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Flauschiger Dreier
Ihr Mann mochte mich nicht, das wurde mir schnell klar. Er wollte das Bett nur mit ihr teilen, ein verständlicher Wunsch, nur zu verständlich für einen Mittdreißiger, der wusste, dass gemeinsame Stunden in Zukunft kostbar wären. Seine Wünsche waren präzise: Sehnsüchtig sollte sie auf ihn warten. Ohne Buch oder sonst eine Ablenkung. Mit nackten Armen, zumindest das.
Ich wusste mehr über sie, als mir lieb war. Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Kein Wunder, dachte ich; statt sie zu verführen, fing er an, so lange zu quengeln, bis sie sich stritten oder sie nachgab. Meine Rolle als ritterlichen Abstandshelfer nahm sie dankbar an. Und versteckte mich trotzdem am nächsten Morgen unter dem Doppelbett, in der großen Schublade, wo sich die Staubmäuse gute Nacht sagten. Besonders, seitdem sie sich nicht mehr so gut bücken konnte. Einfach so abgeschoben! Das machte mich traurig. Obwohl ich immer für sie da war - auf ärztlichen Rat sozusagen.
Manchmal hatte ich Glück und sie nahm mich mit ins Bett. Er hockte dann meistens noch vorm Fernseher und ich genoss die heimlichen Kuschelmomente mit ihr, obwohl sie mich unter Bergen von Decken versteckte. Hatte sie keine Angst, dass mir das schadete, dass etwas in mir dabei verbog?
Ihr Mann machte sich über mich lustig. Besonders über meine Farben. Dabei war meine Kombination aus Sportlichblau und Sanitätshausgrau auf jeden Fall besser als die komischen Muster auf seinen Bürokrawatten. Ingo, so hieß ihr Mann, brillierte als unsensibler Klotz, der nur mit seiner Karriere beschäftigt war und ständig vergaß, sich morgens die Schuppen vom Anzug zu klopfen.
Für ihn war nur wichtig, vor einem Meeting entspannt zu sein.
„Sei lieb“, sagte er dann und langte nach ihren Schenkeln.
Einmal, es war ausnahmsweise nicht die Fünfminuten-vor dem Büro-Nummer, wälzte Ingo sich so unvermittelt auf sie zu, dass ich nicht schnell genug zur Seite rutschte.
„Nun leg das verdammte Ding weg“, sagte er und schaute Karla, so hieß seine Frau, nicht gerade liebevoll an.
„Das ist kein Ding“, verteidigte sie mich, was mich rührte.
„Und ich möchte keine behinderte Frau“, sagte er. „Vor allem nicht im Bett!“ Ich war empört, als ob meine Anwesenheit aus ihr eine behinderte Frau machte!
Ingo drehte sich um, Karla weinte. Während er bald schnarchte, denn es war schon Abend, saugten ihre Tränen meinen plüschigen Schaumstoff voll. Und ich war froh, dass ich sie trösten konnte.
Manchmal vertrugen sich die beiden und ich sah neidisch zu, wie er zärtlich über den sich wölbenden Bauch strich. Dann schmiedeten sie Pläne, träumten vom Glück zu dritt. Was mich wunderte, verteidigte Ingo sonst immer sein Zweierglück. Gegen einen Dreier hätte ich nichts, aber mich fragte ja niemand. Auch nicht Karla, die jetzt wieder mehr mit Ingo und Nestbau beschäftigt war, als was sie ihr emsiges Tun gegenüber ihrer Freundin bezeichnete. Karlas Pärchenglück zeigte sich besonders in ausgedehnten Shoppingtouren, bei denen ich nicht mitmachen durfte.
Zum Glück wurden diese Momente im Laufe der Monate seltener. Ingo wollte, dass Karla zuhause blieb. Aber Karla liebte ihr Büro mindestens genauso wie Ingo seins. Je schwerfälliger Karla wurde, desto lieber schien sie mich zu haben und ich blühte in meiner Rolle des Freund und Helfers auf.
Leider freute ich mich zu früh. Aus dem Schrank, meinem neuen Versteck, in das Karla mich einquartiert hatte, nach Ingos gemeinem Anschlag an einem Samstagnachmittag, hörte ich sie durch das Holz hindurch laut streiten.
„Ich verlange gar nichts Großartiges“, sagte Ingo, „aber jeder Mann wünscht sich abends etwas Nettes im Bett.“
„Dann such dir doch was Nettes“, hörte ich Karla sagen.
„Da kannst du dich drauf verlassen!“ sagte er mit wütendem Unterton. „Du glaubst doch nicht, dass Susan sich so gehen lassen würde.“
„Was hat Susan damit zu tun?“, fragte Karla überrascht. Susan war ihre beste Freundin und von Mädelsabenden wusste ich, was für aufregende Dessous sich unter Susans eher schlichten Pullovern verbargen.
„Susan würde sich nie mit so einem häßlichen Ding abgeben!“, sagte Ingo. „Zumindest nicht im Bett!“
Ich hatte schon geahnt, dass es wieder um mich gehen würde. Und ich wusste, dass Ingo sich diesmal endgültig durchsetzen würde. Ein zweites Mal würde mich Karla nicht retten können.
Monate vergingen, es wurde draußen schon kalt, Schnee fiel, in großen Flocken und die Leute liefen mit Handschuhen herum, was mich freute und hoffen ließ, dass Karla sich mit mir bald in der Öffentlichkeit sehen ließ. Der Winter war meine Lieblingsjahreszeit, dann war ich so wärmend wie Mütze und Schal und vor allem so unauffällig wie ein Handschuh.
Es ging auf Weihnachten zu und Karla packte einen Koffer. Vor allem Kosmetika, Nachthemden und einen Bademantel stopfte sie hinein. Eine Ferienreise! Und ich war überglücklich, dass sie mich mitnehmen wollte! Mich und nicht Ingo! Voller Vorfreude malte ich mir aus, wo es hingehen sollte.
Weitere Wochen vergingen. Wochen, in denen er plötzlich netter war. Viel netter. So, als ob, er etwas erwartete, ein Paket oder ein großes Geschenk. Und sie freute sich dann. Ich hörte sie plaudern und lachen. Was mich störte, änderte es doch alle Pläne. Womöglich musste ich zu Hause bleiben. Und Ingo kam mit! In die Ferien, deren verheißungsvolles Ziel ich immer noch nicht kannte.
An einem Sonntagmorgen ging es los. Nicht mit Ingos Auto, sondern mit einem Taxi! Und nicht in den Urlaub, sondern ins nächste Krankenhaus. Dabei hatte ich mich so auf den Urlaub gefreut! Karla schien es nichts auszumachen. Ingo auch nicht. Dabei hatte er doch sonst immer an allem etwas auszusetzen! Nichts konnte ihm ruhig genug sein.
Und ich war deshalb sehr schadenfroh, als die beiden wenige Tage später mit einem schreienden Bündel nach Hause kamen.
Das Baby mochte mich und lächelte mich an. Dabei meinte Ingo, dass Babys noch gar nicht lächeln könnten. Zumindest nicht absichtlich. Vielleicht war er nur eifersüchtig. Jedenfalls streckte dieses wonnige Etwas seine pummeligen Händchen nach mir aus und winzige Fingerchen vergruben sich in mir.
Auch sonst hatten wir neue Gemeinsamkeiten. Karla wusch mich zusammen mit den Babysachen, was Ingo gar nicht gefiel.
„Du sollst dich nicht so überanstrengen“, sagte er im Türrahmen stehend, während er Karla beobachtete, wie sie sich über das Waschbecken beugte. „Und hast du dich wegen der OP entschieden?“ Seine Stimme hatte einen harten Ton angenommen.
„Ich will nicht schon wieder ins Krankenhaus“, sagte sie.
Stattdessen konnte ich sie, wie schon so häufig in ihrer Kugelzeit, zum Arzt begleiten.
„Ich sehe, Sie haben Ihre Orthese dabei“, lobte der Neurologe, ein entspannter Mittsechziger, der sich schon auf seine Rente freute. „Das nenne ich vorbildlich. Aber tragen Sie sie auch nachts?“
Ich war gespannt, was Karla antwortete.
Am liebsten würde ich sie verpetzen.
Und von den Schubladen- und Schrankaufenthalten erzählen.
„ Wissen Sie, mein Mann mag sie nicht besonders“, sagte sie ausweichend. Ein bisschen schien sie sich zu schämen. Was ich richtig fand. Karla verhielt sich stolz wie jede Neumutti, schien aber jeden sonstigen Stolz vergessen zu haben, vor allem auf ihr Diplom, das sie Ingo voraushatte.
„Und Ihr Mann scheint Sie nicht besonders zu mögen“, sagte der Doktor, nicht mehr um ärztliche Diplomatie bemüht, umso weniger angesichts der tollen Dinge, die ihn bald erwarteten.
Karla schwieg.
„Bei konsequentem Tragen Ihrer Orthese können Sie Glück haben. Vielleicht hören Ihre Schmerzen bald auf.“ Und ich lächelte stolz, was aber keiner bemerkte.
Nervenleitungsgeschwindigkeitstest. Ich sah, dass Karla dabei Schmerzen hatte, aber sie verzog nicht mehr das Gesicht als Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte und wieder einmal von diesem unsäglichen Kribbeln geweckt wurde. Als liefen tausend Ameisen unter ihrer Haut, sagte sie dann jedes Mal zu Ingo. Und Ingo antwortete, er wäre es leid, schon zum tausendsten Mal das Gleiche zu hören.
„Ich muss morgen raus“, grunzte er dann vorwurfsvoll, „du kannst dich ausschlafen.“ Und schwups war er eingeschlafen, während sie wohl darüber nachdachte, was sie eher wach hielt, das Baby oder die Schmerzen im Arm. Nein, sie würde keine Operation machen lassen, hatte Karla zu Ingo beim Abendbrot gesagt. Häufig ginge das Karpaltunnelsyndrom nach der Geburt wieder zurück. Ingo war verständnislos wie immer gewesen, vielleicht auch nur ungeduldig. Immerhin lag die Geburt schon fünf Wochen zurück. Ich aber freute mich, das Bett mit Karla und dem Baby allein zu haben. Denn Ingo war im Wohnzimmer auf die Couch gezogen und ich durfte ganz eng um Karlas Arm liegen, weich und anschmiegsam.