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Episode im Zug
Episode im Zug
Es war spät am Abend. Ich hatte es mir in einem ansonsten leeren Waggon des Regionalexpress bequem gemacht. Ich lauschte dem eintönigen Rattern der Räder auf den Gleisen, blätterte in einer Zeitschrift und sah hin und wieder in die Nacht hinaus.
Der Zug hielt. Die Türen klappten. Ein junger Mann und eine junge Frau kamen herein. Sie blickten sich um und wählten das Abteil vor mir.
Beide waren ungefähr Mitte Zwanzig. Er war kräftig gebaut, mit einer sportlichen Figur, und trug sein dunkles Haar sehr kurz. Sie war groß und schlank, ihr Gesicht schmal, die Nase stach ein kleines Stück zu weit hervor, ihr Mund war dünnlippig, aber nicht breit. Ihre Haare, blond und in der Mitte gescheitelt, fielen in einer sanften Welle bis fast auf die Schultern hinab. Sie war eine herbe Schönheit.
Der Mann nahm in Fahrtrichtung Platz, mit dem Rücken zu mir. Die Frau zögerte für einen Moment und setzte sich ihm gegenüber.
Sie sprach mit ihm, fragte ihn nach seiner Meinung über dies und das, lächelte, lachte, beugte sich ihm weit entgegen und lächelte und lachte wieder. Aus der Art der Bewegung ihrer Schulter und ihres Oberarms schloss ich, dass sie ihn auch berührte.
Er hingegen blieb kurz in seinen Antworten oder brummte kaum Verständliches. Er saß sehr gerade. Er mied ihren Blick und sah oft zur Seite.
Einmal stand er auf und trat an das Fenster. Sie erhob sich ebenfalls. Sie blieb weniger als einen Schritt von ihm entfernt hinter ihm stehen. Ihre Hand schwebte über seiner Schulter. Jetzt, wo sie sich unbeobachtet glaubte, lächelte sie nicht mehr. Ihre Maske fiel. Sie enthüllte Traurigkeit, Entsagung, Sehnsucht und Schmerz. Sie senkte die Hand, ohne ihn zu berühren, und starrte, groß und schlank, mit hilflos hängenden Armen, an ihm vorbei durch das Fenster in die Dunkelheit.
An einer der nächsten Stationen stiegen sie aus. Ich ließ die Zeitschrift, in der ich vorgegeben hatte, intensiv zu lesen, sinken.
Ich habe die junge Frau nie wieder gesehen. Ich würde sie vermutlich nicht wiedererkennen. Und doch, ihren Gesichtsausdruck, die Facetten ihrer Qual in diesem einen, kurzen Augenblick, habe ich bis heute nicht vergessen können.
(c) by StarScratcher, November 2001