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Habitatnacht
Mit einem Durchmesser von mehr als 30 Kilometern war die Ruhrstadt das größte der fünf orbitalen Habitate, die im Raum unter dem europäischen Kontinent standen. Um die dicht bewaldete Kuppel im Zentrum der ovalen Station herum, streckten sich die turmartigen Aufbauten des äußeren Wohnringes dem Planeten entgegen, der die Wiege und einst die Heimat der Menschheit gewesen war.
Es war Nacht auf der Ruhrstadt, die Erde stand über einem Meer aus Lichtern, verborgen in Schatten konnte Kowalski ihre Pracht nur erahnen.
Während sein Shuttle durch den dichten Verkehr zwischen den Wohntürmen glitt, zwang er sich keine weiteren Gedanken darauf zu verschwenden. Er konnte jetzt keine Ablenkungen gebrauchen.
Er hatte die Verbindung zu dem, dass ganze Sonnensystem umspannenden, Netzwerk unterbrochen und ohne die Datenströme der Konstruktrealität an den Rändern seiner Wahrnehmung fühlte er sich seltsam allein. Zum dritten Mal versuchte er den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Vergebens.
Alles Zögern half nichts, er wusste, was er zu tun hatte, ob es ihm nun gefiel oder nicht.
Während sein Blick auf den vorbeiziehenden Aufbauten des Habitats lag, öffnete er mit der linken Hand das Fach in der Armlehne seines Pilotensitzes. Mit bedächtigen Bewegungen nahm er die Waffe heraus, wechselte sie in die rechte Hand und überprüfte die Ladung.
Die Waffe war weder gut, noch schlecht, sie war nur ein Werkzeug. Doch heute war sie mehr als dass. Sie war ein Versprechen, eine Tatsache und sie lag schwerer in seiner Hand, als er es in Erinnerung hatte.
Er schob sie in das Holster an seiner Seite. Dann trennte er die Verbindung seines Shuttles zur automatischen Verkehrskontrolle und ergriff den Steuerknüppel.
Als das kleine Schiff über den Rand der Ruhrstadt glitt, brachte er es in eine Rolle und zog dann den Knüppel nach hinten. Die Sterne vor seinen Augen verschwammen, als er eine scharfe Kehre flog und in die Schatten der erdabgewandten Seite der Ruhrstadt glitt. Diese Seite war unbewohnt, hier befanden sich die automatischen Systeme, die das Leben auf der gewaltigen Station erst ermöglichten, Fusionsreaktoren, Wasser- und Atemluftaufbereitung, Schwerefeldemitter. Die wie zufällig verstreuten Aufbauten, die er auf der Sensorprojektion erkennen konnte, sahen aus wie eine kubistische Mondlandschaft.
Kowalski aktivierte die Schubumkehr, und als sein Shuttle in den Schatten der Aufbauten endgültig zum stehen kam, verschwand es, nahezu unsichtbar, in der finsteren Schwärze der Habitatnacht.
Jedem der auf Phobos ankam fiel zuerst auf, wie groß Phobos City war. Sogar noch vor dem Mars selbst, der die Aussicht von seinem Mond aus dominierte.
Die größte Metropole des Sonnensystems war in den Mond hinein gebaut worden und sah wie eine 280 Kilometer durchmessende Zielscheibe aus.
Unter der Kuppel ragten Wohntürme dem Mars entgegen, der alles in ein dumpfes rotes Licht tauchte. Kowalski bekam davon Kopfschmerzen, für einen Cyborg eigentlich unmöglich.
Es hatte ihn schon zwei Tage gekostet den Ursprungsort der Nachricht zu finden und jetzt musste es schnell gehen. Er hatte noch immer keine Ahnung was ihn erwartete und die Sache gefiel ihm immer weniger.
Er überprüfte die Ladung seines Nadlers und stopfte ihn sich in den Gürtel. „Das ist mit Abstand die dümmste Idee, die Du je gehabt hast.“, sagte er leise zu sich selbst. Seit vor dem Krieg hatte er Kate nicht mehr gesehen, sie hatte krank ausgesehen in ihrer Nachricht. Dürr und blass, in ihren Augen hatte Verzweiflung gestanden. Über ihre zitternde Unterlippe waren Tränen geflossen und ihre Stimme war schon beim ersten Wort gebrochen: „Kowalski,“, ihre Augen blickten nicht in die Linse, sondern sprangen umher, als wollte sie ihre Umgebung im Auge behalten; „hol mich hier raus!“
Dann war die Verbindung abgebrochen.
Und jetzt stand er in der geringen Schwerkraft von Phobos in der geöffneten Seitenluke seines Shuttles und fummelte an einem Fenster herum. Obwohl er mehrere Hundert Meter über dem Boden war, bestand keine wirkliche Gefahr durch einen Sturz. Während er in der geringen Schwerkraft langsam zu Boden gleiten würde, wäre Langeweile noch das größte seiner Probleme.
Aber sein Kleinhirn wollte das nicht verstehen und so bestand es darauf, dass sich alles drehe. Er verfluchte seine Höhenangst, noch etwas das er als Cyborg eigentlich nicht haben sollte. Der neue Körper war eindeutig noch nicht richtig kalibriert.
Endlich fand er den Schließmechanismus und zwang ihn mit seinem Messer auf. So leise wie möglich schwang er sich ins Innere und zog seinen Nadler. Mit der Waffe in halber Höhe lauschte er zuerst. Irgendwo lief Wasser.
Leiste folgte er dem Geräusch aus dem dunklen Schlafzimmer, in das er eingestiegen war, in einen kleinen Flur. Auf der rechten Wand war eine Tür nur angelehnt und helles Licht schien durch den Spalt. Aber noch immer war alles, was er hörte das laufende Wasser. Kowalski hielt die Luft an.
Die Tür, die vom Cockpit in den Wohnbereich des Shuttles führte war fest verschlossen. Auf der anderen Seite dürfte er sich seine Zweifel nicht anmerken lassen.
Kowalski richtete sich kerzengerade auf und strich seinen Pullover glatt. Noch immer wurde er den Kloß in seinem Hals nicht los und seine Handflächen wurden schweißnass vor Nervosität.
Sein künstlicher Körper war exakt bis ins kleinste Detail. Normalerweise genoss er, das die moderne Technik ihm erlaubte ein annähernd normales Leben zu führen. Zu gut konnte er sich an eine Zeit erinnern, in der sein Cyborgkörper wenig mehr als eine Waffe gewesen war, doch jetzt gerade störte ihn die detailgetreue Nachahmung normaler, biochemischer Prozesse.
Zum Glück konnte er diese Funktion seiner künstlichen Haut, nur mit einem Gedanken, abschalten. Weil er gerade dabei war, senkte er auch den Klang seiner Stimme um eine halbe Oktave. Auch wenn er seine Nervosität nicht wirklich unterdrücken konnte, er war sehr wohl in der Lage sie zu verbergen.
Kowalski atmete ein letztes Mal tief ein und öffnete die Tür.
„Hallo Patrice,“, sagte er, „lange nicht gesehen.“
Im hinteren Teil des Wohnbereiches, gegenüber der kleinen Kochnische, auf dem Boden der Essecke, vor der hochgeklappten Tischplatte, hockte ein Mann in einem dunklen Anzug.
Abgesehen von dem Licht, dass hinter ihm durch die Tür fiel war der Raum dunkel. Kowalskis langer Schatten fiel auf den Mann, dem er sorgfältig die Hand und Fußgelenke zusammengebunden hatte. In einem vergeblichen Versuch etwas zu sehen, blinzelten kleine Schweinsäugchen angestrengt, aus einem Gesicht, das entfernt an ein Frettchen erinnerte.
Patrices Stimme war dünn und schrill, nicht aus Panik. Kowalski wusste, dass Patrice immer so klang.
„Kowalski, du Pisser!“, schnauzte er, „Weißt Du eigentlich worauf du dich hier einlässt?“
Kowalski überbrückte den Abstand mit zwei raumgreifenden Schritten und schlug seinem Gefangenen, mit der geballten Faust, zwei mal ins Gesicht. Hart.
„Besser als Du ahnst.“, antwortete er.
„Was willst du von mir?“, fragte Patrice und bemühte sich das rote Rinnsal, das aus seiner Nase lief zu ignorieren. Er fing sich einen dritten Schlag, weniger heftig als zuvor.
Kowalski ging vor ihm in die Hocke und zog die Waffe aus dem Holster. Für einen Moment wog er sie gedankenverloren in der Hand.
„Es geht hier nicht um dass, was ich will.“, antwortete er schließlich mit fester Stimme. „Es geht um etwas, wozu Du mich zwingst.“
„Kowalski Du dämliches Arschloch!“, schnauzte Patrice, „Du bist ein toter Mann.“
„Du irrst Dich,“, Kowalskis Stimme blieb sachlich, emotionslos, während er den Schlitten seiner Waffe zurück zog,um eine Patrone in die Kammer zu bringen, „der tote Mann bist Du, Patrice.“
Er setzte die Mündung auf dem rechten Knie seines Gefangenen ab: „Die gute Nachricht ist, dass du selber entscheidest wie lange es dauert.“
In der Enge des kleinen Raums übertönte Patrices Schrei den Schuss, als Kowalski den Abzug durch zog.
In gut geölten Angeln schwang die Tür lautlos auf, als er sie mit dem Fuß anstieß.
Das Badezimmer dahinter war makellos sauber und hell erleuchtet. In dem großen Spiegel, der ihm gegenüber an der Wand hing, konnte Kowalski den Rand der Wanne sehen und das Wasser das, in der geringen Schwerkraft, träge darüber schwappte.
Er zögerte einen Moment, bevor er leise in den Raum trat.
Neben der Wanne, mit nichts als einem schwarzen Seidenhöschen am Leib, lag Kate. Die schlanken Beine von sich gestreckt, mit den Füßen in der sich ausbreitenden Pfütze, wirkte sie noch abgemagerter als in ihrer Nachricht. Ihre Hüft- und Kieferknochen standen hervor und unter ihren kleinen, festen Brüsten zeichneten sich die Rippen deutlich unter der Haut ab. Neben ihr, wo sich ihr Blut mit dem Wasser mischte lang die Schere, mit der sie sich die Pulsadern geöffnet hatte.
Kowalski war zu spät gekommen. Er stolperte zurück und musste sich an der Wand abstützen, um auf dem nassen Boden nicht auszurutschen.
Und dann öffnete sie ihre Augen.
Sofort war er bei ihr und kümmerte sich einen Dreck darum, dass seine Hosen sich mit Blut voll sogen. Sie lebte! Noch.
„Kate, bleib bei mir.“, verzweifelt versuchte er etwas zu finden, mit dem er die Blutung stoppen könnte, „Du musst wach bleiben Kate.“
„Du bist gekommen. Du bist wirklich gekommen.“, ihre Lippen bewegten sich kaum und die Worte waren so leise, dass sie fast vom Geräusch des laufenden Wassers übertönt wurden. Und als Kates Lippen sich zu einem schwachen Lächeln verzogen, brach sein mechanisches Herz.
„Nein! Nicht so.“, mit den Händen umschloss er ihre Handgelenke, doch das Blut floss weiter zwischen seinen Fingern hindurch, „Ich hol dich hier raus Kate, bleib jetzt bloß bei mir.“
„Du bist wirklich gekommen.“, sagte sie wieder, „Du bist bei mir. Alles ist gut, ich...“, Kates letzte Worte verstummten, als sie in seinen Armen erschlaffte.
„Nein. Kate. Kate!“ Er schrie fast, doch es half nichts. Sie hatte ihn gebraucht und er war zu spät gekommen. Alles ist gut, hatte sie gesagt. Doch nichts war gut.
Vor dem starren Blick ihrer blauen Augen floh er aus dem Badezimmer.
Mit den ersten beiden Kugeln hatte er Patrices Knie zerschmettert. Die dritte Kugel hatte er in seine Schulter gejagt, wo sie eine fiese Wunde hinterlassen hatte, die jetzt heftig blutete. Unter Patrice bildete sich langsam eine Blutlache.
„Du bist doch irre!“ Der Gefangene heulte aus vollem Halse auf, als Kowalski ihm den heißen Lauf der Waffe ins Gesicht drückte.
Kowalski richtete sich auf und massierte seine Nasenwurzel, während er über Patrice stand: „Wenn Du willst, dass ich aufhöre, sag mir einfach was ich wissen will.“
„Dann frag mich endlich was!“, Patrice kreischte fast und vor Schmerz und Wut und Angst traten ihm Tränen in die Augen, „Worauf soll ich dir antworten, wenn ich nicht weiß was du wissen willst?“
Kowalski schüttelte den Kopf und lachte kalt: „Patrice, Patrice. Wir wissen beide, dass wenn ich dir das sage, wirst du es mir erst recht nicht verraten.“
„Hey Mann,“, ein flehender Ton trat in Patrices Stimme, „Du musst dass doch nicht durchziehen.“ Bettelte er: „Ich kann ein guter Freund sein, glaubs mir.“
Kowalski ging wieder in die Hocke und brachte sein Gesicht ganz nah an das seines Gefangenen. Für einen langen Moment starrte er ihn nur an. Patrice versuchte zuerst dem Blick seines Peinigers standzuhalten, doch er scheiterte kläglich. Seine Augen sprangen wild umher, unfähig dem stechenden Blick der künstlichen Linsen zu entgehen.
„Ist das so, ja?“, fragte Kowalski.
„Ja Mann,“, seine dürre Stimme brach fast, als Patrice sich an seine letzte Hoffnung klammerte, wie ein Ertrinkender an ein viel zu kleines Stück Treibholz, „ich kann dir alles besorgen, was du haben willst, Waffen, Drogen, ich kann an alles kommen.“
„Warum glaubst du dass ich jemanden bräuchte um an Waffen und Drogen zu kommen?“, fragte Kowalski, während er den Lauf seiner Waffe an die unverletzte Schulter seines Gefangenen presste: „Ist das wirklich schon alles?“
Patrice plapperte los ohne nachzudenken: „Nein Mann, ich komm an alles dran.“ Vielleicht war es die Angst, oder der Schmerz, aber er bemerkte nicht dass er sich endgültig sein eigenes Grab schaufelte: „Magst du Fotzen Kowalski? Ich kann dir Fotzen besorgen.“
Kowalski zog sich ein Stück zurück, er lies sogar die Waffe ein wenig sinken: „Erzähl mir mehr davon.“, sagte er mit neutraler Stimme.
„Mann Kowalski, du machst dir ja keine Vorstellung. Kleine, nasse Fötzchen, die alles tun was du willst. Und wenn du fertig bist...“
Patrice hörte den Schuss nicht, der sein Leben beendete. Die Kugel drang durch seine Kehle und dann aufwärts, bevor sie ein Faust großes Loch in die Schädeldecke riss. Kowalski pumpte noch zwei Kugeln in seinen Brustkorb, bevor er nach hinten sackte wie ein nasser Sack Kartoffeln.
Kowalski stand auf und wandte sich ab. Er hatte schon häufiger getötet als ihm lieb war und erwartet die Anspannung würde sich lösen. Doch dem war nicht so.
Stattdessen spürte er, wie sich seine Hand fester und fester um den Pistolengriff spannte. Die kochende Wut, die er die ganze Zeit über zurück gehalten hatte, brach hervor und lies sein Blut kochen. Er starrte auf den toten Körper, der vor ihm lag, es war so schnell gegangen. Sechs Jahre hatte er den Menschenhändler gejagt und jetzt war es plötzlich vorbei. Es fühlte sich an, als hätte jemand den Teppich unter seinen Füßen weggezogen.
Kowalski hatte im Krieg gedient, er hatte schon mehr Menschen getötet, als ihm lieb war. Aber nie zuvor hatte es sich so richtig angefühlt. Er hasste das Gefühl.
Er packte den Leichnam am Kragen und warf ihn in die Luftschleuse. Bevor er die innere Schleusentür schloss. leerte er noch das restliche Magazin in den Körper des Toten. Vier mal bellte die Waffe dumpf auf bevor es klickte. Dann warf er sie zu Patrice in die Luftschleuse.
Trotzdem, er kochte noch immer vor Wut. Er hatte es sich bisher nicht eingestanden, aber ein gründlich verborgener Teil von ihm, hatte es genossen Patrice zu verletzen.
Und das war ein Gefühl, dass er nur zu gut kannte.
Die Tür des Apartments öffnete sich leise, dann ging im Flur das Licht an.
„Hey Babe!“, eine kräftige Stimme erklang, „Ich hab dir heute richtig gutes Zeug mitgebracht.“
Der Besitzer der Stimme lief an der offenen Wohnzimmertür vorbei, ohne Kowalski zu bemerken, der in der Dunkelheit am Fenster stand.
„Babe?“
„Sie ist nicht hier.“, sagte Kowalski. Er rief nicht, er sprach mit gefasster Stimme und nichts verriet die heiße Wut in seinen Adern.
Der Besitzer der Stimme betrat das Wohnzimmer und starrte Kowalski, der noch immer im Schatten stand, an: „Wer sind sie?“, fragte er, doch Kowalski antwortete nicht. Er stand nur stumm da und starrte sein Gegenüber an.
Der Mann wich langsam zurück und näherte sich vorsichtig der Kommode, die neben der Tür stand.
Kowalski hob die Waffe in seiner Hand: „Suchst du die hier?“ Er hatte die Waffe zwischen Kommode und Wand entdeckt und an sich genommen. Jetzt richtete er sie auf den Mann, in dessen Apartment er stand.
„Gib mir einen guten Grund dich nicht hier und jetzt kalt zu machen.“, sagte er.
Kowalskis Finger spannte sich um den Abzug.