Gefangen
Entblößt sitzt der Gefangene auf einem Stuhl. Seine Hände sind hinter dem Stuhlrücken fest zusammengebunden, die Füße an den Stuhlbeinen ebenfalls. Mit einem Isolierband wurde sein Mund geknebelt, die Augen mit einem einfachen Tuch verbunden. Seine Glieder schmerzen bereits von dem ewig langen sitzen, in der immer gleichen Position. Doch die Schmerzen sind zu ertragen. Er weiß, dass schlimmere Schmerzen kommen werden und er fragt sich wie viel er aushalten können wird und vor allem wie lange. Der Schweiß sammelt sich auf seiner dunklen Haut, in seinem Mund fließt kein Speichel mehr. Von oben fühlt er eine erdrückende Hitze auf ihn zukommen. Etwas krabbelt durch seine dunklen Haare, aber vielleicht halluziniert er auch nur. Wie spät es wohl ist?
Schwere Schritte nähern sich dem Raum. Es müssen mehrere Personen sein. Mindestens drei, vielleicht auch mehr. Engelsgleich erscheinen vor seinem geistigen Auge seine Frau und seine beiden kleinen Töchter. Er fragt sich ob er sie wiedersieht. Lautstark wird die Tür aufgerissen, er zuckt zusammen.
Mit schnellen Schritten nähert sich ihm eine Person und reißt mit Gewalt den Knebel aus dem Mund.
>> Hamid Ahmad? <<, fragt ein Mann von vorne kommend mit lauter Stimme.
>> Nein <<, antwortet der Gefangene leise.
Rechts am Kinn trifft ihn ein Faustschlag. Die Lippe platzt von der Wucht auf. Er spuckt Blut.
>> Wie lange arbeiten Sie schon für Ashad? <<, die Frage kommt wieder von der gleichen Person.
>> Ashad? <<, stottert er. >>Wer soll das sein? <<
>> Ashad ist der Mann, der sich zu dem heutigen Anschlag bekannt hat. <<
Heute Morgen explodierte am Los Angeles International Airport eine Kofferbombe. Man hörte davon den ganzen Tag über im Fernsehen und im Radio. Morgen werden die Zeitungen voll damit sein.
>> Ich kenne keinen Ashad. Wie spät ist es? <<
>> Er hat sie angerufen. <<
>> Ich hatte niemals Kontakt zu einem Ashad. <<
>> Was haben sie am Flughafen gemacht? <<
>> Ich wollte nach Dubai fliegen. <<
>> Sie wollten fliehen? <<
>> Ich wollte meine Familie besuchen. <<
>> Onkel Yasir? <<
Einen Moment lang verharrt der Gefangene, hebt dann langsam den Kopf und schaut in die Richtung, aus der die Frage kam.
>> Ich habe keinen Onkel Yasir. <<
Ihn trifft ein so harter Faustschlag von der linken Seite am Kopf, dass er samt Stuhl zu Boden kippt. Da seine Hände hinter dem Stuhl zusammengeschnurrt sind, fällt er auf seinen rechten Arm und schreit vor Schmerz auf. Zwei Männer richten ihn wieder auf. Dann packt ihn ein Mann von vorne am Gesicht und drückt seine Backen fest zusammen.
>> Hören Sie Hamid Ahmad. Wir wissen alles über Sie. Über Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Freunde, Ihre Arbeitskollegen, Ihre Familie in Dubai. Einfach alles. Wir wissen wann Sie aus dem Haus gehen, in welchem Supermarkt Sie einkaufen, wann Sie Ihre Frau vögeln und wann Sie auf Toilette gehen. Also hören Sie auf uns zu verarschen und erzählen Sie von Ashad. Hat er weitere Anschlagspläne? Dann raus damit. Nur so können Sie Ihrer Familie helfen. Sie möchten doch nicht das Ihre achtjährige Tochter gefoltert wird bis ihr Daddy bereit ist auszusagen oder? <<, blafft ihn der Mann an.
>> Mein Name ist Ibrahim Karimi. Ich bin seit zwanzig Jahren amerikanischer Staatsbürger und habe mit alldem nichts zu tun. Das muss alles eine Verwechslung sein <<, antwortet er, wobei durch das Klappern seiner Zähne die Worte nur verzerrt kamen.
>> Sicher. Eine Verwechslung. <<
Wenige Augenblicke später wird sein Stuhl tief nach hinten gekippt und ein Tuch über seinen Mund gehalten. Eine andere Person gießt einen Eimer Wasser langsam auf sein Gesicht hinab. Er spürt wie das Wasser in Mund und Nase läuft und obwohl er sich mit aller Kraft auf dem Stuhl windet, gibt das Material, mit dem er an den Stuhl gebunden ist, keinen Millimeter nach. Sein Herz hämmert jetzt als würde es alleine fliehen wollen.
In seinen Gedanken sieht er seine Frau, umarmt von ihren beiden Töchtern, lächeln. Ihnen wird es gutergehen.
Das fließen des Wassers hört auf. Es sind vielleicht 15 Sekunden vergangen, doch ihm kam es endlos lang vor. Der Stuhl wird wieder aufgerichtet, das Tuch weggenommen. Er atmet schwer und spuckt das Wasser aus.
>> Erzähl uns von Ashad oder wir werden deine Familie genauso behandeln wie dich hier. <<
>> Das kann ich nicht <<, spricht der Gefangene langsam. >> Ich kenne diesen Mann nicht. Wirklich nicht. <<
Das Tuch, welches um seine Augen gewickelt ist, wird ihm weggerissen. Er blinzelt etwas, es fällt ihm schwer die Augen wieder zu öffnen. An der Decke befindet sich scheinwerferhelles Licht, der Raum ist weiß und völlig steril. Vor ihm steht ein großer Mann in einem schlechtsitzenden Anzug, der Bauch hängt über den Gürtel herab, die Glatze sieht in dem hellen Licht wie auf Glanz poliert aus. Dies muss der Mann sein mit dem er die ganze Zeit spricht. Links und Rechts steht jeweils ein Mann in Militärkluft. Der Gefangene schaut sich nach einer Uhr im Raum um, kann jedoch keine finden.
>> Es reicht. Ins Loch mit ihm <<, sagt der dicke Mann.
Die beiden Männer lösen mit einem scharfen Messer die Fessel, packen den Gefangenen und schleifen ihn hinter sich her. Sie öffnen die Hintertür des Verhörraums. Dort befindet sich „das Loch“. Es ist ein kleiner dunkler Raum. Maximal ein Meter hoch und vielleicht 1,50 Meter breit. Ehe die beiden Männer ihn hinein schubsen können, hat er noch die Gelegenheit auf eine Uhr zu schauen, die vom Stuhl aus nicht zu sehen ist. Sie zeigt 10:42 Uhr an. Er lächelt. Dann schließen die beiden Männer die Tür und er verschwindet in völliger Dunkelheit.