- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 8
Herrn Schmidts Art zu tanzen
Es fing damit an, daß die Ulbrichs renoviert hatten. Sie ließen sich nicht nur die Wände tapezieren, sondern auch etliche Teppiche und andere teure Möbelstücke liefern, wie die Nachbarin, Frau Schmidt, wie immer gut hinter der Küchengardine versteckt, beobachten konnte. Dann verabschiedeten sich die Handwerker bei Frau Ulbrich und in der Straße kehrte wieder Ruhe ein. Nur, daß jetzt bei den Ulbrichs eben alles neu war, im Gegensatz zu ihrem eigenen Zuhause, wo sie ihren Mann noch nicht einmal zum Streichen der Gartentür überreden konnte.
Auf ihren täglichen Wegen zum Kaufladen schlenderte nun Frau Schmidt gefährlich langsam an dem Grundstück ihrer Nachbarn vorbei, ohne auch nur den annähernden Umfang der Renovierung erblicken zu können. Auch kamen in diesen Momenten weder Frau Ulbrich noch ihr Gatte, ein trotz seiner fünfzig Lebensjahre immer noch sportlich und agil wirkender Mann, aus der Tür oder waren im Garten beschäftigt. Es ergab sich also ärgerlicher Weise keine Gelegenheit, sich einzuladen und das erneuerte Zuhause betrachten zu können.
Daher sagte sie ohne Bedenken sofort zu, als Frau Ulbrich sie höchstpersönlich, nebst Gatten, in deren Haus zu einer Tanzveranstaltung am dreißigsten April einlud; wie die übrigen Nachbarn in der Straße auch.
Als nun Frau Schmidt aus dem besagten Küchenfenster ihren wie üblich langsam daher schreitenden Ehegatten erblickte, erhielt ihre gute Laune einen Dämpfer. Denn es wurde ihr wieder bewußt, wann sie beide zuletzt zusammen getanzt hatten: Nie. Noch nicht einmal auf Ihrer eigenen Hochzeit.
Er ging bedächtig. 'Jeder Schritt', so erklärte er ihr einmal, als er wieder um irgendwelchen Unrat auf dem Bürgersteig herum gekommen war, 'muß gut überlegt sein'. Und da er ein sehr vorsichtiger und gründlicher Mann war, paßte er eben bei JEDEM Schritt auf und sogar seine Schritte der Erdkrümmung an, um ja nur nicht umzufallen.
So sah sie ihn wie immer leicht schwankend kommen, sachte Fuß vor Fuß ziehend.
Als Revisor müsse er halt vorsichtig sein, hatte er ihr noch erklärt, und jeden Schritt genauestens im zu überprüfenden Zahlenwerk abwägen. Dieses vorsichtige Herantasten an die Wirklichkeit bewahre ihn vor zu eiligen, meist falschen Schlüssen. - 'Aber auch vor jeder häuslichen Betätigung', wie sie bei dem Anblick Ihres schreitenden Mannes dachte.
Nachdem Herr Schmidt wie immer umständlich und in großer Würde die Tür aufgeschlossen, seine Schuhe akkurat in die Ecke gestellt, den Mantel ausgezogen und ihr den alltäglichen Begrüßungskuß auf die Wange gedrückt hatte, platzte sie mit der Neuigkeit heraus.
"Wir werden übernächsten Mittwoch tanzen gehen, zu den Ulbrichs. - Ich freue mich schon riesig darauf", fügte sie in weiser Voraussichtung zu, um ihm jede Möglichkeit der Ablehnung zu nehmen.
"Schön", erwiderte er gedankenverloren, seine Hausschuhe suchend. "Was wird gespielt?"
"Musik. Tanzmusik. Und wir - gehen dorthin: Zum Tanzen! In den Mai!"
Seine Bewegungen gefroren augenblicklich. Ihm dämmerte es.
"Tanzen?" Ächzte er.
"Ja!"
"Wir? - Ich meine: Du - und - ich?"
"Jawohl! Um 21 Uhr am übernächsten Mittwoch." Sie strahlte ihn an wie ein Major, der endlich nach ewigen Monaten des Wartens den Befehl zum Ausrücken bekam.
"Ahja." Mehr fiel ihm nicht dazu ein.
Seine Verblüffung hielt den ganzen Abend über an, aber ihre gurrenden Überredungskunststücke brachen seine Gegenwehr und so mußte er schließlich das Unausweichliche einsehen und machte es sich zu eigen. Denn da sie seit Anbeginn ihrer Beziehung an ihrem gemeinsamen Glück arbeiteten, freute er sich schließlich ebenso wie sie auf diesen Tanzabend.
'Ein Ehemann führt sein angetrautes Weib aus - und - ebenso wichtig - er tanzt auch mal mit ihr. So mit Anfassen und tausend Entschuldigungen auf den Lippen. Auch nach fünfundzwanzig Ehejahren.'
Er ergab sich also seinem Schicksal.
Nur hatte er mit Tanzen sein Leben lang überhaupt keine Berührungspunkte: Was war das, wie ging das - und vor allem: Was mußte ER dabei tun?
Vorsichtig, wie es seine Art war, erkundigte er sich anderntags bei seinen Arbeitskollegen, wie die mit so einer Situation umgehen.
"Locker bleiben.", "Einfach dem inneren Rhythmus folgen." "Wiegeschritt ... und zurück." "Auf alle Fälle: Haltung bewahren." "Ganz wichtig dabei: Lächeln!"
Er brachte es nicht über sich, sie um ein paar vorgeführte Tanzschritte zu bitten, damit er wenigstens annähernd eine Vorstellung bekam, worauf er sich eingelassen hatte.
Aber ab diesem Tag kaufte er sich jede Sportzeitung, um nach Informationen über den Tanzsport zu suchen, schlenderte in jeder freien Minute durch die Sportabteilungen der Kaufhäuser um sich mit der Bekleidung auseinanderzusetzen, sah in Tanzschulen sich die Fotos von Tanzpaaren an um die Bewegungen nachempfinden zu können und zeichnete sich im Sportfernsehen jedes Tanzsportereignis auf, um sie sich nachts, wenn seine geliebte Frau schlief, Schritt für Schritt analysierend betrachten zu können.
'Ob ich auch so schlank sein muß um tanzen zu können? Woher nehme ich bloß all das ganze schwarze Haar?' Bei der Abendtoilette starrte er verzweifelt in den Spiegel, strich sich über seinen vorgewölbten Bauch und fuhr sich mit den Fingern durch seinen schütteren, ergrauten Haarkranz, der kaum Halt bot, um sich diese zu raufen.
Für Sie war das Tanzereignis nur die Frage der passenden Schuhe, des richtigen Kleides, der gelungenen Frisur, des dezenten Makeups und des Aufsehen erregenden Schmucks. Als sie all dies geklärt hatte, konnte sie sich ihrem verschreckten Ehegatten widmen und ihn bei einem Herrenausstatter in ein zu ihrem Ballkleid passenden Anzug zwängen.
Endlich war der Mittwoch da. Strahlend sprang sie aus dem Bett und flatterte aufgeregt zu ihrem Friseurtermin, während er sich wie gerädert fühlte, kaum die Bettdecke heben konnte und mit düsterer Miene erst viel später - nach mehreren Kannen Kaffee - wach wurde. Worauf hatte er sich bloß eingelassen?
Auf die Minute pünktlich standen Sie vor der Nachbarstür. Mit einem herzlichen "Hallo" und "Ach, wie sehen sie wieder gut aus - und Ihr Mann erst", wurden Sie von den Gastgebern begrüßt und begrüßten ihrerseits später die anderen, nach ihnen eintreffenden Gäste.
Es gab ein rustikales Buffet. Nicht jedermanns Sache, aber Herr Schmidt fand es lecker, denn schließlich wurde sein Lieblingskäse angeboten, den er gleich mit großen Appetit aufaß. Seine Frau nutzte währenddessen die Gunst der Stunde und inspizierte eingehend das runderneuerte Heim. Nach dem Buffet eröffnete Herr Ulbrich mit einer erfrischen kurzen Rede den Tanzabend.
Während die ersten Paare sich auf der Lampion geschmückten Veranda zu den eingedosten Klängen wiegten, saßen die beiden Schmidts unbeweglich auf ihren Stühlen.
"Was meinst du?" Stieß ihn seine Frau zaghaft an.
Aber diese Musik kannte er nicht.
"Warte noch", vertröstete er sie.
"Worauf denn?"
"Auf das richtige Lied."
Dabei sah er sie unheilverkündend an.
"Bist du dir sicher?"
"Ja!"
Er legte die Gewißheit eines langjährigen Turniertänzers in seine kurze und prägnante Antwort. So blieb ihr nichts übrig, als auf ihn vertrauend die Schweiß nassen Hände in einer bunten Servietten zu trocknen, die bunten Serviettenstreifen in einem unbedachten Moment in ihr Kleid zu schmieren und die Gastgeber, wenn diese im Wiegeschritt an ihnen vorbei schwebten, verzagt anzulächeln.
Die Musik wechselte noch mehrmals, aber ihr Gatte rührte sich nicht. Dann ertönten ihr völlig fremde Klangweisen. Ein Leuchten ging durch sein Gesicht. Diese Musik kannte er, danach rannten die Tänzer doch immer so wippend über die Bühne. Mit einem Satz war er auf den Beinen, nahm hastig, einen letzten tiefen Zug aus der Bierflasche und zischte hektisch:
"Es geht los!"
Sie sah ihn nur irritiert an.
"Nun komm schon!"
Zögert stand sie auf und wurde von einer ihr unbekannten Kraft an seinen Ballon gleichen Bauch gedrückt.
"Auf geht's!" trompetete er, warf den Kopf nach links, daß sie es Knacken hörte, hob den Brustkorb und strampelte mit ihr übers Parkett. Auf der gegenüberliegenden Seite angekommen, drehte er sein ihm an der Brust klebendes Weib herum und kämpfte sich wieder zurück. Völlig fertig mit der Welt fiel Frau Schmidt nach diesem drei minütigen Dauerlauf im Tanzschritt auf einen Stuhl, um im nächsten Moment von ihrem hellhörigen Gatten wieder hoch- und an seine schweißige Brust gezogen zu werden.
Er hatte erkannt, daß dieser Tanz zuletzt auf der Pariser Europameisterschaft am zwölften März von diesem berühmten russischen Paar, 'Tanzki und Shrittskajokova'.getanzt wurde. Was hatten die noch gemacht; wie ging das noch?
Kurz schloß er die Augen, atmete tief durch, daß seiner Ehefrau um den neuen Anzug angst und bange wurde, und hüpfte los.
In einer Tanzpause klopfte der Gastgeber ihm auf die Schulter und meinte sarkastisch, was aber den Schmidts entging:
"Toller Stil. So leicht und geschmeidig. Wußte gar nicht, daß sie so ein begnadeter Tänzer sind."
"Ich auch nicht", keuchte Frau Schmidt, immer noch nach Atem ringend und sich bereits das dritte Glas Sprudelwasser eingießend.
Erst kurz vor vier verließen die Schmidts den Tanztempel; als letzte Gäste von den Hausherren höchstpersönlich hinaus komplimentiert.
Den ganzen Heimweg zählte ein überaus zufriedener Herr Schmidt vor sich hin.
"Was sind das überhaupt für Zahlen?" wollte sein Frau wissen.
"Das sind Tanzschritte."
"Tanzschritte?"
"Das ist doch ganz einfach", erklärte ihr Ehemann von Welt. "Das Lied von vorhin hatte dreihundertzehn Takte. Jeder Takt bedeutet eine Bewegung. Das macht sechzig nach links, sechzig nach rechts und je achtzig vor und zurück. Der Rest von dreißig Schritten sind Bewegungen am Platz. Ist doch logisch! Das hatte ich mir in den letzten zwei Wochen anhand der Musik ausgerechnet. Und - es paßt genau! - Oder hier: Das Stück, das kurz vor Mitternacht gespielt wurde, hatte sogar..."
"Wie kommst du bloß auf diese Idee?"
"Mein Schatz. Tanzen ist doch eine kinderleichte Rechenaufgabe. Du hattest sie mir gestellt - und ich habe sie gelöst. Du mußt nur den Takt eines Liedes addieren und durch die Zeit dividieren, dann auf die möglichen Schritte aufteilen. Fertig ist der Tanz!"
An der Haustür angekommen drehte sie sich zu ihrem genialen Ehemann um und lächelte ihn überaus liebevoll an.
"Es freut mich so, daß dir das Tanzen soviel Spaß bringt. Ich glaube, wir sollten uns mal nach einer Tanzschule umsehen. Was meinst du? Die im Zentrum soll demnächst wieder Grundkurse anbieten, hatte mir heute Abend eine Nachbarin erzählt."
Sie piekste ihm zärtlich in den Bauch: "Mein großer Tanzbär." Und verschwand in der Tür.
Erstarrt blieb Herr Schmidt auf der Fußmatte stehen. Bislang war er von einem einmaligen Ereignis ausgegangen. So hatte er sich die Sache mit dem Tanzen doch nicht vorgestellt.