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Herzschmerz

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01.09.2002
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Herzschmerz

Die Dächer hinter der Fensterscheibe verschwammen vor ihren Augen, rückten aus ihrem Blickfeld. Ihre Augen brannten, aber sie war zu müde, um zu schlafen.
Sie blinzelte ein paar Mal. Die Dächer kamen zurück.
Ihr Blick fiel auf das Fenster. Regen hatte seine Spuren hinterlassen. Sie hätte die Wege der Tropfen mit dem Finger nachzeichnen können, doch ihr Arm versagte den Dienst.
Die Fenster müssten dringend geputzt werden, sehr dringend.
Die Nachbarin würde sicher bald wieder klingeln, um sie darauf aufmerksam zu machen. Dann müsste sie aufstehen und die Tür öffnen, vielleicht sogar sprechen.
Sie könnte aber auch so tun, als sei sie gar nicht zu Haus, dann würde die Nachbarin wieder gehen.
Aber wie oft? Drei Mal, zehn Mal, hundert Mal?
Wie lange würde sie auf der Couch sitzen bleiben?
„Ewig!“
Ihre eigene Stimme erschreckte sie. Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Sie konnte noch etwas fühlen. Gefährlich.
Nie wieder wollte sie fühlen.
Deshalb bewegte sie sich auch nicht.
Kein Lachen, keine Tränen, kein Hunger oder Durst, keine Schmerzen.
Totale Leere war ihr Ziel. Dieses lag genau vor ihr, sie konnte das flatternde Band schon sehen, das auf sie wartete.
Doch sie kam einfach nicht näher heran.
„Bis hierher und nicht weiter.“, murmelte sie.
Ihr Hals war trocken, sie sollte etwas trinken. Aber sie wollte verdursten, möglichst schnell. Am besten sofort.
Dann wäre es vorbei, dann würde das Gefühl verschwinden – endgültig.
Sie öffnete ihre Faust und betrachtete die weißen Druckstellen, die sich langsam wieder mit Blut füllten.
In ihr war noch Leben. Blut floß in ihren Adern. Sie fühlte ihr Herz in der Brust.
Früher hatte sie gelacht über Herzschmerz.
„Wie soll denn ein Herz schmerzen?“, neckte sie ihre Freundinnen bei Liebeskummer.
So was würde ihr nicht passieren, ihr doch nicht.
Herzschmerz und Liebeskummer gab es in ihrem Wortschatz nicht.
Und nun?
Nun waren diese beiden Worte nicht genug, ihr Leid auszudrücken.
Schmerz. Sie hatte dieses Wort so oft wiederholt, dass es seine Bedeutung verloren hatte. Schon als Kind hatte sie sich daraus einen Spaß gemacht, in langweiligen Schulstunden immer wieder ein Wort zu wiederholen, bis es völlig anders klang.
Die Lehrer störten sich nicht daran, dass sie ab und zu auflachte.
An einer vorbildlichen Schülerin störte ja nichts.
Ihr war immer alles zugefallen. Freunde, gute Noten, tolle Jobs.
Sie musste nie kämpfen, hatte noch nie verloren.
Sie wollte das auch nicht, das passte nicht zu ihr. Sie wollte Gewinnerin bleiben.
Die Türklingel ging ihr durch Mark und Bein, der Schutzwall, den sie sich aufgebaut hatte, fing an zu platzen.
Da war jemand, der nach ihr sehen wollte.
Sollte sie nun aufstehen und zur Tür gehen? Es klingelte wieder und jemand klopfte.
Sie hörte ihren Namen, doch die Stimme, die ihn aussprach, konnte sie nicht zuordnen. Ihr Körper bewegte sich, stand auf, ging zur Tür. Als ihr Arm die Klinke herunterdrückte, zuckte sie zurück.
Was, wenn dort jemand stand, den sie nicht sehen wollte?
Es klopfte erneut und nun hörte sie ganz deutlich: “Komm schon, ich weiß, dass Du da bist! Wir machen uns Sorgen, mach bitte, bitte die Tür auf. Bitte! Laß mich Dir helfen!“
Helfen, sie sollte sich helfen lassen? Ha - Sie, die Hilfe und Unterstützung in Person. Sie, die immer den richtigen Spruch parat hatte, ihre Freunde wieder aufzubauen.
Sie sollte nun plötzlich bedürftig sein?
„Ich weiß, dass Du das nicht hören willst. Aber bitte, Du darfst Dich hier nicht verkriechen!“
„Warum nicht?“, entfuhr es ihr.
Nun wusste derjenige vor der Tür, dass sie tatsächlich zu Hause war.
Ihr Schutz bröckelte weiter und plötzlich schmerzte ihr ganzer Körper.
"Du darfst Dich nicht verkriechen!"
Sie hatte Menschen, die sich in Selbstmitleid suhlten immer verachtet. Menschen, die sich das Recht herausnahmen, der ganzen Welt die Schuld an ihrem Leid zu geben.
Und nun war sie selbst Ziel ihrer Verachtung.
Ihre Hand drückte die Türklinke und als sie die Tür öffnete, fiel eine Träne auf den Boden.
Erst jetzt merkte sie, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Als ihre Freundin eintrat und sie in den Arm nahm, schluchzte sie auf.
Alle verbannten Gefühle brachen hervor, alle Ungerechtigkeit und Wut drängten heraus.
Da stand sie in den Armen ihrer Freundin und plötzlich wurde die Welt mit jedem Atemzug weniger ungerecht.
„Fühlen ist doch nicht so schlecht!“, murmelte sie an der von Tränen durchnässten Schulter ihrer Retterin.
„Bitte?“
„Ach, nichts! Schön, dass Du da bist!“

 

Ein sehr eindringlicher Text, der in seiner Kürze den Zustand des Liebeskummers, des "Herzeleid" sehr gut wiedergibt. Was mir besonders gut gefällt, ist die Tatsache, daß gerade die einzelnen Körperteile der Protagonistin der aktive Teil sind, während sich die Frau nur noch passiv verhält; isoliert hinter ihrer Mauer, sind es Arme, Beine etc., die Handlungen setzen. Die Frau lebt, arbeitet, bewegt sich nur noch passiv, unbewußt; erst das "aktive" Umarmen der Freundin, das Zulassen von Gefühlen läßt sie wieder zu einem selbstbestimmten Wesen werden, läßt die Mauer durchdringen...... P.S.: Ist "wohlmöglich" (1.Absatz) eine eigene Wortschöpfung, oder hast Du dich da bloß vertippt? Wenn nicht, dann finde ich es ein hübsches Wort ;-) ...... Der letzte Satz ist aber grammatikalisch gesehen bestimmt falsch; ich finde es immer schade, daß eine wirklich gute Geschichte wie Deine, durch Rechtschreibfehler "beeinträchtigt" wird....... das ist halt meine Meinung......

 

Hallo Hilzi666!

Vielen lieben Dank für Deinen Wink mit dem Zaunpfahl...:-))
"Dass" ist mir ja unendlich peinlich!
Wo findest Du noch Rechtsschreibfehler?
Habe meine Neologisme (Wortneuschöpfung...Gut, dass wenigstens etwas aus dem Deutsch-LK hängengeblieben ist!)durch ein anderes Wort ersetzt.
Weiß ehrlich gesagt nicht, ob es "wohlmöglich" oder "womöglich" oder "wohl möglich" heißt. Ist aber auch egal, die deutsche Sprache bietet ja mehr!
Ansonsten vielen Dank für Deinen Beitrag!

LG
flashlight

 

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