Eine kalte Nacht, heute Nacht
Carlotta singt vor sich hin. Nein, sie singt nicht, sie summt, während sie zwei Stufen auf einmal die alte Eichentreppe hinauf springt. Ihr Lieblingslied begleitet sie schon den ganzen Tag:
„Ain‘t no sunshine, when she’s gone, ain‘t no love, when she’s away.“
Carlotta hat es geschafft zu entkommen. Sie ist entwischt, geflüchtet und hat sich fort gestohlen wie eine Verbrecherin, eine Sünderin.
„Unser kleines Stück Himmel“ nennen Achim und sie diese liebevoll restaurierte Wohnung in der alten Villa. Sie haben sie mit viel Liebe und wenig Möbeln eingerichtet. Was brauchen sie schon für die Liebe? Ein Bett, Kerzenlicht, gemütliche Sitzmöbel und viel Platz. Ein paar Früchte, Champagner.
Voller Freude schließt sie die Türe auf, diese schöne weiße Kassettentüre aus Holz, die Achim und sie gemeinsam aufgearbeitet haben. Eine Stunde bleibt ihr noch, um alles für sie vorzubereiten. Die Kerzen müssen unbedingt noch in dem Standleuchter befestigt werden, der Champagner ist schon kalt gestellt.
Mit Schwung wirft Carlotta ihren schwarzen kurzen Mantel auf ihre Liebesinsel. Es ist ein rundes Bett, nachdem sie ewig lange gesucht haben, bis sie es fanden. Achim entdeckte es schließlich in einem Möbelgeschäft, das sich auf balinesische Möbel spezialisiert hat.
Sie kauften es, obwohl es dem Gegenwert eines Kleinwagens entsprach.
Bereut haben sie es nie.
Erotische Feste feiern sie auf diesem Bett und Carlotta legt großen Wert darauf, dass es immer frisch bezogen und immer reinweiß ist.
Das einzige Zugeständnis an Farbe sind die roten Samtkissen und ein rotes breites Samtband, das schon zu allerlei Liebesspielen bereitliegt. Achim liebt es, das Band um ihren Körper zu schlingen, um sie dann wieder auszupacken wie ein Geschenk und sie auf seine intensive Art zu lieben. Carlotta ist verliebt in seinen unermüdlichen Einfallsreichtum, und obwohl sie sich schon zehn Jahre verheiratet sind, kommen sie nie an den Punkt der Langeweile, des Überdrusses oder der Gleichgültigkeit.
Carlotta streicht die Laken noch einmal glatt, schüttelt die Kissen ein letztes Mal auf und macht sich danach an die Arbeit, die Ananas, die Melone und die wilden Pfirsiche in mundgerechte Stücke zu schneiden und auf einer Obstschale anzurichten. So, fertig. Noch eine halbe Stunde, dann ist es neunzehn Uhr.
Und genau um neunzehn Uhr wird sich sein Schlüssel im Schloss drehen und er wird den Raum betreten, den Schlüssel fallen lassen, seine Arme ausbreiten und sie wird sich hineinfallen lassen.
In der kleinen Ebenholzkommode verwahrt sie ihre schönsten Dessous. Sie entscheidet sich für rot. Feuerrot, blutrot, leuchtend rot.
Rot steht ihr gut, und Achim mag das transparente Oberteil und den String. Aber Achim mag ebenso den Kontrast mit schwarz und darum greift Carlotta nach den seidigen halterlosen Strümpfen, die auf ihren perfekt geformten und glatten Oberschenkeln mit einem zart-schwarzen Rosenmuster enden.
Sie rollt vorsichtig den ersten Strumpf ein, um ihn dann langsam über ihr linkes Bein zu streifen. Merkwürdig, ihr Bein sieht heute irgendwie komisch aus. Unzählige dunkle Vernarbungen, Fingernagelgroße, blutige Stellen, als wenn ein Tier sie angefallen hätte.
„Komisch“, denkt Carlotta, „wo kommen diese Verletzungen denn her?“
Interessiert kratzt Carlotta an einem der rot aussehenden, merkwürdigen Flecken und sieht zu, wie ein dünnes Rinnsal Blut unterhalb des linken Knies seinen Weg entlang des Schienenbeines sucht.
Carlotta lacht, weil Rot ihre Lieblingsfarbe ist. Sie verfolgt mit den Augen den Blutlauf und streift den Strumpf über den Fuß und zieht ihn hoch. Das Blut dringt durch das feine Gewebe, aber sie merkt es nicht.
Nun ist das andere Bein an der Reihe: Es hat ähnliche Verletzungen. Naja. Achim wird es nicht stören und irgendwie scheint das Bein so gar nicht ihr zu gehören. Jetzt wundert sie sich.
Sie dreht und wendet sich vor dem meterhohen Spiegel als sie fertig angezogen ist. Der Spiegel, den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben und ihr gefällt die Frau, die sich dort spiegelt.
„Du bist schön“, sagt sie, „du wirst Achim gefallen! Er mag es, wenn die Taille schlank, die Brüste zierlich und der Po wie ein Apfel geformt ist. Und er liebt dunkelblaue Augen.“
Es ist schon Viertel vor sieben, als Carlotta feststellt, dass sie die Kerzen vergessen hat. Sie muss noch einmal schnell zum Laden an der Ecke laufen.
„Wie blöd“, denkt sie.
„Ich schaffe es in acht Minuten Hin- und zurück, wenn ich schnell laufe.“
Sie wirft ihren Mantel über die Dessous und knöpft ihn zu. Sie greift nach ihrem Geld, Schlüssel und Handy dann läuft sie los.
Der kleine Laden an der Ecke schließt erst um neunzehn Uhr und sie kommt gerade noch rechtzeitig. Sie greift zwei Pakete rote Tafelkerzen aus dem oberen Regal und läuft zur Kasse. Nun muss sie auch noch anstehen! Vor ihr steht ein Mann mittleren Alters, der zwanzig Einzelteile auf das kleine Transportband legt. Zwanzig Teile! Mist.
Carlotta spürt, dass hinter ihr ein anderer Kunde steht. Sie fühlt sich ganz plötzlich unwohl. Ein Gefühl von Bedrohung und Furcht sitzt ihr im Nacken, auf dem Herz. Sie atmet flach und schnell.Was will diese Person von ihr? Warum kommt sie so dicht an sie heran? Warum atmet diese Person ihr auf die feinen Nackenhärchen?
Schnell dreht sie sich zu ihr um, als wenn sie sie ertappen wolle bei einem Diebstahl. Und Sie schreit sie an: „Gehen sie weg, weg! Ich kann das nicht ertragen. Gehen sie weg! Das ist mir zu nah!“ Carlotta schreit und die blonde junge Frau, von der sie sich bedroht fühlt, steht bewegunglos und mit Angstaugen vor ihr.
Ein Mitarbeiter kommt aus einem der engen Gänge und greift Carlotta beruhigend an den Arm. „Frau Wienand beruhigen Sie sich doch!Brauchen sie ein Glas Wasser? Möchten sie sich setzen. Hier tut ihnen niemand was.“
Woher kennt er ihren Namen? Weiß denn dieser Mensch, wer sie ist? Warum redet er in der komischen Stimme mit ihr, als wenn sie ein Kind sei, das er beruhigen müsse? Hat er nicht gesehen, wie diese fremde Frau ihr auf den Leib gerückt ist? Dass sie sich wehren muß, gegen solche Übergriffe?
„Die Musik, die Musik! Machen sie die Musik aus, bitte! Und das Licht. Das Licht ist so hell! Und bitte lassen sie mich sofort los“, schreit Carlotta.
„Ich bringe sie sofort nach Hause, Frau Wienand“, sagt der Mann.
„Ich zahle und gehe dann nach Hause. Es geht schon wieder“, sagt Carlotta,
plötzlich erstaunlich ruhig und mit fester Stimme. Sie schaut auf die Uhr.
“Achim. Noch drei Minuten. Das schaffe ich nie“, denkt sie. Sie wirft das abgezählte Geld auf das Band, greift die Kerzen und läuft aus dem Laden.
Ihr Herz stolpert vor sich hin.
„Carlotta, du musst atmen. Beruhige dich, Carlotta, beruhige dich.“
Und sie steht einen Moment mitten auf der Straße und atmet: Ein- und Aus. Und Ein- und Aus. Und noch einmal.
Und ganz allmählich kommt die Freude zurück in Sie. Sie lächelt. Sie atmet wieder ruhiger. Carlotta läuft auf ihren hohen Schuhen so schnell sie kann und sie sucht in ihrer Manteltasche schon den Schlüssel. Um fünf nach sieben ist sie dort, in ihrem Hort.
Aber Achim ist nicht da. Er kommt nie zu spät. Nicht einmal in zehn Jahren kam er zu spät. „Fünf Minuten, das ist nicht viel. Kein Grund, dass ich mich aufrege“, denkt sie.
Sie wirft ihren roten Mantel zum zweiten Mal auf das Bett und macht sich daran, die Kerzen sorgfältig in den Leuchter zu stecken. „Gut, dass er noch nicht da ist. Eigentlich ganz gut. Dann kann ich das hier noch in Ruhe machen."
Er ist fünfzehn Minuten zu spät. Carlotta wird unruhig. Dann legt sie sich quer auf das Bett und sieht an die Decke. Sie denkt nichts. Gar nichts. Eine Stunde später sind ihre Ohren vom ständigen Lauschen auf das geringste Geräusch im Flur so überreizt, dass die ohrenbetäubende Stille ihr körperliche Schmerzen bereitet.
Carlotta greift zu ihrem Handy und wählt eine Nummer. Wenn jemand weiß, wo Achim ist, dann ist es Claus.
„Claus, hallo,hier ist Carlotta.“
„Carlotta!?. Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gehört. Wie geht es dir, Carlotta. Geht es dir besser?“
„Mir geht es prächtig. Hör mal, Claus, ich warte hier auf Achim. Er wollte um sieben da sein und jetzt ist es fast acht. Ich mache mir langsam Sorgen. Du weißt, wie pünktlich er immer ist.“
„Carlotta, du wartest auf Achim? Wie kommst du darauf, dass ihr verabredet seid?“
„Ich habe gestern Nacht mit ihm gesprochen, Claus. Er sagte, ihr beide komme heute zurück.“
„Carlotta, Carlotta, mein Mädchen. Achim ist tot. TOT. Carlotta, seit März. Wir haben Juli, Carlotta. Wir haben ihn beerdigt. Gemeinsam.“
„Nein, Claus,er ist nicht tot! Er kommt ganz bestimmt gleich und ihr seid heute erst aus Australien zurück. Ich warte hier die ganze Nacht. Wahrscheinlich steht er im Stau. Sein Mobil Teil funktioniert nicht. Da kommt immer eine Ansage, dass die Nummer nicht vergeben ist. Komisch. Mach’s gut Claus.“
Carlotta legt auf und schaltet ihr Handy aus.
Claus spinnt doch! Sie hat doch heute Nacht mit Achim gesprochen, so wie vorgestern und vor drei Tagen auch. Seine Stimme gehört, seine Sehnsucht.
Und dann erinnert sie sich an das Grün der Uniform und den roten Mund des Polizisten, der vor ihrer Türe steht und sie hört seine Worte, die aus seinem Mund kriechen. Kringelworte. Böse, kleine, schwarze Kringelworte:
„Sind sie Frau Wienand? Dürfen wir rein kommen?“
Im Wohnzimmer sagen die schwarzen Wortkringel zu ihr:
„Ihr Mann, Frau Wienand, er hatte einen Unfall. Einen Autounfall. Es ist vor drei Stunden passiert. Er war sofort tot.“
„Ach ja. Ach so.“ hat sie gesagt und: “dann fahren wir mal dahin, wo er jetzt ist.“
Und sie fuhr in Begleitung der Polizisten in eine Klinik, ging mit ihnen in einen Keller und dort, auf einem Metallgestell, da lag ein Männerkörper zugedeckt mit einem reinweißen Laken. Achim war so komisch still, so weiß, so kalt. Selbst ihre Küsse wärmten ihn nicht.
„Er ist tot, Frau Wienand. Sie gehen jetzt besser. Können wir jemand benachrichtigen, brauchen sie einen Arzt?“, fragte der Polizist.
„Ja.Ich sehe es. Er ist tot. Sie haben recht. Ich fahre mit dem Taxi nach Hause. Sie brauchen niemand anrufen.“ Carlotta drehte sich um und verließ die Klinik.
Die Beerdigung. Ein teurer Sarg. Ein Blumenmeer. So viele Leute, Geräusche, Licht, Farben. Von allem zu viel für Carlotta. Viel zu viel. Nur von Achim nichts mehr.
Die schreckliche Nächte, in denen sie immer wieder seinen Körper suchte. Ihre Hand, die tastend über seine Bettseite gleitet und keinen Körper findet. Die Tees in der Nacht um zwei, drei, vier, fünf Uhr in der Küche. Sie redet mit ihm, jede Nacht. Sie plant mit ihm. Bespricht sich mit ihm.
Und dann sind in ihr viele Menschen mit besorgten Gesichtern. Ihre Mutter, die aus einer anderen Stadt gekommen ist und seit Monaten bei ihr wohnt.
Carlotta steht jetzt auf von ihrem weißen Bali Bett mit rotem Samt und umfasst mit beiden Armen ihren Oberkörper.
Sie geht zu der Fruchtschale und nimmt das kleine, scharfe Obstmesser und schneidet sich tief in den Zeigefinger der linken Hand. Es schmerzt nicht. Noch ein bisschen tiefer. Ja, da ist der Schmerz. Stechend. Scharf. Blut schießt aus der tiefen Wunde.
Und weiße Wände, sie hat viele weiße Wände in ihrem kleinen Himmel.
Carlotta stellt sich in die Nähe einer Wand und schleudert mit heftigen Handbewegungen ihr Fingerblut an die weiße Wand. Tropfen, Flecken. Der weiße Putz saugt ihr Blut auf und vergrößert die Flecken. Rot. Rot. Blutrot.
Punkte und Pünktchen, die zu Streifen werden, zu Rinnsalen und langsam bräunlich versickern.
Doch dieser Finger ist jetzt leer, er gibt kein Blut mehr her. Carlotta legt ihre Lieblingsmusik auf und dreht die Lautstärke auf maximal:
Ain’t no sunshine.
Jetzt wird sie ein Fest feiern.
Sie hat noch neun Finger. Neun Finger, aus denen sie noch Farbe holen kann. Neun Finger, die all das grässliche totenweiß für immer auslöschen.
Und Carlotta dreht sich im Kreis, mit dem Obstmesser in der Hand und singt.