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Einer dieser Tage

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27.04.2003
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Einer dieser Tage

Es ist kühl an diesem herbstlichen Abend. Und grau. Die Dämmerung ist nicht so, wie ich sie mir wünschte. Nicht das Licht schwindet, sondern die Dunkelheit übernimmt nur vollends die Macht. Warum habe ich nicht daran gedacht, festes Schuhwerk anzuziehen, nur für den Fall, daß ich irgend etwas Verrücktes tun würde? Ich steige die Böschung hoch, meine Füße versinken in feuchter Erde und Laub. Ich rutsche immer wieder ab, die dummen Sandalen haben kaum Profil. Ich lache mich selbst aus, als mir bewußt wird, wie sehr ich mich doch über die verdreckten Schuhe und Socken ärgere. Na, wenn das meine einzige Sorge ist! Ich konzentriere mich wieder auf die Kletterei. Meine Hände suchen Halt, greifen auch nach dünnen, zerbrechlich wirkenden Ästchen, die mein Gewicht tatsächlich halten können. Sie sind stärker als ich. Unten liegt mein Fahrrad. Lieblos in die Büsche am Straßenrand geworfen. Wozu gebe ich meinem Rad einen Namen? Glaube ich etwa, daß eine "Lisa" nicht so schnell kaputt geht, wie anonymes Blech? Jedenfalls liegt Lisa nun da, wie nicht mehr gewollt und das wird sie mir nicht verzeihen. Niemand wird das alte Ding stehlen, hoffentlich. Mit meinen alkohol-verworrenen Gedanken bin ich so beschäftigt, daß ich mich wie blind durch die Sträucher kämpfe. Erst als ich einige Schritte ohne Mühe tun kann, merke ich, ich bin oben. Direkt vor mir die Gleise. Ich weiß, ich dürfte nicht hier sein. Wer ist hier eigentlich zuständig, erst mal Sicherheitsleute der Bahn oder sofort die Polizei? In jedem Fall Uniformierte und der Gedanke an sie läßt mich die Zähne fest zusammenbeißen, bis ich merke, wie mein Kiefer verkrampft. Ich habe nicht genug Kontrolle über mich, um die Kontrolle abgeben zu können. Ich hoffe, nicht gesehen zu werden.

Ich stehe im Dunkeln, die Lichter, unter denen ich die wenigen Wartenden ausmache, scheinen weit weg. Dort, im Hellen, ist Normalität. So vieles ist nur Fassade, ich weiß das sehr wohl, aber steht man nur weit genug weg, ist kein Fehler zu entdecken, alles wirkt echt. Ich muß an die einsamen Winterabende denken, an denen ich durch dunkle, kalte Straßen ging, vorbei an hell erleuchteten Fenstern. In viele konnte ich hinein sehen, niemand sah hinaus. Selbst wenn, ich wäre in der Dunkelheit nicht zu sehen gewesen. An manchen Fenstern hing Schmuck, den ich sonst als kitschig bezeichnet hätte, der in solchen Augenblicken aber zu sagen schien: "Hier drin ist es heimelig, hier ist ein Zuhause. Du allerdings bist draußen." Irgendwann fiel mir auf, wie leicht ich bei Anblicken dieser Art in Selbstmitleid versinken konnte. So schwach ist mein Charakter, da kann es nur richtig sein, daß die drinnen sind und ich draußen. Und jetzt stehe ich an diesem Gleis, das vergessen verrottet, wie ich. Doch so zerfressen die Schienen auch aussehen, sie wären sicher noch befahrbar. Starkes Metall. Ich wanke, setze mich auf eine Schiene. Ob es stimmt, daß man einen sich nähernden Zug lange vorher hören und spüren kann? Die Schiene, auf der ich sitze, gibt keinen Laut von sich, sie ist still, wie tot. Ich schließe die Augen, stelle mir vor, die Gleise begännen zu vibrieren. Bliebe ich sitzen? Sähe man mich, käme der Zug rechtzeitig zu Stehen? Und dann, sperrten sie mich dann ein? Ich nehme meinen Rucksack ab, ertaste die Flasche und unternehme etwas gegen den sinkenden Alkoholpegel.

Was mache ich hier eigentlich? Es war nicht geplant hier hin zu fahren, irgendwie war ich mit einem Mal hier. Ich habe nicht vor, mir das Leben zu nehmen. Zugegeben, ich spiele mit dem Gedanken. Jetzt ist es raus, ich wußte es ja selbst noch nicht. Der eine Teil in mir hatte es dem Rest noch nicht mitgeteilt. Mir wird kalt. Schwarzer Himmel, alles ist schwarz, bis auf die Lichter da vorne. Aber da bin ich nicht und was sollte ich da auch?! Die Leute dort warten auf ihren Zug, der sie zu ihrem Ziel bringt. Dort gehören nur Menschen hin, die eine Richtung und ein Ziel haben. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich ein Mensch bin. Nein, hier gehöre ich hin, in die Dunkelheit. Dieses Mal ist es kein Selbstmitleid. Plötzlich muß ich lachen, ich lege mich auf die Bohlen des Gleises und grinse den Himmel an. In der Dunkelheit liegt Freiheit, hier kann ich tun und lassen, was ich will. Niemand sieht es, niemand interessiert sich. Es hat auch Vorteile. Ja, da sind Vorteile. Ich lache in die Schwärze. Wenn da nur wenigstens ein paar Sterne wären, die zurück lachen könnten. Mit einem spöttischen Grinsen wäre ich schon zufrieden. Ich suche den Himmel ab. Nichts. Ich spüre, wie mein Grinsen zu einer Grimasse gefriert, habe Angst, daß ich weinen muß. Meine Hände suchen Halt und greifen schmutzige Steine und kaltes Metall, nichts, woran ich mich festhalten möchte.

Ein leiser Ton vibriert in der Luft, langsam lauter werdend. Ich greife nach den Schienen zu beiden Seiten, liege da wie gekreuzigt. Der Zug wird nicht über mich fahren, er holt nur die Leute da drüben ab. Trotzdem habe ich Angst. Der Ton verändert sich rasch, wird zu einem bedrohlichen Dröhnen. Ohrenbetäubendes Quietschen der Bremsen, dann steht der Zug da. Zu spät frage ich mich, ob man mich sehen kann und liege ganz still, traue mich kaum zu atmen. Der Zug hat sein eigenes Licht mitgebracht, ich habe das Gefühl, auf einem Präsentierteller zu liegen. Wie lächerlich ich so aussehen muß! Schlagartig bin ich mir sicher, daß der Lokführer mich sieht. Genau jetzt spricht er in sein Mikrophon, ruft die Polizei: "... und bringt die Weißkittel mit, die Person im Sicherheitsbereich ist offensichtlich verrückt!" Ich bin erstarrt vor Angst, fürchte mich vor seinem Blick. Ich kann nicht anders, muß zum Fenster der Lok schauen, obwohl ich gleichzeitig glaube, damit den Lokführer erst recht zu beschwören, zu mir zu sehen. Niemand zu erkennen, komme ich noch einmal davon? Ich verkrampfe, meine Hände klammern sich an das Metall, ich schließe die Augen. Bin sicher den Blick zu spüren, warte auf das Heulen von Sirenen. Doch selbst wenn sie schon auf dem Weg wären, der Lärm des wieder anfahrenden Zuges übertönt alles. Er schwillt an, erfaßt meinen ganzen Körper. Entfernt sich. Wird leise. Ist weg. ... Stille.

Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein, als ich endlich meine Augen wieder öffne. Ich schaue auf den leeren Bahnsteig. Allein. Keine Sirenen, jedenfalls noch nicht. Meine Arme und Schultern schmerzen, ich lasse los, reibe meine Hände. Hat er mich gesehen oder war das nur Einbildung? Ich sollte hier weg, sofort. Wie könnte ich es verbergen, daß ich ein Risiko für mich und für andere darstelle, solange ich mich hier aufhalte?! Sie nähmen mich sofort mit und sperrten mich ein. Schon wieder. Ich habe noch nicht aufgehört, mich für das erste Mal zu schämen. Trotzdem wünschte ich Schritte zu hören, die Uniformierten kommen zu sehen. Ich setze mich auf, blicke um mich. Niemand zu sehen, nichts zu hören. Das, was ich spüre, ist doch keine Enttäuschung, oder? Das kann nicht wahr sein, bin ich schon so weit?! Abrupt stehe ich auf, mir wird schwindelig. Ich muß hier weg, dieser Ort ist gefährlich. Ich flüchte, rutsche die Böschung herunter. Lisa wartet da, wo ich sie liegen gelassen habe. Ich bin ihr dankbar. Wir machen uns auf den Heimweg, ich sehne mich nach meinem Bett. Gleich wird wieder einer dieser Tage vorbei sein.

 

hallo Penny,

deine geschichte hat mir ganz gut gefallen. schon allein deshalb, weil sie nicht im selbstmord endet. stillistisch wirkt sie ausgereift auf mich.

der philosophische gehalt erscheint mir allerdings eher gering. vielleicht habe ich mir auch noch nicht ausreichend zeit für eine angemessene interpretation genommen.

einen gedanken fand ich aber recht interessant und die metaphorik durchaus passend gewählt:

Die Leute dort warten auf ihren Zug, der sie zu ihrem Ziel bringt. Dort gehören nur Menschen hin, die eine Richtung und ein Ziel haben.
eine aufteilung in menschen mit und ohne ziel. es scheint fast so zu sein, dass nur zielgerichtetes handeln glücklich machen kann. für eine komplette orientierungslosigkeit ist der mensch nicht geschaffen.

viel spass auf kg.de :)

 

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