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Eine späte Reise

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24.06.2003
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Eine späte Reise

«He, alter Mann! Ich hab jetzt Schluss und geh nach Hause. Also nicht mehr schwimmen gehen, okay? Da oben im Wachturm ist nämlich niemand mehr, der sie aus dem Wasser ziehen könnte. Verstanden?»
Ich bin noch tief in Gedanken versunken, als der Mann sich zu mir hinunter beugt in den Sand und mir ins Ohr schreit. Er denkt wohl, alle alten Menschen hören schlecht. Nun ja, da hat er auch irgendwie Recht. Kleine Kinder hören schlecht und genauso alte Menschen. Da hilft selbst das Hörgerät nicht.
Meine überraschten und perplexen Augen, die in sein braunes und junges Gesicht starren, müssen ihn angetrieben haben, mir noch mehr zu sagen: «Verstehen Sie?» fragt er mich während er dabei mit seinem Finger auf das Rettungsschwimmer – Emblem auf seiner Brust tippt. «Ich gehe jetzt. Ab sofort nicht mehr schwimmen. Die Polizei kontrolliert den Strand!»
Sein Finger wandert zu einem Schild, das hinter mir auf der Promenade thront. Es zeigt Uhrzeiten und eine rote Warnschrift. Ich nicke wieder und drehe mich von ihm weg, dem Meer zu.
«Alter Sack» murmelt er vor sich hin als er die Treppen hinter mir hinaufgeht. Diese neuen Hörgeräte lassen einen wirklich gut hören. Das Rauschen des Meeres und der Wind sind so laut und so klar, dass es weh tut in den Ohren. Ich drehe den Regler herunter. Die Welt wird leiser, ich bediene sie wie einen Fernseher.
Dieser Anblick ist blendend. Das Meer glitzert und spiegelt die Sonne wie sie vor mir untergeht. Der kühle Wind bläst mir von vorne, von der Sonne aus, ins Gesicht. Der Sand ist noch heiß, während der Wind mir eine Gänsehaut verpasst.
Ich frage mich, wohin das Wasser wohl geflossen ist, das vor dreißig Jahren hier an die Küste schwemmte. Die Meere hängen zusammen. Wahrscheinlich war es in vielen kleinen Teilen über die Welt zerstreut, so wie sie es auch sein wollte damals. Deswegen hatte ich ihre Asche hier verschüttet. Es war ihr letzter Wunsch gewesen. Und ich hatte ihn erfüllt. Die Nachricht von ihrem Tode hatte mich damals erreicht mit ihrer Bitte, hier in dem Meer die letzte Ruhe zu finden. Ich sollte es machen, da sie mich eine lange Zeit über geliebt hatte und wir sehr oft zusammen hier am Strand gewesen waren. Außerdem kannte sie keinen anderen mehr von hier.
Also tat ich es. Auch wenn ich dabei erwischt wurde und mit aufs Revier musste wegen provozierender Umweltverschmutzung. Als Strafe durfte ich dem Umweltschutz eine größere Spende als Entschädigung überweisen.
Sie war sehr jung gestorben mit 28. Mit 25 hatte sie mich verlassen. Zwar hatte sie mich noch geliebt, ihr Leben aber hatte sie gehasst. Sie war eingezwängt gewesen von ihrer Arbeit und von dieser Stadt, von ihrer Familie und von mir. Jeden Tag das Gleiche erleben mit den gleichen Leuten. Es langweilte sie. Sie sah sich davon begraben und fühlte sich nur wohl an diesem Meer. Deswegen hat sie es als Sarg gewählt. Um nicht begraben zu werden, und um ihre Reise hoffentlich ein zweites Mal von hier aus zu beginnen, so wie sie es schon bei der ersten getan hatte. Ein Stück weiter südlich ist ein Hafen, man kann ihn sogar von hier aus bei gutem Wetter sehen. Dort hatte ihr Schiff abgelegt, mit dem sie mich verlassen hatte. Nicht einmal den Ort wohin sie gefahren war hatte sie mir verraten. Ich vermute, sie wusste es nicht einmal selbst. Ab und zu hatte ich eine Karte geschickt bekommen. Daran konnte ich ihren Weg verfolgen, während ich hier weiter in meinem goldenen Käfig saß und sie allein gehenlassen hatte. Kapstadt, Montevideo, Surinam, Dakar. Vier Städte in drei Jahren hatte sie geschafft, in jeder ein neues, aufregendes Leben angefangen. Geld hatte ihr nicht viel bedeutet. Für mich war es das Leben gewesen durch meine reichen Eltern. Aber je länger ich mit ihr zusammen gewesen war, desto mehr hatte sie mir ihren Weg, die wahren Dinge gezeigt. Doch die Angst dem zu folgen war geblieben. Sie wollte die Welt sehen und das Leben genießen. Ich hatte lieber die von meinem Vater angebotene Stelle in seiner Firma angenommen und mein Geld verdient, richtiges Geld mein ich. Damit wollte ich ein Haus hier an der Promenade für uns beide bauen. Mit Blick aufs Meer. Voller Stolz und Glück hatte ich ihr meine Pläne erläutert als wir uns hier im Sand in den Armen gelegen hatten. Sie war mir entwichen und hatte mir gebeichtet, dass auch sie Pläne für die Zukunft gemacht hätte. Einfach weggehen ohne viel Vorhaben, ohne viel Geld, um dann in vier oder fünf Jahren zurückzukommen zum alten Leben. Vielleicht.
Mit strahlenden Augen hatte sie mich gebeten, mitzukommen. Doch ich war dumm genug gewesen zu glauben, dass ich es nicht könnte, dass ich nicht leben könnte ohne Sicherheiten. Zwei Wochen lang hatten wir gestritten und sie geweint. Ich auch, doch nie vor ihr. Schon aus Trotz mir gegenüber hatte sie nun fahren müssen. Also hatte ich sie verabschiedet und hatte ihr Schiff aus dem Hafen auslaufen sehen. Mit ganzer Kraft klammerte ich mich daran, dass sie nach vier, fünf Jahren zurückkommen wollte. Ich redete mir ein, sie hätte es mir versprochen. So nahm ich einen Kredit bei der Bank auf, das war nicht schwierig. Ich hatte viele Sicherheiten. Mit dem Geld ließ ich das Haus bauen. Jede Nacht stellte ich mir vor, wie ich auf der Terrasse säße und sähe, wie ihr Schiff im Hafen anlegen würde. Zwei Tage nachdem ich ihren letzten Brief bekommen hatte, konnte ich von meiner Terrasse aus den Paketwagenfahrer kommen sehen, der mir ihre Urne brachte. Und einen Umschlag. In ihm war ihr Ehering. Der beiliegende Brief erzählte, dass sie ihn von einem Mann aus Surinam bekommen hatte. Zwei Monate nach der Hochzeit wurde er bei einem Raubüberfall erschossen. Ihr Plan, mit ihm in Surinam eine Familie zu gründen und alt zu werden war durchkreuzt worden. Sie zog weiter. Mir hatte sie nie etwas davon zu ihren Lebzeiten geschrieben. Auch nicht davon, dass sie im Gefängnis gewesen war für einige Monate oder dass sie vergewaltigt worden war. Ihr neues Leben mit all dem Glück und Leid hatte sie von mir ferngehalten. Es gab für sie ein Leben nach mir, während ich in diesem Haus gesessen und auf sie gewartet hatte.
Jedoch war es ein hartes Leben gewesen, sie hatte keine Kraft mehr gefunden und sich schließlich das neue Leben genommen. Ihre geschriebenen Worte waren:
«Auch wenn du Recht hattest, dass ein Leben hier draußen hart ist und vielleicht im Elend endet und ich dies oft genug gespürt habe in den letzten Jahren, gehe ich lieber zu meinem Mann in den Tod als wieder in deinen goldenen Käfig zurückzukehren. Ich hoffe, du siehst es ein. Leg bitte meinen Ehering meiner Asche im Meer bei.»
Unterzeichnet hatte sie mit «In Liebe».
Nun, das ist jetzt dreißig Jahre her. Ich habe oft über diese Geschichte gelacht, noch öfter habe ich geweint. Das Haus war für mich, meine Frau und meine Kinder ein Zuhause geworden, mein Vater war gestorben und ich hatte die Firma übernommen. Ich habe viel gearbeitet, daran ist meine Ehe zerbrochen. Die Kinder sind schon lange erwachsen und ausgezogen. Seit sieben Jahren lebe ich allein und vor zwei Jahren gab ich meine Arbeit auf. Die Nachricht der Ärzte ist wie ein Segen über mich gekommen. In spätestens sechs Wochen beendet der Krebs mein Leben. Ich bin froh. Und das gibt mir endlich den Mut, den sie schon immer gehabt hatte. Ich pfeife auf diese letzten Gnadenwochen in Einsamkeit und voller Schmerzen. Ich beende mein Leben freiwillig. Und hoffe auf einen Neuanfang, um die begangenen Fehler diesmal vermeiden zu können. Um mit ihr gehen zu können. Denn ich liebe sie noch immer. Wer weiß, vielleicht finde ich sie ja da draußen in der Welt. Ihre Karten habe ich bei mir: Kapstadt, Montevideo, Surinam, Dakar. Diese Route werde ich nehmen.
Ich gehe schwimmen. Mal sehen, wie weit ich komme.

 

Hallo LeFleu,

erst mal herzlich willkommen auf kg.de! :)

Deine Geschichte hat mir mit kleinen Abstrichen ganz gut gefallen.
Den Ansatz, dass sich nach so langer Zeit ein Kreis quasi schließt, fand ich nicht schlecht. Ebenso die Gedanken über die verpasste Chance, aber auch das Aufzeigen, was sich im Leben des Protagonisten anders entwickelt hat, weil er eben diese Chance nicht genutzt hat.

Die eine oder andere Formulierung könntest Du vielleicht noch ein bisschen verbessern, und ein paar Fehler haben sich auch eingeschlichen:

"Da oben im Wachturm ist nämlich niemand mehr, der sie aus dem Wasser ziehen könnte."
>>> "Sie" als Anrede wird immer groß geschrieben

"«Alter Sack» murmelt er vor sich hin"
>>> Nach der wörtlichen Rede steht immer ein Komma, wenn der Satz, wie hier, fortgeführt wird:
«Alter Sack», murmelt er ...

"Sie war sehr jung gestorben mit 28. Mit 25 hatte sie"
>>> Zahlen würde ich in einem Prosatext auschreiben: achtundzwanzig ...

"Daran konnte ich ihren Weg verfolgen, während ich hier weiter in meinem goldenen Käfig saß und sie allein gehenlassen hatte."
>>> hier würde ich umstellen: ... hatte gehen lassen.
Klingt besser, finde ich.

"In ihm war ihr Ehering. Der beiliegende Brief erzählte, dass sie ihn von einem Mann aus Surinam bekommen hatte."
>>> "dass sie ihn ... bekommen hatte" würde ich nicht schreiben, schließlich ist das Vordergründige ja, dass sie ihn geheiratet hat, und nicht, dass er ihr einen Ehering gegeben hat, oder? ;)

Du verwendest in den Rückblenden, vor allem im Mittelteil, recht oft Konstruktionen mit "hatte ...". Vielleicht kannst Du das an der einen oder anderen Stelle noch umformulieren, dann liest sich diese Passage besser. Andauernd Plusquamperfekt wirkt auf die Dauer etwas ermüdend.

Ich hoffe, dass Du mit meinen Anmerkungen etwas anfangen kannst. :)

Viele Grüße
Christian

 

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