Großvater
Großvater
Wenn alles eben käme, wie du gewollt es hast,
und Gott dir gar nichts nähme und gäb' dir keine Last,
wie wär's da um dein Sterben, du Menschenkind, bestellt?
Du müßtest fast verderben, so lieb wär' dir die Welt!
Nun fällt - eins nach dem andern - manch süßes Band dir ab,
und heiter kannst du wandern gen Himmel durch das Grab;
dein Zagen ist gebrochen, und deine Seele hofft. –Dies ward schon oft gesprochen, doch spricht man's nie zu oft.
--- Friedrich de la Motte-Fouqué, „Trost“ ---
Ich wußte, schon bevor ich das Haus betrat, daß etwas nicht in Ordnung war. Meine Mutter öffnete mir lächelnd die Tür und nahm mich in die Arme. Sie beherrschte sich – aber trotzdem; da war etwas. Ich spürte es.
Mein Sohn – Kevin - pirschte an mir vorbei in den Flur, blieb stehen, drehte sich nach seiner Oma um und fragte wie erwartet: „Wo ist Opa?“
„Opa ist im Garten“, antwortete sie und ich sah das leichte Zucken um ihre Mundwinkel. Das bestätigte mich in dem Glauben, daß etwas nicht in Ordnung war.
Ich trat ein. Sie ging in die Küche, ich folgte ihr. Wie aus weiter Ferne konnte ich Kevins Lachen und Opas tiefe Stimme hören, die mit ihm sprach.
Meine Mutter sah aus dem Küchenfenster. Sie blieb wie angewurzelt stehen.
„Hast du Zigaretten, Liebes?“ fragte sie mich. Ich nickte und kramte in meiner Tasche nach einer Schachtel Marlboro. Sie drehte sich zu mir um und ich reichte sie ihr.
„Danke, Liebes.“
„Was ist, Mami?“ fragte ich sie gerade heraus. Ich konnte das Pochen ihrer Schläfen förmlich hören. Ich konnte spüren, wie der Schmerz durch sie hindurch drang. Ich hatte eine Seelenverwandtschaft mit ihr; ich wußte, wenn es ihr nicht gut ging. Ich wußte es, egal, wie weit ich von ihr weg war. Und so war es auch diesmal; ich wußte, daß sie mich brauchte. Und jetzt war ich da. Jetzt war ich ja da, Mutter, es kann alles wieder gut werden – jetzt bin ich hier. Bei dir.
Sie drehte sich wieder zum Fenster um. Rauchte ihre Zigarette. Meine Schachtel lag vor ihr auf dem Tisch. Sie rauchte nervös, angespannt. Wie durch eine Wand konnte ich meinen Sohn mit seinem Großvater lachen und herumalbern hören.
„Was hast du?“ fragte ich sie. Als meine Mutter in Tränen ausbrach, hätte ich am liebsten auch geweint – aber ich hielt mich tapfer zurück. Ich wartete, bis sie sich ein bißchen beruhigt hatte, dann legte ich ihr den Arm um die Schulter und drückte sie an mich.
„Was hast du, Mama, was hast du?“
„Er wird sterben“, weinte sie. Ich wußte, wen sie meinte... Das heißt; ich wußte es nicht direkt, aber ich konnte es mir denken.
Dreißig Jahre Ehe. Eine gute Ehe. Ein gutes Leben. Ein glückliches Paar.
„Wer?“ Meine Stimme war nahe dran, selbst zu versagen.
„Dein Vater“, sagte sie und fingerte sich ein Taschentuch aus der Hosentasche. „Dein Vater wird sterben, Liebes.“
Ich nahm sie in den Arm und schloß die Augen. Sie weinte. Ich konnte nicht weinen. Ich lauschte dem Lachen meines Sohnes, der wahnsinnig an seinem Großvater hing. Ich lauschte dem Herumalbern der beiden großen Kinder im Garten:
„Opa! Opa! Da drüben! Da drüben ist der Ball! Nein, nicht da – da!“
„Achso! Na, wenn das so ist...“
„Nicht da! Da, Opa! Hier! Siehst du? DA!“
Und dann spürte ich, wie der Schmerz mir ins Herz schnitt.
Es ist verrückt, an was man sich alles erinnert, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird. Es ist wirklich verrückt...
Ich sah meinen Vater vor mir, wie er mit mir Fußball spielte. Ich sah ihn vor mir, wie er immer aussah; mit seiner Pfeife in der Hand, das Pfeifenkästchen unter die Achseln geklemmt, die Haare ständig zerzaust, der Bart nie gestutzt. Mein Vater. Meine Mutter. Ihre strahlenden Augen, an dem Tag, an dem ich ihnen von meiner Schwangerschaft mit Kevin erzählt hatte. Ihre weisen Worte, wenn es mir dreckig ging, wenn ich Zuflucht im Elternhaus suchte, weil ich woanders verstoßen war... Ich erinnere mich an die schönen Sommertage, in denen mein Vater mich auf die Schaukel setzte und mich an schubste... Ich erinnere mich an den milden Kakao, den meine Mutter uns immer mit auf den Weg gegeben hatte, wenn wir zum Spielplatz gingen. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm die größten Sandburgen baute. Ich erinnere mich an sein verlegenes Lächeln, wenn ich mich mit vierzehn noch in seinen Schoß schmiegte wie ein kleines Kind.
„Susi“, sagte er dann, „Susi, du bist doch jetzt ein großes Mädchen...“
„Wieso darf ich nicht groß sein und auf dem Schoß von meinem Papi sitzen?“
„Natürlich darfst du das – aber...“
„Dann gibt’s auch kein Aber, Papi.“
Ich hatte immer das letzte Wort. Ich wußte, daß das nicht selbstverständlich war – ich kannte ein paar autoritäre Väter meiner damaligen Freundinnen, ui ui -, aber so richtig schätzen lernte ich es erst, als ich älter war. Als ich dreizehn war. Als ich selbst anfing, erwachsen zu werden und mir Gedanken über Gott und die Welt machte.
Mein Vater war der Erste, mit dem ich über Religion sprach. Der Erste, der mich ernst nahm. Ich kann mich noch unheimlich gut an seinen nachdenklichen Blick erinnern. Wir hatten gerade Schach gespielt – und er ließ mich nie gewinnen, er sagte nur immer; „Eines Tages wirst du mich aus eigener Kraft besiegen – und dann wirst du stolz auf dich sein können!“ -... Wir hatten oft Schach gespielt... Aber damals war es anders gewesen. Damals hatte ich ihn gefragt, ob es einen Gott gäbe. Ob das stimmen würde, was wir im Religionsunterricht lernten... Und was sagte mein Vater? Mein Vater, der wegen jedem kleinen Scheiß immer errötete wie ein kleiner, schüchterner Junge?
Mein Vater zog kräftig an seiner Pfeife, blies den Rauch nachdenklich in die Luft und antwortete: „Ich habe meine ganz eigene Art von Religion. Und so wirst du auch mal deine ganz eigene Art von Religion haben, Kleines.“
Ich wollte aber nicht meine sondern seine Religion haben. Mein Papi war der liebste Papi auf der ganzen Welt – und mein größter Wunsch war, genauso zu werden wie er. Ich wollte so sein wie er. Ich wollte so leben wie er. Ich wollte seine Religion.
Er legte den Kopf schief und lächelte mich an. Ich liebte die Grübchen um seine Mundwinkel. Mein Vater war ein gutaussehender Mann – er war der ewige Junge. Und selbst in den letzten Jahren seines Lebens, in denen er viele Falten im Gesicht hatte und seine Seele von Schmerzen geprägt war, war er immer dieser kleine Junge von damals geblieben.
„Genau so habe ich ihn geheiratet, Susanne“, sagte meine Mutter oft. Genau so und nicht anders. Das ist dein Vater, Kleines. Und du siehst ihm so ähnlich... Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten... oh Susi, Susi, Susi...
Mein Vater sagte: „Glaubst du an Gott?“
„Ich weiß nicht...“, antwortete ich ihm unsicher. Damals wollte ich so sein wie er. Ich wollte spüren, wie er spürte... Ich wollte nichts Falsches sagen... Nichts Falsches...
„Kleines, hör auf dein Herz. Sagt dir dein Herz, daß es da jemanden gibt, der auf dich aufpaßt, egal, wie alleine du auch bist? Ist da etwas in deinem Herzen, das dir sagt, daß da noch wer ist?“
Ich schwieg und versuchte, in mich hinein zu lauschen. Dann senkte ich den Kopf. Ich hatte angst, ihn zu enttäuschen... Trotzdem nahm ich all meinen Mut zusammen und antwortete ihm: „Ich spüre nichts.“
Er lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück. Zufriedenheit lag auf seinem Gesicht. „Vielleicht kommt es noch, Kleines. Vielleicht kommt es ja noch...“
„Und wenn nicht?“
„Dann wirst du einen anderen Glauben finden.“
Wir beließen es dabei. Und am Abend, als ich ins Bett ging, dachte ich noch lange darüber nach, was er mir gesagt hatte... Einen anderen Weg finden... Ob da was ist... Ist da was in dir, Susi, ist da eine Stimme oder irgendwas? Ich dachte so lange nach, bis ich einschlief. Meinen Vater vor Augen, wie er an seiner Pfeife knabberte, die einmal seinem Vater gehört hatte und die sicher auch irgendwann... irgendwann mal mir gehören würde...
Die tiefe Liebe und Verbundenheit, die ich zu meinem Vater hatte, hatte ich nur zu ihm; ich liebte meine Mutter, aber ich liebte sie auf andere Art und Weise. Erst mit dem Alter gewann ich so richtig den Draht zu ihr. Mein Papi und ich waren von vorn herein ein Herz und eine Seele – meine Mutter war so ein bißchen unsere führende Hand. Die Logik als Dritte bei uns im Bunde. Mein Pa stand ein bißchen unter ihren Pantoffeln, wie man so schön sagt – ich kann mich noch wahnsinnig gut dran erinnern, wie er immer zusammenzuckte, wenn sie mit ihm schimpfte.
„Kleines, laß es dir ja nicht einfallen, auch so ein Drache zu deinem Mann zu sein!“ sagte er immer scherzhaft. Aber alles, was er sagte, war für mich wie das Wort Gottes; ich lachte zwar mit ihm, aber insgeheim schrieb ich es mir wirklich hinter die Löffel.
Zwanzig Jahre später sollte ich Kevins Vater kennenlernen – und ihn nach zwei Jahren wieder in den Wind schießen.
„Mädel“, sagte mein Vater zu mir, „der Mann ist kein Mann, wenn er eine Dame betrügt.“ Und natürlich fügte er ein „Überleg‘ dir, was du jetzt tust“ hinzu. Aber für mich war klar, was ich zutun hatte; ich setzte ihn noch am selben Abend vor die Tür.
Papas Ratschläge waren mir immer noch wie das Wort Gottes. Und wenn ich mich jetzt so daran zurück erinnere; ich bin gut damit gefahren, immer auf ihn zu hören... Na ja... Nicht immer, aber doch recht oft.
Ich war nun mal ein Papakindchen. Da kann man nichts machen...
Meine Mutter so fertig zu sehen, machte mich auch richtig fertig. Ich konnte das, was sie mir gesagt hatte, nicht registrieren – zumindest nicht im ersten Moment. Und ich konnte es wahrscheinlich auch ein paar Tage später noch nicht so richtig registrieren - aber ich litt, weil sie litt. Ich nahm sie in die Arme und wiegte sie ein bißchen, wie man kleine Kinder in die Arme nimmt und wiegt, um sie zu beruhigen. Das half sogar, denn sie hörte mit dem Schluchzen auf und krallte mir statt dessen ihre Fingernägel in den Rücken.
Bis sie mich plötzlich von sich schob und sich die Tränen von den Wangen wischte. Sie zauberte ein gequältes Lächeln auf die Lippen. Verwirrt starrte ich sie an.
„Mami?“
Kevin.
Ich drehte mich zu ihm um.
„Was hat Oma?“
„Oma fühlt sich... gerade nicht so gut.“
„Braucht Oma einen Kamillentee?“ fragte er und seine unschuldigen, besorgten Augen ruhten auf seiner Großmutter.
Ich bewundere die Art, wie meine Mutter mit Kevin umging; sie war so gut zu ihm. Sie war so lieb und so fürsorglich... Sie war eine großartige Großmutter. Nur selten verlor sie die Beherrschung und herrschte Kevin an, die Klappe zu halten oder sonst irgendwas zu tun. Eigentlich, wenn ich genauer überlege, war sie auch immer zu mir lieb und nett gewesen. Ich kann mich an ein paar deftige Male erinnern, an denen ihr die Hand ausgerutscht ist – aber jeder Mutter rutscht mal die Hand aus. Und ich hatte es wahrscheinlich auch immer verdient, wenn ich Schläge bekam.
Jetzt sah ich sie an. Und ich sah eine kaputte Frau; eine Frau mit Falten, eine Frau mit Augenringen, mit viel zu wenig Schlaf - und vor allem sah ich eine Frau mit Sorgen, was mich am meisten schockierte.
Sie lachte ein gequältes Lachen und wollte in die Hocke gehen – aber ihre Beine taten nicht, was sie wollte und so mußte sie sich am Küchentisch festhalten. Ich eilte ihr sofort zur Hilfe. Der kleine Kevin stand fassungslos da und starrte seine Großmutter an.
Papi rettete die Situation. Gott, was würde Ma ohne ihn tun, was würde...
Papi schrie von der Terrasse aus: „Kevin...? Ja, wirst du wohl deinen kleinen, frechen Hintern hier her bewegen und einem alten Mann `nen Freundschaftsdienst erweisen?“
Kevin lächelte, zögerte nur einen Augenblick, machte auf dem Absatz kehrt – und rannte zu seinem Opa.
„Die beiden“, sagte meine Mutter und Tränen traten ihr wieder in die Augen. „Was wird wohl Kevin ohne seinen Großvater machen?“
Sie fing wieder an zu weinen und ich glaube, ich habe mit ihr geweint. Ich habe versucht, die Fassung zu wahren, aber wie immer in solchen Situationen; man versucht es, aber man schafft es nicht. Und es wäre unnatürlich, wenn man es schaffen würde.
„Und was... was soll ich... was soll ich ohne ihn machen, Susanne? Was soll ich ohne ihn machen... Mein Gott... ich kenn‘ ihn doch schon ein Leben lang! Was soll ich ohne ihn machen, was soll ich... Gott... was hat sich der Herr nur dabei gedacht, als er ihm...“
Ich ging mit ihr ins Wohnzimmer. Von dort aus konnten wir aus dem großen Fenster Kevin und seinen Großvater sehen; mein Vater war dabei, einen Krokettschläger zu schwingen – und Kevin baute die kleinen „Krokettörchen“ auf.
„Wieviel Zeit hat er noch?“ fragte ich meine Mutter mindestens dreimal, ehe sie mir Antwort geben konnte: „Ein halbes Jahr. Die Ärzte sagen, daß man ihn nicht mehr wegen seinem schlechten Herzen operieren kann... Er hätte schon viel früher mit dem Rauchen aufhören sollen! Ich habe es ihm hundert... nein, Tausendmal gesagt – aber nein, er ist ja so ein wahnsinniger Sturkopf! Er ist so ein Idiot! Er...“
Ich sah zu, wie mein Vater Kevin übers zerzauste Haar strich. Ich sah, wie Kevin zu ihm aufblickte; Bewunderung und Liebe lag in seinem Blick.
Habe ich ihn auch so angesehen, als ich in Kevins Alter war? Ich wollte es meine Mutter fragen. Ich wollte es sie wirklich fragen – aber ich wußte, wie die Antwort lauten würde. Und trotz des Schmerzes, trotz der Tränen auf meinen Wangen, mußte ich lächeln.
Es gibt nun mal Dinge, die sich nie ändern. Bis sie irgendwann einfach aufhörten, zu existieren.
Ich träumte.
Eine wunderschöne Wiese... Tiere – große, kleine, dicke, dünne - die auf ihr grasten... Löwen putzten sich das glänzende Fell und wargelten sich auf dem Boden... Genossen die milden Sonnenstrahlen auf ihren samtigen Fellen... Krokodile konnten fliegen! Sie flogen ohne Flügel, flogen hoch, flogen bis zur Sonne und kamen wieder zurück. Setzten sich ins saftige Gras – und unterhielten sich mit den Löwen. Kaninchen mußten keine Angst mehr haben, gefressen und gejagt zu werden. Sie kannten nur den Frieden – sie lebten, sie liebten, sie hoppelten, sie lachten in den blauen Himmel hinein.
Da gab es keine Autos und keine Menschen. Da gab es nur Wälder und Berge... Nur Seen und Täler. Keine Häuser. Keine Schlupflöcher; alles war offen und alles war miteinander. Alles gehörte allen.
Da war ein Mann, der in einem Schaukelstuhl saß, inmitten der Felder, inmitten des Grases, der frischen Luft und der Löwen. Da war ein Mann, der in einem Buch las, lachte, schmunzelte, sich am Bart kratzte, sich die Brille auf der Nase zurecht rückte. Ein Mann mit einer Mütze, einer gestrickten Mütze. Ein Mann mit viel, viel, viel Zeit.
Ein grauer Mann, ein netter Mann, ein lieber Mann – ohne Geschlecht, ohne Gesicht – und trotzdem sah man ihn mit alledem. Trotzdem spürte man ihn mit alledem.
Gott. Gott. Gott. Das muß Gott sein, mein Kind, das ist der Herr. Er liest in seinem Buch, mein Kind, das ist der Herr. Er schlägt die Seiten um und lernt von Euch Menschen. Das ist Gott, mein Kind, er liest geschwind, er weiß, was Menschen sind, er weiß, wie schnell die Zeit verrinnt – das ist Gott, mein Kind, er liebt die Zeit, er liebt sie so sehr, daß er sie Euch nimmt.
Ich wachte auf.
Am nächsten Tag besuchte ich wieder meine Eltern. Pa ging es ausgesprochen gut. So gut, daß ich sogar in Erwägung zog, meine Mutter hätte übertrieben oder sich einen wirklich schlechten Scherz erlaubt... Aber tief in meinem Inneren wußte ich, daß dem nicht so war. Ich wußte, daß mein Vater bald sterben mußte, daß er sehr krank war – und daß ich Kevin erklären mußte, was der Tod bedeutet.
Ich hatte angst. Meine Knie zitterten. Kevin war ganz aufgeregt; er konnte es kaum erwarten, seine Großeltern wieder zu sehen.
Mein Sohn. Er war mein Kind durch und durch; er spielte nicht so gerne mit Gleichaltrigen, suchte sich seine Freunde in der Sparte der Älteren aus. Er war recht pingelig, er war quengelig, er war klein und doch kräftiger, als er aussah. Und er hatte die gleichen, großen Augen wie mein Vater.
Ma öffnete uns die Tür. Sie hatte geweint, selbst ein Blinder hätte das sehen können. Wie den Tag zuvor saß mein Vater im Garten. Er hatte die Füße auf einen Hocker gelegt und las die Tageszeitung. Ich klopfte an die Balkontür. Kevin eilte natürlich sofort zu ihm.
„Hi Pa“, sagte ich. Er drehte sich lächelnd zu mir um.
„Hi Kleines. Hi Rambo.“ Er legte die Zeitung auf den Tisch, der neben ihm stand.
Ich mußte dran denken, daß er krank war. Immer wieder geisterte dieser Gedanke in meinem Kopf umher.
„Wie geht es dir?“ fragte er mich, nachdem er eingehend Kevin begrüßt hatte.
„Gut.“ Ich wollte ihn nicht fragen, wie es ihm ginge. Obwohl er frisch und ausgeschlafen aussah, wußte ich, daß der Krebs in ihm wütete und daß der Krebs ihn besiegen würde, wie meine Mutter es schon gesagt hatte. Mein Pa würde mal nicht mehr sein. Mein Pa würde...
Kevin fing an zu nerven. Er konnte nie lange still halten. Pa sagte zu ihm: „Hör mal, kleiner Mann, wie wäre es, wenn du einen Augenblick mit deiner Oma spielst? Nur einen Augenblick, mein Junge, dann bin ich wieder für dich da.“
Kevins Augen blitzten. Pa fuhr ihm mit der alten, zitternden Hand übers zerzauste Haar.
„Oki-doki, Opi“, sagte er, zog eine Schnute – und zischte davon.
„Pa?“
„Liebes, setz‘ dich zu mir.“
Er steckte sich die Pfeife zwischen die Lippen. Ich haßte sie. Am Liebsten hätte ich sie ihm weggenommen und mit der bloßen Hand zerquetscht. Sie war schuld, sie war schuld, daß mein Vater sterben mußte. Sie ganz allein. Früher, da mochte ich sie, da roch ich den Tabakgeruch gerne... Aber jetzt, jetzt war ich klüger, jetzt fing ich an, sie zu hassen. Ich haßte auch ihn, weil er sie nicht wegwarf. Weil er immer weiter rauchte... immer, immer weiter, bis er nicht mehr war. Er war so egoistisch! Er konnte uns doch nicht allein lassen! Was würde Mama sagen? Und was Kevin? Und was... ich? Er und die Pfeife. Sie waren schuld. Sie waren gemein. Sie waren böse.
„Solltest du nicht damit aufhören?“ fragte ich und konnte den Zorn nicht aus meiner Stimme verbannen. Ich wollte es auch gar nicht – abgesehen davon.
Er sah mich an. Seine Augen blitzten, als wären sie gesund. Seine jungenhaften Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.
Das ist dein Vater, wie du ihn liebst, dachte ich. So sieht er aus, so hat ihn Ma geheiratet, so kennst du ihn. Das ist dein Vater, wie du ihn liebst – mit dieser abscheulichen Pfeife in den Mundwinkeln. Mit diesem stinkenden Qualm. Mit den großen, grauen Augen. Haßt du ihn wirklich? Haßt du nicht vielmehr Gott, der ihn dir einfach so wegnimmt? Was will er mit deinem Vater, Mädchen, was will er mit ihm?
„Ich glaube, das bringt mir jetzt auch nicht mehr viel“, sagte Pa.
„Aber...“
„Kein Aber, Liebes. Hast du das nicht immer als Kind zu mir gesagt? ‚Dann gibt’s kein Aber, Papi‘ hast du gesagt. Junge... Das ist noch gar nicht so lange her, weißt du das? Und jetzt gibt es schon den kleinen Kevin. Und jetzt nimmt sich schon die Zeit, was sie will...“
Glaubst du an Gott, Papi? Glaubst du an Gott? Ich möchte deine Religion annehmen, Pa. Darf ich? Darf ich – bitte, darf ich?
Ich preßte die Lippen aufeinander und mußte gegen die Tränen ankämpfen.
„Pa, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Du mußt kämpfen. Du mußt eine Therapie machen. Pa, es ist dumm, einfach alles so geschehen zu lassen!“ schrie ich ihn an. Ich wußte, daß Mama uns hören konnte und ich wußte, daß sie genauso wie ich gegen die Tränen ankämpfen mußte. Kevin war bei ihr. Sie mußte stark sein.
Und ich? Ich schrie meinen Vater an. Voller Zorn. Voller Wut. Er wollte uns verlassen – kampflos, einfach so... Das konnte ich nicht hinnehmen. Tut mir leid, Papi, aber das machst du nicht mit uns...
Er lächelte immer noch. Ich funkelte ihn an.
„Du warst mal ein Kämpfer! Ein Kämpfer! Und wieso... wieso...“
„Diese Zeiten sind vorbei, Liebes. Ich weiß, daß es schwer für dich und deine Mutter ist, aber... aber laß mich gehen, wenn es soweit ist. Hast du verstanden? Laß mich gehen, wenn es soweit ist.“
Seine Stimme klang so ruhig. So kräftig.
Ich sank auf dem Stuhl zusammen und weinte.
„Liebes...“
„Nein.“
„Liebes, ich...“
Ich schüttelte den Kopf. Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit der großen Hand übers Gesicht. Dann paffte er wieder an seiner Pfeife. Diese Pfeife, die ihm das Leben nahm.
Ich stand auf und ging zügig ins innere der Wohnung, dort schnappte ich mir den quengelnden Kevin und verließ Mami und Papi ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen.
„Laß sie gehen“, waren die letzten Worte meines Vaters, bevor ich das Haus verließ.
„Laß sie gehen.“
O ja, ich war sauer. Ich war so unglaublich sauer. Wie konnte er nur so egoistisch sein? Wieso tat er das? Ich war so wütend, so wütend, so wütend.
„Wieso sind wir schon gegangen?“ fragte mich Kevin. „Wieso, Mami, wieso?“
„Hör auf, Kevin“, herrschte ich ihn an. „Hör auf!“
„Aber wieso sind wir...“
Es ging den halben Tag so. Bis mir die Hand ausrutschte und er weinend in seinem Zimmer verschwand. Ich saß auf dem Balkon und weinte, bis ich ein taubes Gefühl um die Augen hatte. Ich weinte und weinte... Stundenlang, vielleicht auch tagelang.
Laß sie gehen.
Was bewegte meinen Vater dazu, nicht zu kämpfen? Einfach aufzugeben?
Laß sie gehen.
Warum tat er uns das an?
Laß sie gehen. Laß sie gehen. Laß sie gehen.
Ein paar Stunden später – es war schon abend – stand Kevin an der Balkontür. Er sah mich mit seinen großen Augen an, die nun total verängstigt waren.
„Mami?“
Ich starrte ihn für einen Moment an, ohne zu wissen, wer er war und was er hier machte... Dann stand ich erschrocken auf und schloß ihn in meine Arme.
„Oh, Kevin...“ ich wiegte ihn vor und zurück, wie ich ein paar Tage zuvor meine Mutter vor und zurück gewogen hatte.
„Mami...“
„Ich liebe dich“, sagte ich - und tatsächlich; ich konnte noch ein bißchen weinen.
Ich träumte.
Gott saß in seinem Schaukelstuhl, inmitten des saftigen Grases. Inmitten der Löwen, Krokodile und Hasen. Er saß da und las. Ich kniete vor ihm. Ich wollte schreien, wollte irgendwie auf mich aufmerksam machen, aber niemand bemerkte mich – nicht mal die Tiere sahen mich an.
Gott las in seinem Buch. Ich schrie ihn an. Ich schrie und schrie und schrie. Aber er rührte sich nicht. Er hob den Blick nicht. Er las und las und las.
Ich krallte die Hände ins Gras. Ich riß es büschelweise aus. Ich konnte mich kaum bewegen. Ich wollte aufstehen und in seinen Schoß springen – aber mir fehlte die Kraft dazu.
Gott saß da und las, ich kniete im Gras, er konnte mich nicht hören, ich konnte ihn nicht stören.
Gott saß da und las...
Ich wachte auf.
Kevin. Neben mir lag Kevin. Er hatte sich in der Nacht wieder zu mir ins Bett gezwängt. Ich mußte lächeln und entspannte mich. Er kuschelte sich an mich – ich legte vorsichtig einen Arm um ihn und drückte ihn an mein Herz.
Du mußt es ihm erklären, sagte ich mir. Du mußt ihm erklären, daß sein Opa sterben wird.
Wieder spürte ich, wie alles in mir taub wurde. Wieder hörte ich die Worte meines Vaters in meinem Kopf tausendfach wieder hallen.
Laß sie gehen.
Er kannte mich. Er wußte, daß ich ein bißchen Zeit brauchte, um mich mit dem Tod auszusöhnen. Deshalb ließ er mich gehen. Aber was, wenn ich ihm nicht verzeihen konnte und wollte? Was war dann?
„Mami...“, murmelte Kevin im Schlaf. Ich drückte ihn noch ein bißchen mehr an mich.
Ich habe ihn, dachte ich. Ich habe ihn, er gibt mir Kraft, er ist mein Leben.
Ich wußte, daß ich zurück mußte. Aber nicht heute und nicht jetzt. Nein, nicht heute, nicht jetzt und auch nicht morgen.
So vergingen ein paar Wochen. Meine Eltern riefen nicht an und ich rief sie nicht an. Zunächst verdrängte ich den Gedanken an meinen Vater, dann konnte ich den ganzen Tag lang an nichts anderes mehr denken.
Kevin wurde quengelig. Ihm fehlte sein Opa. Ihm fehlte auch seine Oma. Und ich, ich mußte zurück. Ich mußte ihn darauf vorbereiten, daß jeden Tag die Nachricht kommen konnte, sein Opi sei gestorben. Jeden Tag.
„Kevin?“
„Mami?“
Wieder lagen wir zusammen im Bett. Es war Sonntag Morgen. Draußen konnte ich die Kirchturmuhr schlagen hören. Irgendwie beruhigte mich das Gefühl. Die Vögel zwitscherten, nur ab und zu fuhr ein Auto an unserem Haus vorbei.
„Ich möchte dir etwas sagen“, sagte ich. Dann fing ich an: „Dein Opa...“
„Wann gehen wir ihn wieder besuchen? Das letzte Mal hat er mir versprochen, mir Golfspielen zu zeigen, Mami. Ich darf doch Golfspielen, oder? Ach bitte, bitte, bitte, Mami! Bitte!“
Ich kämpfte gegen die Tränen.
Du machst das ganz toll, hörte ich die Stimme meines Vaters in meinem Kopf. Es war, als wäre er bei mir, so, wie er damals bei mir gewesen war und mir das Krokettspielen beibrachte. Ach, was hatten wir gelacht! Was hatten wir unseren Spaß!
„Dein Opa muß in den Himmel.“
„Wann?“
„Ich weiß es nicht, Kevin. Aber er ist sehr krank...“
„Dann braucht er einen Kamillentee, Mami. Kannst du ihm keinen Kamillentee machen?“
Ich schloß die Augen, drückte ihn an meine Brust.
„Kein Kamillentee auf dieser Welt kann deinem Opa helfen, Kevin.“
„Oh.“
„Dein Opa wird sterben.“
Kevin schwieg.
Begreift er, begreift er, was ich ihm sage? Er ist gerade mal sechs Jahre alt! Wie kann er verstehen, was der Tod bedeutet? Wie kann er verstehen...
„Wird Opa dann auch ein Engel?“
„Ja.“
Und dann brach es aus mir heraus. Ich fing an zu weinen. Ich konnte nicht anders...
„Warum weinst du?“ fragte er mich. „Es ist doch schön, ein Engel zu sein. Warum weinst du?“
„Oh Kevin.“
„Mami, warum...“
Er gab mir Kraft. Er war vernünftiger als ich. Mein Junge. Mein Kind. Mein Sohn.
„Willst du Opa und Oma besuchen gehen?“
„JAAA, JAAA, AU JAAA!“
„Gut, dann komm; beeil‘ dich.“
Ich schwang mich entschlossen aus dem Bett und half Kevin beim Anziehen.
Als ich aus dem Auto stieg und Kevin die Tür öffnete, geschah das ganz automatisch. Ich dachte nicht viel dabei nach. Aber als ich den Blick auf das Haus meiner Eltern warf, wurde mir flau im Magen. Ich glaube, wenn Kevin nicht gewesen wäre, hätte ich sofort kehrt gemacht und wäre nach Hause gefahren.
Kevin war kaum ausgestiegen, da rannte er schon quer über die Straße auf das Haus zu.
„Nicht so schnell! Was hab ich dir gesagt? Du sollst nach links und rechts schauen, ehe du...“
Aber es war zwecklos, den kleinen Mann zu belehren. Ich ging hinter ihm her. Und als ich die Haustür erreichte, stand schon meine Mutter vor mir, so, als hätte sie mich bereits erwartet.
„Hallo Kleines“, sagte sie mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen. Da waren dunkle Ringe unter ihren Augen. Sie hatte abgenommen, genaugenommen war sie nur noch Haut und Knochen.
Sie schloß Kevin und mich in die Arme.
„Es ist schön, euch wieder zu sehen. Es ist schön, euch...“
„Wie geht es ihm?“ fragte ich. Meine Zunge war pelzig.
„Nicht gut. Gar nicht gut.“
„Dann braucht Opa einen Kamillentee“, sagte der kleine Kevin entschlossen.
Seine Worte schnitten mir ins Herz. Ich hatte versagt, ich hatte ihm nicht erklären können, was der Tod bedeutet. Ich hatte versagt. Versagt. Versagt.
Kevin begriff lange nicht, was los war. Und ich glaube, das war zum Teil auch ein Segen für ihn. Kevin fragte, warum sein Opa ins Krankenhaus käme, warum er an so viele Schläuche angeschlossen wäre. Kevin sagte, ihm fehle ja nur ein Kamillentee, der würde ihn ganz sicher wieder gesund machen – warum man ihm denn keinen Kamillentee geben würde. Kevin fragte, als Opa beerdigt wurde, warum wir ihn in eine Kiste einsperren würden, da könne er doch gar nicht atmen und hätte so wenig Platz für seine Krokettsachen.
Und irgendwann fragte Kevin nicht mehr. Da wußte ich, daß er begriffen hatte. Er hatte endlich begriffen, was der Tod war.
Ich träumte.
Da war Licht. Überall war Licht um mich herum. Ich brauchte nicht mehr atmen, das Licht atmete für mich. Ich brauchte nicht mehr sehen, das Licht sah für mich.
„Wo führst du mich hin?“ fragte ich das Licht, aber es gab mir keine Antwort.
Und dann sah ich ihn. Er saß am Tisch Gottes und packte sein Schachbrett aus. Er hatte diese widerliche Pfeife zwischen den Mundwinkeln und ich wußte, daß er nach Pfeifenkraut und Tabak roch.
„Was willst du mir zeigen?“ fragte ich das Licht, aber es gab mir keine Antwort.
Die Beiden fingen an zu spielen. Und ich wußte, daß Pa danach seine Krokettschläger holen würde – und mit Gott Krokett spielen würde. Und wenn er damit fertig war, würde er mit ihm über Religion sprechen. Und danach würde er warten. Er würde warten, mit seiner Pfeife in den Mundwinkeln, mit seinem Pfeifenkästchen unter den Achseln und mit seinen zerzausten Haaren. Er würde im Gras sitzen, ein Kaninchen streicheln und auf uns warten.
Ich sah in seine grauen Augen. Unendlichkeit lag darin.
Ich lauschte und hörte die Stimmen der Engel Gottes. Leise sangen sie: „Das ist Gott, mein Kind, er liest geschwind, er weiß, was Menschen sind, er weiß, wie schnell die Zeit verrinnt – das ist Gott, mein Kind, er liebt die Zeit, er liebt sie so sehr, daß er sie Euch nimmt.“
Ich wachte auf.
© by Stefanie Kißling, 18. April 2002
[ 12.05.2002, 21:42: Beitrag editiert von: stephy ]