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Fleisch
drei
Mitten in der Nacht schreckte Vincent aus einem beklemmenden Alptraum hoch. Noch bevor er seine Augen geöffnet hatte, wußte er, daß es wieder soweit war.
Die Nachttischlampe tauchte den Raum in ein sanftes Licht. Bonnie hatte sich im Bett aufgesetzt und starrte ihn mit fiebrig glänzenden Augen an. Schmerz, Angst und grenzenlose Gier in ihrem Blick jagten ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
"Ich brauche es," flüsterte sie tonlos.
"Ich weiß," antwortete er und nahm ihre kleine eisige Hand in seine. Etwas Bedrohliches flackerte in ihrem Blick auf, als sie seine Hand betrachtete, an der Ring- und kleiner Finger fehlten, und ihre Finger verkrampften sich. Vincent entwand sich ihrem Griff und schluckte schwer.
"Ich gehe sofort", sagte er. Bonnie nickte kaum merklich und Tränen stiegen ihr in die Augen.
"Beeil dich!"
Sechs, dachte Vincent, als er eine dunkle Gasse durchquerte. Sechs...
Als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm, sträubten sich ihm die Nackenhaare und die drei Finger seiner rechten Hand schlossen sich unwillkürlich um das Springmesser in seiner Manteltasche. Er sah die Augen eines dicken Straßenkaters mit zerfledderten Ohren aufleuchten, der zwischen den überfüllten Mülltonnen umherstrich. Raubtieraugen, dachte er.
Die Luft war kühl und feucht. Fröstelnd grub er die Hände tiefer in die Taschen und zog die Schultern hoch. Die Plastiktüte raschelte leise. Plötzlich sah er in etwa zwanzig Metern Entfernung, dort, wo die Gasse in eine schwach beleuchtete Straße mündete, einen Mann vorbeigehen. Sein Magen verkrampfte sich und sein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es begann, schneller zu pumpen. Er rannte bis zum Ende der Gasse und spähte um die Ecke. Der Mann war klein und dick, ging langsam, mit gesenktem Kopf. Vincent folgte ihm die schmale, schlecht beleuchtete Straße entlang. Allmählich schloß er näher zu ihm auf, bis er nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war. Als der Mann in eine dunkle Gasse einbog, ergriff Vincent die Gelegenheit beim Schopf. Er stürzte sich auf den Mann, hielt ihm mit der unversehrten linken Hand von hinten den Mund zu und stieß ihm die Klinge des Springmessers in die Kehle. Der Fremde bäumte sich auf und schlug mit den Armen um sich, doch es machte keinen Unterschied mehr. Vincent war fast einen Kopf größer als er und gut trainiert. Er stieß noch zweimal zu und bevor der andere begriffen hatte, was geschehen war, fiel sein Körper schlaff zu Boden.
Das Blut glänzte schwarz in der Dunkelheit der einsamen Gasse.
Vincent keuchte und starrte auf seine blutverschmierten, zitternden Hände. Adrenalin jagte durch seine Adern und Übelkeit stieg dumpf in ihm hoch. Er atmete ein paarmal tief durch, ging in die Hocke und begann mit der Arbeit.
Als Vincent die Wohnungstüre aufschloß, hörte er Bonnie leise wimmern. Es schnitt ihm tief ins Herz.
"Ich bin da!" rief er. "Gleich, Bonnie, gleich bin ich bei dir!"
Schnell ging er ins Badezimmer und hängte die Plastiktüte an den Türgriff. Den blutverschmierten Mantel und die Schuhe zog er aus und warf sie in die Badewanne. Er steckte den Stöpsel in den Abfluß und ließ kaltes Wasser einlaufen. Dann wusch er sich die Hände. Er nahm die Tüte, ging in die Küche und wusch das Fleisch im Spülbecken, tupfte es mit Küchentüchern trocken und schnitt es in kleine Stücke. Vincent legte es in eine große Schüssel und ging ins Wohnzimmer.
Bonnie hatte sich neben dem Sofa auf den Boden gekauert und weinte leise. Sie zitterte am ganzen Leib. Vincent stellte die Schüssel auf den Tisch und kniete sich neben seine Frau. Tränen liefen ihm über das Gesicht, als er sie in die Arme nahm. Er hob sie auf und setzte sie auf das Sofa. Sie griff nach seinem Arm und versuchte, hineinzubeißen. Doch sie war schon zu sehr geschwächt und es fiel ihm leicht, sich ihrem Griff zu entwinden. Er nahm ein Stück Fleisch aus der Schüssel und hielt es ihr hin. Wie ein halbverhungertes Raubtier riß sie es aus seiner Hand und stopfte es sich in den Mund. Vincent streichelte ihren Rücken, doch sie nahm ihn nicht einmal wahr. Wie besessen schlang sie einen Fleischbrocken nach dem anderen hinunter, stöhnte... kaute... schluckte. Langsam legte sich das Zittern und Bonnie wurde ruhiger. Sie aß weiter, aber bedächtiger, lustvoller. Als sie fertig war, lehnte sie sich zurück und schmiegte sich in Vincents Arme. Leise begann sie zu weinen.
zwei
Das erste Mal war furchtbar gewesen. Stundenlang war er ziellos durch die nächtliche Stadt geirrt. Er hatte sich nicht überwinden können, einen der wenigen Einsamen auszuwählen, denen er begegnete. Als der Morgen bereits dämmerte, erwürgte er einen Obdachlosen im Stadtpark, der erbärmlich stank und so betrunken war, daß er sich kaum wehrte. Keuchend und voller Angst schleppte Vincent den Leichnam nach Hause.
Als er ankam, lag Bonnie am Boden und wurde von Krämpfen geschüttelt. Ihre Augen waren so verdreht, daß er nur noch das Weiße sehen konnte. Speichel tropfte aus ihrem Mundwinkel. Er schnitt ein Stück Fleisch vom Unterarm des Toten und steckte es ihr in den Mund, doch Bonnie hatte inzwischen das Bewußtsein verloren. Das Blut des Obdachlosen war schon zu kalt, also schnitt er sich in die Hand und flößte seiner Frau etwas von seinem Blut ein. Als sie zu sich kam, biß sie ihm heftig in den Handballen. Nur mit Mühe konnte er sie davon abbringen und beeilte sich, den angeschnittenen Unterarm in kleine Stücke zu zerteilen, mit denen er sie fütterte, bis sie wieder etwas zu Kräften kam.
Vincent zerlegte den Rest der Leiche und fror das Fleisch ein, doch als als Bonnie bei ihrem nächsten Anfall ein Stück von dem Aufgetauten aß, erbrach sie sich und bekam heftige Krämpfe. In dieser Nacht verlor er seinen ersten Finger. Von da an nahm Vincent nur noch so viel Fleisch mit nach Hause, wie sie auf einmal essen konnte.
vier
Das Gel fühlte sich unangenehm an. Naß und kalt. Bonnie ballte die Hände zu Fäusten und starrte mit unbewegter Miene an die Decke, während die Ärztin den Schallkopf des Ultraschallgerätes auf ihrem Bauch umhergleiten ließ. Vincent saß neben Bonnie auf einem unbequemen Metallstuhl, kaute an seinen Fingernägeln und beobachtete das grobkörnige graue Bild auf dem Monitor. Die Gynäkologin schien die Anspannung im Raum überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie lächelte, während sie auf den Bildschirm blickte.
"Das ist aber ein munteres Kerlchen", sagte sie fröhlich. "Sie dürfen sich auf einen lebhaften kleinen Jungen freuen."
Für ein paar Sekunden war es völlig still im Raum, dann überwältigte die Erleichterung Bonnie und sie fing laut an zu schluchzen. Vincent saß da wie versteinert. Tränen liefen ihm über die Wangen. Die Ärztin wirkte etwas irritiert angesichts dieses unerwarteten Gefühlsausbruches und starrte die beiden für einen Moment fassungslos an. Vincent und Bonnie fielen sich in die Arme und weinten vor Erleichterung, ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.
Bonnie kniete vor dem Sofa und hatte das Gesicht auf ihre Unterarme gelegt. Das hier war viel schmerzhafter, als ihre Anfälle es je gewesen waren. Die Wehen überrollten sie und rissen sie mit sich fort. Sie trieb in einem scheinbar endlosen Meer aus Schmerz, nur in den kurzen Wehenpausen konnte sie auftauchen, um Luft zu holen. Die Hebamme überprüfte in regelmäßigen Abständen die Herztöne des Babys mit ihrem Dopton, ansonsten hielt sie sich bewußt zurück und griff nicht weiter in den Geburtsvorgang ein. Sie vertraute auf Bonnies angeborene Fähigkeit, dieses Kind zur Welt zu bringen. Zielstrebig bahnte sich das kleine Wesen den Weg aus Bonnies Körper und diese half ihm mit all ihrer Kraft. Sie wimmerte, stöhnte, schrie, stieß Vincent zur Seite, als sie das Bedürfnis verspürte, in Ruhe gelassen zu werden und gab sich ganz den Kräften hin, die brüllend in ihrem Körper wüteten.
Stunden später lag das Kind schließlich zwischen ihren Beinen. Die Hebamme half Bonnie, es in den Arm zu nehmen und schlug eine weiche Decke um die beiden. Bonnie lehnte sich an ihren Mann, der hinter ihr saß und beide beobachteten fasziniert, wie das winzige Menschlein den Mund aufsperrte, das Gesicht verzog und schließlich die Augen öffnete. Der Blick, mit dem es seine Mutter ansah, war klar und weise wie der eines unendlich alten Wesens und Bonnie durchfuhr es wie ein Blitzschlag: Du bist wie ich.
"Ein Mädchen", flüsterte sie tonlos.
fünf
Lucy begann schon früh, ihren Eltern Fragen zu stellen. Die wenigen Antworten, die sie bekam, befriedigten sie nicht. Bald gab sie es auf und zog sich immer mehr von ihnen zurück. Langsam begann sie zu begreifen, was in ihrer Familie vor sich ging, doch die unmenschliche Gier und die Schmerzen waren stärker als ihr kleiner Wille. Gehorsam aß sie, was ihre Eltern ihr gaben, ohne wirklich zu verstehen, aß, um den Qualen zu entgehen. Bonnie tat, was ihre Mutter getan hatte. Und deren Mutter. Keiner wußte, wann es angefangen hatte und wie es zu dieser perversen Tradition gekommen war, die nun schon seit Generationen von den Müttern an ihre Töchter weitergegeben wurde. Keine von ihnen bekam mehr Kinder, nachdem sie einmal eine Tochter geboren hatte. Bereits im Mutterleib begannen sie, zu zerstören.
Lucy war fünf, als sie sich zum ersten Mal weigerte, das Fleisch zu essen, das ihre Eltern ihr vorsetzten. Als sie schließlich das Bewußtsein verloren hatte, flößte Bonnie ihr etwas von ihrem Blut ein. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, stürzte sich das Mädchen wie im Rausch auf das Fleisch und schlang es gierig in sich hinein. Mit einem Mal wurde ihr bewußt, was vor sich ging. Sie stürzte sich schreiend auf ihre Mutter und schlug wie besessen mit ihren blutverschmierten kleinen Fäusten auf sie ein. Bonnie packte sie bei den Handgelenken und drückte sie fest an sich. Während sie Lucy im Arm hielt, flüsterte sie schluchzend: "Du wärst gestorben...Ich konnte dich doch nicht einfach sterben lassen..."
Lucy redete vier Tage lang nicht mit ihr.
sechs
"Ich war vierzehn, als Mutter starb. Ich fand sie tot in der Küche. Sie schmeckte widerlich. Als ich auf sie herabsah, wie sie da vor mir auf dem Fußboden lag, fühlte ich nichts als Verachtung für sie. Und in diesem Moment wußte ich mit jeder Faser meines Seins, daß ich alles tun würde, um nie so zu werden, wie sie. Schwach, hilflos und abhängig.
Am nächsten Tag war Vater weg. Seine Sachen waren noch da, nicht einmal das Auto hatte er mitgenommen. Seither habe ich ihn nicht wieder gesehen.
Mein Entschluß fiel schnell. Ich sperrte mich auf dem Dachboden ein und warf den Schlüssel aus dem Fenster. Es begann mit Visionen von Tod und Blut, dann kam die Kälte, die direkt aus meinen Knochen zu strömen schien und alles durchdrang. Ich zitterte am ganzen Leib, meine Zähne klapperten unkontrollierbar. Die Schmerzen begannen in den Händen und Füßen, breiteten sich über den ganzen Körper aus und explodierten in meinem Kopf. Während eines Krampfes biß ich mir die Zungenspitze ab. Nachdem ich mehr gelitten hatte, als ich es jemals für möglich hielt, wurde alles schwarz. Ich begrüßte den Tod. Doch ich hatte mich geirrt. Sie alle haben sich geirrt.
Ich lebe. Und ich habe seit fünf Jahren kein Fleisch gegessen."
eins
Als Paula die Kellertüre öffnete, wurde das Fleisch unruhig. Betäubender Gestank schlug ihr entgegen, eine Mischung aus Angstschweiß, Exkrementen und Verwesung. Sie hörte leises Keuchen, Stöhnen und tonloses Winseln. Die Geräusche wurden heftiger, je weiter sie die Kellertreppe hinabstieg. Im trüben Licht der Glühbirne, die nackt von der Decke hing, sah sie die panisch aufgerissenen Augen, den zu einem stummen Schrei verzerrten Mund. Keinerlei Gefühlsregung war auf ihrem Gesicht zu erkennen, als sie an den Tisch trat und dem Fleisch, das darauf gefesselt lag, eine Spritze in den Oberschenkel stach. Es zitterte am ganzen Leib, verdrehte die Augen, keuchte und röchelte. Wenn es eine Zunge und intakte Stimmbänder gehabt hätte, hätte es geschrien und gebettelt. Doch so blieb ihm nichts, als stumm flehende Blicke voller Entsetzen an seine Peinigerin zu richten, die diese sowieso nicht wahrnahm, und immer wieder das Wort "Nein" mit den Lippen zu formen. Das Ketamin tat schnell seine Wirkung und zwang das Fleisch in tiefe Bewußtlosigkeit. Routiniert amputierte Paula den Stumpf des übrigen Beins.
Dieses Mal war es knapp gewesen. Paula hatte kaum mit der Arbeit angefangen, als sie fühlte, wie sie langsam die Kontrolle verlor. Sie setzte sich an den Küchentisch und biß in das warme Fleisch. Noch während sie kaute, fühlte sie, wie die Energie sie durchströmte, ein erregendes Kribbeln, das in ihren Kiefern begann und sich von dort bis in die Fußspitzen ausbreitete. Langsam bekam sie sich wieder in den Griff. Ein Stück Fleisch von der Größe einer Kinderfaust ließ sie übrig und schnitt es in kleine Stücke. Sie nahm den Teller und ging damit ins Kinderzimmer.
Das Baby lag verkrampft in seiner Wiege. Es hatte seine kleinen Fäuste geballt, die Augen nach oben verdreht und wimmerte leise. Paula setzte sich auf den Stuhl, der neben der Wiege stand, steckte sich ein Fleischstückchen in den Mund und kaute. Dann fütterte sie Bonnie mit der breiigen Masse.