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Eine ganze Menge
Wenn das Blatt Papier noch weiß ist, unbedarft und mit dieser schalen Leere übergossen, beginnt für den, der darauf starrt, die Zeit der aneinander gereihten Augenblicke. Ein Film läuft vielleicht ab und jeder darin vernommene Augenblick hat seine kleine Idee impliziert. So stolpern diese Ideenheere gegeneinander und voneinander weg. Manche davon sind sich dermaßen ähnlich, dass sie beschließen, fortan gemeinsame Sache zu machen. Andere wieder mögen sich nicht, gehen sich aus dem Weg und verlieren sich als ungefragte Einzelgänger. Wobei eine kleine Idee darunter ist, die schön langsam wächst und den Einstieg erleichtert, aber damit das Ende noch lange nicht zu erzwingen vermag. Es ist also eine Idee da, unterstützt von einem Willen - der aber nicht selbstredend mit dieser gepaart sein muss – den Hohlraum dieses Blattgefäßes mit Worten aufzufüllen. Der Wille kann in eine Richtung zwingen, muss es aber nicht, weil da noch diese Vorstellung herumspaziert, wie es denn mit der Fantasie so stünde.
Wenn also der Wille mit all seiner Stärke nichts anderes als den Konstrukt der kommenden Worte zulässt, wird es so geschehen, weil es die offenkundigste und einfachste Möglichkeit ist. Die Worte werden Sätze bilden, die sich wiederum in ernsten Absätzen ohne Absichten das bekannte Gleichgewicht halten werden. Am Ende ist die schale Leere des weißen Blattes bemüßigt, sich mit einer Geschichte zu befassen, die nett ist und irgendwie bekannt. Nicht mehr und nicht weniger. Es steht was da und es interessiert kaum, weil das Desinteresse durch Oberflächlichkeit leicht gemacht wird. Das sind die gewollten, weil von irgendwo beeinflussten Konstrukte, die immer wieder aufs Neue die Belletristiklisten anführen, an denen sich die Geisterschreiber ihre goldenen Füllhalter verdienen. Es sind die glanzlosen Perlen unbewusster Plagiate, die vor die lesenden Säue verschüttet werden. Es geht also ganz leicht und es bedarf dazu weniger des Könnens, sondern vielmehr des geführt Werdens in eine Richtung, die dem Zeitgeist entspricht. Der Zeitgeist ist die kritische Leserschaft, die, wenn sie gerade nichts zu lesen vorgesetzt bekommt, gerne anderweitig intrigiert, um abzulenken. Das ist die arme Seite des Blattes Papier, von dem hier die Rede ist. Deren Rücken trägt schwer an den Narben der darin eingravierten Mutlosigkeit und hätte nach wie vor viele saubere Plätze für die Fantasie zu vergeben.
Doch wie es sich auch rollt und biegt, dieses Blatt, und reißen möchte an den Ecken: Sein Stigma ist wiederkehrend, weil die Säue nicht aussterben.
Die andere Blattseite – die mit dem Glück in der Tasche und darauf – darf den Mut kennen lernen, die Fantasie, die keiner Leine Widerstand entgegenhalten muss, weil sie keine Leine kennt und dieses Unbekannte erst die Kunst des Schreibens ausmacht. Der ganze Bauch mit seinem Gefühl hat auf ihr Platz genommen und schwingt und treibt voran und lässt das Denken erzittern. Die paar Wenigen, die mit den glanzlosen Perlen noch nie was am Hut hatten, sind ganz aufgebracht und erkennen sich wieder in der Gravur der Glücksseite. Es ist ein Geben und Nehmen und es bedarf keiner Regelung und Gesetzmäßigkeit, weil der Respekt vor dem, was niedergeschrieben wurde, dies alles beinhaltet. Wo erlebter Inhalt und dessen Aussage durch recherchierte Fantasie entstanden sind, bedarf es keiner Ordnungshüter, um ein vermeintliches Chaos zu hinterfragen.
Der Leser ist quitt mit dem Autor und umgekehrt. Das ist das Kriterium dahinter. Und das ist gut so und wichtig, weil die Beziehung erst dadurch nicht im Dilemma endet.
Nicht immer bleibt die Stille Teil dieser Texte und oft genug will und muss Aufruhr provoziert sein, weil das geschriebene Wort – auch als Instrument einer versteckten Botschaft - das zulässt. Anerkennung will nicht erwartet werden. Toleranz und das Denken darüber schon. Das geht nicht immer gut aus, weil ein in den geheimen Leseecken wachsender Unmut plötzlich die Selbstdarstellung zu sehen vermeint, den Zynismus zu erkennen glaubt, gar auch die Selbstgefälligkeit ironisch verpackt sehen will. Wenn das geschriebene als auch das kritische Wort zur ständigen Rechtfertigung gezwungen wird und die Literatur zur Erklärung verkommt, ist es Zeit, das Bemühen um das Denken zu Ende zu bringen.
Es gibt noch zu viel zu tun, als dass es das gewesen sein könnte.
Aber es ist viel passiert und das ist auch eine ganze Menge.