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Eine Frage der Betrachtung

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08.08.2002
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Eine Frage der Betrachtung

„Was brachte Sie eigentlich hierher, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Nachdem was Sie mir so erzählten während unserer gemeinsamen Fahrt auf der Fähre, scheinen Sie ein sehr ungezwungenes und freies Leben zu führen?“ Diese Frage stellte eine freundlich lächelnde Studentin einem mit Akzent sprechenden Mann im Rollstuhl. Um sich die Fahrtzeit zu verkürzen plauderten sie seit einigen Minuten harmlos und unverbindlich. Inzwischen bewegten sie sich durch die Ankunftshalle der Schiffsanlegestelle und strebten im dichten Gedränge dem Ausgang zu.

„Wissen Sie, eigentlich verdanke ich meine Unabhängigkeit einem alten Freund. Er sagte mir immer dann, wenn ich mir Gedanken über ein erträumtes Leben frei von allen Zwängen machte, mit hängenden Schultern und resignierend: 'Ach Freund, wenn wir versuchen uns zu bewegen, spüren wir erst die Ketten und erkennen wie gefangen wir doch sind.'

Das machte mich sehr nachdenklich. Ich senkte eines Tages betrübt den Kopf und blickte auf die schweren eisernen Ketten der Sicherheit welche mich am Gehen hinderten, mich fesselten und der Grund meiner Unfreiheit sein sollten. Dann nahm ich eine Hacke und schlug mir die Beine ab.“ Die Studentin riss in entsetztem Staunen den Mund auf und blickte dem Rollstuhlfahrer nach wie er mit einem lauten „Yippieeeee“ seine Fahrt den Highway entlang beschleunigte.

 

Hallo Schnee.eule,
eigentlich weiss ich gar nicht so richtig, was ich zu deiner Geschichte sagen soll. Sie ist vom Stil her gut geschrieben, aber ich glaube vom Inhalt her gefällt sie mir nicht so. Auf jeden Fall hast Du erreicht, dass ich nach dem Lesen erstmal dasass und dachte: "Uhps,was war denn das jetzt." Ich muss glaube ich noch mal drüber nachdenken.
Im letzten Satz würde ich nach dem Wort nach vom Gefühl her ein Komma setzen.

LG
Blanca

 

hallo Schnee.eule!

Mir hat Dein kurzer Text sehr gut gefallen. Vor allem die Umkehrung von Freiheit, Unfreiheit. ICh verstehe den Text eigentlich nciht ganz wörtlich, sondern eher übertrgaen: sich von Sicherheit losreißen, zum Leben, zur Freiheit. Und mit dieser Aussage bringt mich der Text sehr zum Nachdenken. Brauchen wir nicht auch ein bisschen Sicherheit, um Freiheit erfahren zu können?

Du hast beim zweiten Absatz Anführunszeichen stehen...die haben mich verwirrt, da die Rede ja weitergeht....

Ein gelungener Text, Eva!

liebe Grüße
Anne

 

Hallo schnee.eule,

frei ist man, weil man sich die Freiheit nimmt, und sie nutzt.
So ungefähr habe ich deinen Text verstanden. Dazu bedarf es manchmal eben auch drastischer Mittel.

Gerade im Hinblick auf die gegenwärtige Specialkategorie frage ich mich ein bisschen, warum du deine Geschichte wohl nicht dort gepostet hast.
Ntürlich geht es nicht in erster Linie um Behinderungen, sondern darum wie wir uns selbst behindern, aber gerade deswegen denke ich, es hätte gepasst.

Ein guter kurzer zum Nachdenken anregender Text.

Lieben Gruß, sim

 

Hallo schnee.eule,

der Text zeigt eine der sprachlichen Facetten, die Du beherrschst. Knapp und sachbezogen der Dialog, die Schilderung des Umfelds. Genauso ´einfach´ wie der Schlüssel zur Freiheit, den der Rollstuhlfahrer gefunden zu haben glaubt.
Wie kommt man in das land der unbegrenzeten Möglichkeiten, wenn die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind? Dadurch, dass man sich selbst befreit, von den Ketten der Sicherheit, durch Tat und Änderung der Betrachtungsweise.
Doch ist es die wahre Freiheit, oder nur die durch Ignoranz gewonnene, aufgrund von mangelnder Bewegungsfähigkeit, die den Versuch unterbindet, die Ketten zu spüren?
Yppieee - Illusion ist Glück!?

Ein schöner Text, ungewöhnlich und trotzdem schnee.eulig...

Liebe Grüße,

tschüß... Woltochinon

 
Zuletzt bearbeitet:

Servus Blanca!

Danke, dass du dich trotz unangenehmer Verwunderung nicht abgewendet hast, sondern nachdenklich mit dem Text umgehst. Ich wurde mit dem Kettensatz vor Wochen konfrontiert und es war unangenehm für mich schon wieder auf ein Festgebundensein zurückgeworfen zu werden. Dieses "sich nicht lösen können" zu überwinden ließ dieses Bild entstehen und hat mich für den Augenblick gedanklich doch sehr frei gemacht.

Lieben Gruß an dich - Eva

Hallo Maus!

Durch Unfreiheit frei zu werden ist ein interessanter Betrachtungspunkt. Natürlich ist der Text übertragen gemeint, da hast du recht. Unfrei ist man oft durch innere Schranken denen man unbewusst zuviel Bedeutung beimisst. Die Sicherheit, die es wie du sagst ja auch braucht wäre z.B. diesen Schranken zu ignorieren, aber deshalb nicht in den Zug zu laufen, sondern eine Brücke (oder eine hohe Spielplatzrutsche !!!) über die Geleise zu bauen. Der Schranken ist zwar noch da, aber es wurde ihm jede Bedeutung genommen.

Herzlichste Grüße - Eva


Servus Sim!

Vielen Dank für die Kritik. Frei ist wer die Freiheit nutzt? Wär schön - so leicht ist es halt leider nicht. Denn da sind ja eben die Ketten die am Handeln hindern. Das hier drastische Mittel ist, sich der Fesseln samt der Beine zu entledigen und gerade dadurch erst beweglich zu werden. Besser ist es aber die Beine zu behalten und einen Weg zu finden die Ketten als das zu erkennen was sie sind - nämlich entbehrlich.

Von einer Spezialkategorie wusste ich nichts, wenn sie sich jedoch mit Behinderungen beschäftigt würde ich diesen Text nur dann dorthinstellen, wenn ich selbst eine Behinderung hätte, sonst schiene es mir sehr anmaßend. Meinst du nicht?

Einen lieben Gruß - Eva


Lieber Woltochinon!

Jaaa - da ist gleich der Philosoph in dir erwacht und spinnt einen weiteren Nachdenkfaden. Gibt sich der Prot. da nur einer Illusion hin, wenn er seine Ketten ignoriert? So meinst du es doch? Damit bestätigst du ihm, dass seine Ketten Realität sind.

Sie sind meiner Meinung nach aber nur so real wie wir Menschen ihnen ein geistiges Fundament bieten - und dieses Fundament ist immer Anerkennung ihrer Macht aus Angst. Angst um den Verlust sicherer Pfade, Angst vor dem Verlust von Liebe, Angst vor der eigenen Courage, Angst um die Existenz. Also freundet sich der Mensch mit seinen Ketten an und pflanzt Efeu am Eisen entlang. Dann sind sie gar nicht mehr so trostlos, sogar vorm Davonfliegen schützen sie uns in Sturmzeiten, und sind so wunderschön begrünt. Ist diese Illusion nicht eine noch größere Selbstlüge?

Herzlichen Gruß - Eva

 

Hallo schnee.eule,

ja, aber eine bequeme!
Dass Dein Prot. so viel opfert, um sich belügen zu können, erinnert mich an Menschen, die es sich in einer Sache das Leben schwer machen, um sich gewissermaßen zu beweisen, wie engagiert sie etwas tun, somit ist für sie ihr Soll erfüllt.

Alles Gute,

tschüß... Woltochinon

 

Von einer Spezialkategorie wusste ich nichts, wenn sie sich jedoch mit Behinderungen beschäftigt würde ich diesen Text nur dann dorthinstellen, wenn ich selbst eine Behinderung hätte, sonst schiene es mir sehr anmaßend. Meinst du nicht?

Mir erschiene das nicht anmaßend, und die Sonderkategorie zum Jahr der Behinderten ist glaube ich auch nicht so gemeint, dass nur Behinderte dort schreiben sollen. ;)

Ansonsten bin ich mit meiner Lesart der Geschichte fürchte ich zu undeutlich geblieben, denn natürlich hatte ich das Abhacken der Beine so interpretiert, dass es für deinen Prot eben die Maßnahme war, sich seiner Ketten zu entledigen, sich seine Freiheit zu nehmen, und fortan auch nciht mehr nehmen zu lassen. ;)

Lieben Gruß, sim

 

Servus Woltochinon!

Unergründlich sind manche Wege, jeder versucht es halt auf seine Art ....

Lieben Gruß Eva


Hallo Sim!

Alles klar, ich meinte nur, "DIESE" Geschichte in ein Behindertenspecial zu stellen wäre seltsam. Es ist gut dass du mir sagtest, dass es die Rubrik gibt, denn ich überlege ernsthaft, wie ein Prot. der sich quasi selbst verstümmelt und seinem Leben durch ein Dasein im Rollstuhl mehr Spielraum und Beweglichkeit verschafft auf einen ungewollt behinderten Menschen wirken mag. Ich denke, wahrscheinlich wie wir alle wird der eine drüber lachen können, und der andere es als Provokation empfinden.

Lieben Gruß Eva

 

Hallo Eva!

Ich habe die Geschichte vor ein paar Tagen gelesen und sie ging mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf.

Eigentlich liest sie sich wie eine Parabel (ich hoffe ich irre mich nicht in der Kategorie). Sie ist kurz, hat aber sehr starke Metaphern und ist inhaltlich sehr aussagekräftig.

Warum hat der Prot. anstatt seiner Beine abzuschlagen nicht die Kette mit der Hacke entzwei geschlagen? Es ist wahrscheinlich einfacher, von sich selbst etwas herzugeben als die Aussenwelt seinen Vorstellungen anzupassen.

Insgesamt kann ich die Geschichte sehr gut nachvollziehen. Was meinst du wohl, was ich machen würde, wäre ich da nicht an gewisse Ketten gebunden? ;)

lg
Judith

 

Hallo Eva

Die körperliche Freiheit einengen um Freiheit des Geistes zu erlangen.

ein interesantes Thema, dem eine längere Geschichte auch nicht Schaden könnte. Trotzdem geling es dir in wenigen Sätzen es auf den Punkt zu bringen und die Gedanken Anzuregen.

Viele grüße

Heli :)

 

Servus Klara!

Ein Gleichnis quasi? Aber ja, warum nicht. Die Ketten hätte er durchschlagen können statt der Beine ....

Das ist meist unmöglich weil Menschen sich an diesen Ketten ja sogar noch anhalten, sich durch sie in Sicherheit wähnen. Die Erkenntnis dieses sich selbst Ausgeliefertseins hat den Prot. ganz fertig gemacht und dann war es plötzlich ganz einfach. Er setzt einen Schnitt der sichtbar, eindeutig und nicht mehr rückgängig zu machen ist. Er kann nicht mehr in das Leben zurück das er hatte, er hat sich selbst überlistet.

Wäre die Frage über Klaras ungefesselte Lebensart tatsächlich hier an mich gestellt und nicht nur rethorisch - da fiele mir schon Manches ein ... :D

Lieben Gruß an dich - Eva

Servus Heli!

Du hast es noch kürzer auf den Punkt gebracht. Körperliche Einengung ermöglicht geistige Befreiung.

Eine längere Geschichte daraus zu machen wäre natürlich möglich. Aber ich glaube dieser Text lebt vom Augenblick, vom Finger der sich kurz aber heftig in eine Wunde bohrt und dadurch erinnerlich wird. ;)

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo schnee.eule,

denn ich überlege ernsthaft, wie ein Prot. der sich quasi selbst verstümmelt und seinem Leben durch ein Dasein im Rollstuhl mehr Spielraum und Beweglichkeit verschafft auf einen ungewollt behinderten Menschen wirken mag.

Erlebt der ungewollt behinderte Mensch das nicht auch an Menschen, die sich zum Beispiel durch ihre Lebensweise selbst verstümmeln (da nehme ich mich als Raucher gar nicht aus)?


der Gedanke führt vielleicht immer weiter von deiner Geschichte fort, auf der anderen Seite finde ich es einen schönen Hinweis auf den Wert einer Geschichte, wenn sie in den Gedanken weiter führt.

Lieben Gruß, sim

 

Liebe schnee.eule,
ein feines, ungewöhnliches Geschichtchen mit einer überraschenden Wendung, die mich gleichermaßen lachen und den Kopf schütteln lässt. So muss es sein, bei solchen kurzen Texten. :thumbsup:

Eine kleine Kritik habe ich in Anlehnung an die alte Journalistenregel: Stelle einem Interviewpartner nie zwei Fragen hintereinander. Er wird nur auf eine antworten - auf die, bei der es ihm leichter fällt.

Zugegeben, die Regel gilt nicht automatisch für Prosa-Texte. Aber mich beschleicht doch so eine Ahnung, dass der Einstieg besser wäre, wenn die Studentin nur eine Frage stellen würde, nämlich die, wie der Rollstuhlfahrer ins Land der Unbegrenzten Möglichkeiten kam. Dass er ein so freies, ungezwungenes Leben führt, erfährt man ja spätestens am Schluss. Außerdem würdest du so die Aufmerksamkeit gleich auf die unbegrenzten Möglichkeiten richten.

Bei der doppelten Frage hatte ich zunächst den Eindruck, die Studentin würde einfach nur wissen wollen, wie er in die USA kam (Job, Freundin, Familie?) - und diese Frage wird dann gar nicht beantwortet.

Sonst hat mir Dein Text Vergnügen bereitet, und dieses Vergnügen nehme ich jetzt mit ins Pfingstwochenende!

LG, Nyx :)

 

Servus Nyx!

Die Frage was ihn eigentlich hergebracht hat wird nur durch eine Feststellung unterstrichen. Das Fragezeichen dahinter dient einzig dazu sicherzustellen, dass sie mit ihrer Vermutung richtig liegt. Oberflächlicher small talk halt.

Es freut mich, wenn dir dieser "short cut" Lächeln und kopfschüttelnde Verwunderung bereitete. ;)

Der eigentliche Irrsinn des Mannes ist es ja die Unfreiheit durch neuerliche Einengung zu überwinden. Sein radikaler Lebenseinschnitt brachte im Grunde nur andere Einschränkung hervor. Der extreme Wechseln der Ketten macht ihn euphorisch. Frei hat es ihn nicht gemacht.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

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