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- 04.09.2003
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Einer wird der letzte sein
„Bitte, tu’ es nicht!“ Sie kniete vor dem Sessel und ihre verquollenen Augen flehten zu ihm hoch.
„Hör’ auf, es hat doch keinen Zweck.“ Er hatte genug von dieser quälenden Diskussion.
„Ich brauche Dich.“, flüsterte sie, viel zu oft hatte sie diese Worte in den vergangenen Wochen geschrieen.
Er lachte bitter. „Wofür? Als Erinnerungsstück? Für Dein persönliches Museum?“ Sanft befreite er seine Beine aus ihrer Umklammerung und stand auf.
„Nie wieder werde ich jemanden wie Dich finden!“
Er ging zum Fenster und sah durch sie hindurch, hinaus in die glitzernde Dunkelheit der Stadt. „Natürlich nicht, ich bin der Letzte. Ein Relikt.“
Er sagte nicht mehr, wie sehr er es hasste, nicht wie die Anderen zu sein. Wie einsam, unendlich einsam er war. Dass er doch sie habe, würde sie antworten, und sie zusammen gehörten. Ihr Spiegelbild erhob sich vom Boden und er schloss die Augen. Das ist nicht das Gleiche, hatte er versucht, zu erklären. Du bist nicht wie ich. Niemand ist wie ich, nicht mehr.
Geschichte.
Seine Art war Geschichte.
Ihr Schicksal war bereits besiegelt gewesen, als sie, noch in ihrer Unbesiegbarkeit schwelgend, sich mit Eifer die Erde untertan machten. Jahrtausende hatten sie die Geschicke der Menschheit bestimmt. Sie waren die Herren über Krieg und Frieden gewesen, hatten das Recht geschaffen und die Urteile gesprochen, im Namen des Fortschritts das Leben erforscht und Tode erfunden. Die Gründe gleich dazu. Nichts und Niemand war ihnen gewachsen gewesen, nicht einmal sie selbst. Sie hatten die Welt gezähmt.
Ihr Atem kitzelte seinen Nacken, als sie sich an ihn drängte. „Schlaf mit mir. Ein letztes Mal.“ Ihre Hände schlichen an seinen Schritt heran und ein kleines feuchtes Tier kroch hinter sein Ohr.
„Lass das.“ Leise und gleichmütig kamen die Worte. Das Tier zuckte fort vor ihrer Endgültigkeit.
Was hätte es für einen Sinn? Er war der Letzte und wollte es bleiben. Anfangs hatten sie es versucht, als ihre Leidenschaft sein Widerstreben noch besiegen konnte. Aber im Laufe der Zeit war ihr Verlangen verzweifelter geworden und sein Widerwille wuchs daran zur Gewissheit, es dem Ungezeugten schuldig zu sein. Wie oft hatte er seinen Vater verflucht! Seine arrogante Überheblichkeit, die ihn zu dieser sinnlosen Existenz in einer Welt verurteilt hatte, die seinesgleichen nicht mehr brauchte.
Sie war an ihm herunter geglitten und stieß ihre Schluchzer in seine Kniekehlen. Sie konnte seinen Entschluss nicht erschüttern, diesmal würde er ihren egoistischen kleinen Schmerz aushalten. Meine Liebe ist groß genug, um dem Hass und Neid der Anderen zu widerstehen und du willst einfach aufgeben, was wir haben, hatte sie ihm vorgeworfen. Was sie hatte: Seine Einzigartigkeit. Schließlich hatte er es verstanden.
Es war still geworden hinter ihm und er drehte sich um. Erschöpft von ihrem aussichtslosem Kampf lag sie in sich zusammen gerollt auf dem Teppich.
„Ich kann nach der Transplantation wieder kommen.“ , sagte er leise und ohne Hoffnung. Sie rührte sich nicht. Ihr leerer Blick in eine Zukunft ohne ihn krampfte sich um seine Eingeweide. Willst du mich dann quälen, hatte sie gefragt, indem du mich ständig erinnerst, was ich verloren habe? Du wirst nicht mehr der Mann sein, den ich liebe.
Er würde sie nicht wieder sehen, das war der Preis der Befreiung von seiner Einsamkeit. Vielleicht hatte sie sogar recht, und er wird es nicht einmal mehr wollen. Nur jetzt tat es weh und machte seine Stimme rau. „Ihr kommt sehr gut ohne uns aus.“
Bei der Suche nach dem Geheimnis des Lebens hatten die Gensequenzierer irgendwann das Menetekel offenbart und es gab kokettes Weltuntergangsgeflüster in den Feuilletons der Sonntagszeitungen. Aber niemand nahm es ernst. Dann ließ die Fruchtbarkeit nach, zu viele Hormone in der Landwirtschaft, hieß es. Den wirklichen Grund hatten sie verdrängt, stattdessen künstliche Methoden gefunden. Eine unwesentliche Verzögerung des Millionen Jahre alten Spielplans. Ihre Rolle war zu Ende und morgen würde er den Schlusssatz sprechen. Wer brauchte noch Männer.