Einfach nur peinlich...
Nach der Pause kam ich zurück ins Klassenzimmer. Meine Klassenkameraden alberten herum und kicherten, doch es war nicht so wie sonst. Ich merkte, dass mich alle ansahen, einige tuschelten und es war offensichtlich, dass das alles mir galt.
Starr vor Schrecken fiel mir sofort mein Tagebuch ein, dass ich, um es vor den Augen meiner ziemlich neugierigen Mutter fernzuhalten, in meiner Schultasche versteckt hielt.
Hatte etwa jemand beobachtet, wie ich das Buch vorhin der Gisela, mit der ich mein Geheimnis teilte, gezeigt hatte?
Gisela hatte sich genau wie ich, unglücklich verliebt, sie in einen viel älteren Lehrer, ich in unseren 15 Jahre älteren Lehrmeister J.S.
Sobald wir beiden Mädchen uns sahen, schwärmten wir von diesen tollen Männern und niemand ahnte etwas davon. Ich galt wohl eher als Streberin. Dass ich nur für ihn so fleißig lernte und dem Unterricht so interessiert folgte, konnte ja keiner ahnen.
Nun war etwas Furchtbares geschehen. Wie ich später erfuhr, hatte Mary mir während meiner Abwesenheit das unverschließbare Tagebuch aus der Schultasche genommen
und den Lehrlingen aus meiner Gruppe daraus vorgelesen.
Das Schlimmste aber war, dass einer der Jungen meine eigentlich so braven Schwärmereien ungehörig fand und das Buch wichtigtuerisch an J.S. abgegeben hatte.
Ich habe wohl damals nicht das Ende der Stunde abgewartet und bin aus der Klasse gestürmt. Der gerade hinzugekommene J.S. erfaßte wohl sofort die Situation und ich hörte noch so halb seine Worte: "Du kommst um 17 Uhr ins Lehrmeisterzimmer, dann unterhalten wir uns darüber."
Wie in Trance muss ich heimgelaufen sein, zum Glück war niemand da. Ich warf mich aufs Sofa und weinte und schluchzte hemmungslos. Der erste Gedanke, der mir wieder kam, war: "Nie wieder gehe ich in diese Klasse, nie wieder getraue ich mich unter seine Augen."
Heute nach vielen Jahren, kann ich über die ganze Sache natürlich nur schmunzeln und freue mich noch heute über die gelassene Reaktion von J.S., die es mir ermöglicht hat, ohne große Probleme weiter in der Klasse zu sein. Die platonische Liebe hatte sein Ende gefunden und das Interesse galt ab nun eher den gleichaltrigen Jungen.