternde Stimme. Hastig schreitet er mit dem Buch an seinen Schreibtisch, setzt seine Brille auf, erhöht die Flamme seiner Lampe und schlägt das Buch auf.
Die Schrift ist sehr alt und der Pfarrer hat anfangs große Mühe, sie zu entziffern, aber er gewöhnt sich in der Regel schnell an Umstände dieser Art und schon bald liest es sich fließend. Während er liest, weiten sich seine Pupillen mehr und mehr. Das Buch handelt von einem Wald, bewohnt von einer finsteren Macht, einem Handlanger des Teufels.
„Der Dornenwald...“ das sind des Pfarrers erste Gedanken. Weiter steht in diesem Buch geschrieben, dass es sich um den Dämon ‚Kasimir’ handle und er sich von rohem Menschen- und Tierfleisch ernähre, um sich zu stärken. Er sei sehr mächtig und könne durch das Absorbieren von menschlichen Kinderseelen seine Macht weiter stärken. Er sei in der Lage, die Sonne in einem gewissen Umkreis auszusperren und sich in Finsternis zu hüllen. Kasimir, so steht es geschrieben, sei schon dreimal herausgefordert worden. Sie alle scheiterten. Nur ein keuscher Geistlicher mit reinem Herzen wäre imstande, Kasimir mit folgendem Ritual zu besiegen:

Durchstoße jeden Augapfel mit dem heiligen Dolch und trage ein Kreuz auf seine Stirn. So wird sich der Höllenschlund auftun und Kasimir mit Haut und Haar verschlingen.

Des weiteren ist dort eine laienhaft angefertigte Skizze von Kasimir, die den damaligen Beschreibungen des Försters durchaus gerecht wird.
Der Pfarrer schaut auf seine Uhr. 6.34 Uhr. Die ganze Nacht hatte er in diesem Buch gelesen. Er schaut sich das Buch genauer an, es scheint in Tierhaut gebunden zu sein. Da dämmert es dem Pfarrer. Vor 53 Jahren hörte er von einem derartigen Buch, er weiß es noch genau, denn die Geschichte um dieses Buch hatte ihn damals tagelang nicht mehr schlafen lassen und nun hielt er es in den Händen. Der Sage nach soll nämlich Filiander, ein Engel hohen Ranges dieses Buch verfasst haben.
Der Pfarrer ist erstaunt und sieht sich das Buch noch einmal genauer an. Dann sieht er aus den Augenwinkeln bläuliches Schimmern. Er steht auf und geht zu dem Regal, in dem sich dieser glitzernde Gegenstand befindet. Es ist ein Dolch.
„Der heilige Dolch...“ stellt der Pfarrer schnell fest und betrachtet seine einmalige, wunderschöne Form.

Melchor und Mirko werden von einem garstigen Unbehagen gepeinigt, als sie die alte Hütte betreten. Knochen liegen auf dem Boden verteilt, unbekannte Symbole mit roter Farbe an die Wand geschmiert und auf dem Tisch liegt rohes Fleisch. Das Knarren der Tür und das anschließende Geräusch des Einrastens lässt die Beiden zusammenzucken.
„Ich heiße Kasimir.“ Stellt der Mann sich vor.
„Melchor.“
„Mirko.“ Beide Jungen versuchen zu lächeln, aber es will ihnen nicht gelingen.
„Wie alt seid ihr?“ fragt Kasimir.
„Ich bin neun und Mirko ist acht.“ Antwortet Melchor.
„Wunderbar.“ Sagt Kasimir und reibt sich schelmisch die Hände, „Wunderbar.“
„Und du?“ Mirko ist sehr neugierig.
„Ich bin sehr, sehr alt.“
„Wie alt?“ Mirko bohrt nach, aber Melchor gibt ihm einen kleinen Hieb in die Rippen, so dass er verstummt.
„So alt wie der liebe Gott.“ Kasimir lacht ein infantiles, kreischendes Lachen. Er kann sich kaum halten. Sein Mund ist sperrangelweit offen. Ein fauliger Geruch strömt aus seinem Schlund.
„Wie der liebe Gott.“ Wiederholt er und lacht erneut. Den Kindern ist die Sache nicht geheuer, aber aus Höflichkeit grinsen sie ein bisschen mit.
„Wie unhöflich von mir, wollt ihr was trinken?“ unterbricht Kasimir sein Gelächter.
Die Kinder nicken mit dem Kopf. Kurze Zeit später hat Kasimir den Beiden zwei Schalen auf den Tisch gestellt mit blutartiger Flüssigkeit. Melchor und Mirko tauschen ängstliche Blicke. Mirko trinkt zuerst.
Plötzlich starrt Kasimir konzentriert in eine Ecke der Hütte. Es scheint, als habe er irgendetwas gewittert, denn sein Blick durchbohrt die Wand förmlich.
„Ich bin gleich wieder da, Kinder, ihr rührt euch nicht von der Stelle, klar?“
Die Beiden nicken mit dem Kopf, Mirko hat dicke Backen, da er sein Getränk immer noch nicht runtergeschluckt hat. Als Kasimir die Hütte mit einem großen, braunen Sack verlässt, spuckt Mirko seinen Mundinhalt wieder aus.
„Ist das ekelig!“ schreit er.
„Du Mirko, irgendwas stimmt hier nicht.“ Melchor ist ängstlich.
„Die ganzen Knochen und so...“ stimmt Mirko ihm zu.
„Lass uns verschwinden, ich glaube, dass ist der ‚schwarze Mann’!“
Um nicht zur Haustür hinauszumüssen, beschließen die Kinder aus einem Fenster zu steigen.
„Lass uns durch die Tür dort und sehen, ob da ein Fenster ist.“ sagt Melchor.
Mirko öffnet die Tür und seine menschliche Gesichtsfarbe weicht einer Leichenblässe. Gut ein Dutzend menschlicher Schädel befinden sich in dem Raum, meist kleinere Exemplare, wie sie nur Kinder haben. Bei einigen ist die Schädeldecke entfernt worden, um daraus einen Kelch zu machen. Augenblicklich hat Mirko sich eingenässt, so groß ist der Schock. Beide haben nur noch einen Gedanken: Raus hier.
Sie schießen zur Vordertür und wollen gerade die Hütte verlassen, als der kleine rothaarige Kasimir ihnen den Weg versperrt.
„Wohin des Weges, meine Kinder?“ Seine Stimme ist sehr erregt. Er lässt den Sack fallen, in dem sich nun etwas zu befinden scheint und streichelt den Beiden mit seinen abstoßenden, dürren Klauen über den Kopf.
„Hinein.“ fordert er die beiden auf. Sie gehorchen.
Erst im Inneren der Hütte bemerken Melchor und Mirko das Kasimirs Kleidung mit Blutflecken übersät ist.
„Sei so lieb und hole den Sack.“ sein Blick fixiert Mirko.
Melchor betrachtet Kasimir. Es hat den Anschein, als sei er zwar nicht größer, aber um einiges breiter und muskulöser als vorher.
„Komm mal her.“ Befiehlt Kasimir. Ängstlich schlendert Melchor zu dem fürchterlichen, menschenähnlichen Wesen, während Mirko draußen vor der Tür den Sack holt.
„Was?“ fragt Melchor.
„Ich muss mal was testen.“ Ein hinterhältiges Lächeln ist auf Kasimirs Gesicht zu erkennen.

Der Pfarrer hat sich warm angezogen, den heiligen Dolch, etwas Weihwasser und ein goldenes Kruzifix eingesteckt. Er ist sich sicher, dass er der Auserwählte ist, der Kasimir ins ewige Höllenfeuer schicken wird. Siegessicher betritt er den Dornenwald. Das Kruzifix hat er in seiner Hand und streichelt es immer wieder mit dem Daumen, während er Gebete murmelt. Der Pfarrer nimmt jede natürliche Hürde mit Gelassenheit. Er steigt jede noch so steile Böschung mit jugendlichem Enthusiasmus herunter und klettert leichtfüßig über gefährliche Hindernisse. Mit einem Schlag wird es jedoch dunkel.
„Er muss hier sein!“ der Pfarrer fährt zusammen. „Er spottet der Sonne und hüllt sich in Finsternis...“ rezitiert er aus dem Buch. Der Pfarrer schaut auf seine Uhr. 7.42 Uhr. Er hat dummerweise keine Taschenlampe mitgenommen und muss sich nun auf das funzlige Licht der Streichhölzer verlassen, die er glücklicherweise mit sich führt. Er setzt seine Wanderung fort, aber mit einer gewissen Vorsicht. Es knackt und knistert in allen Ecken und die anfängliche Gelassenheit des Pfarrers muss nun einer unvermeidbaren Furcht weichen.
Lange irrt er umher, mittlerweile glaubt er, dass Kasimir ein hinterhältiges Spiel mit ihm treibe, er wird immer paranoider und vermutet hinter jedem Baum den kleinen, mächtigen Dämon. Kalter Schweiß steht auf seiner Stirn und er atmet schwer, ganz beiläufig fällt sein Blick auf die Uhr. 7.42 Uhr. Mit erschrockener Mimik realisiert er, dass bisher keine Zeit vergangen ist, obwohl er bereits seit Stunden durch den Wald geht. An ein Versagen seiner Uhr will er nicht glauben, denn der Uhrmacher hat sie erst letzte Woche repariert.
„Davon stand nichts im Buch....“ murmelt er vor sich hin, „seine Macht hat sich vergrößert, er kann nun die Zeit beeinflussen....“
Blankes Entsetzen macht sich in ihm breit. Offensichtlich hat Kasimir Mirko und Melchor bereits umgebracht und ihre Seelen absorbiert. Sie könnten sogar bereits mehrere Jahre tot sein. Seine Macht muss unglaublich groß sein. Dem Pfarrer schwillt ein Kloß im Hals, denn der Sieg scheint nun nicht ganz so sicher wie anfangs gedacht, dennoch bleibt der Pfarrer der Meinung, er sei der Auserwählte, er könne Kasimir töten.
Plötzlich vernimmt er eine Art Schritte. Das Knacken morschen Holzes. Es scheint ein Tier zu sein. Da steht es plötzlich vor ihm. Der Pfarrer nimmt, obwohl er sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, ein Streichholz zur Hand und entzündet es. Er fährt zusammen. Sein Blick fällt auf das gespenstische Grinsen einer Hyäne. Die Existenz einer Hyäne auf diesem Kontinent ist unmöglich, das weiß auch der Pfarrer.
„Kasimir!“ schreit er, gepeinigt von der Angst, dass Kasimir nun auch andere Gestalt annehmen könne.
„Ich habe dich erwartet, Jonathan!“ antwortet die Hyäne. Es ist tatsächlich Kasimir, der sich der Gestalt dieses abstoßenden Tieres bemächtigt hat. Ein leiser Knall und Kasimir hat seine allseits bekannte Gestalt angenommen. Er trägt einen Stab, der einer menschlichen Wirbelsäule gleicht und eine Art Knochenzepter (es handelt sich um Mirkos Schädel, Anm. d. Autors).
„Das ist dein Ende, Satan!“ flucht der Pfarrer.
„Du hast Angst, alter Mann. Mehr als Mirko und Melchor.“ Kasimir lacht sein typisch kreischendes Lachen.
„Du elender....Bastard! Sie waren Kinder!“ Der Pfarrer ist außer sich vor Zorn.
„Ich habe ihre Seelen benötigt, Greis, das weißt du doch. Bringen wir es hinter uns....töte mich!“ Mit überlegener Mimik fokussiert er den Pfarrer.
„Nimm das, du Schlange!“ Der Pfarrer schüttet Kasimir das Weihwasser ins Gesicht. Mit schmerzverzerrten Schreien gräbt Kasimir sein Gesicht in die Hände. Offensichtlich war er auf eine derartige Attacke nicht vorbereitet. Der Pfarrer packt die Gelegenheit beim Schopfe und zückt den heiligen Dolch. Er stürzt sich auf Kasimir, der sich urplötzlich aus seiner verkrampften Haltung löst und dem Pfarrer mit seinen dürren, spitzen Klauen das Gesicht zerkratzt. Seine Schmerzen waren nur simuliert.
„Ich hab doch bloß Spaß gemacht, Jonathan!“ verhöhnt er den Pfarrer, der auf dem Boden liegt und das Blut mit seinem Ärmel wegwischt.
„Willst du wissen, was ich mit den beiden Hosenscheißern gemacht habe?“ fragt er den noch immer liegenden Pfarrer. Er nimmt seine Hand und übermittelt ihm per Telepathie grausige Bilder von der Schlachtung Mirkos und Melchors. Der Pfarrer übergibt sich, sein Zorn ist nun grenzenlos. Genauso war es von Kasimir beabsichtigt, er will einen ebenbürtigen Gegner.
„Kämpfe, alter Mann!“ Kasimir hat seine sarkastische, höhnische Maske abgesetzt und blickt nun finster auf den Pfarrer herab. Kasimir streckt seine linke Hand aus, um - vermutlich- ein gewisses Ritual vorzubereiten. Da drückt der Pfarrer ihm das goldene Kruzifix in die Hand. So immun wie Kasimir gegen das Weihwasser war, so empfindlich reagiert er auf das Kruzifix, welches seine linke Hand verbrennt, bis nur noch ein verkohlter, fauliger Stumpf übrig bleibt. Mit weit aufgerissenen Augen muss Kasimir sich eingestehen, dass er den alten Mann unterschätzt hat. Er holt mit der rechten Hand aus und lässt sie in des Pfarrers Gesicht donnern, so dass die Knochen zersplittern und es in ein Trümmerfeld verwandelt wird. Ein starker Schmerz kontrolliert den Pfarrer. Er ist für wenige Augenblicke regungslos. Ohne Zweifel, Kasimir ist sehr stark. Mit der deformierten Visage erhebt sich der Pfarrer langsam und es gelingt ihm, Kasimirs Leichtsinnigkeit, er spottet gerade Gott, auszunutzen und ihm den heiligen Dolch in den linken Augapfel zu stoßen. Wieder hatte Kasimir die Hartnäckigkeit des Pfarrers unter- und die Konsequenzen seines Schlages überschätzt.
Ein schriller Schrei ertönt, ausgestoßen von Kasimir, der nun wieder andere Gestalt anzunehmen gedenkt. Seine ohnehin langen, spitzen Klauen werden noch dürrer und schärfer und aus den Kiefern tun sich mächtige Fangzähne hervor.
„Alter Mann, ich bin ein Gesandter des Teufels!! Du kannst mich nicht besiegen, du niederer Wurm!“
Der Pfarrer, der die Transformation Kasimirs mit Furcht beobachtet hatte, will sich auf Kasimir stürzen, um auch den anderen Augapfel zu durchbohren. Er ist kurz davor, sein Werk zu vollbringen, da stößt ihm Kasimir seine Klaue in den Bauch. Des Pfarrers Augen sind aufgerissen und starren ins Nichts. Blut quillt aus seinem Mund. Schließlich sackt der Körper leblos zu Boden. Er ist tot.
„Ich habe dich gewarnt, Jonathan, ich habe es dir gesagt!“ wispert Kasimir und grinst. Sein Grinsen wird immer breiter und steigert sich schließlich zu einem grässlichen Kichern.
Kilometerweit hört man Kasimirs infantiles, kreischendes Kichern, bevor er einen enormen Fleischbrocken mit seinen Zähnen aus dem Kadaver des alten Mannes trennt und sich auf den Weg macht.

 

Hi weirdgeist!

Ich sag es gleich mal am Anfang; Deine Geschichte hat mir leider überhaupt nicht gefallen. Das liegt vor allem an dieser seltsamen Erzählweise. Die Sprache wirkt sehr einfach, schon fast kindlich. Das allein ist nicht weiter schlimm, aber Du beschreibst nicht wirklich. Deine Geschichte hat irgendwie etwas von einer Nacherzählung. Außerdem stört mich auch die Erzählzeit.
Ich kann das gar nicht näher erläutern, aber vielleicht weißt Du ja trotzdem, was ich meine.

„Ich habe es gesehen!“ Konnte er nur immer wieder von sich geben.
>"Ich habe es gesehen!", konnte<
Bitte schau Dir hier mal an, wie die wörtliche Rede funktioniert. Du machst das immer falsch.
Beide haben einen kleinen, geschnürten Rucksack dabei mit Keksen und anderem Süßkram, ihr Reiseproviant. Melchor schaut auf seine Uhr, es ist 14.40 Uhr
Wann spielt die Geschichte? 1958? Ich hab mich vorsichtshalber bei meiner Mutter erkundigt, die zu dieser Zeit das gleiche Alter wie Mirko hatte, und meine Vermutungen stimmen: "Mittelklasse"-Kinder hatten damals weder Armbanduhren, noch waren sie so mit Süßigkeiten gesegnet, dass sie diese einfach so als Proviant einpacken konnten. Ein bißchen Recherche hätte da wirklich nicht geschadet.
Er trägt einen Stab, der einer menschlichen Wirbelsäule gleicht und eine Art Knochenzepter (es handelt sich um Mirkos Schädel, Anm. d. Autors).
Aha, und warum macht der Autor das nicht durch die Erzählung deutlich?

Die Idee zur Geschichte ist nicht übel, nein, sie gibt sogar sehr viel her. Aber die Umsetzung ist meiner Meinung nach mehr als dürftig. Wie ich schon sagte, besonders der Erzählstil erzeugt in mir ein großes Mißgefallen. Das mag aber recht subjektiv sein, vielleicht gefällt er den anderen Lesern besser.

Tut mir leid, dass ich Dir nicht wirklich etwas Konstruktives schreiben kann. Irgendwie lässt mich Deine Geschichte etwas hilflos zurück. Sie gefällt mir nicht, aber ich kann das gar nicht konkret an festen Punkten festmachen oder verdeutlichen. Von daher würden mich die Meinungen anderer auch ziemlich interessieren.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hier kommt schon ein anderer.
Ich fand einen Wald voller Füllwörter und Stilblüten, hier ein "best of":

Das Dorfidyll wird jedoch durch den angrenzenden Dornenwald betrübt.

ge-trübt eher, oder?

eine Kreatur leben, die nicht menschlichen Ursprungs zu sein scheint

Waldbewohner sind in der Tat üblicherweise Tiere.

Eltern fordern ihre Kinder dringlichst auf

Klingt bürokratisch.

Der Wirt gab dem Förster einen Schnaps, den er in einem Zuge leerte.

Wäre bei der Größe auch komisch, wenn nicht.

Mit grausiger Gestik erzählte er

Ich weiß, ich bin gemein - aber ich muß lachen!

und eine merkwürdige Abnormalität am Mund, die man als Hasenscharte bezeichnet

"und eine Hasenscharte" wäre ausreichend gewesen. (Inwiefern ist das so merkwürdig?)

„Sechshundertsechsundsechzig, die Zahl des Leibhaftigen.“ Murmelte der Pfarrer.

Ich schere mich sonst nicht um Zeichensetzungsfehler, aber dieser zieht sich konsequent durch den Text. Korrekt ist es:
"Blabla", sagte er.
"Blabla!" rief er.
"Blabla?" fragte er.

nur sein Försterhut fand man

seinen

Er war blutgetränkt...

Wieso 3 Punkte?

Der neunjährige Melchor und der achtjährige Mirko leben mit ihren Familien in Rabensmoor.

Was zum Teufel sind das für Namen? In einem deutschen Dorf um 1958 heißt man so nicht.

Beide haben einen kleinen, geschnürten Rucksack dabei

Ja, klar doch.

Die Kinder drehen ihre Köpfe in Richtung der Tür

Sie gucken doch schon zur Hütte! Um wieviel Grad muß man da noch den Kopf drehen, um zur Tür zu sehen?

zischt er zwischen seinen Zähnen hervor

Noch ne schöne Stilblüte.

Lachen, das sich im ganzen Wald verteilt

Ich muß auch schon wieder lachen. :D

Der eigenartige Mann grinst noch immer und fordert die beiden Jungen auf, mit in die Hütte zu kommen.
„Kommt.“ Sagt er.

Ein wenig redundant...

Leicht gekränkt zieht der Pfarrer von Dannen, in dem Glauben, keine große Hilfe zu sein.

Wenn er das nur glaubt, ist er dann doch eine?
Und wenn er das glaubt, müßte er nicht eher geknickt als gekränkt sein?
Von dannen klein.

Zu Hause angelangt versucht er zur Ruhe zu kommen und legt sich in sein warmes Bett.

Vorgewärmt? :D

In der Bibliothek angelangt ist es dunkel

Hm...

die Lampe reparieren zu lassen, die der Bibliothek zu Licht verhelfen sollte.

Also wenn du eine Figur hättest, die so spricht, dann hättest du wirklich eine coole Humorkomponente in dieser Geschichte.

er bekommt eine Gänsehaut, denn ein eiskalter Windhauch streichelt seinen alten Rücken.

So allmählich krieg ich einen Krampf im Gesicht. :D
Sag bitte, daß dieser Stil Absicht ist...

Dann plötzlich stolpert er über ein Buch.

Es liegt auf dem Boden?

Die Schrift ist sehr alt und der Pfarrer hat anfangs große Mühe, sie zu entziffern, aber er gewöhnt sich in der Regel schnell an Umstände dieser Art und schon bald liest es sich fließend.

Eine alte Schrift ist ein Umstand?

Während er liest, weiten sich seine Pupillen mehr und mehr.

Seine Augen vielleicht, aber doch nicht seine Pupillen.

Das Knarren der Tür und das anschließende Geräusch des Einrastens lässt die Beiden zusammenzucken.

Das heißt, sie zucken zweimal?

spuckt Mirko seinen Mundinhalt wieder aus.

Wohin?

Der Pfarrer hat sich warm angezogen

Schön doppelsinnig.

Mit erschrockener Mimik realisiert er

:D

Die Existenz einer Hyäne auf diesem Kontinent ist unmöglich

Na ja, ich hab schon welche im Duisburger Zoo gesehen...

Knochenzepter (es handelt sich um Mirkos Schädel, Anm. d. Autors).

Aha, sie sind also tot. Aber wieso dieser Spoiler?

Mit überlegener Mimik fokussiert er den Pfarrer

Was ist eine überlegene Mimik?

gräbt Kasimir sein Gesicht in die Hände

:D

Der Pfarrer übergibt sich, sein Zorn ist nun grenzenlos.

Schon okay, aber für einen Moment könnte man denken, er sei sauer, weil er sich übergeben mußte.

Ein starker Schmerz kontrolliert den Pfarrer.

:D

Vom Inhalt her ist diese Gesichte zwar hochgradig 08/15, aber durchaus ausbaufähig.

r

 

relysium, bei einer Sache muss ich Dir widersprechen, und zwar:

Ich schere mich sonst nicht um Zeichensetzungsfehler, aber dieser zieht sich konsequent durch den Text. Korrekt ist es:
"Blabla", sagte er.
"Blabla!" rief er.
"Blabla?" fragte er.
Da weirdgeist seine Geschichte in neuer Rechtschreibung geschrieben hat, sollte da auch die direkte Rede angepasst werden. Und dann kommt das Komma immer vor den Begleitsatz.
Hier kann man den Unterschied ganz gut vergleichen.

 

Hallo weirdgeist,

ich finde die Story auch nicht sehr überzeugend.

Es ist wie eine Mischung aus einem Artikel in einer Schülerzeitung und dem berüchtigten Aufsatz "Mein schönstes Ferienerlebnis".

Deine Erzählweise hält mich als Leser völlig auf Distanz, ich konnte kein einziges Mal wirklich in die Geschichte "eintauchen".

Ich weiß, das ist eine nicht sehr konstruktive Kritik, aber nach dem Lesen sitze ich jetzt ziemlich ratlos da. Eine Überarbeitung der Story würde ich nicht vorschlagen, sondern eher eine komplette Neufassung, weil ich einfach keine Ansatzpunkte sehe, wie man durch einige Korrekturen den Text doch noch auf die Zielgerade bringen könnte.

Nichts für ungut,
Somebody

 

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