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Hoffen
Ein kühler Wind umwehte ihn sanft und er zog fröstelnd seine Jacke enger um seine Schultern. Eine Träne verfing sich in einer kleinen Böe und seine krampfenden Bauchmuskeln zwangen ihn in die Hocke. Er lächelte.
Die Barriere, nein, seine Maske, wie er es nennen würde, hielt. Selbst in diesem Augenblick. Die Maske, die zeigt, was die Leute sehen wollen, die Maske aus falschem Lächeln und falscher Freude. Wie lang war es her, dass er sich wirklich gefreut hatte? Allein die Zeit, die er brauchte um diese Frage annähernd beantworten zu können trieb ihm ein weiteres Lächeln aufs Gesicht, ein Lächeln, welches er schon so oft aufgesetzt hatte, ein Lächeln, welches das pure Gegenteil seiner Seele wiederzuspiegeln schien.
Lächle, wenn es zum weinen nicht reicht.
Warum lachen wir, wenn wir weinen wollen?
Was reicht schon zum weinen? Wen interessiert es, wenn du weinst? Was hilft es wenn du weinst? Die Antwort war immer die gleiche.
Er hatte es sich abgewöhnt sich zu freuen, auf was auch immer. Warum eigentlich? Vielleicht weil er sich nicht freuen konnte? Weil er sich nicht freuen wollte? Vielleicht weil er Angst vor Enttäuschung hatte. Angst vor der Enttäuschung, die ihn seit jeher verfolgte wie ein Wilderer ein angeschossenes, panisches Reh. Angst vor der Enttäuschung, die ihm immer wieder aufgelauert hatte, und ihn oft, zu oft, aus dem Hinterhalt vernichtend niedergestreckt hatte.
Die Enttäuschung ist ein hinterhältiger Krieger und ihr Streithammer heißt Hoffnung.
Er hatte versucht die Hoffnung aus seinem Kopf zu verbannen, damit ihn die Enttäuschung nie mehr verletzen konnte, doch so sehr er es auch versucht hatte, es war einfach unmöglich.
Er stand auf wandte sich zur untergehenden, roten Sonne, die sich langsam der Horizontlinie näherte.
Es war tatsächlich so, dass er zufriedener gelebt hatte, seit er nach Möglichkeit nicht mehr gehofft hatte. Es war schwer, aber einige einfache selbsterdachte Richtlinien hatten ihn, wie er im Nachhinein festgestellt hatte, vor viel Schmerz bewahrt. Schmerz.
Er lächelte. Das schlimme am Angriff der Enttäuschung war nicht die Attacke selbst, sondern der Schmerz, den die Hoffnung verursachte. Ein Schmerz bei dem kein Pflaster hilft und der sich nur mit der Zeit wieder legt.
Die Zeit heilt viele Wunden, doch sie hinterlässt schreckliche Narben.
Wüssten seine Mitmenschen, wie es in ihm, dem immer lächelnden, immer zu Scherzen aufgelegten Optimisten wirklich aussieht… ja, was hätten sie getan? Sich abgewendet, da sie allein schon genug mit sich herumzutragen glauben? Aggressiv und wütend reagiert? Versucht ihm zu helfen? Ihm Mut zu machen und damit seinen ärgsten Feind zu bewaffnen versucht? Die Barriere um sein Inneres war mittlerweile stark genug um auch für die hartnäckigsten Eindringlinge ein unüberwindbares Hindernis darzustellen. Früher hatten es einmal zwei Menschen, die ihm wichtig waren, geschafft. Er hatte geredet, erzählt, geschildert, und verzweifelt berichtet. Beide Male. Er hatte die Personen hineingelassen, in sein geheimes Reich, in dem er Gedanken und Gefühle hegte und einsperrte. Beide Male kamen sie nicht damit klar und hinterließen ein Trümmerfeld. Bevor er diese Verwüstungen beseitigte, verstärkte er seine seelischen Befestigungen, solang, bis er sich sicher sein konnte, dass sie niemals, niemals, niemals mehr überwunden werden konnten. Ein antrainiertes Lächeln, das jedem, aber auch wirklich jedem vorgaukelte, er wäre glücklich und zufrieden.
Glücklich sein, ja, er konnte es sich vorstellen, aber er tat es nicht. Eine seiner Regeln verbot es ihm.
Stelle dir nie vor, wie etwas sein wird. In dem Moment, in dem du es dir vorstellst, wird es nicht passieren.
Ihren Nutzen hatte diese kleine, aber wichtige Regel schon des Öfteren bewiesen. Ihre Richtigkeit ebenso.
Irgendwo unter ihm lief das Lied „Paradise“ von Vanessa Carlton, er setzte sich nieder, ließ die Beine herunterbaumeln und hörte aufmerksam zu. Erneut huschte ein Lächeln über seine Lippen, während eine Träne seine Wange herunter lief.
Sein Handy klingelte leise in seiner Tasche. Er atmete tief ein, setzte ein Lächeln auf, hob ruhig ab und wies freundlich die Einladung eines Freundes zum Kinoabend ab. Er legte auf und las noch einmal die letzten zehn Nachrichten, die er erhalten hatte durch. Danach schaltete er sein Mobiltelefon aus und legte es neben sich.
Langsam und leise begann er zu singen. Singen war immer seine Zuflucht gewesen, etwas worin er sich verlieren konnte, etwas was die eigenen Gefühle ausdrücken konnte ohne das Umfeld damit zu belasten.
Sein Schluchzen unterbrach ihn jäh dabei und er ließ sich auf den Rücken gleiten. Bilder und Satzfetzen schossen ihm in den Sinn, Bilder die er vergessen wollte, Worte, die er nie mehr hören wollte und die sich erneut wie gezackte Messer in sein zerfetztes Herz bohrten. Mit aller Kraft versuchte er sich abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Die Erinnerungen prasselten unbarmherzig auf ihn ein und lang vergessene Narben begannen zu schmerzen. Er atmete stoßweise.
Nach einem kurzen Moment, der ihm wie eine Ewigkeit vorkam, fand er die Kontrolle über sich wieder und richtete seinen Oberkörper langsam wieder auf. Er weinte nicht mehr, er lachte. Er lachte schallend heraus, über sich, über andere, über alles, was ihn bedrückte. Als er aufhörte zu lachen fiel ihm erneut die Sonne auf, die nun schon fast komplett hinter dem Horizont verschwunden war. Nur noch ein Leuchten war am Horizont zu sehen, an einen Ertrinkenden erinnernd, der ein letztes mal die Hand aus dem Wasser streckt, bevor er endgültig und für immer auf dem Grund des Gewässers versinkt.
Er wandte den Kopf nach rechts, blickte in die Richtung, aus der ihm die seichte Brise entgegenwehte und stieß sich mit einer schnellen Bewegung der Arme ab.
Enttäuschend, es hatte nicht einmal Überwindung gekostet.
Keine Wolke an Himmel und Horizont.
Morgen würde es ein sonniger Tag werden.
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