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Herr Butterblume schafft sich einen Fuchs
In seiner Wissbegier gelang es dem Kaninchen, kurz nach 15 Uhr ins Innere des Naturhistorischen Museums einzudringen. Unbehelligt hoppelte es an der wachsamen alten Dame an der Kasse vorbei, als diese gerade versuchte, einer Gruppe spanischer Touristen die Vorzüge des großen Museumsführers in Farbe zu erläutern. Die menschlichen Besucher starrten es mit offenen Mündern an, aber da es sie nicht beachtete, ließen sie es ebenfalls in Ruhe. Nur eine Amerikanerin rief aus: „Oh, how cute!“
Als erfahrener Höhlenbewohner schaffte es das Kaninchen irgendwie, sich in der labyrinthischen Anlage zu orientieren. Der Lageplan in der Eingangshalle war gar nicht schlecht. Dort sah es auch zum ersten Mal in seinem Leben einen ausgestopften Elefanten und Saurierskelette aus dem Mesozoikum, Relikte des grobschlächtigen Urzeitlebens. Füße hatten die ärgerliche Eigenheit, überall hinzutreten. Im Aufzug fühlte sich das Kaninchen zwischen Feinstrumpfhosen an Frauenbeinen und scharrenden Halbschuhen recht unwohl. Der Aufzug hielt mit einem Pling! im zweiten Stock. Er entließ alle eilenden und hoppelnden Besucher ins Reich der Säugetiere. Das Kaninchen brauchte lange, zwischen viel zu vielen Vitrinen mit Knochen, Diagrammen und ausgestopften Körpern das Ziel zu finden, doch endlich las es auf einer Plakette: „Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist der einzige mitteleuropäische Vertreter der Füchse und wird daher meistens als 'der Fuchs' bezeichnet“.
Hinter Glas stand ein tonnenartiger Körper auf viel zu dünnen Beinen. Der Schwanz war buschig. Die ganze Erscheinung wirkte irgendwie lächerlich. Das Kaninchen hoppelte um die Ecke, um das aus dem Kopf stehende Dreieck des Gesichts genauer anzuschauen: Die Nase glänzte schwarz wie bei einem Teddybären. Das weiße Fell am Bauch reichte bis zu einer seltsam filigranen Schnauze. Die Ohren waren riesig. Schnurrhaare sträubten sich in alle Richtungen. Das hier war ein Fuchs! Nur zwei Details stimmten nicht: Erstens fehlte der infernalische Gestank. Zweitens vermisste das Kaninchen den typischen Ausdruck der Augen. Allein der Gedanke ließ sein Herz rasen. Schon fühlte es den Drang, auf den Boden zu klopfen und laut zu pfeifen!
Das Kaninchen war übrigens ein Männchen und hieß Herr Butterblume.
„Still jetzt!“ sagte Herr Butterblume zu sich selbst, „Du hast es bis hierher geschafft, jetzt bring es auch zu Ende!“
Mit der Akribie eines Technikers nahm er Informationen in sich auf: Es gab einen Längsschnitt durch einen Fuchsbau. Sehr beeindruckend! Es gab auch eine schematische Darstellung des Verdauungstraktes der Füchse, der sie in die Lage versetzte, Mäuse, Kaninchen, Regenwürmer, Rebhühner, Stockenten, Lämmer, Hühner, Gänse, Obst, Aas, Abfall und Kompost zu fressen. Herr Butterblume erfuhr, dass Füchse in Gefangenschaft bis zu vierzehn Jahre alt werden und ein Fuchs (38 Chromosomen) niemals Nachkommen mit einem Hund (78 Chromosomen) haben kann.
Gegen 17 Uhr war er fertig. Er hoppelte unter den Drehkreuzen durch, ließ alle Museumswärter hinter sich und gelangte durch die automatische Eingangstüre ins Freie. Draußen war es immer noch kühl. Herr Butterblume schnupperte in den Wind voller Menschengerüche, Autoabgase und Feuchtigkeit. Sobald kein Auto heranbrauste, überquerte er die Straße und machte sich auf den Weg zurück in den Wald.
Im Gang hielten die vielen Anderen etwas Abstand. Aus Respekt. Aber alle dachten, dass Herrn Butterblumes Plan Wahnsinn war und großes Unheil bringen musste. Andererseits war er der Fuchs-Experte. Schließlich hatte er sogar das Naturhistorische Museum besucht.
Welches Unheil konnte so ein langohriger Höhlenbewohner schon anrichten? Welche Kräfte konnte er nutzen? Die Antwort ist: Magie! Sie zog sich wie ein Bodennebel durch den ganzen Wald. Jedem Tier von der Ameise bis zum Zeisig war klar, dass Materie aus demselben Stoff ist wie Gedanken und eine Vorstellung, die beständig im Bewusstsein verweilt, sich unweigerlich materialisiert. Herr Butterblume in seinem Ehrgeiz bastelte seit letztem Sommer in seinen Träumen einen Fuchs, ausgefeilt bis in die kleinste Kleinigkeit, von den Barthaaren bis zum Schwanz. Er wollte nicht irgendeinen Fuchs, er wollte den bestmöglichen. Er wollte den Fuchs zuende denken und ihn der Wirklichkeit aufzwingen.
„Aber warum ausgerechnet einen Fuchs?“, fragte der Älteste der Kolonie, der im ganzen Wald geachtete Herr Hagebutte. Herr Butterblume antwortete mit verstocktem Schweigen. Er wusste es ja selber nicht genau. Es mochte daran liegen, dass das Thema Fuchs ihn immer wieder heimsuchte: der Tod des Vaters und der Mutter, von fünfzehn oder sechzehn Geschwistern, von Vettern und Cousinen und allen Abstufungen von Freunden und Bekannten: jedesmal ein Fuchs! Außerdem war die Aufgabe anspruchsvoll und machte ihm Spaß.
„Aber du musst doch sehen, dass ein neuer und besserer Fuchs viele von uns töten wird. Das steigert unser Problem noch. Es bringt keine Lösung.“
Herr Butterblume schaute Herrn Hagebutte ins mümmelnde Gesicht. Was sollte er gegen ein so primitives Argument einwenden, das nur auf Anwendung und Nutzen abzielte? Er dachte an die grausigen Momente, wenn er die zerfetzten Leichen der von den Füchsen Gerissenen aufsuchte. Jedesmal wenn er aus den Spuren das Geschehen rekonstruierte, stieß er auf eine gewisse Stümperhaftigkeit. Irgendwann hatte er gewusst, dass er selbst es besser konnte. War das nichts? Sollte nicht jeder die Fähigkeiten, die die Natur ihm gab ausbilden, um den Lauf der Welt voranzutreiben?
Noch wusste er nicht, ob es klappen würde. Er begann damit, einen beweglichen Rumpf auf viel zu dünnen Beinen zu imaginieren, der sich wand und umherschlich, alles noch aus Luft. Er stellte sich die Schnauze mit den Schnurrhaaren vor, den ganzen Kopf, ein umgekehrtes Dreieck mit großen Ohren, die nach allen Seiten lauschten. Wie mühsam es war, die geträumte Gestalt vom luftigen Raum abzugrenzen! Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist wechselhaft und flüchtig!
Er imaginierte ein schlagendes Herz, das Netzwerk der Venen und Arterien bis in alle Verästelungen. Er konnte in Bereiche hineinzoomen, den Fuchs in alle Richtungen drehen, ihn größer und kleiner machen. Wie aufregend und spannend das war! Er gab dem Fuchs Lungen und Blut und Haare und Augen, ein Gedächtnis und Wissen über einfaches wie den Mäusesprung und kompliziertes wie Strategien bei der Jagd auf verschiedene Tiere. All dies strengte Herrn Butterblume sehr an, musste er doch immer darauf achten, dass die Grenze zwischen dem Luftgebilde und der Luft und dem Sonnenlicht und der Wirklichkeit nicht verschwamm. Doch es erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung. Er genoss die Ahnung von etwas Großem, etwas Übersinnlichem und der sich nähernden Gefahr.
Am Nachmitag, als die Sonne die langen Schatten der Bäume quer über die Lichtung warf, war es, als erstarrte all das wie Herrn Butterblumes Pupillen, der unbewegt den Himmel fixierte. Ein Ruck ging durch die Szenerie, als würde die Welt ein winziges Stück auseinandergezogen, um Platz zu machen für etwas Neues. Herr Butterblume ließ sich auf den Rücken fallen, als hätte ein Donnerschlag ihn niedergemäht. Er öffnete den Mund, zeigte seine Kaninchenzähne und war müde und erschöpft und selig...