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Feige Beute
Lustlos schlendern Sven und seine Kollegen über den Rasenplatz vor der Schule. Sven schleudert seine Tasche hin und her. Das heute geprüfte Thema war genau nach seinem Geschmack. Er ist rundum zufrieden mit dem Tag.
"So ein Mist, diese Prüfung habe ich verbockt", lässt Tom Dampf ab.
"Ach, komm schon Alter", boxt ihn Sven an, "so mies kann es nicht gelaufen sein."
"Doch ist es."
Freundschaftlich legt er ihm den Arm auf die Schulter, "take it easy."
"Nimm deine Pfoten weg!"
Sven zieht seinen Arm zurück. "Das Thema war doch einfach. Da kannst du nicht abgeschifft sein."
"Lass mich in Frieden mit deinen blöden Kommentaren."
"Sei nicht so empfindlich, dass du nicht vorbereitet warst, ist dein Problem und nicht meins."
"Ja, ja, schon gut", faucht Tom verärgert. "Mit deinen Noten wäre ich auch locker drauf."
"Das sagst du immer. Du musst halt mal was dagegen tun, Junge! Von nix kommt nix!"
"Schnauze!"
"Hey, ihr seid vielleicht mies drauf; vergesst die Prüfung!", mischt sich Ben ein.
"Dann tu was dagegen und hol uns Bier!"
"Ja genau, Bier trinken hebt die Stimmung!"
Ben zögert, denn er ist der einzige, der alt genug ist um Bier zu kaufen. "Irgendwann kriege ich Ärger wegen euch, das ist euch schon klar, oder?"
"Wen juckts? Willst du nun Frieden oder nicht?"
Im Laden an der Ecke deckt er sich mit Bier ein. Ein paar Meter weiter warten seine Kollegen auf ihn.
"Und jetzt?", will Ben wissen.
"Abhängen, was sonst?", antwortet Tom und schaut Sven nach, der sich zwei Bier geschnappt hat und in Richtung Unterführung läuft. Wortlos trotten ihm die anderen hinterher.
"Kommt, wir hocken dort auf die Treppe", schlägt Sven vor und hüpft ein paar Tritte weiter hinunter. Er wirft seine Planentasche hin und setzt sich daneben.
"Worauf wartet ihr? Braucht ihr ne Einladung?"
"Ja, ja, wir kommen ja schon."
Zwischen Schulmappen, Jacken und Alubüchsen prosten sie sich zu.
"Auf diese Scheissprüfung."
"Genau, auf diese Scheissprüfung."
Für eine Weile hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach.
"Hey, schaut mal!", lachend zeigt Sven auf eine gekrümmte Gestalt. "Schaut mal den alten Knacker dort. Der kann sich ja kaum auf den Beinen halten."
Die Freunde beobachten den Mann, wie er sich langsam vorwärts kämpft. Sie spotten und klopfen Sprüche. Auf einmal steht Tom auf und imitiert den ungeschickten Gang des Alten. Sie lachen laut heraus und prosten sich zu.
"Auf den Alten."
Lautstark äfft Tom das schmerzvolle Stöhnen des Mannes nach. Die Teenager können ihren Lachanfall kaum mehr stoppen. Irgendwo bellt ein Hund, als würde er mitlachen.
Unbeeindruckt vom Gespött zieht sich der Greis am Geländer Stufe für Stufe die Treppe hinauf. An seinem Arm baumelt eine kleine Einkaufstasche. Diese Arthritis macht mir das Leben auch nicht einfacher, denkt er, und krallt sich für den nächsten Schritt an den Handlauf.
Plötzlich strauchelt er. Er findet keinen Halt und stürzt. Seine Papiertasche reisst. Orangen, Äpfel, alle seine Einkäufe rollen die Stufen hinunter. Nur ein Päckchen Zigaretten bleibt in der Nähe liegen. Umständlich kämpft sich der Mann wieder auf die Füsse. Vorsichtig macht er ein paar wacklige Schritte. Er streckt seinen schmerzenden Körper nach dem Päckchen Zigaretten. Mit den Fingerspitzen kann er das Plastik berührt. Nur noch ein winziger Zentimeter denkt er. Dann schnappt es ihm jemand weg. Enttäuscht lässt sich der Alte auf eine Stufe plumpsen und bleibt betrübt sitzen. Traurig schaut er, dem braun-schwarzen Hund zu, der die Orange anbellt. "Die tut dir nichts", sagt der Mann leise mehr zu sich selbst.
Die Freunde brechen in Gelächter aus. Sie lachen sich krumm und schief. Als sie sich wieder etwas erholt haben, zieht Sven ein Päckchen Zigaretten aus seiner Jackentasche und sagt: "Die kriegt er auch nicht mehr! Wer will eine?"
Blitzschnell, wie aus dem Nichts schiesst ein tätowierter Arm durch die Luft. Der Schäferhund springt spielerisch dazu. Eine Hand mit schwarz lackierten Fingernägeln entreisst Sven jäh die Beute.
"Was soll das? Gib mir sofort meine Zigaretten zurück!", entrüstet sich Sven.
"Fick dich!", ruft ihm die junge Frau mit den borstigen rosa Haaren zu. Sie streckt den Hals, sodass die silbernen Zacken an ihrem Lederhalsband gefährlich funkeln. Ihr zotteliger Begleiter springt aufgeregt umher. Sie verzieht ihr Gesicht, fährt mit der Zunge bis zum Nasenring und grinst schadenfreudig. Sprachlos kleben die Jungs an Ort und Stelle. Hämisch lachend winkt sie ihnen mit dem kleinen Päckchen zu und zeigt den Stinkefinger.
Sie dreht sich um und geht auf den alten Mann zu, "sind sie verletzt?"
Verängstigt zuckt er zusammen. Schützend hält er seine Hände vors Gesicht, "bitte…"
"Keine Angst, ich tue ihnen nichts." Vorsichtig hilft sie dem zittrigen Mann auf die Beine, "geht’s?"
"Ja. Danke."
Behutsam setzt sich der Rüde neben den Greis und schaut ihn mit seinen dunklen Augen an. Für einen Moment freut sich der Alte.
Langsam legt sie dem Mann die Zigaretten in die Hand. "Die gehören ihnen."