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Einzelgänger
Außenseiter
Der Ball springt über den Zaun auf die Straße. Larth’s Spielkameraden wollen, dass er rüberklettert. Also schnell über den Zaun.
Der Ball rollt auf der Mitte der Fahrbahn hin und her. Larth läuft. Als er den Ball aufhebt sieht er das Auto noch auf ihn zurasen.
Außenseiter
Stundenlang lag Larth nun schon wach. Er hatte schon so lange nicht mehr richtig schlafen können und auch heute war es ihm nicht möglich, sich von den Schattenspielen der Bäume im Mondlicht zu trennen.
Die weiß gestrichene, steril wirkende Zimmerdecke machte ihm schon seit Kindheitstagen angst. Aber nun wogen beruhigend die schwarzen Umrisse der Eichen über seinem Kopf.
Der helle Mond schien durch das große Fenster direkt in sein Gesicht. Er blendete ihn nicht.
Was ihn störte war die Zimmerdecke.
Während Larth mit den Augen den grauen Blätterschatten folgte, versank er in Gedanken. Dort war er wie die anderen Kinder. Er lief mit ihnen über den Schulhof, spielte haschen und kaufte sich jede Pause mit seinen Freunden einen Schokoriegel bei der netten Kioskfrau.
Das war alles was Larth wollte.
In seinen Gedanken wurde er immer von allen gemocht. Larth, der große Gönner, der, der Klassenkameraden vor älteren Schülern beschützt und mit jedem klarkam, von den Lehrern nur gelobt wurde.
Aber all das ist er nicht.
Larth öffnete die Augen. Er starrte auf die weiße Zimmerdecke. Sie trieb ihn langsam in den Wahnsinn. Tränen liefen über seine bleichen Wangen. Sie kitzelten ihn, als sie sich in der Ohrmuschel sammelten. Er genoss jede Träne, die er unbeobachtet vergießen konnte.
Das Schattenspiel brachte ihn zum einschlafen.
Als er aufwachte, starrte er auf die weiße Zimmerdecke. Einzelne Sonnenstrahlen durchfluteten den Raum. Seine Mutter kam ins Zimmer. Sie half ihm beim aufstehen, zog ihn an.
Larth mochte seine Mutter sehr. Sie kümmerte sich immer rührend um ihn. Doch diese Fürsorge erstickte ihn langsam. Seit seinem sechsten Lebensjahr erledigte sie alles für ihn. Sie kannte alles an ihm. Er stahl ihre so wertvolle Zeit.
Irgendwann musste er doch auch lernen, alleine klarzukommen. Er wusste ja, dass sie im Notfall da war.
Larth war nur nachts alleine. Tagsüber schob seine Mutter ihn in den Räumen des Hauses herum, immer dahin, wo was los war. Vor den Nächten fürchtete er sich immer noch. Seit damals im Krankenhaus. Alleine in dem kalten Raum liegen – daran denkt er jede Nacht.
Doch dort hatten ihn vereinzelt Klassenkameraden besucht, im Gegensatz zur heutigen Lage. Er war seit zehn Jahren nicht mehr in seiner Klasse gewesen. Sein Bett war sein zuhause. Fern von jeder Aufregung.
Larth hatte keine Lust mehr. Es war ja sowieso alles sinnlos.
Wie oft dachte Larth, was wohl passiert wäre, wenn er nicht den Ball geholt hätte.
Aber, er war ja immer ein Einzelgänger gewesen. Er wollte es nicht, es kam einfach so. Was hatte er auch sonst für eine Chance, als kleinstes von drei Kindern.
Schulkameraden begannen vom ersten Tag an, ihn zu hänseln. Er ließ es mit sich machen.
Der Unfall passierte eigentlich nur, weil er sich beweisen sollte.
Damals stand er schon lange am Spielfeldrand und schaute Kindern beim Fußball zu. Fragen ob er mitspielen dürfte, hätte sowieso nichts gebracht. Sie hätten ihn ausgelacht, wie schon so oft.
Gerade wurde ein Junge hart gefoult. Er blieb auf dem Schotterplatz liegen, mit aufgeplatzter Lippe und aufgescheuerten Knien. Als er nach seiner Mutter brüllte, lachten ihn die anderen aus und verwiesen ihm vom Spielfeld.
Dann schauten sie sich nach einem anderen Mitspieler um. Und dort stand Larth, verdeckt von ein paar Zweigen.
Er wurde einfach am Ärmel gezerrt, um in der einen Mannschaft auszuhelfen. Doch der Freistoß ging daneben – voll über den Zaun. Wer hätte den besser holen können als Larth? Eine kleine Mutprobe sollte er doch absolvieren, dann könne er auch immer mitspielen.
Larth glaubte ihnen. Er sprang über den hohen Zaun auf die Hauptstraße. Er lief auf die Bahnmitte zu. Ein Motorengeräusch ließ ihn aufblicken. Mit dem Ball in der Hand sah er das Auto auf ihn zurasen. Der Fahrer hatte keine Chance, dem kleinen Jungen auszuweichen.
An mehr erinnerte sich Larth nicht. Er wachte im Krankenhaus auf und starrte auf die weiße Zimmerdecke. Er hatte so furchtbare Angst. Und er konnte seine Beine nicht bewegen.
Zehn Jahre ist dies alles also schon her. Aber er hatte nicht gelernt, mit seiner Behinderung zu leben. Seine Geschwister behandelten ihn wie einen Idioten und seine Mutter opferte all ihre Zeit für ihn. Sie hatte sogar ihr Musikzimmer im Erdgeschoss für ihn geräumt und alle Instrumente nach oben geschleppt.
Heute wollte seine Mutter einkaufen gehen. Larth sagte, er wolle nicht mit.
Zum ersten mal seit langer Zeit verließ sie das Haus alleine.
Er schaute ihr lange nach, wie sie um die weiter entfernte Ecke bog. Der Laden war zu Fuß ungefähr eine halbe Stunde weit weg. Er hatte also, Einkauf und Rückweg mitberechnet, anderthalb Stunden Zeit für sich.
Er rollte zu seinem Schrank und zog sich sein neustes Hemd an. Dann schrieb er auf einen Block auf dem Schreibtisch ein einziges Wort, für seine Mutter bestimmt -
Danke.
Im Nachbarsgarten spielten kleine Kinder. Er rollte aus seinem Zimmer, schaute das letzte mal zurück auf die weiße Zimmerdecke. Als er das Haus verließ, winkte er den Kindern zu. Wohin er wollte, wusste er. Den Weg kannte er. Wie oft war er ihn in Gedanken schon gegangen.
Dort hinten noch links ab, dann war er da. Der Bolzplatz. Er starrte auf die Stelle, an der der Freistoß getreten wurde.
„Nie wieder werde ich Außenseiter sein“, dachte er. Er rollte weiter. Dort war die Hauptstraße.
In Gedanken sah er den Ball dort rollen. Von Windböen hin und her getrieben.
Er rollte auf die Fahrbahn.
Wieder kam ein Auto um die Kurve.