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Frunz schläft
Frunz schläft. Verfrunzt sein Leben vor dem Fernsehgerät. Isst und schläft, schläft und isst. Fett ist er, der Frunz, vom vielen Liegen, vom vielen Essen und stinkt nach Schweiß. Bunte Bilder an sich vorbeizischen lassend döst er vor sich hin, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Entfrunzen will er sich nicht, hat er doch schon längst aufgegeben, sich an der Welt beteiligen zu wollen. Verstehen kann er die Welt nicht mehr, also verfrunzt er.
Kinzi ist das Kind von Frunz’ Nachbarin Kara. Die Kleine geht zur Schule, die sie nicht mag. Ihre Mutter hat wenig Geld, lässt sich tagein, tagaus quälen, von ekelhaften Vorgesetzten und widerlichen Kollegen. Am Nachmittag holt sie Kinzi von der Schule ab. Montags bis Samstags. Kara ist abgehetzt, nicht nur von Montag bis Samstag, auch am Sonntag, wenn sie einen Tag vorher erfährt, dass sie arbeiten muss. In einem großen Kaufhaus dreht sie gegen ihren Willen Menschen Fetzen an, die leblos von Drehständern herunterhängen. Kinzi kommt dann zur Großmutter.
Diesmal möchte die Lehrerin mit Kara sprechen. Kinzi sei so unaufmerksam, interessiere sich nicht für den Unterricht, nehme nicht daran teil. Kara zuckt mit den Achseln, Einkaufen gehen, kochen, sich um Kinzi kümmern. Vielleicht liegt’s am Unterricht möchte sie sagen, verkneift es sich.
Ding Dong: „Gumpendorferstraße, U-Bahn, umsteigen zu den Linien sechs und achtzehn." Heiß ist die Stadt, glüht. Schweißdampf im Wagon. Kinzi an der Hand der Mutter. Die Straßenbahn bremst unversehens. Schweißgebadete blicken aus dem Fenster. Polizei, Blaulicht. Jemand sei auf die Schiene gefallen, einer von jenen. Von den Ausgemergelten, Vergifteten.
„Scheiß Giftler", schreit jemand. „Mama was sind Giftler?"
„Süchtige, gib Ruh!" Kara kann nicht mehr. Sie ist müde.
Tralalala. Kaufen Sie das neue Foxi, jetzt noch weicher. Lungenbraten vom Rind um nur vierneunzig das Stück, Antibiotika sind schon drin, keine Sorge mehr vorm Tripper. Einfach nur Fleisch essen. Tralalala.
Trätarätätä. Wollen Sie einen Internetzanschluss mit drei Fernsehkanälen gratis? Trätarätätä.
Ding Dong „Maragaretnegürtel U-Bahn, umsteigen zu den Linien U4 ..." Raus hier. Kinzi an der Hand.
„Ich will nicht mehr leben!" piepst die Kleine.
„Ach wieso denn?" Auch das noch. Kara schafft es bald nicht mehr. Mit dem Immerverfügbarsein fürs Kaufhaus, mit Kinzi, mit den unbezahlten Rechnungen.
Kara nimmt sich zusammen. Setzt sich mit Kinzi auf eine Holzbank, streicht ihr durchs Haar. Gehänselt wurde sie. Wie so oft. Sie habe keinen Papa, aber so viele haben keinen Papa.
„Wo ist MEIN Papa?"
„Weg." Fort war er, Kinzis Papa, ganz plötzlich weg zum Sich-Selbst-Verwirklichen, ohne Alimente zu zahlen. Deshalb lässt sich Kara schikanieren. Muss es mit sich geschehen lassen. Kinzi sollte die Schule wechseln, sind aber alle gleich diese Schulen, diese Zuchtanstalten mit Harlekingesicht.
Sie stehen auf. Kara ist so müde. Jemand rempelt. Es ist Scholz, der andere Nachbar. Der ist arbeitssüchtig. Karriere machen will er, der Scholz. So scholzt er durchs Leben, zisch zisch. Keine Ruhe. Extremsport am Wochenende. Vitaminpillen. Handrechner immer mit sich tragend, mal nach hier, mal nach dort scholzend in rasender Geschwindigkeit. Amerikanischer Lebensstil, schneller, immer schneller, kalt durchs Leben sausen, hui! Plastikessen, angereichert. So scholzt es sich in der neuen Zeit, selbst im Gemeindebau. Früher hätte man hier so jemanden ausgelacht. Doch heute bewundert man Scholz. Aus Frunz’ Wohnung riecht es komisch. Kara bemerkt es nie, sie ist immer zu müde, Scholz kümmert es nicht, für derlei hat er keine Zeit. So frunzelt es halt am Gang.
Kinzi quengelt. Kara kocht. Fernsehen. Nachrichten vorgetragen wie lauwarmer Kamillentee von einem gesichtslosen Jüngling. Seelenlos, leer, die Filme, die Sprecher, die Schauspieler, die Zuseher. Der aseptische Giftzwerg spricht zum Volk, keiner hört zu. Alles ist einem egal geworden. Man kann nichts mehr machen. Ein Philosoph gibt etwas zum Besten, das passt den angesehenen Hirnmenschen nicht. Künstler beschimpft daraufhin den Denker, findet Österreich beschissen und schwimmt dabei in Geld. An Kara denkt niemand, nicht der aseptische Zwerg, nicht Künstler, nicht der Philosoph und auch nicht Scholz. Frunz auch nicht, er schläft.
Eine pummelige Präsentatorin befrägt die Gäste über die Liebe, jeder schwafelt. Niemand kann etwas dazu sagen. Das Telefon läutet. Kara solle morgen arbeiten. Wer passt auf Kinzi auf? Die Großmutter ist aufs Land gefahren. Kara erwidert, sie könne nicht wegen Kinzi. Kündigung fernmündlich. Kara dreht ab. Um Kinzi und Kara kümmert sich kein Mensch, kein Staat mehr! Verscholzt ist das Land, verfrunzt auch. Gute Nacht Wien!