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Heinrich Rübelos

Beitritt
05.02.2003
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65

Heinrich Rübelos

Heinrich Rübelos wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf.
Sein Vater war von Beruf Messerschleifer gewesen.
Seine Mutter zerteilte Geflügel in einer Großschlachterei.

Rübelos war immer ein schlechter Schüler gewesen, es gab kein Fach, welches er gerne lernte, ausser der Mathematik, von der ihn Brüche und Teilungsrechnung besonders interessierten.

Er hatte keine Freunde - oder um es genau zu sagen, sie waren ihm nach und nach alle weggelaufen, weil er schon als kleines Kind deren Spielzeug zerstörte.
Dann lachte er die Freunde auch noch aus, wenn sie weinend zu ihrer Mutter liefen, weil Rübelos ihrem Kaspar die Nase abgebrochen oder die Lieblingspuppe von einem Arm oder Bein befreit hatte.

Nach der Schule lernte Rübelos auf Anraten seiner Mutter den Beruf des Fleischers, und hier erwies er sich
als wirklich talentiert, was sich besonders bei der Abschlußprüfung herausstellte, bei der er ein beeindruckendes Referat über sämtliche Tötungsarten von Großtieren halten konnte.

Zu jener Zeit war das Schlachten von Vieh bei den Fleischern noch erlaubt.

Sein Lehrherr war mit seinen Leistungen überaus zufrieden, denn Rübelos arbeitete sehr umsichtig und präzise.

Auch an den hektischen Tagen vor den Feiertagen, wo sehr viel Vieh abgeladen wurde, war Rübelos immer in seinem Element, und es gab nie Ärger wegen unsauberer Schlachtmethoden, wenn Rübelos zugegen war.

Dann sah man ihn im blitzsauberen weissblaugestreiften Kittel beruhigend auf die Tiere einreden - ein
glatzköpfiger Mann von massiger Statur mit wasserhellen blauen Augen unter buschigen schwarzen Augenbrauen.

Er sprach sehr leise, und die Tiere liessen sich willig von ihm zum Schlachtraum führen.

Sonntags schritt er meist mit dunklem Nadelstreifenanzug und einer blutroten Krawatte sowie weissen Hemd bekleidet zur Kirche.
Dann grüsste er jeden, den er traf, mit einer kleinen etwas linkisch wirkenden Verbeugung , wobei er den schwarzen Zylinder mit ausladender Bewegung mal mit der linken mal mit der rechten Hand lüftete.

Im Dorf war Rübelos abends nie in den Wirtshäusern zu finden, sondern saß zuhause und las Fortbildungsliteratur für den Fleischerberuf, und manchmal fuhr er eigens dafür in die Stadt um sich neue Bücher über Schlachtmethoden, Zerlegung und Zubereitung zu beschaffen.

Da er sehr wortkarg im Umgang mit Menschen war, hatte man alles Mögliche über ihn getuschelt - man sagte, er sei heimliches Parteimitglied einer Münchener Partei geworden.
Diese Partei sei gerade dabei politische Bedeutung zu erreichen und ihre Mitglieder zeigten sich gerne in braunen Uniformen und schwarzen Knobelbechern auf der Straße und bei Ihren Versammlungen.

Eines Tages war Rübelos ganz verschwunden.

Sein Arbeitgeber zuckte nur mit den Schultern und konnte nicht verstehen, warum Rübelos ohne Ankündigung nicht mehr zur Arbeit erschienen war.

Als man in seiner Wohnung nach ihm fragte, war auch die Vermieterin fassungslos über den plötzlichen Auszug
ihres bis dahin immer korrekten Mieters.

Diese Fassunglosigkeit bezog sich allerdings nicht auf die Miete, die er bis zum letzten Tag hinterlegt hatte, sondern sie bezog sich darauf, dass er nicht mit einem Wort seine Absichten wegzuziehen erwähnt hatte.

Manche meinten, er sei irgendein hoher Parteifunktionär geworden und seiner Parteispitze nach Berlin gefolgt, aber letztlich blieb es nur bei diesen Vermutungen.

Dass er von 1943 bis 1945 als Henker für die Nationalsozialisten gearbeitet und die Hinrichtung von über 540 politischen Gefangenen durchgeführt hatte, wollte auch lange Jahre nach dem Krieg niemand so recht glauben.


© K. Briesemeister/2003

 

Fixer Einblick in den Lebenslauf eines Menschen, dessen Lebenswandel ich zwar nicht unbedingt als bizarr bezeichnen würde, der auf den ersten Blick aber auch nicht gleich normal erscheint.
Bekömmliche Darstellung und sprachlich flüssig gehalten, trotz der telegrammstil-ähnlichen Gestaltung.

 

Hallo Hendek,
vielen Dank für die gute Kritik.
Hier hat sich wohl der Spruch "In der Kürze
liegt die Würze" als richtig erwiesen.

Ähnlich lief eine Geschichte von mir unter der Rubrik "Horror". Titel: "Die Katastrophe", falls jemand sich dafür interessiert.

Gruss
Klaus

 

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