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Grau

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15.05.2002
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Grau

Es war ein schöner, später Samstagnachmittag, mild und still. Der Himmel prangte als dunkelblauer Baldachin über der Welt und winzige Wolkenfetzen, die wie Konfetti aussahen, überzogen ihn.
Ein kleiner Ort an der Küste dämmerte anteilnahmslos in den Abend hinein. Die breite Hauptstraße, auf der einige wenige Leute noch spazieren gingen, war jetzt in der Feriensaison für Fahrzeuge gesperrt. Große alte Buchen säumten den Seitenstreifen und bildeten eine Schatten spendende Allee, unter der man gern entlang wandelte.
Ein sanfter Windstoß fuhr leise rauschend durch die ausladenden Baumkronen und zupfte neckisch an dem breitkrempigen Hut einer schlanken jungen Frau, die gerade mit ihrem kleinen, strohblonden Sohn an der Hand hier entlang ging. Mit einem leisen erschreckten Laut hielt sie ihre Kopfbedeckung fest und lächelte ihrem Sohn zu, der das Ganze mit einem spitzbübischen Grinsen beobachtet hatte. Sie streichelte kurz seinen weichen Haarschopf und machte sich dann an das letzte Stück des Heimwegs.

* * * * * * *

Ein Nachtvogel sang leise, im Baum vor dem nur angelehnten Schlafzimmerfenster sitzend, vor sich hin. Der Abend war schon weit fortgeschritten und am Himmel blinkten die Sterne wie Diamanten auf dunklem Brokatstoff. Marlis entließ leise den Atem aus ihrer Brust und drehte sich vom Fenster, das sich an der Seite ihres Bettes befand, fort.

Ihre linke Hand krallte sich in das Laken und knüllte es ausgiebig. Das regelmäßige Ticken der Wanduhr neben der Tür wollte sie, wie sonst auch, in den Schlaf senden, vermochte es aber dieses Mal leider nicht.

Gedanken an ihren geschiedenen Mann und ihren Sohn waren es, die sie wach hielten und mit zusammengebissenen Zähnen in die Dunkelheit des Zimmers hineinstarren ließen. 'Alleinsein.' Blonde Haare, die golden in der Sonne aufleuchteten. Fröhliches Kinderlachen, das sie an einem warmen Sommertag umfing. Ein blasses kleines Gesicht in einem sterilen Raum. 'Angst & Alleinsein.'

Die Gedankenflut verebbte langsam. Marlis Hand entspannte sich und ihr verkrampftes Gesicht zeigte nun einen gelösten Ausdruck. Ein Blick streifte noch einmal ein leeres Wasserglas auf dem kleinen Holznachtschrank in der Nähe, bevor schließlich warme Dunkelheit sie in unbekannte Gefilde entführte.

* * * * * *

Das monotone Piepsen eines medizinischen Gerätes war zu vernehmen, und man konnte eine Frau in ihren späten Zwanzigern in einem weißen Krankenhausbett liegen sehen. Sie war gerade erwacht und blickte auf die Person an die am Bettrand saß.
Der Mann berührte mit seinen Fingerspitzen vorsichtig die schmale, unter der Bettdecke hervorlugende Hand der Frau. Nach einigen Sekunden des Vorantastens schloss sich seine Hand endlich vollständig um die von Marlis. 'Nicht mehr allein.' Erschöpft ließ sie sich nach einigen Augenblicken wieder in einen nun ruhigen Schlaf hinabgleiten, ihre Hand dabei in der seinen belassend.

Er blieb noch eine Weile bei seiner ehemaligen Frau sitzen. Letztlich erhob er sich, blickte sie sorgenvoll an und strich ihr noch eine rotblonde Strähne aus dem Gesicht bevor er ging.

* * * * * * *

"Alles in Ordnung mit ihr, Schatz?", fragte Katrin ihren Mann, als er das Zimmer verließ.
"Man macht sich nun mal halt Gedanken. Immerhin waren wir ein paar Jahre verheiratet und wo wir nun schon mal in der Gegend waren, konnte ich auch schnell mal nach ihr schauen", entgegnete Martin ruhig.
"Schön und gut. Wir müssen uns nun aber beeilen, in einer knappen Stunde geht unser Zug nach Hause" ,entgegnete seine Frau eilig und drängte ihn nach draußen. Nach einem kurzen Blick auf die geschlossene Krankenzimmertür folgte er ihr ergeben.

[ 21.06.2002, 17:47: Beitrag editiert von: Marcus ]

 

Hier nun also die von mir angekündigte Fortsetzung meiner Geschichte "Löwenzahnblüte."

 

Hallo Marcus!

Zunächst einmal: Wenn du eine Geschichte in Teilen postest, solltest du sie in "Serien" stellen. Andererseits kann ich in dieser Geschichte außer dem Umstand, dass die Protagonistin einen blonden Sohn hat, keinen Zusammenhang zu "Löwenzahnblüte" erkennen... na egal.

Die Geschichte hat mich nicht umgehauen, mir aber sehr gefallen. Der Stil ist sehr schön und die Geschichte sehr ruhig; sie schleicht sich leise und sonnig heran, wird verhalten trauriger und depressiver, bis man vor dem ernüchternden Ende steht. Tolle Struktur! :thumbsup:

Sehr gefallen hat mir deine Einleitung: Erst die Beschreibung des Dorfes, der Umgebung, und schließlich der Protagonistin, ganz unverfänglich, ein wirklich heiteres Bild. Erst in der Nacht, nach Sonnenuntergang, trübt sich dieses Bild, indem die Einsamkeit der Frau beschrieben wird.
Auch wenn bei dem ">Alleinsein.< " die Formatierung nicht geklappt hat (;)), bringst du die Atmosphäre sehr gut rüber: Einsamkeit, durchzogen von Erinnerungen an das fröhliche Lachen des Kindes, wieder die Einsamkeit, die eine Veränderung der Erinnerung mit sich bringt, bzw. eine zweite Erinnerung. Mit dem "blassen kleinen Gesicht in einem sterilen Raum" kann ich allerdings nicht viel anfangen. Was soll das bedeuten? Ist das Kind krank, gestorben oder so? *mutmaß* das würde für mich den weiteren Verlauf der Geschichte erklären.
Aus dem Ende schließe ich, dass die Frau versucht hat, sich umzubringen. Liege ich da richtig? Sehr gut fand ich das "Nicht mehr allein", die trügerische Idylle, die wiederhergestellt ist. Aber kann es sein, dass der Mann sich trotzdem noch nicht von seiner Exfrau gelöst hat? Das schließe ich aus dem zärtlichen Umgang mit ihr und der Ergebenheit, mit der er seiner neuen Frau folgt.

Mfg
xka

 

Hallo Marcus!

Jetzt hast Du eine ganze Weile geduldig gewartet, dafür kriegst Du heute gleich zwei Kritiken. :)

Im Großen und Ganzen möchte ich mich xkaxre anschließen - ich finde die Stimmung auch gut rübergebracht. Ebenso ist auch mir unklar, was mit dem Kind passiert ist und wieso die Frau im Krankenhaus liegt. Klar kann man vermuten, daß es ein Selbstmordversuch war, aber irgendwie will mir das nicht so recht schmecken. Vielleicht hat ihr Mann sie verlassen, weil sie schwer krank wurde? Ist die Beziehung am Tod (?) des Kindes in die Brüche gegangen? - Ungeklärte Fragen, die Du vielleicht in der Geschichte noch klarer machen könntest.

Der Zusammenhang zu Löwenzahn ist mir auch nicht klar, das ist wohl eine Erinnerung der Frau? Jedenfalls denke ich, kann diese Geschichte durchaus für sich alleine stehen, ich würde sie nicht nach Serien verschieben. Allerdings die Hinweise hier und bei der anderen Geschichte rauseditieren...

Ansonsten hab ich noch ein paar Kleinigkeiten auszusetzen: ;)

"Ein kleiner Ort and der Küste"
- an (ohne d)

"Hauptstrasse"
- Hauptstraße

"Ein Nachtvogel sang leise, im Baum vor dem nur angelehnten Schlafzimmerfenster sitzend, vor sich hin."
- würde das "vor sich hin" wegnehmen, da es eine Wortwiederholung mit "vor" ergibt und überhaupt nicht nötig ist.

"drehte sich vom Fenster, das sich an der Seite ihres Bettes befand, fort."
- fände es besser, wenn Du "fort" gleich nach Fenster schreibst.

"einen gelösten, leeren Ausdruck. Ein Blick streifte noch einmal ein leeres Wasserglas"
- Wortwiederholung - vielleicht ist der Ausdruck nur gelöst und gar nicht leer? Oder ist das Wasserglas vielleicht trocken? Oder doch halbvoll? ;)

"eine Frau in ihren späten Zwanzigern"
- das klingt sehr schräg, besser: eine Frau Ende zwanzig ...

"und blickte auf die Person an die am Bettrand saß."
- hier ist entweder das "auf" oder das "an" zuviel, auf alle Fälle aber gehört vor "die" ein Beistrich (Komma)

"Erschöpft ließ sie sich nach einigen Augenblicken wieder in einen nun ruhigen Schlaf hinabgleiten"
- sowohl das "wieder" als auch das "nun" würd ich weglöschen, es ist irgendwie ein Widerspruch in sich

"aus dem Gesicht bevor er ging"
- Gesicht, bevor

"nach ihr schauen.“, entgegnete Martin"
- schauen“, entgegnete (ohne Punkt), ebenso bei der nächsten (letzten) direkten Rede

"Schön und gut . Wir ..."
- eine Leertaste vor dem Punkt zu viel

"geht unser Zug nach Hause"
- sehr umgangsprachlich - fährt unser Zug ("nach Hause" könntest Du weglassen, ist nicht wichtig für die Geschichte)

Alles liebe,
Susi

 

Nur eine Anmerkung wegen dieser angeblichen Fortsetzung:

Diese Geschichte wurde schon damals (Postingzeit) nicht nach Serien verschoben, da eben keine direkten Zusammenhänge festzustellen waren und somit diese hier auch unabhängig von der "Löwenzahnblüte" gelesen werden konnte.

 

hi marcus,

„Alles in Ordnung mit ihr, Schatz?“, fragte Katrin ihren Mann, als er das Zimmer verließ. „Man macht sich nun mal halt Gedanken. Immerhin waren wir ein paar Jahre verheiratet. Wo wir nun schon mal in der Gegend waren, konnte ich auch schnell mal nach ihr schauen.“, entgegnete Martin ruhig. „Schön und gut . Wir müssen uns nun aber beeilen, in einer knappen Stunde geht unser Zug nach Hause.“ ,entgegnete seine Frau eilig und drängte ihn nach draußen. Nach einem kurzen Blick auf die geschlossene Krankenzimmertür folgte er ihr ergeben.

kaum einer ahnt, wie viel hinter diesem dialog steckt. ich würde auch noch die hand meiner geschiedenen frau halten, wenn sie sie braucht.
einmal verheiratet gewesen zu sein hat eine lebenlange bedeutung. manchmal schwierig für die neuen partner, das zu verstehen oder mehr sogar zu akzeptieren. in diesem dialog wirklich gut dargestellt, wie martin katrin alles so weit wie möglich verharmlost und verallgemeinert, so dass katrin nicht etwas falsches denkt.

insgesamt bin ich leider kein fan deiner geschichte. sie drückt lediglich die zu erwartene stimmung aus, die die getrennte frau haben muss. deine sätze sind hierfür zwar angemessen langsam, aber es ist nicht wirklich eine herausforderung.

dabei ist es durchaus sehr gut gemacht, dass die ganze zeit die geschichte wie tot dahinschwebt, und erst im letzten abschnitt kommt durch den dialog zwischen katrin und martin leben in die geschichte.

fazit: in der sprache sicherlich eine gute geschichte - durchaus auch gekonnt, dennoch keine grosse herausforderung.
eine herausforderung wäre es gewesen, hier hoffnung und wohlempfindung einzubringen.

alles natürlich m.e.

bye

barde

Ein kleiner Ort and der Küste dämmerte anteilnahmslos in den Abend hinein.

"and" >> "an"

Große alte Buchen säumten den Seitenstreifen und bildeten eine Schatten spendende Allee unter der man gern entlang wandelte.

hinter "Allee" ein komma


was sollte das für ein sonderzeichen sein?

Marlis’ Hand entspannte sich und ihr verkrampftes Gesicht zeigte nun einen gelösten, leeren Ausdruck.

"Marlis" ohne hochkomma

Das monotone Piepsen eines medizinischen Gerätes war zu vernehmen und man konnte eine Frau in ihren späten Zwanzigern in einem weißen Krankenhausbett liegen sehen.

dieser satz braucht ein komma vor dem "und"

 

Hallo.
Schön geschrieben war mir deine Geschichte ein bißchen zu nüchtern. Ich konnte zu den Figuren keine innere Beziehung aufbauen. Aber trotzdem ... guter Versuch!
Liebe Grüße

 

Hallo marcus!
Ich finde deine Geschichte ganz gut. Eigentlich kann ich mich xkaxre und Häferl anschließen.
Mir gefällt, wie die anfangs angenehme und ruhige Stimmung langsam immer trauriger und depressiver wird. Ich habe mir auch diese Fragen gestellt und vielleicht erklärst du es uns ja.
Den Dialog zwischen Martin und Katrin am Ende der Geschichte finde ich sehr gelungen. In diesen wenigen Sätzen hast du so viel verpackt, und dann auch noch ein wenig versteckt. Gefällt mir. Hat so eine Art bitteren Nachgeschmack. Erst dachte ich nur, die beiden reden nur und dann wurd mir dieser Unterton deutlich.

Ob die Geschichte im Zusammenhang mit deiner Geschichte "Löwenzahnblüte" steht, weiß ich nicht. Vielleicht lese ich die auch noch.

bye und tschö

 

Ich danke allen, die bisher gepostet haben für ihre freundlichen und anregenden Kritiken. Die Formatierungen wurden korrigiert und auch der letzte Abschnitt meiner Geschichte (Dialog) ist zwecks besserer Leseweise ein wenig umgestaltet worden.

 

Hi Marcus!
Ich finde Deine Geschichte sehr schön, so traurig-melancholisch. Ich finde es lieb von ihrem Ex-Mann, dass er zu ihr geht.

"Marlis" ohne hochkomma
Ich glaube, doch. Sie heisst ja Marlis und es ist der Genitiv. Oder?

Alles Gute,
Marana

 

Ich glaube, doch. Sie heisst ja Marlis und es ist der Genitiv.

*ähm* ich hoffe, ich habe da nicht eine wissenslücke, aber im deutschen setzen wir doch keine hochkommata in genitivs, oder? das klingt eher englisch!

 

Ich hab gemeint schon :( Also ich habe bis jetzt immer eins gemacht und der Computer hats mir nicht falsch angestrichen. Und der sagt mir sonst alles (und noch ein bisschen mehr) was ich falsch mache...

 
Zuletzt bearbeitet:

@Barde
ich glaube so ein Hochkomma kommt beim Genitiv wenn das Wort auf 's', 'x' usw. endet. Weil sonst nicht deutlich genug wird, dass es ein Genitiv ist. Hundertprozentig sicher bin ich mir auch nicht. Ich frage sonst meinen Deutschlehrer morgen mal.

bye und tschö

 

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