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Geld stinkt nicht
Geld stinkt nicht - erweiterte Fassung
Als Werner Sombart auf dem Sterbebett lag, bemerkte sein Eckermann, dass der Ökonom sehr heiter wirkte und entspannt.
Nun ja, sinnierte Eckermann in stiller Freude vor sich hin, wer auf einem langen und beschwerlichen Wege der Erkenntnis hinabsteige von eiseskalten Höhen des Allgemeinen und Abstrakten in sonnendurchflutete fruchtbare Zonen des Besonderen und Konkreten und der dann seine eigene Anschauung, wie die Welt sei, aufs Schönste bestätigt finde, der hinterlasse ein Lehrgebäude wie eine feste Burg, die auf lange Zeit uneinnehmbar bleibe. Der könne mit sich selbst und der Welt zufrieden sein.
Es freute Eckermann, dass der Alte keine Angst vorm Tode zu haben schien und es somit ein leichtes Dahinscheiden würde.
Draußen in den Straße seines geliebten Berlin der Maien Wonne pflegte man derweil fleißig einen permanenten Karneval in schickster Maskerade mit feinem und gesitteten Tschingderassabum von Blechtrommeln und Schellenbaum, während fernab – und wär’s am Hindukusch - die Heimat verteidigt wurde und wie nebenbei der Wirtschaft neue Absatzmärkte erschlossen wurden.
Es galt, den demonstrativen Konsum, den ein amerikanischer Kollege seinerzeit bei den Kwakiutl beobachtet hatte, auf zivilisierte Weise und höchstem Niveau zu verwirklichen. Denn was nützt einem all der Reichtum, wenn man ihn nicht nutzanwendend zur Schau stellt!
Wenn einer nicht wirklich reich wäre, würde der dann seinen Reichtum demonstrativ vor aller Welt vernichten? Bewies nicht allein die Tatsache, dass ein angelernter Pinselquäler zum Kanzler und Führer der Gröhlfatzkes aufsteigen konnte, dass die liberale Chancengleichheit aufs Schönste verwirklicht würde?
Nun ja, dieser Mann war zweifellos der personifizierte Luxus und hatte sinnliche Freude am Genuss. Was alle Sinne reizt, vergegenständlicht sich in den Warenlagern und dem geschlechtlichen Gebaren. "Sinnenlust und Erotik sind letzten Endes ein und dasselbe“, war eine zentrale Aussage des großen Nationalökonomen. Liebe ist Verschwendung, und wer wollte behaupten, dass die Gröhlfatzkes nicht ihr Land mitsamt seiner florierenden Nationalökonomie liebten! So bedeutet denn ein freies Liebesleben Luxus wie Verschwendung, ein verkümmerndes Liebesleben dagegen führt allemal zum Sparstrumpf und zur sinnlosen Häufung von Gütern bis hin zu ihrer abstraktesten Form in Edelmetallen oder Buchgeld ...
... als, plötzlich und unerwartet, der alte Körper von einem heftigen Lachanfall geschüttelt wurde. Nun war Eckermann wieder in großer Sorge um den großen alten Mann der Sozialwissenschaft.
Es dauerte nur eine geringe Zeit, bis der Alte sich wieder beruhigte und erholte. Er streckte die Hand aus und suchte die Eckermanns. Der fasste nach der suchenden Hand und fühlte, sie war angenehm warm, wenn auch rau und trocken. Sombart fasste Eckermanns Hand fest und sprach mit leiser Stimme: “Eckermann, ich muss Ihnen etwas erzählen, was mir gerade eingefallen ist. -
Behalten Sie’s bitte für sich, denn weder ich habs jemals preisgegeben noch Marianne in der Lebensbeschreibung Maxens. Allein Ihnen will ich verraten, wie und wo ich Max kennen gelernt habe. Ob ers preisgegeben hat, weiß kein Mensch. Zuzutrau’n wär’s ihm, so verrückt wie er war.“
Eckermann versprach’s und Sombart erzählte mit ruhiger Stimme: "Es ist bekannt, dass ich öffentliche Bedürfnisanstalten meide, da verabscheue. Ich ekele mich vor Brillen, die von jedermann besessen werden können und den Schmierereien, die sich an den Wänden der beengten Räumlichkeiten zeigen. Dabei ist der Ekel nicht an der Aktualität, sondern der reinen Potentialität gebunden Ich ekelte mich immer schon vor der Vorstellung, jemand anderes als ich könnte die Brille genutzt haben, auf die ich mich hätte setzen müssen. Um alle meine Geschäfte im Stehen zu verrichten, bin ich zu wenig Athlet oder Artist. –
Ich war jung und studierte Juristerei. Den genauen Tag weiß ich nicht mehr, aber es war im letzten Studienjahr hier in Berlin. Der Tag war anstrengend gewesen und in meinem Darm hatte sich ein solcher Druck aufgebaut, dass ich es nicht mehr bis Zuhause geschafft hätte. Also blieb mir nichts, als die Toiletten für Studenten der juristischen Fakultät aufzusuchen.“
Mit den letzten Worten wurde die Sprache des Nationalökonomen heftiger und die Hand zitterte nun, dass Eckermann sich wieder sorgte.
Aber Hand und Stimme beruhigten sich wieder, so auch Eckermann: "Sie kennen es: Sie gehen eine Treppe hinab und sehen rechts und links an den Wänden Schmierereien rechtlich bedenklichen Inhalts.
Es schüttelte mich! Dann stand ich vor beschmierten Türen. Bis auf eine waren alle Toiletten als besetzt gezeichnet. Auf dieser einen Tür stand nichts gegen Gott, Kaiser oder Vaterland, sondern Ohne Moos nix los! Die Schrift erschien mir ziemlich frisch zu sein. Endlich eine von ihrem Inhalt her reichserhaltende Inschrift! –
Ich riss die Tür in meiner Not auf und erschauderte: da stand ein etwa gleichaltriger Bursche im Hemd und mit heruntergelassener Unterhose. Die Montur der Burschenschaft Allemania hing an der Wand hinter ihm. In der Hand hielt er einen feinen Pinsel. Er bemalte mich in Blitzesschnelle mit wenigen Schriftzeichen und erschrak erst dann. Es war Maximilian Carl Emil, den ich flüchtig durch seinen Bruder Alfred kannte.
Max ein Staatsfeind! - ich war getroffen und machte mir fast die Hosen voll.
Aber Max zeigte schon damals seine Überlegenheit gegenüber jedermann:
Er setzte sich nieder und forderte mich auf, herein zu kommen und die Türe zu schließen. Wischte sich dann den Hintern ab, zog sich wieder an und sagte gleichzeitig, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, er habe sich nur Notizen gemacht, da er vorhabe, über Geld und Kapital zu promovieren wenn nicht grundsätzlich zu arbeiten.
Während er sich die Hände wusch, bemerkte ich, dass der Druck in meinem Darm nachgelassen hatte, so dass ich mir die Schmiererei an der Tür anschauen konnte.
Lieber Ackermann,“ – Eckermann merkte, dass Sombarts Konzentration nachließ, "es stand dort in feiner Schrift ‚Ohne Moppen nix zu’ worauf ich mir keinen Reim machen konnte. Aber auf solchen Zitaten haben Max und ich unsere gesamt Philosophie des Kapitalismus aufgebaut…“
Werner Sombart starb kurz darauf.
Ein Leben lang hatte er Sterbezimmer gemieden und wenn es aus Konvention nicht möglich war, flüchtete er sich in Unpässlichkeit und Krankheit. So gab er sich der Illusion hin, dem Tod aus dem Weg gehen zu können bis zu dem Tag, da er selbst in seinem Schlafzimmer recht friedlich ans Sterben kam. Draußen tobte der braune Terror & ein Weltkrieg.
Eckermann war darum froh, dass der Alte seinen letzten Gang mit Humor ertrug.
Oder hatte er sich nur ablenken wollen?
Selbst Eckermann weiß es nicht und er weiß auch nicht, ob der Alte wusste, welches Wort Max Weber ihm aufs Hemd gezeichnet hatte.
In jedem Falle hielt Eckermann das Versprechen gegenüber Sombart ein, solang er konnte. Bis zu dem Tage, an dem nach dem Genuss einer Flasche roten Portweins sich seine Zunge löste und er Anekdoten aus den Weltkriegen erzählte.