- Beitritt
- 01.07.2006
- Beiträge
- 1.008
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 30
Im Aus
Die Luft stockt. Das Zimmer ist bis zur niederen Decke mit ihrer beiden Fürze angefüllt. Ihre eigenen sind immer lautlos, feucht, von fast fruchtigem Geruch, die ihrer Mutter brummen trocken die ganze Nacht und stinken nach verbrennenden Autoreifen. Begleitet wird das Brummen von einem knisternden Geräusch. Das stammt von dem Plastiksack, in dem der Hintern der Alten steckt. Klara liegt starr in ihrem Bett und füllt sich langsam, so wie jeden Morgen, mit Unbehagen an. Dieses Unbehagen verknäuelt sich in ihrem Magen zu einer Kugel, die immer schneller, wie in einer Schüssel, zu rollen beginnt.
Sie hält nun den Atem an, um dem ihrer Mutter zu lauschen. Manchmal scheint er aus tieferen Regionen zu kommen als nur aus der mütterlichen Lunge, manchmal klingt er so flach, als atme sie nicht selbst, sondern so, als ströme die Luft nur mehr durch sie hindurch. Aber dieses Röcheln und Pfeifen und Säuseln ist immer da und begleitet Klara durch den Tag. Selbst wenn ihre Mutter etwas sagt - was selten vorkommt - hört sie diesen Atem durch die Laute hindurch keuchen, nicht mit diesen verbunden, sondern in einem eigenwilligen Rhythmus, der sich nicht den Worten anpasst.
Rasch schlägt Klara die Bettdecke zurück. Ihr Nachthemd ist durch die Unruhe der Nacht hinaufgerutscht. Und die rotlippige Zigeunerin über ihrem Bett kann sich nun die spärlichen grauen Haare auf ihrer Scham ansehen, die nicht so recht zu ihren noch glatten Oberschenkeln passen wollen.
Klara fällt ein, dass sie gestern zu faul gewesen ist, ihrer Mutter eine Windel zu geben. Wenn sie sich jetzt nicht beeilt, wird die Mutter wieder das Betttuch nass machen. Klara langt mit der Linken zu ihr hinüber und rüttelt sie an der Schulter. Aufmerksam sieht sie der Mutter ins Gesicht. Und wirklich, zuerst schiebt sich das rechte, wimpernlose Lid über das eine und dann das linke über das andere Auge. Die Augen, weißlich-blau und flach, machen sofort an einem Punkt halt, von dem Klara nichts weiß und der sie auch nicht interessiert.
„Na, geht doch!“, sagt Klara ohne Aufmunterung in der Stimme und die Mutter sagt:
„Ich will Schokolade.“
„Mal schaun, ob du die verdient hast.“
Ohne Umstände zieht Klara ihr die Decke weg, zerrt das Nachthemd der Mutter hoch. Die Hüften stecken so in dem gelben Plastiksack, dass der Schriftzug „BILLA“ quer über den Bauch der alten Frau geht. Aus den Löchern, die Klara in den Sack geschnitten hat, wachsen die Greisinnenbeine wie entrindetes Holz. Als sie die Mutter umdreht, sieht sie, dass der Sack zwar hinten hinuntergerutscht, aber ansonsten leer ist.
„Braves Mäderl!“ Klara lässt sich wieder auf ihren Polster zurückfallen. Dann rappelt sie sich endlich hoch und geht ins Badezimmer. Auf dem Weg zurück ans Bett nimmt sie einen großen Schluck Marillenschnaps aus der offenen Flasche, die am Küchentisch steht. Jetzt fühlt sie sich stark und warm genug, ihre Mutter aufs Klo zu geleiten. Sie zieht sie an den Armen hoch, die Alte stöhnt und wimmert, klammert sich aber mit erstaunlicher Kraft an Klaras Hände. Oft weigert sie sich, etwas los zu lassen, sobald sie es in Händen hat. Und auch jetzt kann sich Klara kaum aus dem Griff der Mutter befreien, die Finger der einen Hand muss sie ihr einzeln wegbiegen. Als die alte Frau steht, fällt ihr das gelbe Plastik auf die Füße.
„Futsch“, kichert die Mutter. Jetzt denkt Klara wieder, dass sie ihr das alles zu Fleiß tut, dass sie nur krank ist, um ihr einen Hund anzutun. Sie ist gesünder als ich, die alte Hexe. Sie reißt ihr das Plastik so heftig von den Füßen, dass die Mutter ins Bett zurückfällt. „Au au au au“, klagt die und hört eine halbe Stunde lang nicht mehr damit auf, auch auf der Klomuschel sitzend nicht, bis es Klara zuviel wird und sie ihr die Hand auf Mund und Nase presst.
Die Mutter verweigert alles Essen bis auf Äpfel, Süßigkeiten und Erbsensuppe, in die ihr Klara eine Semmel krümelt. Klara geht in die Küche, um die tiefgekühlten Erbsen in ein wenig Wasser mit Salz, Kümmel, Essig und einem Löffel Schmalz zu kochen. Behutsam nimmt sie, als die grünen Kügelchen gar sind, eines heraus und legt es zum Trocknen neben die heiße Herdplatte.
Vormittags trinkt Klara nicht.
Nach dem Essen, als die Mutter im Fauteuil eingeschlafen ist, schenkt sie sich ein großes Glas Schnaps ein, und holt aus der Küchentischlade ein Sackerl mit grauem Inhalt hervor. Zuerst zieht sie den roten Gummi, mit dem es verschlossen ist, ab, dann steckt sie ihre Nase hinein. Grün, faulig, schwefelig. Jetzt weiß sie wieder, wie ihr Leben ist. Sie holt die neue Erbse vom Herd und gibt sie zu den anderen und zurrt das Sackerl mit dem Gummi zu. Zum Abschluss trinkt sie den Schnaps in einem Zug aus. Sie legt sich auf den Diwan in der Küche und schläft ein. Die Kugel in ihr liegt nun ruhig am Boden der Schüssel.
Später läutet es. Klara erinnert sich, dass sie sich noch nicht gewaschen hat heute und will nicht im Nachthemd zur Tür gehen. Aber die Nachbarin wird nicht locker lassen. Jeden Tag bringt sie am frühen Abend irgendetwas Süßes für die Mutter vorbei, und Klara weiß, dass das nur ein Vorwand ist, um bei ihnen nach dem Rechten zu sehen. Hermi macht sich Sorgen um die beiden, diese Frau Kümmerer.
Klara hasst alles an ihr. Obwohl auch schon achtzig, erscheint Hermi jeden Tag vor ihrer Tür, als sollte sie für das Titelblatt eines Senioren-Magazins fotografiert werden. Die grauen Löckchen sorgfältig eins neben dem anderen, die kaum noch vorhandenen Augenbrauen dezent nachgezogen, jeden Tag Lippenstift und Perlenkette und goldene Armreifen. Einmal, an einem besonders heißen Sommertag, ist Hermi mit blanken Füßen in den Pantoffeln vor der Tür erschienen und Klara hat fast die Fassung verloren, als sie sah, dass deren Fußnägel lackiert waren. Tagelang gingen ihr diese glänzenden, perfekt pedikürten Nägel nicht mehr aus dem Kopf. Hermi kauft sich sogar noch neue Stücke für ihre ohnehin üppige Garderobe und führt sie dann im Cafe ihren Freundinnen vor, wie Klara weiß. Sie selbst hat keine Freundinnen mehr.
Sie öffnet. Hermi steht in einem beigefarbenen Angorapullover vor der Tür, der sie um vieles jünger aussehen lässt, als sie ist. Sie lächelt süßlich, wie Klara findet, und sagt dann: „Grüß Gott“, und das O von „Gott“ zieht sie in die Länge, und für Klara ist das ein deutliches Zeichen von Herablassung.
„Die Mutter schläft grad, es ist besser, du störst sie jetzt nicht“, sagt sie sofort und ohne den Gruß zu erwidern und versperrt Hermi mit ihrem aufgedunsenen Bauch, über den sich das fleckige Nachthemd spannt, die Tür.
„Ich wollte euch eh nur die Mehlspeis bringen, ist doch bald Weihnachten.“ Und mit diesen Worten streckt sie Klara den Teller entgegen, den sie in Händen hält. Darauf liegen schachbrettartig rosa und braune Würfel, rosa Zuckerguss (sicher mit Rum drin, wie Klara sich sofort denkt) und Schokoguss, jedes einzelne Stück ein perfektes winziges Quadrat, matt glänzend und in weiße Papierspitze gelegt.
„Die hab ich selbst gemacht. Mit Dinkelmehl und Honig und echter Butter, geht ganz einfach!“
Klara nimmt ihr den Teller aus der Hand und sagt nur: „Dann hat sie wieder tagelang keinen Stuhlgang“, und wirft die Tür zu.
Warum lässt sie uns nicht einfach in Ruhe?
Sie schafft es nicht mehr, selbst Mehlspeisen zu backen. Wenn Hermi für ein paar Tage auf Kur ist, worunter sich Klara nicht einmal etwas vorstellen kann, weswegen sie auch keinen Neid empfindet, kauft sie manchmal einen halben Kilo Industriekekse für die Mutter. Die reichen dann für eine Zeit.
In der Küche stellt Klara den Teller ab, nimmt jeden der rosaroten Würfel herunter und legt sie auf einen eigenen Teller. Dann öffnet sie das oberste Kredenzfach. Das, in dem die großen Töpfe stehen, die niemand mehr braucht. Einen Augenblick hält sie inne und sieht sich ihren zweiten Schatz an: Stapeln von Tellern mit Kuchenstücken drauf, Pralinenschachteln, buntes Zuckerzeug in ebenso bunten Verpackungen. Es riecht nach altem Zucker und Backmargarine. Klara weiß genau, wieso sie die Erbsen und die Süßigkeiten sammelt. Sie nimmt einen von den rosaroten Würfeln und steckt ihn sich als Ganzes in den Mund, zerbricht mit ihrer starken Zunge den Zuckerguss, kaut zweimal und schluckt ihn. Den Teller mit den anderen gibt sie zuoberst des dritten Stapels. Sorgfältig schließt sie das Fach wieder.
Sie hört, dass die Mutter mit ihrem Abendspaziergang durch die Wohnung begonnen hat. Rastlos streift sie dann von einem Raum zum nächsten. Klara braucht den Teller mit den übrigen Schokowürfeln nur irgendwohin hinzustellen, die Mutter wird ihn finden. Und dann wird sie sich davor hinstellen, einen davon in die Hand nehmen, zur Nase führen und daran schnuppern. „Mhmmmm“, wird sie dann machen, und die in ihrer Hand schmelzende Schokolade wird an ihren Fingern und um ihrem Mund Flecken hinterlassen. Das ist für die Mutter der glücklichste Moment des Tages und Klara sieht ihr dann genau ins Gesicht. Die Flasche auf dem Küchentisch ist fast leer.
Bei diesen Würfeln heute wird sie die Glasur hinunterlecken, und vom Teig so lange winzige Teilchen abbeißen, bis ihre Zunge in den Kuchenporen keine Schokolade mehr schmeckt. Den Rest lässt sie dann auf den Boden fallen. Wenn Schokolade wertvoll wäre, die Mutter würde einen ausgezeichneten Spürhund abgeben. Vor nichts ekelt es Klara mehr, als diese vom Speichel ihrer Mutter getränkten Kuchenreste vom Boden aufzuheben. Oft lässt Klara diese auch liegen.
Sie macht sich zum Einkaufen fertig. Gut, dass es Winter ist, da braucht Klara nur den Mantel drüberzustecken und sie ist ausgehfertig. Die Mutter jedoch zieht sie jeden Morgen um, ansonsten muss Klara damit rechnen, dass die sich ständig das Nachthemd über den Kopf zieht und dann auf unanständigste Weise die Beine spreizt oder sich dort anfasst. Diesen Anblick will die Tochter sich ersparen.
Für die Zeit des Einkaufs wird Klara die Mutter bei Hermi abliefern, denn man kann nie wissen, was der Alten einfällt, sie sieht ohnehin tipptopp aus in ihrem von der Nachbarin geerbten, orangefarbenen Nicki-Hausanzug. Der gibt ihr etwas Keckes.
Im Supermarkt sagt die Kassiererin zu ihr:
„Haben´S eh recht, dass Sie sich einen Schnaps kaufen über die Feiertag´, man gönnt sich ja sonst nix.“ Dabei zwinkert sie. Da Klara bei ihr jeden zweiten Tag die gleiche Flasche Schnaps bezahlt, kann sie diese Bemerkung nur als Bösartigkeit verstehen. Den Schluck, den sie gleich darauf im Stiegenhaus nimmt, kann die rotierende Kugel in ihrem Inneren nicht beruhigen. Und als sie das Wohnzimmer Hermis betritt, um ihre Mutter abzuholen, bietet sich ihr folgendes Bild: Am polierten Tisch in der Mitte sitzen Hermi und ihre Mutter, und es sieht so aus, als würden zwei Freundinnen ein vertrauliches Gespräch führen. Zwei gut situierte, ältere Frauen, die sich zum Tratschen getroffen haben. Die Mutter ist vorgebeugt und hängt an den Lippen der Nachbarin, die ihr irgendwas zuflüstert. Klara sieht sich jetzt selbst da stehen, mit den roten Äderchen im Gesicht, in ihrem alten Mantel, dessen Kragen nach Haarfett riecht. Beide lächeln und der Ausdruck im Gesicht der Mutter ist einer, den Klara kennt, aber bereits vergessen hat. Aufmerksamkeit ist da, und Wärme und Offenheit. Jetzt erst bemerkt die Nachbarin Klara. Sie sieht ertappt aus. Dann strafft Hermi ihren Körper, die Perlenkette hat einen wunderbar irisierenden Glanz auf dem Beige des Pullovers, und steht auf.
Sie nimmt eine winzige Messingschaufel, zu der ein ebenso winziger Portwisch gehört, von einem Haken an der Wand und beginnt, Krümel vom Tisch zu fegen, die Klara gar nicht sehen kann, auch wenn sie ihre Augen noch so anstrengt. Den riesigen Marmoraschenbecher, der auf dem Tisch im Zentrum einer weißen Häkelrosette steht, den sieht Klara. Sie macht ein paar Schritte nach vor und es sieht zuerst so aus, als ob sie ihrer Mutter nur aus dem Stuhl helfen will. Klara richtet sie auf, dann nimmt sie die rechte Hand der Mutter und legt diese um den Aschenbecher. Als sie sicher ist, dass ihn die Alte fest umklammert, nimmt Klara deren Rechte in beide Hände, hebt sie an und schlägt dann das schwere Marmorstück mit voller Wucht auf Hermis vorgebeugten Kopf.
Erst jetzt fällt die Kugel über den Rand der Schüssel. Nicht schon, als sie den verächtlichen Blick der Kassiererin in ihrem Rücken spürte, nicht schon, als sie wie eine Ausgeschlossene in der Tür stand, nicht schon, als sie den Marmoraschenbecher bemerkt hat. Nein, erst jetzt, als die Haut unter den Löckchen schmatzt und der Schädelknochen knirscht, jetzt erst fällt die Kugel über den Rand der Schüssel auf die Außenseite.
Als Klara die Faust der Mutter schon längst losgelassen hat, um ans Telefon zu gehen und die Eins-Drei-Drei zu wählen, umklammert die noch immer fest den massiven Stein. Dann hebt sie ihn hoch, streckt Klara die rot gefleckte Hand entgegen und flüstert:
„Das ist keine Schokolade.“