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Eine kalte Nacht, heute Nacht

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19.07.2012
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Eine kalte Nacht, heute Nacht

Carlotta singt vor sich hin. Nein, sie singt nicht, sie summt, während sie zwei Stufen auf einmal die alte Eichentreppe hinauf springt. Ihr Lieblingslied begleitet sie schon den ganzen Tag:

„Ain‘t no sunshine, when she’s gone, ain‘t no love, when she’s away.“
Carlotta hat es geschafft zu entkommen. Sie ist entwischt, geflüchtet und hat sich fort gestohlen wie eine Verbrecherin, eine Sünderin.

„Unser kleines Stück Himmel“ nennen Achim und sie diese liebevoll restaurierte Wohnung in der alten Villa. Sie haben sie mit viel Liebe und wenig Möbeln eingerichtet. Was brauchen sie schon für die Liebe? Ein Bett, Kerzenlicht, gemütliche Sitzmöbel und viel Platz. Ein paar Früchte, Champagner.

Voller Freude schließt sie die Türe auf, diese schöne weiße Kassettentüre aus Holz, die Achim und sie gemeinsam aufgearbeitet haben. Eine Stunde bleibt ihr noch, um alles für sie vorzubereiten. Die Kerzen müssen unbedingt noch in dem Standleuchter befestigt werden, der Champagner ist schon kalt gestellt.
Mit Schwung wirft Carlotta ihren schwarzen kurzen Mantel auf ihre Liebesinsel. Es ist ein rundes Bett, nachdem sie ewig lange gesucht haben, bis sie es fanden. Achim entdeckte es schließlich in einem Möbelgeschäft, das sich auf balinesische Möbel spezialisiert hat.

Sie kauften es, obwohl es dem Gegenwert eines Kleinwagens entsprach.
Bereut haben sie es nie.
Erotische Feste feiern sie auf diesem Bett und Carlotta legt großen Wert darauf, dass es immer frisch bezogen und immer reinweiß ist.

Das einzige Zugeständnis an Farbe sind die roten Samtkissen und ein rotes breites Samtband, das schon zu allerlei Liebesspielen bereitliegt. Achim liebt es, das Band um ihren Körper zu schlingen, um sie dann wieder auszupacken wie ein Geschenk und sie auf seine intensive Art zu lieben. Carlotta ist verliebt in seinen unermüdlichen Einfallsreichtum, und obwohl sie sich schon zehn Jahre verheiratet sind, kommen sie nie an den Punkt der Langeweile, des Überdrusses oder der Gleichgültigkeit.

Carlotta streicht die Laken noch einmal glatt, schüttelt die Kissen ein letztes Mal auf und macht sich danach an die Arbeit, die Ananas, die Melone und die wilden Pfirsiche in mundgerechte Stücke zu schneiden und auf einer Obstschale anzurichten. So, fertig. Noch eine halbe Stunde, dann ist es neunzehn Uhr.

Und genau um neunzehn Uhr wird sich sein Schlüssel im Schloss drehen und er wird den Raum betreten, den Schlüssel fallen lassen, seine Arme ausbreiten und sie wird sich hineinfallen lassen.

In der kleinen Ebenholzkommode verwahrt sie ihre schönsten Dessous. Sie entscheidet sich für rot. Feuerrot, blutrot, leuchtend rot.
Rot steht ihr gut, und Achim mag das transparente Oberteil und den String. Aber Achim mag ebenso den Kontrast mit schwarz und darum greift Carlotta nach den seidigen halterlosen Strümpfen, die auf ihren perfekt geformten und glatten Oberschenkeln mit einem zart-schwarzen Rosenmuster enden.

Sie rollt vorsichtig den ersten Strumpf ein, um ihn dann langsam über ihr linkes Bein zu streifen. Merkwürdig, ihr Bein sieht heute irgendwie komisch aus. Unzählige dunkle Vernarbungen, Fingernagelgroße, blutige Stellen, als wenn ein Tier sie angefallen hätte.

„Komisch“, denkt Carlotta, „wo kommen diese Verletzungen denn her?“
Interessiert kratzt Carlotta an einem der rot aussehenden, merkwürdigen Flecken und sieht zu, wie ein dünnes Rinnsal Blut unterhalb des linken Knies seinen Weg entlang des Schienenbeines sucht.

Carlotta lacht, weil Rot ihre Lieblingsfarbe ist. Sie verfolgt mit den Augen den Blutlauf und streift den Strumpf über den Fuß und zieht ihn hoch. Das Blut dringt durch das feine Gewebe, aber sie merkt es nicht.

Nun ist das andere Bein an der Reihe: Es hat ähnliche Verletzungen. Naja. Achim wird es nicht stören und irgendwie scheint das Bein so gar nicht ihr zu gehören. Jetzt wundert sie sich.

Sie dreht und wendet sich vor dem meterhohen Spiegel als sie fertig angezogen ist. Der Spiegel, den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben und ihr gefällt die Frau, die sich dort spiegelt.

„Du bist schön“, sagt sie, „du wirst Achim gefallen! Er mag es, wenn die Taille schlank, die Brüste zierlich und der Po wie ein Apfel geformt ist. Und er liebt dunkelblaue Augen.“

Es ist schon Viertel vor sieben, als Carlotta feststellt, dass sie die Kerzen vergessen hat. Sie muss noch einmal schnell zum Laden an der Ecke laufen.
„Wie blöd“, denkt sie.
„Ich schaffe es in acht Minuten Hin- und zurück, wenn ich schnell laufe.“

Sie wirft ihren Mantel über die Dessous und knöpft ihn zu. Sie greift nach ihrem Geld, Schlüssel und Handy dann läuft sie los.
Der kleine Laden an der Ecke schließt erst um neunzehn Uhr und sie kommt gerade noch rechtzeitig. Sie greift zwei Pakete rote Tafelkerzen aus dem oberen Regal und läuft zur Kasse. Nun muss sie auch noch anstehen! Vor ihr steht ein Mann mittleren Alters, der zwanzig Einzelteile auf das kleine Transportband legt. Zwanzig Teile! Mist.

Carlotta spürt, dass hinter ihr ein anderer Kunde steht. Sie fühlt sich ganz plötzlich unwohl. Ein Gefühl von Bedrohung und Furcht sitzt ihr im Nacken, auf dem Herz. Sie atmet flach und schnell.Was will diese Person von ihr? Warum kommt sie so dicht an sie heran? Warum atmet diese Person ihr auf die feinen Nackenhärchen?

Schnell dreht sie sich zu ihr um, als wenn sie sie ertappen wolle bei einem Diebstahl. Und Sie schreit sie an: „Gehen sie weg, weg! Ich kann das nicht ertragen. Gehen sie weg! Das ist mir zu nah!“ Carlotta schreit und die blonde junge Frau, von der sie sich bedroht fühlt, steht bewegunglos und mit Angstaugen vor ihr.

Ein Mitarbeiter kommt aus einem der engen Gänge und greift Carlotta beruhigend an den Arm. „Frau Wienand beruhigen Sie sich doch!Brauchen sie ein Glas Wasser? Möchten sie sich setzen. Hier tut ihnen niemand was.“
Woher kennt er ihren Namen? Weiß denn dieser Mensch, wer sie ist? Warum redet er in der komischen Stimme mit ihr, als wenn sie ein Kind sei, das er beruhigen müsse? Hat er nicht gesehen, wie diese fremde Frau ihr auf den Leib gerückt ist? Dass sie sich wehren muß, gegen solche Übergriffe?

„Die Musik, die Musik! Machen sie die Musik aus, bitte! Und das Licht. Das Licht ist so hell! Und bitte lassen sie mich sofort los“, schreit Carlotta.
„Ich bringe sie sofort nach Hause, Frau Wienand“, sagt der Mann.
„Ich zahle und gehe dann nach Hause. Es geht schon wieder“, sagt Carlotta,

plötzlich erstaunlich ruhig und mit fester Stimme. Sie schaut auf die Uhr.
“Achim. Noch drei Minuten. Das schaffe ich nie“, denkt sie. Sie wirft das abgezählte Geld auf das Band, greift die Kerzen und läuft aus dem Laden.
Ihr Herz stolpert vor sich hin.
„Carlotta, du musst atmen. Beruhige dich, Carlotta, beruhige dich.“

Und sie steht einen Moment mitten auf der Straße und atmet: Ein- und Aus. Und Ein- und Aus. Und noch einmal.

Und ganz allmählich kommt die Freude zurück in Sie. Sie lächelt. Sie atmet wieder ruhiger. Carlotta läuft auf ihren hohen Schuhen so schnell sie kann und sie sucht in ihrer Manteltasche schon den Schlüssel. Um fünf nach sieben ist sie dort, in ihrem Hort.

Aber Achim ist nicht da. Er kommt nie zu spät. Nicht einmal in zehn Jahren kam er zu spät. „Fünf Minuten, das ist nicht viel. Kein Grund, dass ich mich aufrege“, denkt sie.
Sie wirft ihren roten Mantel zum zweiten Mal auf das Bett und macht sich daran, die Kerzen sorgfältig in den Leuchter zu stecken. „Gut, dass er noch nicht da ist. Eigentlich ganz gut. Dann kann ich das hier noch in Ruhe machen."

Er ist fünfzehn Minuten zu spät. Carlotta wird unruhig. Dann legt sie sich quer auf das Bett und sieht an die Decke. Sie denkt nichts. Gar nichts. Eine Stunde später sind ihre Ohren vom ständigen Lauschen auf das geringste Geräusch im Flur so überreizt, dass die ohrenbetäubende Stille ihr körperliche Schmerzen bereitet.

Carlotta greift zu ihrem Handy und wählt eine Nummer. Wenn jemand weiß, wo Achim ist, dann ist es Claus.

„Claus, hallo,hier ist Carlotta.“

„Carlotta!?. Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gehört. Wie geht es dir, Carlotta. Geht es dir besser?“

„Mir geht es prächtig. Hör mal, Claus, ich warte hier auf Achim. Er wollte um sieben da sein und jetzt ist es fast acht. Ich mache mir langsam Sorgen. Du weißt, wie pünktlich er immer ist.“

„Carlotta, du wartest auf Achim? Wie kommst du darauf, dass ihr verabredet seid?“

„Ich habe gestern Nacht mit ihm gesprochen, Claus. Er sagte, ihr beide komme heute zurück.“

„Carlotta, Carlotta, mein Mädchen. Achim ist tot. TOT. Carlotta, seit März. Wir haben Juli, Carlotta. Wir haben ihn beerdigt. Gemeinsam.“

„Nein, Claus,er ist nicht tot! Er kommt ganz bestimmt gleich und ihr seid heute erst aus Australien zurück. Ich warte hier die ganze Nacht. Wahrscheinlich steht er im Stau. Sein Mobil Teil funktioniert nicht. Da kommt immer eine Ansage, dass die Nummer nicht vergeben ist. Komisch. Mach’s gut Claus.“

Carlotta legt auf und schaltet ihr Handy aus.

Claus spinnt doch! Sie hat doch heute Nacht mit Achim gesprochen, so wie vorgestern und vor drei Tagen auch. Seine Stimme gehört, seine Sehnsucht.

Und dann erinnert sie sich an das Grün der Uniform und den roten Mund des Polizisten, der vor ihrer Türe steht und sie hört seine Worte, die aus seinem Mund kriechen. Kringelworte. Böse, kleine, schwarze Kringelworte:
„Sind sie Frau Wienand? Dürfen wir rein kommen?“
Im Wohnzimmer sagen die schwarzen Wortkringel zu ihr:
„Ihr Mann, Frau Wienand, er hatte einen Unfall. Einen Autounfall. Es ist vor drei Stunden passiert. Er war sofort tot.“

„Ach ja. Ach so.“ hat sie gesagt und: “dann fahren wir mal dahin, wo er jetzt ist.“
Und sie fuhr in Begleitung der Polizisten in eine Klinik, ging mit ihnen in einen Keller und dort, auf einem Metallgestell, da lag ein Männerkörper zugedeckt mit einem reinweißen Laken. Achim war so komisch still, so weiß, so kalt. Selbst ihre Küsse wärmten ihn nicht.

„Er ist tot, Frau Wienand. Sie gehen jetzt besser. Können wir jemand benachrichtigen, brauchen sie einen Arzt?“, fragte der Polizist.

„Ja.Ich sehe es. Er ist tot. Sie haben recht. Ich fahre mit dem Taxi nach Hause. Sie brauchen niemand anrufen.“ Carlotta drehte sich um und verließ die Klinik.

Die Beerdigung. Ein teurer Sarg. Ein Blumenmeer. So viele Leute, Geräusche, Licht, Farben. Von allem zu viel für Carlotta. Viel zu viel. Nur von Achim nichts mehr.
Die schreckliche Nächte, in denen sie immer wieder seinen Körper suchte. Ihre Hand, die tastend über seine Bettseite gleitet und keinen Körper findet. Die Tees in der Nacht um zwei, drei, vier, fünf Uhr in der Küche. Sie redet mit ihm, jede Nacht. Sie plant mit ihm. Bespricht sich mit ihm.

Und dann sind in ihr viele Menschen mit besorgten Gesichtern. Ihre Mutter, die aus einer anderen Stadt gekommen ist und seit Monaten bei ihr wohnt.
Carlotta steht jetzt auf von ihrem weißen Bali Bett mit rotem Samt und umfasst mit beiden Armen ihren Oberkörper.

Sie geht zu der Fruchtschale und nimmt das kleine, scharfe Obstmesser und schneidet sich tief in den Zeigefinger der linken Hand. Es schmerzt nicht. Noch ein bisschen tiefer. Ja, da ist der Schmerz. Stechend. Scharf. Blut schießt aus der tiefen Wunde.

Und weiße Wände, sie hat viele weiße Wände in ihrem kleinen Himmel.
Carlotta stellt sich in die Nähe einer Wand und schleudert mit heftigen Handbewegungen ihr Fingerblut an die weiße Wand. Tropfen, Flecken. Der weiße Putz saugt ihr Blut auf und vergrößert die Flecken. Rot. Rot. Blutrot.
Punkte und Pünktchen, die zu Streifen werden, zu Rinnsalen und langsam bräunlich versickern.

Doch dieser Finger ist jetzt leer, er gibt kein Blut mehr her. Carlotta legt ihre Lieblingsmusik auf und dreht die Lautstärke auf maximal:
Ain’t no sunshine.
Jetzt wird sie ein Fest feiern.
Sie hat noch neun Finger. Neun Finger, aus denen sie noch Farbe holen kann. Neun Finger, die all das grässliche totenweiß für immer auslöschen.

Und Carlotta dreht sich im Kreis, mit dem Obstmesser in der Hand und singt.

 

N'Abend Mai West,

Carlotta singt vor sich hin. Nein, sie singt nicht, sie summt
Das mag Geschmackssache sein - ich finde diese Relativierung gleich im ersten Satz unglücklich. Wenn sie nicht singt, sondern summt, würde ich als Leser erwarten, dass der Autor sich in diesem Punkt nicht korrigieren muss, ich sehe dazu zumindest keine Notwendigkeit.

Voller Freude schließt sie die Türe auf, diese schöne weiße Kassettentüre aus Holz, die Achim und sie gemeinsam aufgearbeitet haben. Eine Stunde bleibt ihr noch, um alles für sie vorzubereiten. Die Kerzen müssen unbedingt noch in dem Standleuchter befestigt werden, der Champagner ist schon kalt gestellt.
Zwei Adjektive würde ich nur dann bringen, wenn sie passen. Hier stört mich das 'schöne weiße'. Geschmackssache. Das 'unbedingt' würde ich streichen und auch das 'schon'.

Und genau um neunzehn Uhr wird sich sein Schlüssel im Schloss drehen und er wird den Raum betreten, den Schlüssel fallen lassen, seine Arme ausbreiten und sie wird sich hineinfallen lassen.
Diese Kombination 'fallen lassen / hineinfallen lassen' finde ich unglücklich, lies das mal laut.

Sie rollt vorsichtig den ersten Strumpf ein, um ihn dann langsam über ihr linkes Bein zu streifen. Merkwürdig, ihr Bein sieht heute irgendwie komisch aus. Unzählige dunkle Vernarbungen, Fingernagelgroße, blutige Stellen, als wenn ein Tier sie angefallen hätte.
Auf diese Stelle habe ich gewartet! Gerade fragte ich mich, was der Autor mir hier erzählen will und warum ich das lesen soll. Mal gucken, wie's weiter geht. Diese Steigerung der Spannung, Was hat es mit den Verletzungen auf sich?, kommt auf keinen Fall zu früh.

Sie dreht und wendet sich vor dem meterhohen Spiegel als sie fertig angezogen ist. Der Spiegel, den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben und ihr gefällt die Frau, die sich dort spiegelt.
Komma als sie fertig.
Der Teil von 'Der Spiegel' bis 'dort spiegelt' funktioniert mit der von dir gewählten Interpunktion nicht, lies das mal laut. Du könntest nach 'aufgestellt haben' einen Punkt machen und das 'und' streichen.

Er mag es, wenn die Taille schlank, die Brüste zierlich und der Po wie ein Apfel geformt ist.
Das 'ist' funktioniert nicht, unter anderem weil du Taille im Singular und Brüste im Plural hast.

Hin- und zurüc
hin und zurück

Sie fühlt sich ganz plötzlich unwohl.
Vorschlag: 'ganz' streichen.

Ein Gefühl von Bedrohung und Furcht sitzt ihr im Nacken, auf dem Herz.
Ne, ne, das klingt total schief.

Und Sie schreit sie an: „Gehen sie weg, weg! Ich kann das nicht ertragen. Gehen sie weg! Das ist mir zu nah!“
Das erste 'sie' klein', in der direkten Rede dann groß.

plötzlich erstaunlich ruhig und mit fester Stimme.
Plötzlich

Du musst den Test genauer Korrektur lesen. Da folgen noch eine Menge Rechtschreibfehler!

„Carlotta, Carlotta, mein Mädchen. Achim ist tot. TOT. Carlotta, seit März. Wir haben Juli, Carlotta. Wir haben ihn beerdigt. Gemeinsam.“
Ich hatte es fast befürchtet ...

„Ach ja. Ach so.“ hat sie gesagt und: “dann fahren wir mal dahin, wo er jetzt ist.“
Und sie fuhr in Begleitung der Polizisten in eine Klinik, ging mit ihnen in einen Keller und dort, auf einem Metallgestell, da lag ein Männerkörper zugedeckt mit einem reinweißen Laken. Achim war so komisch still, so weiß, so kalt. Selbst ihre Küsse wärmten ihn nicht.

„Er ist tot, Frau Wienand. Sie gehen jetzt besser. Können wir jemand benachrichtigen, brauchen sie einen Arzt?“, fragte der Polizist.

Für mich funktioniert diese Geschichte überhaupt nicht. Die Dialoge sind unglaubwürdig, und der Plot ist total abstrus!


Ich kann mit dieser Geschichte überhaupt nichts anfangen. Zum einen hast du den Text nicht Korrektur gelesen, gerade zum Ende hin gibt es Fehler en masse. Und wie gesagt, der Plot ist missglückt: Frau verliert durch ein Trauma den Bezug zur Realität und verletzt sich selbst - das ist zu wenig.

Fazit: handwerklich und inhaltlich dürftig.

Besten Gruß!
Sam

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Mai!

Ich sehe das anders als Sam. Immerhin habe ich die Geschichte interessiert zu Ende gelesen und das schaffe ich bei wirklich schlechten Texten meistens nicht. Das gute ist, dass du dir Zeit für Details nimmst; Das runde Bett als Liebesinsel, wilde Pfirsiche, aufgearbeitete Kassettentür aus Holz. Dann ist alles weiß und nur ein paar rote Tupfer sind erlaubt. Irgendwie kann ich mir diese Frau in ihrer kranken Vorfreude bildlich gut vorstellen. Das liegt dann wohl an dir.

Ja, der Plot ist nicht gerade ein Feuerwerk an Ideen, aber ich glaube, dass da durchaus Potenzial bei dir vorhanden ist, gute Themen zu finden und die auch gut umzusetzen. Das muss man lernen und deshalb bist du hier, denke ich. Ich hab auch vor kurzem eine Geschichte hier in Alltag eingestellt, die eigentlich einen verbrauchten Plot hatte, aber durch individuelle Noten und Details und neue Charaktere kann man das trotzdem nochmal interessant machen. Ich denke, es ist wichtig, dass du einfach Geschichten schreibst, die hier einstellst und dir die Kritiken zu Herzen nimmst, mit denen du was anfangen kannst. Dann kommt eine Verbesserung garantiert.

Die Beerdigung. Ein teurer Sarg. Ein Blumenmeer. So viele Leute, Geräusche, Licht, Farben. Von allem zu viel für Carlotta. Viel zu viel. Nur von Achim nichts mehr.
und
„Die Musik, die Musik! Machen sie die Musik aus, bitte! Und das Licht. Das Licht ist so hell! Und bitte lassen sie mich sofort los“, schreit Carlotta

Wegen solcher Stellen habe ich das Gefühl, das da was draus werden könnte. Das ist für mich eine gute Art, Figuren zu zeigen, ihren Charakter, ohne aufdringlich zu erzählen, sie ist so, weil ... Der Weg ist richtig.

Außerdem finde ich die Sprache nicht schlecht, ich finde sie recht lebendig und konnte den Text gut lesen, ohne über ausgelutschte Floskeln zu stolpern. Für mich kein schlechter Text, aber auch kein wirklich guter.

Lollek

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Mai,

diese Geschichte ist nicht so schön erzählt wie Dein Nichts. Sie hat mich nicht dorthin genommen, wo ich als Leser sein sollte. Carlottas Schicksal hat mich nicht wirklich berührt.

Textpflückerei:

Carlotta singt vor sich hin. Nein, sie singt nicht, sie summt,
Als Autor musst du wissen, ob sie singt oder summt
Sie ist entwischt, geflüchtet und hat sich fort gestohlen wie eine Verbrecherin, eine Sünderin.
Klingt für mich seltsam, dass sich jemand fortstiehlt, der flüchtet, aber das ist Ansichtssache.
Mit Schwung wirft Carlotta ihren schwarzen kurzen Mantel auf ihre Liebesinsel. Es ist ein rundes Bett, nachdem sie ewig lange gesucht haben, bis sie es fanden
Schon beim ersten Satz war klar, dass sie das Bett gekauft haben, also ist der Teil - bis sie es fanden - entbehrlich und störend. Generell finde ich zuviel Erzählzeit auf das Bett verschwendet. Mich hat es kurzzeitig aus der Handlung geschmissen.
Carlotta streicht die Laken noch einmal glatt, schüttelt die Kissen ein letztes Mal auf und macht sich danach an die Arbeit, die Ananas, die Melone und die wilden Pfirsiche in mundgerechte Stücke zu schneiden und auf einer Obstschale anzurichten. So, fertig. Noch eine halbe Stunde, dann ist es neunzehn Uhr.

Und genau um neunzehn Uhr wird sich sein Schlüssel im Schloss drehen und er wird den Raum betreten, den Schlüssel fallen lassen, seine Arme ausbreiten und sie wird sich hineinfallen lassen.

Du erschlägst die Möglichkeit, das Obst zu schneiden sinnlich wirken zu lassen, indem du diese Handlung zum Nebensatz des Bettenmachens degradierst.
Es ist nicht nötig zweimal zu erwähnen, dass er um neunzehn Uhr kommen wird.
In der kleinen Ebenholzkommode verwahrt sie ihre schönsten Dessous. Sie entscheidet sich für rot. Feuerrot, blutrot, leuchtend rot.
Wieviele Dessous zieht sie an? Das sind drei verschiedene Farben. Du solltest dich für eine entscheiden.
Aber Achim mag ebenso den Kontrast mit schwarz und darum greift Carlotta nach den seidigen halterlosen Strümpfen, die auf ihren perfekt geformten und glatten Oberschenkeln mit einem zart-schwarzen Rosenmuster enden.
- mit einem zarten, schwarzen Rosenmuster - Zart-schwarz ist grau. Das schwarz muss allerdings nicht mehr erwähnt werden, da der Leser ja ohnehin schon weiß, dass die Strümpfe schwarz sind. Lass dem Leser ein wenig Platz zum Selberdenken.
Rinnsal Blut unterhalb des linken Knies seinen Weg entlang des Schienenbeines sucht.
Schienbein
Fingernagelgroß ist schon nicht klein - ist ihr das nicht schon vorher aufgefallen? Beim Duschen, auf der Toilette, beim Ausziehen? Tut das nicht weh?
Sie wirft ihren roten Mantel zum zweiten Mal auf das Bett und macht sich daran, die Kerzen sorgfältig in den Leuchter zu stecken.
Carlotta hat nicht nur Kerzen gekauft sondern aus einem schwarzen Kurzmantel auch noch einen roten Mantel gemacht. Diese Bild kam relativ überraschend für mich. :-)
Die Tees in der Nacht um zwei, drei, vier, fünf Uhr in der Küche
stündlich reicht vollkommen
Doch dieser Finger ist jetzt leer, er gibt kein Blut mehr her. Carlotta legt ihre Lieblingsmusik auf und dreht die Lautstärke auf maximal:
Ain’t no sunshine.
Jetzt wird sie ein Fest feiern.
Sie hat noch neun Finger. Neun Finger, aus denen sie noch Farbe holen kann. Neun Finger, die all das grässliche totenweiß für immer auslöschen.
Hat sie sich den Finger abgeschnitten?
Die Szene im Krankenhaus finde ich unglaubwürdig. So läuft das nicht mit dem letzten Anschauen.

Generell betrachtet finde ich die Idee nicht neu, aber nicht schlecht. Die trauernde Frau, die um jeden Preis eine Situation schaffen will, die es nicht geben kann und dann unaufhaltsam in den Wahnsinn oder zumindest einen Nervenzusammenbruch steuert.
Die Ausarbeitung relativ ungeschickt und unvollständig. Wenig Spannung und der Wahnsinn nicht fühlbar.
Mai, da ist noch mehr drin.

Liebe Grüße, Kürbiselfe

 

Kalte Nacht

@ alle Kommentatoren:

es sind wertvolle Hinweise, die ihr mir gegeben habt. Ich danke euch dafür. Ich lese hier manchmal von Autoren: "...und dann habe ich mal die Geschichte genommen, damit sie mal fachmännisch auseinander genommen wird, weil ich glaube dass es keine gute Geschichte ist."

Dann ärgere ich mich. Ich denke dann: Das ist frech! Warum sollte ich Kritiker, die Zeit und Mühe verwenden, mit einem Text beschäftigen, den ich von vorn herein als nicht gelungen ansehe?

So ist es bei dieser Geschichte nicht. Tatsache ist: Ich hatte gar keine Meinung dazu. Null. Und darum ist mir jedes Feedback von euch wichtig.

Diese Geschichte ist sehr untypisch für meine Schreibe- weil sie sehr lang ist. Ich habe sie vor ca. zwei Jahren geschrieben und mir immer wieder mal vorgenommen und saß dann ratlos davor.:confused: Ratlos, weil ich intuitiv spürte, dass es mir nicht gelingt, den Wahnsinn, der Carlotta spaltet zwischen normalem noch im System irgendwie zu funktionieren und dem Abtauchen in die Unwirklichkeit deutlicher zu machen.:dozey:

Ich glaube fast, dass ich eure Hinweise für eine andere, eine neue Geschichte beherzigen sollte, weil ich momentan keine zündende Idee habe, wie ich die Geschichte besser und packender gestalten kann.:hmm:

Im Moment habe ich das Gefühl: Alles, was ich daran ändern würde, wäre eine Verschlimmbesserung. So, wie ein Bild, dass ich viermal übermale und dann ist es nur noch grauer Quas...

Seid sicher: Eure Kritik kommt an und wird gerne genommen.

Die Mai mit Grüßen.

 

Ihr Herz stolpert vor sich hin,
zeigt die Nähe von Liebe und Herzerkrankung.

Hi, Mai!,

aber gegenüber Vorrednern frag ich mich, warum muss ein Autor wissen, ob dass, was sein Protagonist treibt doch singen oder eher summen wäre?
Ich empfinde es als angenehm, wenn ein Autor nicht seine Allwissen- und somit Gottgleichheit für seine Geschöpfe hervorkehrt. Manchmal wird ja auch in Liedern gesummt (bei mir wird's immer ein Brummen).

„Unser kleines Stück Himmel“[,] nennen Achim und sie diese liebevoll restaurierte Wohnung in der alten Villa. Sie haben sie mit viel Liebe und wenig Möbeln eingerichtet. Was brauchen sie schon für die Liebe?
Neben dem fehlenden Komma (ohne Komm"a"ntar) fällt in den drei Sätzen die Häufung von Personalpronomen und Liebe (3 x) auf, das „sie“ (davon einmal im Plural, 4 x)
Es gibt viele Möglichkeiten , die Platzhalter zu variieren: die Namen, das Geschlecht als Mann/Frau, oder (was natürlich nur einem romantischen Ironiker einfallen kann) die vertraute Anrede „unsere Freundin/Bekannte“ u. a., als sprächestu auch mit Deinen Figuren.
Noch sind wir ja froher Dinge …
…, und obwohl sie sich schon zehn Jahre verheiratet sind, …
Da hastu wahrscheinlich eine andere Formulierung gleichzeitig vor Augen gehabt. Sich erscheint mir hier entbehrlich …
…, ihr Bein sieht heute irgendwie komisch aus.
Warum lacht keiner? Ungewohnt sieht es aus, besser wäre aber „seltsam“, das Komische bleibt der wörtlichen rede vorbehalten, so spricht eben Carlotta.

Immer wieder Kommas, aber auch Gemischtes:

Sie dreht und wendet sich vor dem meterhohen Spiegel[,] als sie fertig angezogen ist.
(wurde vorne schon mal angesprochen, hab jetzt nicht parat, von wem).

Der Spiegel, den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben und ihr gefällt die Frau, die sich dort spiegelt.
Der Anfang ist m. E. nicht korrekt: Bis zum „und“ gehört der Satz zum vorhergehenden Satz und da sollte nicht der Nominativ, sondern eher Akkusativ verwendet werden, was dann auch aufs ende betrachtet den „Spiegel“ entbehrlich macht, denn was soll er anderes tun als
a) stehen und
b) zeigen, pardon, „spiegeln“.
Und wenn wir gerade dabei sind: warum nicht statt „spiegeln“ „sehen“, denn was bliebe vom Spiegel, wenn Carlotta sich nicht darin sähe?
Was ginge also verloren, wenn der Satz etwa so aussähe:
De[n], den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben[,] und ihr gefällt die Frau, die sich dort [sieht],
was natürlich ganz schön selbstverliebt klingt und doppelt reflexiv (Spiegelung – sich selbst sehen).

Au Backe! Ernüchternde Feststellung oder doch eher bloße Vermutung: hätte Carlotta nur eine Backe? Aber doch ein schönes Bild der Zeitlich- und Endlichkeit, wenn der Apfel lange liegt, verschrumpelt, gar wurmstichig wird

… und der Po wie ein Apfel geformt ist.

… Hin- und zurück, …
Beides klein, also auch „hin“, wie weiter unten beim
Ein- und [a]us.

Sie greift nach ihrem Geld, Schlüssel und Handy[,] dann läuft sie los.
Kommantarlos ...

… sitzt ihr im Nacken, auf dem Herz.
Herz + en
… schnell.[…]Was …
Leertaste zwischen Satzzeichen und Folgewort

Ohne Kommantar, aber dann doch zu den Anredefürwörtern ...

Frau Wienand[,] beruhigen Sie sich doch![…]Brauchen ie ein Glas Wasser?
Schau auch vorsichtshalber in den nachfolgenden Sätzen nach …

Er sagte, ihr beide komme heute zurück
???

Sie brauchen niemand anrufen.
Wer brauchen ohne zu gebraucht ... kennstu bestimmt.
Besser: anzurufen

Die schreckliche Nächte, …
schreckliche + n

Zu Anfang ein kleiner Reim von mir, zum Ende einer von Dir:

Um fünf nach sieben ist sie dort, in ihrem Hort.
Gefällt mir zum Abschluss, wenn auch mit entbehrlichem Komma.

Gruß & gern gelesen vom

Friedel

 

Schamrot

Lieber Friedel,

was soll ich sagen? Schäm. Mann o Mann. Welche Anhäufung von Fehlern.
Eklig.
Ich kann vielleicht momentan die Geschichte inhaltlich nicht so umschreiben, dass sie so wird, wie ich sie mir vorstelle:shy:
Aber ich kann sie ein bißchen freundlicher für die Augen gestalten.

Und das mache ich jetzt einfach mal.

Danke für die viele Mühe, die Du dir gegeben hast.

Ich lese Deine Kommentare immer sehr gerne.:lol:

Danke

 

Nix zu danken,
Dank genug ist

Ich lese Deine Kommentare immer sehr gerne,
was ich nun wieder gerne lese.

Fehler machen wir alle,

liebe Mae, pardon, Mai.

Gruß vom gegrillten

Friedel

 
Zuletzt bearbeitet:

Moin Mai, ich fang denn mal einfach an:

„Unser kleines Stück Himmel“ nennen Achim und sie diese liebevoll restaurierte Wohnung in der alten Villa. Sie haben sie mit viel Liebe und wenig Möbeln eingerichtet. Was brauchen sie schon für die Liebe?
Dreimal Liebe!

Mit Schwung wirft Carlotta ihren schwarzen kurzen Mantel auf ihre Liebesinsel.
Dass der Mantel schwarz und kurz ist, interessiert nicht unbedingt und hemmt nur den Lesefluss. Auch das das Bett rund ist und in einem auf balinesische Möbel spezialisierten Geschäft gekauft wurden ist zwar ein nettes Detail, ich suche aber als Leser einen Grund, weshalb du es so ausführst.

Das einzige Zugeständnis an Farbe sind die roten Samtkissen und ein rotes breites Samtband, das schon zu allerlei Liebesspielen bereitliegt. Achim liebt es, das Band um ihren Körper zu schlingen, um sie dann wieder auszupacken wie ein Geschenk und sie auf seine intensive Art zu lieben. Carlotta ist verliebt in seinen unermüdlichen Einfallsreichtum, und obwohl sie sich schon zehn Jahre verheiratet sind, kommen sie nie an den Punkt der Langeweile, des Überdrusses oder der Gleichgültigkeit.
…intensive Art zu lieben, unermüdlichen Einfallreichtum, Punkt der Langeweile, des Überdrusses oder der Gleichgültigkeit. Das ist mir alles zu allgemein, zu viele Substantivierungen – was soll ich mir darunter vorstellen, da entsteht kein Bild.

Carlotta streicht die Laken noch einmal glatt, schüttelt die Kissen ein letztes Mal auf und macht sich danach an die Arbeit, die Ananas, die Melone und die wilden Pfirsiche in mundgerechte Stücke zu schneiden und auf einer Obstschale anzurichten. So, fertig. Noch eine halbe Stunde, dann ist es neunzehn Uhr.
Hier nimmst du den Leser mit auf die Reise, zeigst, was passiert, auch wenn es sehr langatmig ist. Das „So, fertig“ passt für mich hier nicht rein.

Und genau um neunzehn Uhr wird sich sein Schlüssel im Schloss drehen und er wird den Raum betreten, den Schlüssel fallen lassen, seine Arme ausbreiten und sie wird sich hineinfallen lassen.
Eine solche Wiederholung (neunzehn Uhr) kann man zwar als Stilmittel einsetzen, aber hier passt es nicht, verlangsamt es den Lesefluss. Mit der Aneinanderreihung von (Halb-)Sätze würde ich vorsichtiger sein und sie auf jeden Fall nicht in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen benutzen.

In der kleinen Ebenholzkommode verwahrt sie ihre schönsten Dessous. Sie entscheidet sich für rot. Feuerrot, blutrot, leuchtend rot.
Rot steht ihr gut, und Achim mag das transparente Oberteil und den String.
Ganz schön viel Rot. Warum schreibst du nicht zumindest beim zweiten Satz „Die Farbe …“ oder wählst eine Variante, die Rot umschreibt.

Sie rollt vorsichtig den ersten Strumpf ein, um ihn dann langsam über ihr linkes Bein zu streifen. Merkwürdig, ihr Bein sieht heute irgendwie komisch aus. Unzählige dunkle Vernarbungen, Fingernagelgroße, blutige Stellen, als wenn ein Tier sie angefallen hätte.
Da kommt mir jetzt die Wendung zu schnell und brutal. Du schlüpfst hier quasi in die Rolle einer Ich-Erzählerin, das ist mir ein zu großer Bruch. Ohnehin denkt Carlotta im nächsten Abschnitt:
„Komisch“, denkt Carlotta, „wo kommen diese Verletzungen denn her?“
Interessiert kratzt Carlotta an einem der rot aussehenden, merkwürdigen Flecken und sieht zu, wie ein dünnes Rinnsal Blut unterhalb des linken Knies seinen Weg entlang des Schienenbeines sucht.
Sprich: das ist doppelt. Da würde ich nur die letzte Variante nehmen.
„Carlotta rollt vorsichtig den ersten Strumpf ein, um ihn dann langsam über ihr linkes Bein zu streifen.
„Komisch“, denkt sie, „wo kommen diese Verletzungen denn her?“
Interessiert kratzt sie an einem der rot aussehenden, merkwürdigen Flecken und sieht zu, wie ein dünnes Rinnsal Blut unterhalb des linken Knies seinen Weg entlang des Schienenbeines sucht.“

Carlotta lacht, weil Rot ihre Lieblingsfarbe ist. Sie verfolgt mit den Augen den Blutlauf und streift den Strumpf über den Fuß und zieht ihn hoch. Das Blut dringt durch das feine Gewebe, aber sie merkt es nicht.
Das war mir zu viel an dieser Stelle. Ich würde es streichen.

Nun ist das andere Bein an der Reihe: Es hat ähnliche Verletzungen. Naja. Achim wird es nicht stören und irgendwie scheint das Bein so gar nicht ihr zu gehören. Jetzt wundert sie sich.
Mehr als wahrscheinlich, dass das andere Bein genauso aussieht, oder? Das „Naja“ ist wieder gedacht und passt eher zu einer Ich-Erzählerin. Der folgende Satz bringt zwei unterschiedliche Aspekte verbunden mit einem „und“ zusammen. Zu viel, zu schnell. Dann das „Jetzt wundert sie sich.“ Worüber, über Achim oder darüber, dass das Bein nicht zu ihr gehört. Würde ich auch streichen, da nicht nur unverständlich, sondern auch überflüssig.

Sie dreht und wendet sich vor dem meterhohen Spiegel als sie fertig angezogen ist. Der Spiegel, den sie zusammen am Fußende des Bettes aufgestellt haben und ihr gefällt die Frau, die sich dort spiegelt.
Der Spiegel, in dem sie sich spiegelt. Dann drei Mal Spiegel bzw. spiegelt. Puh! Da fehlt es aber an der Überarbeitung, das sieht eine halbwegs erfahrene Autorin beim ersten Lesen (sorry, musste jetzt sein).
Dabei ist die Szene als Abschluss gar nicht so schlecht. Nur zu umständlich, verliebt in Details, die nicht so wichtig sind.

„Du bist schön“, sagt sie, „du wirst Achim gefallen! Er mag es, wenn die Taille schlank, die Brüste zierlich und der Po wie ein Apfel geformt ist. Und er liebt dunkelblaue Augen.“
Wieder eigentlich ein guter Ansatz, aber am Schluss zerredet. Gott, wer sagt das denn so zu sich selbst oder seinem Spiegelbild. Zu gestelzt, zu durchdacht. Sprech das doch mal laut vor dir hin. Ne! Vielleicht etwas in dieser Richtung?
„Du bist schön“, sagt sie ausgelassen in den Spiegel hinein. „Achim mag das, glaub mir. Deine Taille, die kleinen Brüste, deinen Apfelpo. Und deine Augen. Sie sind wunderschön.“

Es ist schon Viertel vor sieben, als Carlotta feststellt, dass sie die Kerzen vergessen hat. Sie muss noch einmal schnell zum Laden an der Ecke laufen.
„Wie blöd“, denkt sie.
„Ich schaffe es in acht Minuten Hin- und zurück, wenn ich schnell laufe.“
Macht es hier nicht Sinn, überzuleiten und dafür lieber die Szene, die ja auch nur eine Überleitung ist hin zum Einkaufen, kürzer zu formulieren?

Sie wirft ihren Mantel über die Dessous und knöpft ihn zu. Sie greift nach ihrem Geld, Schlüssel und Handy dann läuft sie los.
Klar knöpft sie ihn zu, kannst du auch schreiben, aber nicht (auch das Folgende) nicht in einer solchen Aufzählung. Das muss eleganter daherkommen bzw. wofür sind das Geld, der Schlüssel und das Handy wichtig. Wenn sie nachher kein Geld beim Bezahlen hat, werde ich es schon erfahren, wenn sie vor der verschlossenen Tür steht ebenso und das Handy benutzt sie doch gar nicht. Wenn du damit ausdrücken willst, dass sie sich hier wieder ganz normal verhält, dann gibt es da sicher noch einen anderen Weg.

„Carlotta wirft im Herausgehen ihren Mantel über, will die Wohnungstür öffnen, als ihr Blick auf die nackten Füße fällt. Sie grinst, nennt sich eine Närrin, bevor sie in die roten Pumps schlüpft und elegant die Treppe hinunterschwingt.“

Keine Ahnung, ob dass das Befinden von Carlotta trifft, dass kannst nur du sagen. Nur mal so schnell dahingeschrieben …


So, ich hör mal mit dem Detailkram auf. Die Geschichte könnte wirklich was werden. Lass alles nicht so offensichtlich sein, lieber normalen Alltag, in dem sich langsam das Grauen einschleicht. Auch die endgültige Auflösung durch das Telefongespräch wirkt zu aufgesetzt. Da musst du wohl noch mal ran. Der Dialog da klingt gestelzt. Das ist immerhin die große Auflösung, die kann nicht so lapidar daher kommen.

Mai, es ist hier zu heiß, ich kann nicht mehr denken und meine Finger kleben an der Tastatur. Aber ich denke, es reicht vielleicht für ein paar Anregungen.

Bin gespannt auf deine weiteren Geschichten.

Herzlichst Heiner

 

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