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Geburtstag

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03.01.2003
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Geburtstag

Die Straßen schienen wie leergefegt, als sie noch einmal aus dem Fenster hinaus schaute. Die kahlen Äste der Bäume kratzten an ihrem Gemüt. Noch ein letzter Schluck aus der Flasche und ihr Selbstbewusstsein kehrte in großen Schüben wieder zurück. Die Flüssigkeit durchströmte ihren Körper und erwärmte ihn bis ins letzte Glied. Sie fühlte sich in ihm wieder geborgen und stand nicht mehr stumm und gelähmt neben ihm da.
Im Nebenraum hörte sie das Gelächter der Tanten und Cousinen. An ihrem Geburtstag kam die ganze Familie, brachte Geschenke, Spießigkeit und gute Laune mit. Sie konnte nicht mit all diesen Dingen fertig werden. Heute würde es ihr jedoch gelingen.
Sie zog sich um und verkleidete ihr Verhalten mit einem bunten Blumenkleid; dem Anlass entsprechend, wie sie dachte. Sie bürstete noch einmal ihre Haare, diesmal mit großer Sorgfalt, und war froh sich selber immer leichter und sanfter zu spüren. Ihr gutgelaunter Körper glitt durch den Raum und die Gegenstände schienen sich vor ihren Augen zu verschieben. Sie blickte hinab auf ihre Füße, deren Bewegungen sie nicht mehr unterlag und begutachtete ihr Kleid: die Farben der bunt bestickten Blumen verschmolzen in einander und waren kaum noch von einander zu unterscheiden, nur beim genauen Hinsehen erkannte sie die eine oder andere Facette.
Gleich würde sie ins Nebenzimmer eintreten, sich an den reich gedeckten Tisch setzen und ihre Geschenke entgegen nehmen. Das Gelächter der Tanten und Cousinen hörte sie nur noch unscheinbar.
Leise begann sie eine fremde Melodie zu summen, murmelte etwas vor sich hin, konnte keine Zusammenhänge mehr erkennen und musste leise kichern. Den Flakon nahm sie sehr vorsichtig in die Hand und sprühte erst in die falsche Richtung, besann sich kurz danach, und traf ein-, zwei Mal ihren Hals. Sie erhaschte noch einen letzten Blick in den Spiegel und war zufrieden mit sich selbst. Ihr Gesicht verformte sich wie Wachs. Das Leuchten ihrer rot unterlaufenden Augen fiel ihr nicht mehr auf. Ihre weißen Zähne glänzten hell, wie sie fand, aus einem Lächeln heraus, das sie nicht mehr kontrollieren konnte.
Angenehm, dachte sie.
Ihr ganzer Körper schien erhitzt, als sie den Türgriff betätigte und in die Wirklichkeit eintrat. Das Gelächter der Tanten und Cousinen verstummte mit einem Mal.
Alle Augen richteten sich auf ihre schwankende Gestalt und ihr benommenes Lächeln.
Sie schaute in die, nun plötzlich verstummte, entsetzt blickende Runde von Gästen und versuchte aus dem verschwommenen Bild einzelne Gesichter zu erkennen. Vergebens, sie erkannte niemanden und war glücklich darüber.
Weiterhin lächelnd und begab sie sich stolpernd auf ihren Platz, ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, kippte mit ihren unregulierten Armen zwei Weingläser um und fing an laut darüber zu lachen. Nichts schien ihr je lustiger gewesen zu sein. Die rote Flüssigkeit verteilte sich langsam über den ganzen Tisch.
Sie hörte nicht mehr als Martha sagte: „Sie ist schon wieder betrunken.“

 

Hallo Moni,

deine Geschichte hat mir gut gefallen, du verwendest teils sehr treffende Formulierungen von denen mir ein paar außerordentlich gut gefallen haben z.B.:

"Die kahlen Äste der Bäume kratzten an ihrem Gemüt. Noch ein letzter Schluck aus der Flasche und ihr Selbstbewusstsein kehrte in großen Schüben wieder zurück."


"An ihrem Geburtstag kam die ganze Familie, brachte Geschenke, Spießigkeit und gute Laune mit."

Lieben Gruß

lakita

 

:D Vielen Dank!

Hab mich riesig über eure Kritiken gefreut, denn ihr habt die Geschichte und ihren Hintergrund vestanden. Das ist das beste, was einem Autor passieren kann: wenn die Leser die Intention seines Textes vestehen.

Gruß

Moni

 

Hallo Moni!
Ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Auch mir hat die Geschichte sehr gut gefallen.
Der Text lässt sich sehr flüssig lesen und ich finde auch das Thema sehr gelungen. Jeder hat sich bestimmt schon mal auf einer Party wiedergefunden, auf die er gehen musste, aber nicht wollte.
Mir ist nur ein unerheblicher Rechtschreibfehler aufgefallen:
Zitat:
"Ihre weißen Zähne glänzten hell, wie sie fand, aus einem Lächeln heraus, dass sie nicht mehr kontrollieren konnte."
"...heraus, das sie..."

bis denne,

Flamingo

 

:p @Flamingo!
Danke für deine Kritik. Aber eigentlich wollte ich mit der Geschichte darstellen, dass die Person, von der erzählt wird Alkoholikerin ist und sich betrinkt, ob an einem gewöhnlichen Tag oder an einem anscheinend besonderen, ihrem Geburtstag. Die Tanten und Cousinen spiegeln nur die Abwehrhaltung und Reserviertheit der Gesellschaft gegenüber diesem Problem dar.
Gruss
MONI

 

Hallo Moni!
Ich habe den Alkoholismus in deiner Geschichte nicht so deutlich gesehen. Ich habe die Geschichte eher so verstanden, dass man gewisse gesellschaftliche Zwänge, wie z.B. an seinem Geburtstag mit seiner Familie zu feiern, sich über Belanglosigkeiten zu unterhalten und gute Laune zu verbreiten, erfüllen muss.
Dass die Protagonistin betrunken ist, stört die "heile" Welt der spießigen Familie, es passt nicht in ihr Schema (genauso wenig natürlich der Alkoholismus).
Die Familie sind die einzigen Personen, die man sich im Leben nicht aussuchen kann.

bis denne,

Flamingo

 

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