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Geschafft
Geräuschvoll glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer - bis auf einen einzelnen Mann. Er zündete sich eine Zigarette an und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Er drehte sich um und ging langsam durch die Bahnhofshalle, die um diese Zeit kalt und leer wirkte. Seine Schritte hallten einsam in der nächtlichen Stille wieder.
Seine Gedanken kehrten zu ihr zurück. Sie hatte ihn bei ihrer Abreise nicht bemerkt, dessen war er sich sicher. Wie ein Verbrecher hatte er aus sicherer Entfernung beobachtet wie sie einstieg. Nachdem sie zehn Jahre verheiratet waren, offenbarte sie ihm, sie würde ihn verlassen. Er war völlig unvorbereitet, so dass ihn dieser Schlag hart traf. Es folgte die alte Geschichte: Erst trank er zuviel, dann verlor er seinen Job. Das typische Klischee. Heute hatte sie die Stadt verlassen und ihm die letzte Hoffnung genommen. Sein Leben war wertlos.
An einem Kiosk sah er weg, als sie ihn von einer Modezeitschrift aus anstrahlte und er versuchte sich auf die noch druckfrischen Tageszeitungen zu konzentrieren. Die erste Seite wurde wie seit Tagen von der Entführung der neunjährigen Tochter eines Industriellen dominiert. Aber auch ihr süßer Lockenkopf, der groß abgebildet war, erinnerte ihn nur an seine Frau. Früher war er erfolgreich, selbstbewusst, sein Körper vom Kampfsport trainiert. Ohne sie war von dem einst begehrten Mann nur wenig geblieben.
Er verließ den Bahnhof, die Kälte erfasste seinen Körper. Er zog den grauen, elegant geschnittenen Mantel zu, der jetzt abgenutzt und vernachlässigt war. Wie alles an ihm. Sein dunkles Gesicht war scharf geschnitten, früher sah er gut aus. Doch jetzt trug er einen ungepflegten Bart und seine Haare glänzten fettig.
Er stieg in ein Taxi, das ihn zu einer Bar außerhalb der Stadt fuhr. Dort trat er aus der Kühle der Nacht in den vertrauten, verrauchten Raum. Es stank nach Alkohol, Zigaretten und Shit. Gesichter an den Tischen und der Theke konnte man im abgedunkelten Raum nur erahnen, doch er wusste, es waren jeden Abend die selben heruntergekommenen Gestalten. Heruntergekommen wie er. Seit sie ihn verließ, wartete er nur noch auf eine Gelegenheit das alles hier zu beenden. Keinen nächsten Tag mehr bitte.
Er bestellte etwas zu trinken, ging dann durch einen langen Gang zu einer Toilette, die ihm mal eine Tänzerin gezeigt hatte - fast versteckt im hintersten Eck der Bar. Die neben dem Barraum ekelte ihn nur an. Dort war mehr „Stoff“ zu haben als Klopapier. Zumindest ein letztes bisschen Würde hatte er sich bewahrt – Wofür eigentlich, dachte er.
Er öffnete die Tür und sah sofort das Kind. Es kauerte in einer Ecke, hatte die Beine eng angezogen und sah verängstigt auf. Sie zitterte. Trotz des Igelschnitts wusste er es sofort: Es war das Gesicht, das er erst vor wenigen Minuten auf einer Zeitung gesehen hatte.
Ein leiser Aufschrei des Mädchens. Er wurde von kräftigen Händen an den Schultern gepackt und gegen eine Wand geschleudert. Als er sich aufrappelte, sah er einen bulligen Mann vor sich. Und er sah das Messer. Der Mann stürzte auf ihn zu. Eine kurze Bewegung rettete ihn. Er wich aus, wehrte das Messer mit der einen Hand ab, schlug gleichzeitig mit der anderen wuchtig zu. Er war langsam geworden, etwas zu langsam und spürte einen schmerzhaften Stich in der linken Seite. Doch es genügte. Der Kerl prallte gegen die Wand, brach unter dem Schlag zusammen. Seine Hand war taub.
Ohne zu zögern, zog er das Mädchen hoch, rannte mit ihr durch den Gang in die Bar. Hier konnte er keine Hilfe erwarten. Sie stürzten durch die Tür ins Freie. Kein Mensch zu sehen. Verdammt. Er rannte mit ihr weiter. Noch bevor sie die erste Ecke erreicht hatten, hörte er schnelle Schritte hinter sich. Auch ein Motor sprang an. Einige hundert Meter entfernt sah er gegenüber eine Polizeistation, doch der Verfolger würde schneller sein als das Kind. Sein Rücken schmerzte, die Seite brannte, seine Hand war taub. Als er den ersten Verfolger direkt hinter sich spürte, fuhr er herum und schlug zu.
Das Mädchen blieb stehen. „Lauf!“ Sie blickte ihn an. „Lauf“. Das Mädchen drehte sich um und lief. Der Mann stürzte wieder auf ihn zu. Mühsam konnte er sich befreien und ihn noch einmal niederschlagen. Im selben Moment hörte er die quietschenden Reifen. Eine Limousine raste in die Richtung des Mädchens. Die Kleine war fast da. Noch ein paar Meter, dann über die Straße. Er rannte hinterher. Zwei Polizisten kamen aus der Station, der große Wagen war noch zweihundert Meter zurück.
Sie lief mit ihren kurzen Beinen, sah nur noch die Polizisten, nicht die Limousine, die immer näher kam. Noch einige Schritte trennten ihn von ihr. Sie war jetzt er auf der Mitte der Straße. „Mein Gott.“ Er sprang.
Alles geht plötzlich ganz langsam. Er stößt sie von der Straße. Ja, geschafft, sie ist drüben, außer Gefahr. Ein dumpfer Stoß. Ein kurzer Schmerz. Un-erträglich. Dann nur noch die Dunkelheit. Ein letzter Gedanke: Auch das ist geschafft.