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Einmal ging S. geradeaus...

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23.03.2002
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Einmal ging S. geradeaus...

Einmal ging S. geradeaus…

Einmal ging S. geradeaus, er wollte in die Stadt, die er sonst nicht kannte. Er kam an einem Café vorbei, es war nicht zu teuer, also setzte er sich hin. Ein wenig lesen wollte er, in dem Café, und er bestellte sich also einen Milchkaffee. Der kam schon bald, und S. war überrascht, der Schnelligkeit wegen.
Er begann, sich den Kaffee zu süßen, und las flüchtig dabei ein paar Zeilen seines Buches. Er nahm einen Schluck und entschied sich, etwas zu schreiben, er musste noch etwas schreiben, zwar: es hatte Zeit bis in einer Woche, ihm jedoch war es lieb, es jetzt zu tun.
Er hörte doch dann, kurz bevor er zu schreiben anfangen wollte, das Schreien eines Kindes; ob es vielleicht nur eine Quengelei oder ein Wimmern war, konnte er nicht unterscheiden. Er suchte nach dem Ursprung des Geräusches, er sah eine Frau, an einem Tisch nicht weit entfernt von seinem, einen Kinderwagen neben ihr und eine, wie S. vermutete, Bekannte zu ihrer Linken, mit der sie sich lebhaft unterhielt; des Kindes Schreien oder Quengeln bildete sich zu einem Weinen aus, dann wieder zu einem weinerlichen Schreien, in regelmäßigem Rhythmus wiederkehrend.
S.' Stift war auf dem Blatt platziert, doch rührte sich nicht.
Die Mutter, sie trug ein glatt gebügeltes schneeweißes korrektes Oberteil, einen gewaltigen mit vielen Tüchern geschmückten Hut, der, in eigentümlicher Art und Weise, im kühlen Wind der Gegend, nach allen Seiten wippte und zuweilen abzugleiten drohte.
Dies fiel S. nicht aufgrund desselben auf, sondern wegen des Kindes Schreien, er beobachtete die Mutter daher, er wartete, ob sie nicht etwas unternähme; sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das, mehr mit Zornes- als Lachfalten geschmückt, einen unwirklichen Eindruck bei jedem hinterließ, der es lachen sah, rückte sich den Hut wieder zurecht.
S. betrachtete lange ihr seltsames Lachen; ihn ergriff der Zorn auf das Kind, das immer noch wie am Spieße schrie, ein Zorn mit jedem Schrei größer werdend. Innerlich verfluchte er das Kind, das so schrie und immer weiter schrie, und er empfand Mitleid für die Frau, der das Kind gehörte.
Er betrachtete die Zornesröte unterdrückend immer noch die Mutter, wie sie mit ihrer Bekannten ins Gespräch vertieft war, und ihm tat sie Leid, sie, die sich verbergen musste ihrem Kind, die sie keinen Mut hat, ihrem Kind gegenüberzutreten, und er bewunderte sie doch auch, denn vielleicht, er konnte es ja nicht wissen, war das Kind ungezogen gewesen, und jetzt ließ es die Mutter zur Strafe kaltblütig alleine, um ihm zu zeigen, dass es mit Schreien nicht alles erreiche, er sah in ihr Gesicht und die Kindesschreie schienen es nicht zu berühren, es zog weiterhin die Mundwinkel zum verqueren Lachen nach oben, die Augenbrauen zusammen usf.
S. erbat sich die Rechnung vom Kellner, zahlte, erhob sich dann und steckte einen Finger in die Luft, er spürte den Wind seinen Finger gewaltsam versuchen niederzustrecken. Die Mutter nahm dennoch keine Notiz von ihm, also ging er um seinen Tisch herum, verlor nie den Blick auf die seltsame Frau, ging um das Café herum um sie auf diese Weise von allen Seiten betrachten zu können.
Ihn berührte der penible Versuch in diesen Minuten peinlich, da viele Menschen passierten, und S. wollte es schon aufgeben, als die Mutter sich entschloss, seiner Qual ein Ende zu bereiten, und zu ihm hinsah.
Wähnte man normalerweise, dass sich Blicke träfen, so läge man hier falsch: S. blickte sie an; sie blickte S. nicht an, auch wenn sie es gewollt hätte, sie hätte ihn nicht anblicken können. Das Kind schrie nun nicht mehr unter Tränen, es tränte unter leisem Gewimmer, das, je nach Windlage, zu S. stärker oder schwächer drang. Er nahm jedoch nicht mehr das Gewinsel wahr, es war ihm gleich.
S. hatte schon geahnt, dass sie jedwedes Gebäude hinter ihm ansehen würde, nicht ihn; er sah, dass sich ihre Lippen bewegten, obschon sie nicht mehr auf ihre Bekannte blickte.
S. verspürte ein Verlangen, zu erfahren, was die Mutter sagte, er konnte es jedoch nicht beim besten Willen erhören, da die Schreie des Kindes, auch wenn der Wind abdrehte und sie leiser wurden, immer das Gespräch übertönten. S.' Zorn auf das Kind entflammte wieder, doch er war machtlos. Die Frau blickte S. nicht an, sie blickte und lachte das hintere Gebäude an unter sich bewegenden Lippen, nicht S., niemals hätte sie S. anlachen können, sie wusste von seinem Zorn und von ihrem Zorn und sie ahnte, dass er ihren Zorn ebenso kannte und dass ihr Lachen für ihn lächerlich aussähe, wenn es ihn anfahren würde.
Da erkannte auch S., dass jeder Versuch, einen Blick der Frau zu erhaschen, zwecklos sei, und da S. weder die Lust hatte, zu schreiben, noch zu lesen, in einem anderen Café, steckte er einen Finger in die Luft und ging zu sich nach Hause.
Er schritt in sein Zimmer, sprach dort im Bette noch: ad deis! und schlafend starb er.

 

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