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Genugtuung

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02.04.2003
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Genugtuung

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich. Er betrachtete sein Gegenüber. „Und nicht unter solchen Umständen, Mickey! Du scheinst Karriere gemacht zu haben!“
Der Angesprochene lächelte spöttisch. „Wenn du meinen Rang und meine Stellung hier meinst – da hast du Recht; du hattest mir etwas anderes prophezeit. Aber, Frank, nenne mich nie wieder Mickey! Mein Name war immer Phil!“
Frank sah nervös zu dem dunkel gekleideten Mann, der ihn zuvor befragt hatte, und zu dem bewaffneten Soldaten an der Tür. Unbewusst tastete er nach seiner aufgeplatzten Unterlippe. „Könntest du die beiden nicht hinausschicken?“
„Du meinst, weil wir uns so lange kennen?“ Phil lächelte erneut, als Frank unsicher nickte. „Nein.“
„Aber Phil, wir waren doch ...“
„Wolltest du Freunde sagen?“
Der junge Leutnant stand auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Was hast du immer gesagt? Dass ich dir und deinen Kumpanen die Stiefel putzen würde? Dass es ein Fehler wäre, solche wie mich in eurem Land leben zu lassen?“ Er schnaubte verächtlich. „Wahrscheinlich hattest du sogar Recht, aus heutiger Sicht. Was du meiner Frau angetan hast, konnte ich dir nie beweisen, und ich war nicht in der Position, dich angreifen zu können. Aber du hast deine Stellung dazu missbrauchst, sie in ihre Heimat zurückzuschicken, und du wusstest, was sie dort erwartete, dass sie das nicht überleben würde!“
„Phil, ich konnte damals nicht wissen, dass ...“
„Dass sich alles ändern würde?", unterbrach ihn der Offizier. „Aber du hättest es befürchten können! Hattest du nie Angst davor, was Menschen wie ich eines Tages mit Menschen wie dir machen werden, wenn sie die Gelegenheit dazu erhalten?“
Er blieb am Tisch stehen, stützte die Hände auf und näherte sein Gesicht dem Franks.
„Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Wichtig ist die etwas unklare Aufgabe, die du hier erfüllen solltest, und über die ich präzise Informationen haben will!“
Er richtete sich wieder auf und ging zur Tür. „Und ich bin sicher ...“ Sein Blick ging zu dem Mann, der an die Wand gelehnt wartete, „dass du alles genau erzählen wirst. Wir sehen uns später wieder!“
In der Tür hielt er inne und drehte sich noch einmal um. „Inzwischen konnten wir uns übrigens davon überzeugen, wie schön deine Frau ist, Frank. Allerdings soll es ihr im Moment nicht so gut gehen ...“ Er grinste, als er die aufgerissenen Augen sah, und schloss die Tür hinter sich.

 

die geschichte ist wirklich sehr gut gelungen. trotz der knappen geschichte funktioniert der stimmungsaufbau sehr gut. die genugtuung ist zu spüren.

 

Danke, sonah, für die wirklich sehr schnell erfolgte Kritik ... Hast Du nichts daran zu bemängeln??

 

bitte gerne! nein, habe wirklich nichts zu bemängeln, weil für mich der stimmungsaufbau und die wirkung einer geschichte zählt. und ich finde es spannend, dass nicht erklärt wird, was nun wirklich geschehen ist, lässt freiraum für die eigene phanasie und raum für eigene gedanken + hinterlässt eine fast bedrohliche stimmung, wie auch bei frank. finde sie sehr gut gelungen.

 

Hallo Aragorn,

kurz, sehr spannend, gut geschrieben.
Dein Text ist gelungen, die Genugtuung für den Leser spürbar.

Grüße nach Tirol - Aqua

 

Ich habe auch nichts zu bemängeln. Die Sprache ist klar und fehlerfrei (zumindest sind mir keine aufgefallen), und der Dialog enthält trotz seiner Kürze eine ungeheure Menge komprimierter Informationen, die ganz von selbst das Bild zweier unterschiedlicher Biographien vor dem geistigen Auge entstehen lassen.
Dafür gibt es von mir ein :thumbsup:

r

 

Hi Aragorn,

nicht schlecht, nicht schlecht. Aber leider ohne Tiefe. Da Du einen sehr angenehmen Stil hast, finde ich es schade, daß die Geschichte endet, ohne, daß man die Entwicklung der Beiden verfolgen darf. Man weiß; sie hassen sich und sie kennen sich sehr lange und der Eine hat dem Anderen weh getan. Und jetzt tut der Andere dem Einen weh. Aber wie kam es dazu? Was hat sie dazu getrieben, so zueinander zu sein?
Wahrscheinlich hast Du das alles absichtlich weggelassen. Das ist Deine Freiheit als Autor. Ich selbst finde es nur irgendwo schade, weil ich Deinen Stil sehr gut finde und Dir gerne länger "zugehört" hätte. :)

Griasle,
stephy

 

Ich weiß sehr gut, was Du meinst, und es fiel mir auch schwer, das alles wegzulassen.
Aber das war ein Wettbewerbsbeitrag, der 2500 Zeichen nicht überschreiten durfte, an diesen Rahmen musste ich mich halten.

Aber danke, dass Dir meine Schreibweise gefällt!

 

Hier entwickelt sich wieder der klassische Gegensatz Roman kontra Kurzgeschichte, und mein ewiges Gerede vom Kürzen, Kürzen, Kürzen, erweist sich wieder einmal als richtig. Wäre die Vorgabe von 2500 Zeichen nicht gewesen, wäre der Text vielleicht weit weniger stark ausgefallen.

Für eine Kurzgeschichte ist das absolut perfekt so, wie es ist, und ich vermisse nichts, was nicht im Text implizit drin ist: Zwei Leute, die sich von früher kennen, beide verheiratet. Der eine war mal ein Beamter, der andere ein kleines Würstchen. Der Beamte hat die ausländische Frau des Würstchens abgeschoben, und da wurde sie dann zu Tode gefoltert (oder ähnliches).
Jetzt ist Krieg oder Revolution (ich tippe auf Letzteres), der Beamte wurde zum Spion, er wurde erwischt, und begegnet dem Würstchen, der inzwischen Karriere beim Militär gemacht hat und ihn verhört. Seine Frau hat er auch in seine Gewalt bekommen.

Das ist natürlich auch exzellenter Stoff für einen Roman (mir fällt vergleichsweise spontan "Das Geisterhaus" ein), aber jeder Versuch, DIESEN Text auf doppelte oder dreifache Länge aufzublasen, würde ihn zerstören.
Meine Meinung.

r

 

Ich sehe das anders als relysium. Und zwar denke ich, daß die Vorgabe von so und so viele Zeichen die Story kaputt gemacht hat, das heißt; eine weit bessere Story, die daraus hätte entstehen können. So ist sie natürlich auch gut, aber die Tiefe fehlt, die kann man in nur 2500 Zeichen nicht packen und die ist genau das, was meiner Meinung nach eine Geschichte ausmacht. Man findet sie nämlich auch in Kurzgeschichten, wenn man es geschickt anstellt... ;) Aber das ist Ansichtssache und wohl ewiger Streitpunkt. Ein Teufelskreis.

 

Für mich natürlich interessant, zwei konträre Meinungen zu diesem Text zu lesen.

Ich persönlich würde ihn auch nicht weiter ausbauen - wenn dann allerdings die Tiefe fehlt, heißt das nichts anderes, als dass es mir nicht gelungen ist, eine wirklich gute Kurzgeschichte zu schreiben.

 

Wenn der Autor/die Autorin gut ist und das Zeug dazu hat, kann auch in 2500 Zeichen die Tiefe zu finden sein, die dem Leser etwas hinterlässt. Dieser Text ist ein Beispiel dafür. Bitte so lassen.

Aqua

 

Hallo, Aragorn!

Dies ist eine kurze, präzise Geschichte darüber, wie sich Machtverhältnisse ändern können. Verfehlungen, die in der Vergangenheit verübt wurden, haben manchmal Auswirkungen, die nicht zu unterschätzen sind.
Der Sprachstil passt m.E. ausgezeichnet zur Umsetzung des Themas. Gefällt mir.


Ciao
Antonia

 

Hi Julia,

mir hat die knappe Geschichte sehr gefallen. Wie relysium meine ich, das alles Wichtige in diesen wenigen Zeilen gesagt wurde.
Besonders gut fand ich, mit wie wenigen Worten Du die Hoffnung, die in Frank aufkeimt, beschreibst. Auch das Ende findet meine Zustimmung - einziger Kritikpunkt: Der Titel hat für mein Gefühl schon zu viel verraten. Ziemlich bald fragte ich mich, wie Phil sich nun wohl an Frank rächen würde. Es wäre schöner gewesen, wenn Du mich noch länger hättest im Dunklen tappen lassen.

Du formulierst flüssig und locker. Ich habe Deine Geschichte gerne gelesen. :)

Liebe Grüße
Barbara

 

Vielen Dank, Barbara!
Ich hätte nie gedacht, dass diese Geschichte so viel Anklang findet.

LG
Julia

 

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