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Eine rabenschwarze Nacht
Er schaute hinunter, auf das regennasse Pflaster der Hauptstraße. Der Regen wusch sie gerade sauber und spülte auch noch das letzte Blut hinfort. Seine Hände kamen in sein Blickfeld, auch sie waren blutüberströmt, genau wie seine, nunmehr zerrissene Kleidung. Hastig hob er den Kopf, schaute sich um, sah aber nichts verdächtiges. Die wenigen Häuser, die hier am Waldesrand standen waren alle unbeleuchtet. Anscheinend schliefen deren Bewohner, hatten von den schrecklichen Dingen in ihrer Nachbarschaft noch nichts erfahren. Plötzlich schien es, als lausche er einer unsichtbaren Stimme.
„Du hast nichts Unrechtes getan,“ sagte eine Stimme zu ihm. „Er hatte es verdient, du weißt das ganz genau.“
„Woher kommst du?“ Fragte er, „ich dachte du wärest für immer fort. Verschwinde!“
„Nein!“ Antwortete die Stimme, „ich werde dich von nun an immer begleiten.“
„Neiiin!“ Er schrie es in die rabenschwarze Nacht hinaus und sein Schrei hallte vom Wald her wieder. Seine Knie sanken auf das Pflaster hinunter, er kniete nun auf der Straße, die blutigen Hände ins Gesicht gestützt. Immer noch war aus Richtung der Häuser noch keine Reaktion zu erkennen, obwohl sein Schrei meilenweit zu hören gewesen sein muss.
Ein Zucken ging durch sein Gesicht, dann liefen ihm Tränen die Wange herunter.
„Was habe ich getan?“ Fragte er sich, „ich habe es doch nicht wirklich vollbracht?“ Sein Blick über seine rechte Schulter ließ ihn ein kleines rotes Haus sehen. Die Tür stand weit offen und rote, blutige Fußspuren führten hinaus. Entsetzen machte sich in seinem Gesicht breit, als wäre ihm jetzt erst bewusst geworden was er getan hatte.
„Ja, das warst du gewesen, du alleine. Ich bin ganz stolz auf dich!“ Hörte er wieder die Stimme sagen.
„A... aber ich wollte es doch gar nicht, Du, du hast mich dazu gebracht. Du bist an alldem hier Schuld, nicht ich.“ Als würde er seinen eigenen Worten glauben schenken, wurde er bei dem letzten Satz immer lauter.
„Das mag schon sein,“ kam wieder die Stimme. „Aber überleg mal, wer ich bin, mich werden sie nie bekommen.“
Er wurde wütend, er hasste die Stimme. Sein Oberkörper hob und senkte sich, sein Schnaufen wurde immer lauter. Er bebte vor Zorn, auf sich, weil er es getan hatte und auf die Stimme, weil sie ihn dazu verleitet hatte. Ja, die Stimme sie war an allem Schuld, sie, nur sie allein.
„Du hattest allen Grund dazu gehabt.“ Drang die Stimme, jetzt viel sanfter auf ihn ein, „schließlich hat er dir deine...“
„Schweig! Ich will, dass du still bist. Du hast recht, ich hatte allen Grund dazu, aber dennoch hätte ich es nicht tun dürfen.“
Langsam richtete er seinen Oberkörper auf und blickte in den Himmel. Kein einziger Stern stand dort oben, kein Mond war zu sehen. Nur die Straßenleuchten ermöglichten ihm es, überhaupt etwas zu sehen. Er erhob sich, stand nun auf zitternden Beinen da und starrte abwechselnd in den Himmel und hinter sich auf das Haus. Er kannte das Haus schon ewig, schließlich war er darin aufgewachsen. Die braune Tür, das rote Mauerwerk, ja selbst die grün gestrichenen Fensterläden, alle schienen ihn mit einem vernichtenden Blick zu strafen. Alles um ihn herum schien ihn Verurteilen zu wollen. Er senkte den Blick auf die Straße, zwischen den einzelnen Pflastersteinen rann das Wasser, suchte sich seinen Weg, die Straße hinab.
„Ich habe gemordet, ich werde dafür büßen müssen.“ Sagte er vor sich hin, da brauste die Stimme wieder auf: „Bist du verrückt? Wenn du jetzt verschwindest, werden sie dich nie bekommen! Aber wenn du dich stellst, werden sie dich töten. Mord wird mit Hinrichtung bestraft.“
„Ich habe gemordet!“ Wiederholte er seinen Satz, „da steht mir diese Strafe zu.“
Die Erinnerung an seine Tat kam wieder in ihm hoch, er fing erneut zu weinen an. Die Tränen mischten sich mit dem Regenwasser, es war, als würde der Himmel mit ihm weinen.
„Sei doch nicht so blöde, renn in den Wald, versteck dich irgendwo, geh fort von hier, dann werden sie dich nie finden.“ Die Stimme wurde immer eindringlicher.
„Nein! Ich... ich kann nicht, ich muss meine Strafe erhalten.“ Sagte er mit fester Stimme.
Er kniete nun wieder auf der Straße und da der Regen immer stärker geworden war, war diese eher ein reißender Strom, denn eine Straße. Ein Blitz zuckte, tauchte die Szenerie in gleißendes Licht. Der Donner folgte alsbald, erschütterte mit seinem Grollen die ganze Stadt.
Dann kam wieder die Stimme: „Noch hast du die Möglichkeit, flieh. Flieh!“
„Ich werde mich meiner Strafe nicht entziehen, ich werde mich stellen.“
Während er das sagte, stand er langsam auf und ging, immer noch voll mit Blut bespritzt, langsam die Straße entlang. Seine Gedanken drehten sich nur noch über das, was er getan hatte. Es war furchtbar, er hatte seine eigene Schwester ermordet, nichts konnte dies wieder gut machen, aber die Stimme, die Stimme sagte ihm, dass er Recht habe. Er hatte sie geliebt, nein mehr noch, er hatte sie begehrt. Und dann, dann hatte sie diesen Typen angeschleppt und verkündet, er wäre ihr Verlobter. Da hatte er die Nerven verloren, er war total durchgedreht und die Stimme, die Stimme hatte ihn aufgestachelt, ihm gesagt es gäbe keine andere Lösung.
Plötzlich merkte er, dass er schon längst vor der Tür der Garnison stand. Er klopfte.
„Neiiin, tu das nicht!“ Schrie die Stimme, doch als ihm geöffnet wurde, erstarb sie. Er brauchte nicht viel zu sagen, sein Aussehen verriet das Meiste.
Einen Tag später war der Fall klar, das ganze Dorf wusste Bescheid. Er hatte seine Schwester und ihren Verlobten brutal ermordet, warum, konnten sie nicht aus ihm herausbekommen. Auf ein solches Verbrechen stand der Tod durch den Henker. Das halbe Dorf war anwesend, um dem Beispiel beizuwohnen. Er wurde beschimpft und gehasst. Er wurde zu einem kleinen Podest geführt, auf dem der Henker bereits wartete. Auf dem Weg nach oben dachte er wieder an seine Schwester. Ein Lächeln der Erlösung umspielte seine Mundwinkel, als er seinen Kopf auf den Holzpfahl legte.
Bevor sich das Beil des Henkers senkte, fasste er noch einen einsamen Gedanken:
„Endlich bin ich ihn los.“
Dann wurde es dunkel um ihn, bald würde er wieder mit seine Schwester vereint sein, er hoffte, sie würde ihm vergeben...