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Er selbst
Die Lampe flackerte und der Regen schlug gegen die geschlossenen Fenster. Er verschlang die letzten Seiten seines Buchs. Wort für Wort nahm er den Text in sich auf. Vor seinem inneren Auge spielte dich das Geschehen ab. Als er den letzten Satz beendete zerbrach die Illusion, wie ein Stück Glas und sein tristes Zimmer tauchte wieder vor ihm auf. Langsam schleppte er sich zum Regal und legte das Buch zu den anderen. Während er zum Bett trottete knippste er das Licht aus. Der Regen prasselte gegen die Fenster. Er versuchte zu schlafen doch die sommerliche Hitze hinderte ihn daran. Obwohl er schon ohne Oberteil und Decke lag, konnte er keinen Schlaf finden. Das langsame Ticken der Uhr und der prasselnde Regen dröhnte in seinen Ohren. Seit Tagen hat er kaum geschlafen. Er wälzte sich hin und her, doch er fand keine geeignete Position um einzuschlafen. Völlig übermüdet lag er da. Die Uhr schlug zwei. Sein Kopf dröhnte. Er hatte das Gefühl, dass der Raum immer enger wurde, als ob die Wände sich auf ihn zu bewegten. So ging es ihm immer, wenn er nicht schlafen konnte. Ein Jucken breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Er krazte sich. Er tat es wieder. Blut klebte an seinen Fingern. Durch den schwachen Schein der Straßenlaterne vor seinem Fenster sah er es. Er hatte sich schon wieder blutig gekrazt. Langsam stand er auf und schaltete die Lampe wieder an. Sie flimmerte. Mit schleppenden Schritten begab er sich in das Badezimmer und spülte mit eiskaltem Wasser das Blut von seiner Hand. Er sah in den Spiegel.
Voller Verachtung betrachtete er, was er sah. Vor ihm stand etwas, das er hasste. Etwas, das er nicht war. Etwas, das nicht noch mehr wie er sein konnte. Er wollte sich schon oft ändern, doch wusste er, dass das Ergebnis nicht mehr er selbst war. Er würde am liebsten mit jedem auf der Welt tauschen, doch niemals würde er sich geben wollen. Er hasste was er war, doch wollte nichts anderes sein.
In Wahrheit wusste er nicht mal was er war. Er wusste nur das er war.
Er existierte vor sich hin. Ging zur Schule, hatte Freunde, führte ein Leben um das andere neidisch waren. Doch ein Gedanke zerfraß ihn in den letzten Wochen: "Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich ich?" Er fühlte sich in sich selbst völlig fehl am Platz, doch gleichzeitig nirgendwo wohler.
Er lag wieder in seinem Bett. Der Wind heulte draußen. Und lautlos heulte er in sich hinein. Alle anderen schienen so glücklich, so zufrieden. War er der einzige der so von sich selbst zerfressen wurde? Was machte ihn so anders? War er überhaupt so anders? Vielleicht waren ja alle so wie er... Das machte es trotzdem nicht besser. Manchmal wollte er sich einfach die Haut abziehen und schauen was darunter ist. Und trotzdem wollte bleiben wie er ist denn schließlich war er er selbst. Oder war er das? Wenn es so wäre warum war er nicht glücklich? Er wusste nicht was fehlt. Das wusste er nie.
Die Welt zog an ihm vorbei und er kroch hinter her. Er musste. Es ging nicht anders. Er existierte einfach. Ein Tag nach dem anderen, Jahr für Jahr. Letztlich war es nie anders. Früher als Kind hatte er es nie begriffen. Doch mittlerweile sah er die Wahrheit. Nächtelang dachte er schon darüber nach und er fing an zu verstehen. Er war nicht er selbst. Das war er nie. Er war normal. Er war das, was andere wollten was er war. Er konnte nicht er selbst sein solange er normal war. Doch wenn er, er selbst wäre, würde er doch Einsam. Normalität. Norm. Man musste doch der Norm entsprechen... Oder? Wer dem Rudel nicht folgt, der schließt sich aus und stirbt. So ist es doch auch in der Natur.
Sein Blick war starr gegen die Zimmerdecke gerichtet. Es war schon drei Uhr durch. Immer noch war er völlig unruhig. Wer war er? Konnte er diese Frage überhaupt je beantworten? Kann das überhaupt ein Mensch über sich sagen? Man selbst ist doch nur ein Fleischsack. Unsere Umgebung sagt uns wer wir sind. Ihm wurde klar, dass er nie wissen könnte wer er war. Er konnte nur wissen was er wollte. Seine Taten und Handlungen mussten ihn zu dem machen was er war. Er wusste was er wollte. Glücklich sein, sein Leben genießen. Egal was es kostet. Nur so konnte er er selbst sein.
Doch würde sein Umfeld das verstehen? Er liebte seine Familie und auch seine Freunde wollte er nicht verlieren. Wollte er behalten, was er liebgewonnen hatte oder glücklich sein? Um er selbst zu sein musste er der Normalität entkommen. Das würde doch niemand verstehen. Alle würden sich von ihm abwenden. Es gäbe auf der Welt doch keinen Platz für Leute die nicht der Norm entsprechen oder? Letztlich war er mit seinen Gedanken wieder da angelangt wo er begonnen hat. Er wollte nicht sein wie er jetzt ist, doch ändern wollte er sich auch nicht. Wut, Trauer, Hass und Verzweifelung über kam ihn.
Der Regen tobte vor dem Fenster. Eine Träne lief seine Wange hinab.