Fleischer aus Leidenschaft
Fleischer aus Leidenschaft
Manchmal laufen die Geschäfte nicht so wie er sich es wünscht. Die konjunkturelle Lage machte ihn doch arg zu schaffen. Hinzu kam, dass seine Frau einen Beinbruch erlitten hatte, und ihm daher wohl in den kommenden Wochen nicht zur Seite stehen würde.
Er war schon immer Fleischer. Schon als Kind, als alle anderen Piloten, Soldaten oder Fussballspieler werden wollten, war für ihn klar, dass für ihn nur der Fleischerberuf in Frage kommt. So ist es dann ja auch gekommen. Er ging in der neunten Klasse ab. Die Schule war ohnehin nie wirklich seine Sache gewesen. Er nahm Dutzende schlechtbezahlte Nebenjobs an, und lebte von der Hand in den Mund. Seine Eltern hatte ihn ausgestoßen. Sie meinten, dass es Jemand ohne Hochschulabschluss nicht das Recht hatte ihrer Familie anzugehören. Nein, Ben Schneider hatte es wirklich nie einfach gehabt.
Nervös schaute er auf die Uhr. Die in Lichtgeschwindigkeit tickende Uhr schien sich unaufhaltbar Richtung 19:00, Richtung Freierabend, zu bewegen. Ben wischte sich den Schweiss von der Stirn. Er guckte herunter auf sein Fleisch. Wehmütig erinnert er sich an bessere Zeiten. Zeiten in denen um 18:40 seine Kunden wegschicken musste, da kein Fleisch mehr vorhanden war. Zeiten in denen er sich sein Haus baute und sich einen teuren Sportwagen zulegte. Zeiten in denen er aufwachte, und wusste, dass es ein schöner Tag werden würde. Er wusste was das Geheimniss dieser Zeit war. Er wusste es, auch seine Frau wusste es. Obwohl sie es zu verdrängen versuchten, wussten sie es doch beide.
19:00. Ben S. schaut auf die andere Strassenseite. Er sieht wie der Fleischer auf der anderen Straßenseite seine Türen schließt. Er hat sicherlich wieder tolle Kasse gemacht, denkt sich Ben. Unterbewusst, ballt er seine Hände zu Fäusten zusammen. Sein alter Klasenkammerad Eike F., hatte vor 5 Jahren (als Ben auf der Spitze seines Erfolgs schwebte) den Schuhladen gegenüber aufgekauft, und aus ihm ein Fleischer gemacht. Er investierte Tausende von Euro in seine neune Erwerbung. Überall hing er Werbeposter auf, in allen Zeitungen warb er mit seinem Slogan "fleisch,fleischer, Fesefleisch". Und so nannter er dann auch sein Geschäft: "Fesefleisch". Ben schaute Eike noch kurz nach als dieser zu der nahe gelegen Straßenbahnhaltestelle ging. Er weiss, dass es so nicht weitergehen kann.
Nachdem Ben sein Geschäft geschlossen hatte, macht er sich auf den Weg nach Hause. Er überlegt ob er sich vorher möglicherweise noch im Nöller das ein oder andere Bier gönne soll, entscheidet sich dann aber doch dagegen. Während er auf die Straßenbahn wartet, sieht er auf der anderen Seite Eike. Er hatte seine Straßenbahn wohl verpasst. Ben konnte sich ein kurzes Grinzen nicht verkneifen. Er beschloß, dass es wohl das beste wäre, wenn er mit Eike ein Paar Wörter wechseln würde. Möglicherweise könnten sie sich beide irgendwie einigen. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit hatten sie nicht mehr miteinander geredet. "Hallo", Bens stimme klang verunsichert. Er wusste wieviel für ihn von diesem Gespräch abhing.
"Guten Abend" Eike schien leicht genervt zu sein. Ob dass an der Person Bens lag, oder daran, dass er seinen Bus verpasst hat, vermochte Ben nicht zu sagen. Ben schaute Eike ins Gesicht. Der schien ihn nicht zu erkennen. Bens Wut wuchs weiter an. Dieser Mistkerl wusste nicht einmal wen er seit Jahren dem Konkurs nahe brachte. Ben wusste, dass er würde handeln müssen.
"Entschludigen Sie, kennen wir uns nicht irgendwoher?"
Eike sah ihn lange an. Dann räusperte er sich. "Nein das denke ich nicht." Er überlegte kurz. "Nein, ich glaube wirklich nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Aber sie kennen sicherlich mein Gesicht von den vielen Flyern. Ich habe hier in unserer geliebten Stadt, das beste Fleisgeschäft. Es heißt Fesefleisch. Ich denke daher könnten sie mich kennen."
"Sicherlich, das wird es sein". Ben musste sich beherschen. Er musste zu genau wozu er in wütendem Zustand in der Lage war. Er hätte nicht erwartet, dass Eike ihn nicht erkennt. Gut sie haben während ihrer Schulzeit nicht viel miteinander zu tun gehabt, aber dass er ihn gar nicht erkenne würde, damit hatte Ben nicht gerechnet. Er wollte das Gespräch in Gang halten. "Und wie läuft das Geschäft derzeit so? Sie müssen wissen, dass ich ein großer Anhänger ihres Fleisches bin. Ich denke es ist das bester hier in unserer Gegend."
Eike lachte ein wenig. "Ja wissen sie, es ist schon komisch. Alle beklagen sich über mangelnde Umsätze. Ich muss sagen das sich an meine Umsätzen in den letzten 3 Jahren wirklich überhaupt nichts verändert hat. Sie sind auf gleichbleibenden hohen Niveau. Dies liegt wohl auch an der mangelnden Kompetenz der Konkurrenz".
Ben wusst, dass es jetzt kein zurück mehr gab. "Sagen sie mal, haben sie nicht Lust auf ein kühles Blondes. Ich bezahle."
Eike blickte überrascht, aber war nicht abgetan. "Gern. Ich bezweifle stark, dass der Bus überhaupt noch kommt".
Suzi Schneider schaute erneut auf die Uhr. Eigentlich hätte ihr Mann schon längst zu haus sein sollen. Sie hoffte, dass er sich nicht wieder betrank. Sie waren gemeinsam bei den anonymen Alkoholikern, aber er hatte es doch immer wieder getan.Sie hörte ihn noch, bevor er klopfte. Sie kam ihm zuvor und öffnete die Tür. Dort stand er mit einem großen Koffer in der Hand, und einen wirren Lächeln im Gesicht.
Instinktiv wich Suzi zurück. Ihr Mann betrat die Wohnung und stellte den Koffer auf dem Tisch ab. Seine folgenden Worte sollten ihr für immer ins Gedächniss gebrannt bleiben.
"Suzi, weisst du noch was vor 6 Jahren die Kunden scharrenweise in unser Geschäft trieb? Wir kehren zu dieser Zeit zurück, und über die Konkurrenz von Gegenüber brauchen wir uns nun auch keine Sorgen mehr zu macht."
Suzis weit aufgerissenen Augen wanderten von dem lächelnden Gesicht ihres Mannes, herunter zu dem Koffer auf dem Tisch. Die Blutpfütze, die sich auf dem Tisch gebildet hat, war unübersehbar.
Aachen 28.6.2003