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Herr Butterblume schafft sich einen Fuchs

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12.02.2004
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Herr Butterblume schafft sich einen Fuchs

In seiner Wissbegier gelang es dem Kaninchen, kurz nach 15 Uhr ins Innere des Naturhistorischen Museums einzudringen. Unbehelligt hoppelte es an der wachsamen alten Dame an der Kasse vorbei, als diese gerade versuchte, einer Gruppe spanischer Touristen die Vorzüge des großen Museumsführers in Farbe zu erläutern. Die menschlichen Besucher starrten es mit offenen Mündern an, aber da es sie nicht beachtete, ließen sie es ebenfalls in Ruhe. Nur eine Amerikanerin rief aus: „Oh, how cute!“

Als erfahrener Höhlenbewohner schaffte es das Kaninchen irgendwie, sich in der labyrinthischen Anlage zu orientieren. Der Lageplan in der Eingangshalle war gar nicht schlecht. Dort sah es auch zum ersten Mal in seinem Leben einen ausgestopften Elefanten und Saurierskelette aus dem Mesozoikum, Relikte des grobschlächtigen Urzeitlebens. Füße hatten die ärgerliche Eigenheit, überall hinzutreten. Im Aufzug fühlte sich das Kaninchen zwischen Feinstrumpfhosen an Frauenbeinen und scharrenden Halbschuhen recht unwohl. Der Aufzug hielt mit einem Pling! im zweiten Stock. Er entließ alle eilenden und hoppelnden Besucher ins Reich der Säugetiere. Das Kaninchen brauchte lange, zwischen viel zu vielen Vitrinen mit Knochen, Diagrammen und ausgestopften Körpern das Ziel zu finden, doch endlich las es auf einer Plakette: „Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist der einzige mitteleuropäische Vertreter der Füchse und wird daher meistens als 'der Fuchs' bezeichnet“.

Hinter Glas stand ein tonnenartiger Körper auf viel zu dünnen Beinen. Der Schwanz war buschig. Die ganze Erscheinung wirkte irgendwie lächerlich. Das Kaninchen hoppelte um die Ecke, um das aus dem Kopf stehende Dreieck des Gesichts genauer anzuschauen: Die Nase glänzte schwarz wie bei einem Teddybären. Das weiße Fell am Bauch reichte bis zu einer seltsam filigranen Schnauze. Die Ohren waren riesig. Schnurrhaare sträubten sich in alle Richtungen. Das hier war ein Fuchs! Nur zwei Details stimmten nicht: Erstens fehlte der infernalische Gestank. Zweitens vermisste das Kaninchen den typischen Ausdruck der Augen. Allein der Gedanke ließ sein Herz rasen. Schon fühlte es den Drang, auf den Boden zu klopfen und laut zu pfeifen!

Das Kaninchen war übrigens ein Männchen und hieß Herr Butterblume.
„Still jetzt!“ sagte Herr Butterblume zu sich selbst, „Du hast es bis hierher geschafft, jetzt bring es auch zu Ende!“
Mit der Akribie eines Technikers nahm er Informationen in sich auf: Es gab einen Längsschnitt durch einen Fuchsbau. Sehr beeindruckend! Es gab auch eine schematische Darstellung des Verdauungstraktes der Füchse, der sie in die Lage versetzte, Mäuse, Kaninchen, Regenwürmer, Rebhühner, Stockenten, Lämmer, Hühner, Gänse, Obst, Aas, Abfall und Kompost zu fressen. Herr Butterblume erfuhr, dass Füchse in Gefangenschaft bis zu vierzehn Jahre alt werden und ein Fuchs (38 Chromosomen) niemals Nachkommen mit einem Hund (78 Chromosomen) haben kann.

Gegen 17 Uhr war er fertig. Er hoppelte unter den Drehkreuzen durch, ließ alle Museumswärter hinter sich und gelangte durch die automatische Eingangstüre ins Freie. Draußen war es immer noch kühl. Herr Butterblume schnupperte in den Wind voller Menschengerüche, Autoabgase und Feuchtigkeit. Sobald kein Auto heranbrauste, überquerte er die Straße und machte sich auf den Weg zurück in den Wald.

*​
Zwei Meter unter dem sandigen Boden am Hang, wo Erlen ihre Wurzeln in die Tiefe bohrten und ganz in der Nähe ein Bächlein vorüberrauschte, war es dunkel. Es roch nach Wärme, Kindern und halbverdautem Gras. Die enge Höhle war erfüllt von hundert Stimmen: Bei jedem Schritt redeten die Bewohner der Kolonie auf Herrn Butterblume ein, ob er Antworten gefunden hatte, was er gesehen hatte, ob er an dem der ganzen Kolonie bekannten Plan festhalten wollte und ob es in der Menschenstadt wirklich so große Karotten gab. Er erreichte die Setzröhre mit seiner Partnerin und den fünf Jungen aus dem letzten Wurf, die sofort um ihn herumwuselten. Und seine Partnerin, sie hieß Holunderblüte, fragte: „Musst du wirklich gehen?“
Im Gang hielten die vielen Anderen etwas Abstand. Aus Respekt. Aber alle dachten, dass Herrn Butterblumes Plan Wahnsinn war und großes Unheil bringen musste. Andererseits war er der Fuchs-Experte. Schließlich hatte er sogar das Naturhistorische Museum besucht.

Welches Unheil konnte so ein langohriger Höhlenbewohner schon anrichten? Welche Kräfte konnte er nutzen? Die Antwort ist: Magie! Sie zog sich wie ein Bodennebel durch den ganzen Wald. Jedem Tier von der Ameise bis zum Zeisig war klar, dass Materie aus demselben Stoff ist wie Gedanken und eine Vorstellung, die beständig im Bewusstsein verweilt, sich unweigerlich materialisiert. Herr Butterblume in seinem Ehrgeiz bastelte seit letztem Sommer in seinen Träumen einen Fuchs, ausgefeilt bis in die kleinste Kleinigkeit, von den Barthaaren bis zum Schwanz. Er wollte nicht irgendeinen Fuchs, er wollte den bestmöglichen. Er wollte den Fuchs zuende denken und ihn der Wirklichkeit aufzwingen.

„Aber warum ausgerechnet einen Fuchs?“, fragte der Älteste der Kolonie, der im ganzen Wald geachtete Herr Hagebutte. Herr Butterblume antwortete mit verstocktem Schweigen. Er wusste es ja selber nicht genau. Es mochte daran liegen, dass das Thema Fuchs ihn immer wieder heimsuchte: der Tod des Vaters und der Mutter, von fünfzehn oder sechzehn Geschwistern, von Vettern und Cousinen und allen Abstufungen von Freunden und Bekannten: jedesmal ein Fuchs! Außerdem war die Aufgabe anspruchsvoll und machte ihm Spaß.

„Aber du musst doch sehen, dass ein neuer und besserer Fuchs viele von uns töten wird. Das steigert unser Problem noch. Es bringt keine Lösung.“
Herr Butterblume schaute Herrn Hagebutte ins mümmelnde Gesicht. Was sollte er gegen ein so primitives Argument einwenden, das nur auf Anwendung und Nutzen abzielte? Er dachte an die grausigen Momente, wenn er die zerfetzten Leichen der von den Füchsen Gerissenen aufsuchte. Jedesmal wenn er aus den Spuren das Geschehen rekonstruierte, stieß er auf eine gewisse Stümperhaftigkeit. Irgendwann hatte er gewusst, dass er selbst es besser konnte. War das nichts? Sollte nicht jeder die Fähigkeiten, die die Natur ihm gab ausbilden, um den Lauf der Welt voranzutreiben?

*​
So kam es, dass Herr Butterblume an einem Tag voller Sonne und Vogelgezwitscher auf die Lichtung hoppelte, wo die Magie am tiefsten war. Hier standen gelbe Farne, die ihm bis über die Ohren reichten. Die Bäume standen ringsum in einigem Abstand, so als machten sie Platz für alle Dinge, die sich zu ihren Füßen abspielten. Herr Butterblume setzte sich in eine Mulde, die von den Seiten her nicht einsehbar war, falls ein Jäger vorüberkam. Hier duckte er sich auf den Boden, legte die Ohren zurück, atmete ruhig und versetzte sich in einen Zustand äußerster Konzentration.

Noch wusste er nicht, ob es klappen würde. Er begann damit, einen beweglichen Rumpf auf viel zu dünnen Beinen zu imaginieren, der sich wand und umherschlich, alles noch aus Luft. Er stellte sich die Schnauze mit den Schnurrhaaren vor, den ganzen Kopf, ein umgekehrtes Dreieck mit großen Ohren, die nach allen Seiten lauschten. Wie mühsam es war, die geträumte Gestalt vom luftigen Raum abzugrenzen! Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist wechselhaft und flüchtig!

Er imaginierte ein schlagendes Herz, das Netzwerk der Venen und Arterien bis in alle Verästelungen. Er konnte in Bereiche hineinzoomen, den Fuchs in alle Richtungen drehen, ihn größer und kleiner machen. Wie aufregend und spannend das war! Er gab dem Fuchs Lungen und Blut und Haare und Augen, ein Gedächtnis und Wissen über einfaches wie den Mäusesprung und kompliziertes wie Strategien bei der Jagd auf verschiedene Tiere. All dies strengte Herrn Butterblume sehr an, musste er doch immer darauf achten, dass die Grenze zwischen dem Luftgebilde und der Luft und dem Sonnenlicht und der Wirklichkeit nicht verschwamm. Doch es erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung. Er genoss die Ahnung von etwas Großem, etwas Übersinnlichem und der sich nähernden Gefahr.

Am Nachmitag, als die Sonne die langen Schatten der Bäume quer über die Lichtung warf, war es, als erstarrte all das wie Herrn Butterblumes Pupillen, der unbewegt den Himmel fixierte. Ein Ruck ging durch die Szenerie, als würde die Welt ein winziges Stück auseinandergezogen, um Platz zu machen für etwas Neues. Herr Butterblume ließ sich auf den Rücken fallen, als hätte ein Donnerschlag ihn niedergemäht. Er öffnete den Mund, zeigte seine Kaninchenzähne und war müde und erschöpft und selig...

* * *​
Plötzlich war der Fuchs auf der Lichtung. Er sah sich um, als hätte er sich auf einer Bühne in einem Theater voller Zuschauer materialisiert. Seine gelben Augen wanderten umher. Er sah das Kaninchen, das zwischen den Farnen lag, er spürte eine Leere in den Eingeweiden, kurz: Er fiel über das Kaninchen her! Herr Butterblume konnte noch die Augen öffnen und ein Pfeifen des Entsetzens ausstoßen, ehe der Fuchs ihn zerfetzte und sein Blut in alle Richtungen verspritzte. Der Fuchs sah sich noch einmal um, als hätte ihn jemand ertappt. Das weiße Fell am Bauch war ganz von Blut bedeckt. Dann beugte er sich hinunter und fraß seinen Schöpfer auf.

 

Moi Berg,

ich hoffe, Du fühlst Dich nicht von mir zugespammt, aber die Geschichte ist einfach perfekt. Das wäre sie schon, alleine aus der Sprache und den Beobachtungen heraus, bis zu der Drehkreuzszene, als der Hase aus dem Museum hoppelt. Danach wunderbar tiefgründig-abgedreht, philosophisch, gemein ... rundrum toll, Hut ab!

Am besten gefallen hat mir das:

Als erfahrener Höhlenbewohner schaffte es das Kaninchen irgendwie, sich in der labyrinthischen Anlage zu orientieren. Der Lageplan in der Eingangshalle war gar nicht schlecht.
Füße hatten die ärgerliche Eigenheit, überall hinzutreten. Im Aufzug fühlte sich das Kaninchen zwischen Feinstrumpfhosen an Frauenbeinen und scharrenden Halbschuhen recht unwohl.
Er wollte nicht irgendeinen Fuchs, er wollte den bestmöglichen. Er wollte den Fuchs zuende denken und ihn der Wirklichkeit aufzwingen.
Ein Ruck ging durch die Szenerie, als würde die Welt ein winziges Stück auseinandergezogen,
Wirklich schön, auch das Ende; kein Wort falsch, zuviel, zuwenig.

Hast mich beeindruckt (und nach einem anderen Text angenehm überrascht), und jetzt trolle ich mich flux,
Katla

 

Vielen Dank für die nette Kritik, die eigentlich keine Kritik ist. :)
Mal schauen, was andere so sagen...
Für Deinen Kommentar zu einer anderen (alten) Geschichte, der verschwunden ist, weil ich sie löschen ließ, muss ich mich entschuldigen.

Ach, und: Mich würde schon interessieren, welche Vorstellungen die Geschichte in Dir ausgelöst hat und was Du philosophisch und gemein fandest. :)

 
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Moikka Berg,

puha nein, keine Entschuldigung bitte (für meinen Komm? hrhr), Du kannst doch mit Deinen Geschichten machen, was Du willst. Sie wäre aber eine Ausarbeitung wert.

Das Kaninchen, hoffe, es klingt nicht zu platt:
Ich liebe Beobachtungen in surreale Texte verpackt, weil sie vordergründig von ihrer Thematik wegführen, und einen so auf neue Gedanken(-kombinationen) bringen - so auch Dein Text.
Das Kaninchen ist süß und 'unschuldig' (nicht nur durch sein kuscheliges Aussehen, oder verschiedene Märchen/Mythen ähnl. wie der Hase; 'Herr Butterblume'),
a) andererseits beschreibst Du es realistisch, 'zoologisch korrekt', wie beim Impuls, zu Pfeifen und zu Klopfen;
b) widerspricht 'süß' konventionellerweise 'schlau/wissbegierig/wissend (>Magie)/anders.
Alles gleichzeitig funktioniert, was an sich ein gelungener Kunstgriff ist - das Kaninchen wirkt glaubhaft, nicht unstimmig.

Die Philosophie liegt für mich darin, wie das Kaninchen mit der Faszination des Schreckens, des Bösen, umgeht (und hier wären tatsächliche Philosophien dazu vereint, wäre es eine legitime Interpretation der Geschichte):
* das Böse ist alltäglich - der Tod der Eltern/Familie
* es ist schön - so wie einen eine perfekte Tötungsmaschine fasziniert, eine unschuldig erscheinende Abwesenheit von Moral
* es ist banal - der ausgestopfte Fuchs (wunderbar beobachtet!) im Museum
* es ist beängstigend und anziehend, man weiß aber vllt. nicht warum
* es gibt die Theorie, daß Traumata sich lösten, wenn man der eigenen Angst ins Gesicht sieht (der Tick, einen Fuchs zu erschaffen, ohne zu wissen, wieso, ohne auf Konsequenzen zu achten) - aber viele verlieren auch darüber den Verstand (= das Leben)
* und last but not least: Ist das Böse böse, oder folgt ein Etwas nur seiner Natur / hängt es ab vom Auge des Betrachters.

Philosophie ist sicher auch die Neugier/das Verlangen, seine eigene Existenz zu begreifen - mit unsicherem Ausgang, niemals beweisbar, und auch: Was bedeutet sie noch im Moment des Todes? Eine Erkenntnis in ihrer reinen Form stirbt immer mit der Person, die sie erdachte. So ist für die Kaninchensippe insgesamt nichts gewonnen, im Gegenteil.
Dennoch drängt sich der Eindruck eines happy ends auf - denn dem Kaninchen ist seine Schöpfung so perfekt gelungen, wie es sie erdacht hatte. Dazu paßt mE wieder: Viele entsetzliche (gerade politische, religiös motivierte) Verbrechen geschehen, weil etwas Gutes/Perfektes geschaffen werden soll - selbstverständlich nur in den Augen der Verbrecher: KZs, Gulags, Sekten-Massen(selbst)morde, ethnische "Säuberungen", der "humane" Atomschlag, etc etc und pp.

Darein spielt das Streben nach Perfektion - AIs und Robotik, Nanotechnologie/-medizin, Genforschung. Alles auch sehr zwiespältig, wie der perfekte Fuchs.
Deinem Kaninchen könnte man - aus vielen Gründen, aber auch, weil es so unglaublich sympathisch ist - kein Verbrechen vorwerfen, dennoch: wie soll man seine Handlung am Ende werten? Die Idee von unschuldig schuldig.

Eine andere Schiene: wie oft stellt sich das Erträumte in der Realität als Alptraum heraus, und wie spät merken wir es, in unserer Begeisterung?

Ab davon: Die Beobachtungen/Eindrücke - v.a. im Museum - sind ein hübscher Spiegel unseres Alltags, und der Art, wie wir mit Geschichte & Kultur umgehen, allerdings so subtil, daß man keine Holzhammermoral rauslesen könnte (finde ich jedenfalls).

Alles in allem, perfekt verquickt. Und die Sprache paßt genau zu der Differenziertheit, der Naivität wie auch der Weisheit, des Kaninchens. Bzw. am Ende zur Indifferenz des Fuchses.

Gemein: Ein geschlachteter, niedlicher Protagonist. Die Sprache, die immer leise Ironie zeigt, ohne daß das Erzählte lächerlich oder herabgesetzt erscheint:

(...) jedesmal ein Fuchs! Außerdem war die Aufgabe anspruchsvoll und machte ihm Spaß.
Wie mühsam es war, die geträumte Gestalt vom luftigen Raum abzugrenzen!
Er öffnete den Mund, zeigte seine Kaninchenzähne und war müde und erschöpft und selig...

Bevor mir das Herz bricht, Themenwechsel: Mir gefällt auch die Verbindung von Magie und Naturwissenschaft, spätestens seit der Aufklärung widersprüchlich definierte Aspekte, die ja im Kaninchen zusammenfallen.

Hoffe, ich habe mich nicht allzusehr vergallopiert. Falls das wirr klingt, mache ich schlichtweg das 4. Glas Glögi verantwortlich!
Herzlichst, Katla

 

Dear Katla,

ich staune immer wieder, was für durchdachte und ausgefeilte und ernsthafte Kritiken manche Leute hier schreiben. Deine zu lesen war eine Freude! :)

Zur Zoologie: Kaninchen und Feldhasen gehören zwar beide zu den echten Hasen, aber Kaninchen leben in Kolonien, während Feldhasen Einzelgänger sind. Kaninchen graben Höhlen, Hasen tun das nicht. Alle "Hasen", die man als Haustiere hält, sind eigentlich Kaninchen.

Die Anziehungskraft des Bösen und dessen, was uns zerstört, beschäftigt mich hin und wieder. Du hast das schön zusammengefasst:

* das Böse ist alltäglich - der Tod der Eltern/Familie
* es ist schön - so wie einen eine perfekte Tötungsmaschine fasziniert, eine unschuldig erscheinende Abwesenheit von Moral
* es ist banal - der ausgestopfte Fuchs (wunderbar beobachtet!) im Museum
* es ist beängstigend und anziehend, man weiß aber vllt. nicht warum
* es gibt die Theorie, daß Traumata sich lösten, wenn man der eigenen Angst ins Gesicht sieht (der Tick, einen Fuchs zu erschaffen, ohne zu wissen, wieso, ohne auf Konsequenzen zu achten) - aber viele verlieren auch darüber den Verstand (= das Leben)
Die Faszination der perfekten Tötungsmaschine. Das ist es! ;)
Ein Uni-Lehrer von mir, der auch Psychotherapeut ist, sagte einmal über die Anziehungskraft dessen, was uns schadet (bei Freud heißt es Thanatos, Todestrieb), es sei der Gruppe vielleicht irgendwie von Nutzen.

Die Auffassung als leise Ironie gefällt mir gut.

Und schließlich: die Magie. Es ist dieselbe wie in "The Secret". Die Vorstellung, dass unsere Gedanken sich verkörpern, findet sich in fast allen esoterischen Lehren - soweit ich das als eifriger Flohmarktbuch-Leser beurteilen kann. Auch in den Religionen (Christentum: Gebet, Buddhismus: Karma).

Herzliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg,

nachdem ich Deine Geschichte gestern schon gelesen habe, möchte ich Dir nun gerne einen Komm dazu schreiben, obwohl ich mich nach den beiden Komms von Katla fast nicht mehr traue.

Denn was bleibt mir übrig, als Dir zu schreiben, dass es mir richtig gut gefallen hat? Ich habe Deine Geschichte mit großem Spaß gelesen. Mir gefiel das Absurde, das auf gewisse Weise auch wieder normal ist und ich konnte mich während des Lesens nicht entscheiden, ob ich das Karnickel nun verstehe oder es für total bekloppt halte.

Die ganzen Highlights hat Katla mir schon abgenommen. Sprachlich ist mir eigentlich kein Holperer untergekommen. Die Namen finde ich ganz toll gewählt, sehr passend.
Ich kann mich dem Lob also (langweiligerweise!) nur anschließen.

Liebe Grüße und guten Rutsch
Giraffe :)

 
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>„Oh, how cute!“<

Hallo Berg,

ein interessanter Text zwischen Fabel und Märchen, der mich "irgendwie" an Wolfgang Leonhards "Die Revolution entlässt ihre Kinder" erinnert (die Revoluzzer werden ja eher von der Revolution "gefressen", da sie ja in der Folgezeit eher stören könnten). Feine Ironie höre ich, schöne Namen lese ich: Kaninchen namens Butterblume, Holunderblüte, Hagebutte. Ironie kann auch blumig daherkommen. Schöne Sätze wie z. B.: >Füße hatten die ärgerliche Eigenheit, überall hinzutreten.<

Bisschen Futter für die Kleinkrämerseele (ohne Gewähr):

Gelegentlich ein entbehrliches Attribut: >Die menschlichen Besucher< z. B. Wer sonst?

Auch das "irgend" ist entbehrlich und arg unbestimmt: >Als erfahrener Höhlenbewohner schaffte es das Kaninchen irgendwie, sich in der labyrinthischen Anlage zu orientieren.< Das Kaninchen schafft's doch auch ohne irgendwie.

Entbehrlich auch >RECHT unwohl fühlen< (gäb's auch ein UNRECHTES unwohlsein? oder auch >VIEL zu dünne Beine<, zu dünne Beine wäre doch schon VIEL genug.

Halbiere die Gänsefüßchen innerhalb der wörtl. Rede: „Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist der einzige mitteleuropäische Vertreter der Füchse und wird daher meistens als „der Fuchs“ bezeichnet“.
Und: >„Aber warum ausgerechnet einen Fuchs?“KOMMA fragte der Älteste ...

Vorschlag, um hier von A bis Z draus werden zu lassen: >Jedem Tier von der Ameise bis zum Waldkauz war klar, ... <, den Waldkauz durch den Zeisig zu ersetzen.

>Die Bäume standen ringsum in einigem Abstand, so als machten sie Platz für alle Dinge, die sich zu ihren Füßen abspielten.< Statt der Füße besser Wurzeln.

Mit den würde-Konstruktionen zu Konj. wie etwa >Noch wusste er nicht, ob es klappen würde< ..., ob es klappte ginge doch, oder?

Gefällt mir!

Gruß

Friedel

 
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Hallo allerseits,

endlich komme ich dazu, Eure freundlichen Kritiken aus dem letzten Jahr zu beantworten. ;)

@Giraffe: Schön, dass Du die Geschichte mit Vergnügen lesen und eine emotionale Beziehung zum Protagonisten aufbauen konntest! ;)

@Friedrichard: Danke für die Details! Gänsefüßchen bei "der Fuchs" und Zeisig statt Waldkauz werden ersetzt. Was die Füße der Bäume betrifft: Man sagt doch auch der Fuß des Berges. Bei Füßen denke ich ans Stehen an einem Platz, den man sich ausgesucht hat. Es vermittelt das Bild einer herumstehenden Menge. Wurzeln wäre zu prosaisch.

Und dieses würde für ein Ereignis, das vom Präteritum aus gesehen möglicherweise eintreten wird, verwende ich ständig, ohne zu wissen, ob es korrekt ist. Es gibt das Unbestimmte besser wider (oer heißt es "wieder"?) als "Noch wusste er nicht, ob es klappte".
In der Gegenwart sage ich: "Noch weiß ich nicht, ob es klappen wird" und nicht "Noch weiß ich nicht, ob es klappt". Hier ist es vielleicht an der Zeit, die Meinung weiterer Autoritäten einzuholen. ;)

@Are-Efen: Danke fürs umwerfend finden. :) Erschaffen klingt für meine Ohren zu sehr nach Gott. Man muss auch sagen, dass Namen immer trivial sind. Sie lauten "Horst Schmidt" oder "Karl Baumann" oder "Noboru Nakamura" - und haben mit der Person, die sie bezeichnen, nicht viel zu tun.

Euch allen danke für ... alles

Berg

 

Hallo Berg,

die Geschichte ist sehr gut. Am besten hat mir der Mittelteil gefallen, die Argumentation Herrn Butterblumes, der den berechtigten Einwand "Aber der perfekte Fuchs wäre dann doch noch gefährlicher" einfach wegrhetorisiert mit so einem "Dieses Kleinkarierte" immer, da war für mich die Parabel am stärksten. Der große Geist tut etwas, weil er es kann. Das ist der Sieg des Verstandes über die Fesseln der Materie und der direkten Nützlichkeit, wenn man so will. L'art pour l'art.

Die Hinweise auf die "Magie" im Wald stören nicht, aber sonderlich viel bringen sie nun auch nicht, glaube ich. Man kann das durchaus als gegeben annehmen, dass ein Hase einen Fuchs erschaffen kann.

Ich reib mir ein bisschen die Auge bei der Geschichte, weil ich so etwas von dir gar nicht gewohnt bin. Eine angenehme Überraschung.

Gruß
Quinn

 

Hey Berg!

Mir hats auch gefallen. Ich mochte die Vorstellung, dass man sich zunächst informiert, das Unheil dann schafft, und davon dann am Ende aufgefressen wird. Hübsch!

Auch schön in Szene gesetzt. Der Hase passt zur Sprache - oder ists anders herum? Zumindest wirkt es authentisch und das ist fein. Hab das mit Vergnügen sehr gern gelesen.

Am Ende war mir ein Fuchs zuviel und das Zoomen mag mir nicht zum Erzählton passen.

Bis bald!

yours

 

Hallo Quinn & yours truly,

danke fürs Loben! Quinn sagte ja schon im Chat, er wollte eine euphorische Kritik verfassen - und ich muss sagen, das war keine Übertreibung. ;)

Quinn schrieb:
Der große Geist tut etwas, weil er es kann. Das ist der Sieg des Verstandes über die Fesseln der Materie und der direkten Nützlichkeit, wenn man so will. L'art pour l'art.
Das hast Du schön auf den Punkt gebracht.

yours truly schrieb:
Ich mochte die Vorstellung, dass man sich zunächst informiert, das Unheil dann schafft, und davon dann am Ende aufgefressen wird. Hübsch!
Danke. :)

Hmm, wenn ich offen gelassen hätte, ob der Fuchs kommt, wäre das Ganze nur ein Ritual gewesen. Eine Art Aberglaube.

Freundliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg,

deine Geschichte wirkte auch auf mich sehr stark. Katlas Ausführungen in philosophische und psychologische Gewässer erweiteterten noch mal den Horizont. Für mich eine Parabael auf die häufig stattfindende Identifikation mit dem Aggressor in extremen Bedrohungszuständen. Und das im "niedlichen" Puschelgewand!

Ein Vorredner störte sich am Begriff "zoomen", mir ging es ähnlich. Auch ich kam da ins Hoppeln.

Großes Kopfkino.

Lieb grüßend und verneigend,

Vincent

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Berg,

ich bin beeindruckt! Der Text ist originell, tiefsinnig und wirkt auf mich wie eine moderne Fabel. Das hat Spaß gemacht, diesen Text zu lesen und dabei zu fühlen, dass es dem Autoren beim Schreiben auch großen Spaß gemacht zu haben scheint. Die Idee ist klasse und auch tadellos umgesetzt.

Meine Interpretation läuft (oder soll ich sagen hoppelt) in Richtung "Die Geister, die man rief ...".

Ein Text, den man sich mehrfach gönnen sollte, man wird vermutlich immer wieder Neues entdecken können. Gratulation, zu diesem gelungen Werk und auch zu diesem tollen Titel (Neid!).

Rick

 

Hey Berg,

Gratulation! Wunderbar, was soll ich noch schreiben nach all den anderen?
Ich hab den Text gelesen, gern gelesen, in einem Ruck gelesen, insofern konnte ich nicht darauf achten, ob mich irgend ein Wort stört. Hat es wohl nicht getan.

Ein Hase bastelt sich einen Fuchs, eine Maus ihre Katze und ich mir jetzt eine Zigarette ;).

:thumbsup: Fliege

 

Herzlichen Dank für Eure freundlichen Reaktionen! :) Für das Wort "zoomen", wenn man in der virtuellen Welt etwas näher heranholt oder weiter wegschiebt, habe ich keinen guten Ersatz gefunden. Danke für den Hinweis, yourstruly und vincentvoss!

Und natürlich lieben Dank an Rick fürs Empfehlen!

*verbeug*

 

Hallo Are-Efen,

es handelt sich keineswegs um einen Hasen! Der Fuchs tritt an die Stelle des Protagonisten, der wiederum seinen Schöpfer (den Autor) verkörpert und doch nicht real ist. So werden die Dichotomien Schöpfer/Geschaffenes und Sein/Nichtsein aufgehoben im Text, der als Geschriebenes Sein erlangt und auf die Realität zurückwirkt. Aus dieser Dialektik ergibt sich die frequenzhafte Bestätigung des zugrundeliegenden Prinzips.
Deine abschließende Bemerkung ist allerdings bedeutungsleer, ebenso wie der Name nur Zeichen und Verweis und nicht selbst Gegenstand ist. Ich beziehe mich hier auf Wittgenstein, der im Tractatus (3.203) sagt: Der Name bedeutet den Gegenstand. Der Gegenstand ist seine Bedeutung. ("A" ist dasselbe Zeichen wie "A".)
Und außerdem (3.221): Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie. Ich kann nur von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht. Ein Satz kann nur sagen, wie ein Ding ist, nicht was es ist.

Gruß
Berg

 

Hallo Berg,

es wurde zu deiner Geschichte schon so viel gesagt, da habe ich gar nicht viel zu ergänzen. Von den kgs, die ich von dir gelesen habe, ist dieser Text mit Abstand der beste. Das lässt mich dein Können noch einmal unter einem ganz neuen Licht betrachten. In meinen Augen hast du hier den Inhalt genau richtig mit deinem Ton verknüpft. Der Inhalt selbst ... Ja, da gibt es wahrlich eine Menge Mönglichkeiten des Hineininterpretierens. Fein gemacht, da er auch ohne viel des Rumspekulierens wirkt. Aus diese Art macht es auch Spaß, man hat als Leser nicht den Argwohn, der Autor verlange das von einem. Öhm, hoffe, du hast das verstanden.
Ich zumindest gehe auch in die Fabel-Richtung und kann den Text mit einem Augenzwinkern lesen.

grüßlichst
weltenfuchs

 

Hallo weltenläufer,

danke fürs Loben! Anscheinend ist mir bei diesem Text gelungen, eine klare Struktur mit ein paar anregenden Gedanken zu verbinden. Jetzt ist das auch schon wieder einen Monat her - und ich fürchte ein wenig, dass es eine Weile dauern wird, bis ich wieder etwas Gutes zustandebringe.

Fein gemacht, da er auch ohne viel des Rumspekulierens wirkt. Aus diese Art macht es auch Spaß, man hat als Leser nicht den Argwohn, der Autor verlange das von einem. Öhm, hoffe, du hast das verstanden.
Ungefähr, ja. ;)

Freundliche Grüße,

Berg

 

Hallo Berg,
armer Herr Butterblume! Hoffentlich dünkt sein Blut den magischen Ort und lässt noch ein paar dieser herrlichen, verrückten Philo-Fabeln entstehen!
Da hast du echt was aus dem Hut gezaubert.
Mit begeisterten Grüßen,
Jutta

 

Sehr gern gelesen, als einfach zu begreifende Fabel mit einer für mich eindeutigen Moral: Die ethische Verantwortung des Wissenschaftlers.

Schwieriges Thema, aber amüsant verpackt

 

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