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Eine Eisenbahn-Entdeckungsfahrt

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06.07.2012
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Eine Eisenbahn-Entdeckungsfahrt

Als leidenschaftlicher Autofahrer habe ich seit dem Erwerb des Führerscheins nur selten öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Nun komme ich aber in die Jahre und das Autofahren ist, besonders auf langen Strecken, nicht mehr die reine Freude für mich. Deswegen entschied ich mich neulich, als eine Fahrt von Hamburg nach Frankfurt anstand, die Bahn zu benutzen. Es war zwei Tage vor Weihnachten, der Zug war nicht nur gut besetzt, sondern stark überfüllt. Aber mir konnte ja nichts passieren, hatte ich doch eine Platzkarte, während die anderen Fahrgäste im Gang stehen mussten und viele junge Reisende auf ihren Koffern oder auf dem Boden saßen.

Von meinem Platz aus, der sich in der ersten Reihe hinter einer Sitzinsel befand, bestehend aus einem Tisch und sechs Stühlen, konnte ich mühelos beobachten, was sich dort abspielte. An der hinteren Tischseite hatte ein Pärchen in den Mittzwanzigern Platz genommen. Er saß über seinen Laptop gebeugt, starrte auf das Display und griff gelegentlich in die Tastatur. Sie war mit Mikro-Kopfhörern ausgerüstet und ließ sich während der Buchlektüre mit Musik berieseln. Neben ihr saß ein junges Mädchen, geschmückt mit Piercings in Nase, Lippen und Zunge, das zur Musik, die aus seinen Kopfhörern dröhnte, rhythmisch den Kopf bewegte. Als das Jungblut den Stöpsel aus dem rechten Ohr zog, um ein Handy-Gespräch zu führen, welches recht laut ausfiel - musste doch die Musik des linken Ohrs übertönt werden - beschwerte sich der ihr gegenüber sitzende Herr, wurde er doch in der Zeitungslektüre gestört. Ihm zur Seite saß seine Frau, in ein Kreuzworträtsel vertieft, und beide aßen eine Butterstulle. Der neben ihr sitzende, businessmäßig gekleidete Mittdreißiger, ausgestattet mit Ohrhörern und auf sein Notebook fixiert, bemerkte natürlich nicht, dass das Brillenetui seiner Nachbarin zu Boden gefallen und vor seinen Füßen gelandet war. Also musste die alte Frau es mühevoll unter dem Tisch hervorfischen.

Nach einiger Zeit des Beobachtens drängte es mich zur Toilette. Während ich mich zwischen den auf dem Gang stehenden Passagieren hindurchpresste, hatte ich genügend Zeit, die anderen Sitzpassagiere zu beobachten, von denen die meisten mit modernen Kommunikationsgadgets ausgerüstet und mit Simsen, Telefonieren, Handyspielen, Tippen oder Multi-Touch-Gesten auf ihrem Tablet-Computer beschäftigt waren. Und plötzlich eine Überraschung! Am Wagenende, in der letzten Reihe, befand sich ein junges Paar mit Hund. Ihm gegenüber saß eine Mutter mit ihrer halbwüchsigen Tochter, die den Hund streichelte und mit ihm spielte, was er offensichtlich sehr genoss. Die vier Fahrgäste waren in ein lebhates Gespräch vertieft. Ich war auf eine Kommunikationsinsel gestoßen.

Während ich die Gesprächsgruppe beobachtete, fiel mir plötzlich ein, dass ich früher sehr wohl mit der Bahn gefahren bin. Als Pennäler fuhr ich jahrelang von meinem Dorf in die Kreisstadt zum Gymnasium. Unsere ausschließlich männliche Fünfergruppe war ausgesprochen kommunikativ und interaktiv. Auf der Fahrt zur Schule wurden Hausaufgaben besprochen, häufig auch abgeschrieben, und vor Klassenarbeiten mögliche Fragestellungen diskutiert. Ansonsten ging es um Sport, lokale Ereignisse und natürlich haben wir auch über Mädchen und Lehrer gesprochen, meist gelästert. Auf der Rückfahrt war, wenn es keine aufregenden Themen gab, Kartenspiel angesagt. Erwachsene, die mit uns morgens zur Arbeit fuhren, unterhielten sich oder lasen die Zeitung. Auf dem Rückweg waren unsere erwachsenen Begleiter in der Regel Hausfrauen, die vom Einkaufen kamen - damals ging man noch nicht 'shoppen'. Sie saßen gesellig in kleinen Grüppchen und unterhielten sich über ihre Schnäppchen, das zu kochende Mittagessen oder Dinge, die am Nachmittag und Abend noch anstanden.

Mein Blasendruck zwang mich, die Beobachtung der Hundegruppe abzubrechen, die Reminiszenzen über meine Schul-Bahnfahrten zu beenden und zur Toilette zu gehen, die mir jedoch versperrt war. Ein junger Mann, der auf dem Boden sitzend in sein Notebook starrte und sich gleichzeitig per Mikro-Hörer mit Musik berieseln ließ, blockierte den Zugang. Versunken in die virtuelle Internetwelt und abgeschirmt von störenden Außengeräuschen, kam meine verbale Bitte, mir den Weg zum Klo frei zu machen, bei ihm nicht an. Erst als ich ihn anstupste, wurde er sich wieder seiner Umwelt bewusst und gab mir den Weg frei.

Ich habe auf dieser Bahnfahrt die zweite Welt unserer Gegenwart entdeckt. Und mir fiel auch noch ein, dass es in meinem Freundeskreis ein betagtes Ehepaar gibt, das sich im Zug kennengelernt hat.

 
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Hallo Nachtigall,

willkommen im Forum. So richtig schlau werde ich aus deinem Einstand nicht, aber versuchen wirs mal!

Der erste Abschnitt als Einleitung ist ok, denn so wissen wir, warum den Prot die Umgebung so erstaunt und warum er sie mit seiner Jugend usw. vergleicht.


Von meinem Platz aus, der sich in der ersten Reihe hinter einer Sitzinsel befand, bestehend aus einem Tisch und sechs Stühlen, konnt ich mühelos beobachten, was sich dort abspielte.

Mit diesem Satz scheint etwas nicht zu stimmen. Probieren wir es mal so: "Von meinem Platz aus, der sich hinter einer Sitzinsel befand und aus einem Tisch und sechs Stühlen bestand, ..."
Das "dort" habe ich hervorgehoben, weil es auf einen spezifischen Ort innerhalb des Abteils hinzuweisen scheint, den du vorher aber nicht benannt hast. Das ist im ersten Moment verwirrend. Ich würde es darum einfach rausnehmen.


Sie war mit Mikro-Kopfhörern ausgerüstet und ließ sich während der Buchlektüre mit Musik berieseln.

Du meinst diese Ohrstöpsel, oder? Ich habs mal gegoogelt, man schreibt das ohne Bindestrich. Aber das scheint mir nur eine professionelle Bezeichnung zu sein, die man nutzt, wenn man sowas z.Bsp. bei amazon sucht. Wenn Leute miteinander reden, dann sagen sie meist nur "Kopfhörer", und allzu genau muss man mit solchen Details eigentlich nicht sein.

Neben ihr saß ein junges Mädchen, geschmückt mit Pierces in Nase, Lippen und Zunge, das zur Musik, die aus seinen Kopfhörern dröhnte, rhythmisch den Kopf bewegte.

Piercings


Als das Jungblut den Stöpsel aus dem rechten Ohr zog, um ein Handy-Gespräch zu führen,

Ich seh schon, du willst unbedingt zeigen, mit was für Spielzeug die Kids heute so rumhantieren, aber Konstruktionen wie "Handy-Gespräch" wirken unfreiwillig komisch. Es ist trotz allem ein Telefonat. Sie will telefonieren. Dass die Kleine dafür ein Handy nimmt, sollte dem Leser klar sein.


Der neben ihr sitzende, businessmäßig gekleidete Mittdreißiger, ausgestattet mit Ohrhörern und auf sein Notebook fixiert, bemerkte natürlich nicht, dass das Brillenetui seiner Nachbarin zu Boden gefallen und vor seinen Füßen gelandet war.

Ohrhörer - das ist schon die dritte Bezeichnung für Kopfhörer. Zwei find ich ja ok, aber in diesem Fall ist es zu viel Abwechslung. Ausserdem: Ist das schlimm, dass er das nicht merkt? Hätte er es ohne Computer und Kopfhörer gemerkt? Der Prot zieht aus dieser Beobachtung keine Schlussfolgerung, verschwendet nicht einmal einen Gedanken daran, was also soll der Leser damit anfangen?


Und plötzlich eine Überraschung!Am Wagenende, in der letzten Reihe, saß ein junges Paar mit Hund.

Da fehlt ein Leerzeichen.


Die Hundebesitzerin sprach mit dem Hund. Das Kind streichelte den Hund, spielte mit ihm und sprach mit seinem Herrchen. Die Mutter sprach mit dem Kind, dem Hund und seinen beiden Besitzern. Es fand ein richtiges Gespräch statt. Ich war auf eine Kommunikationsinsel gestoßen.

Du beschreibst hier sehr umständlich, dass alle vier Menschen miteinander reden. Würde ich kürzen und straffen. Auch muss ich sagen, dass in Zügen sehr viel miteinander geredet und gelacht wird, abhängig von Tageszeit und Reisezweck. Ein erschöpfter Pendler auf dem Heimweg wird weniger gesprächig sein als ein Tourist.


Während ich die Gesprächsgruppe beobachtete, fiel mir plötzlich ein, dass ich früher sehr wohl mit der Bahn gefahren bin.

Dass ihm das erst jetzt einfällt kaufe ich ihm nicht ab. Und was er dann alles erzählt ... all das machen Menschen auch heute noch im Zug! Ja, sie reden miteinander! Sie spielen Karten!


Ein junger Mann, der auf dem Boden sitzend in sein Notebook starrte und sich gleichzeitig per Mikro-Hörer mit Musik berieseln ließ, blockierte den Zugang. Versunken in die virtuelle Internetwelt und abgeschirmt von störenden Außengeräuschen, kam meine verbale Bitte, mir den Weg zum Klo frei zu machen, bei ihm nicht an. Erst als ich ihn anstupste, wurde er sich wieder seiner Umwelt bewusst und gab mir den Weg frei.

Der arme Kerl. Es ist so eng in dem Zug, dass er sich an den beschissensten Platz setzen muss: Vor die Toilette. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, Klosteinen und Urin ist, je nachdem ob ICE oder Inter Regio oder so, meist unangenehm, ganz zu schweigen von den saugenden Geräuschen der Klospülung. Und mein Verstand sagt mir: Wenn jemand Kopfhörer aufhat, dann stupse ich ihn gleich an, und bitte ihn nicht erst höflich. Das nimmt einem keiner übel. Und einen Vorwurf kann man dem Jungen auch nicht machen.


Ich habe auf dieser Bahnfahrt die zweite Welt unserer Gegenwart entdeckt. Und mir fiel auch noch ein, dass es in meinem Freundeskreis ein betagtes Ehepaar gibt, das sich im Zug kennengelernt hat.

Auch das soll ja heute noch vorkommen :-)


Also, da fährt jemand im Zug und beobachtet sein Umfeld. Da kann man echt was draus machen! Doch der Prot beschreibt nur die Leute, die mit ihm in dem Abteil sitzen. Abgesehen von der Sache mit dem Brillenetui und den Hundeleuten wird keine Szene, keine Handlung, beschrieben - und auch diese beiden Szenen werden jeweils nur mit ein oder zwei Sätzen angerissen.
Die vorgestellten Leute handeln nicht, sie existieren einfach. Daher zieht dein Prot auch keine Schlussfolgerungen, gelangt zu keinen Erkenntnissen und bildet sich über niemanden ein Urteil. Er ist, wie seine Mitreisenden, einfach nur da. Sie werden nicht einmal charakterisiert. Ok, ein Typ ist businessmäßig angezogen, was wohl heisst, dass er einen Anzug trägt. Er hat Kopfhörer auf. Aber was sonst? Macht er einen gelangweilten oder gleichgültigen Eindruck? Will er der Frau beim Aufheben der Schachtel helfen, macht aber einen Rückzieher als er sieht, dass sie sich schon gebückt hat? Du beschränkst dich auf reine Äußerlichkeiten. Das Innenleben der Figuren bleibt uns komplett verborgen.
So weiß ich nichts mit dieser Szene anzufangen. Für eine Geschichte ist mir das zu wenig.

Versuch, ein bisschen Leben reinzubringen! Ein paar Leute, die von einem Fußballspiel kommen und Party machen, was einen Bundespolizisten auf den Plan ruft, könnte witzig werden. Irgendwas, dass diesen Zug mit Leben erfüllt.

MfG
Tim

 

Eisenbahn-Entdeckungsfahrt

Hallo Bad Rabbit,

vielen Dank, dass du meine Geschichte gelesen und mit Anmerkungen versehen hast.

Die Anregungen von dir, auf die ich hier nicht eingehe, leuchten mir ein und ich habe deshalb entsprechende Änderungen an der Geschichte vorgenommen. Und nun zu den Anmerkungen, mit denen ich Probleme habe.

1. Zitat: dort
Das dort bezieht sich auf die (vorher im Satz genannte) Sitzinsel, und nicht, wie du sagst, auf einen Ort innerhalb des Abteils, den ich vorher nicht genannt habe. Also nochmal: Da ist die Sitzinsel, die aus einem Tisch mit sechs Stühlen besteht. Ich sitze in der ersten Reihe hinter der Sitzinsel und beobachte, was dort (auf der Sitzinsel) vor sich geht.
Zur Bezeichnung und Schreibweise: Ich habe mir diese verschiedenen Kopfhörer in einem Geschäft angesehen und die auf der Verpackung verwendeten Namen und Schreibweisen übernommen.


Zu deinen generellen Bemerkungen am Ende:
Die Geschicht beruht auf meiner persönlichen Erfahrung während einer Bahnfahrt. Was mich auf dieser Fahrt nicht nur betroffen gemacht, sondern wirklich erschüttert hat, war das Abgeschirmt sein (die gesellschaftliche Isolation) der Personen auf der Sitzinsel und vieler weiterer Fahrgäste. Das hat mich sehr bedrückt und deswegen wollte ich es thematisieren. Du beanstandest, dass 'keine Szene, keine Handlung' beschrieben wird, dass 'die vorgestellten Leute nicht handeln, (sondern) einfach existieren.' Und am Schluss forderst du mich auf, 'ein bisschen Leben reinzubringen! Ein paar Leute, die vom Fußballspiel kommen und Party machen, was einen Bundespolizisten auf den Plan ruft, könnte witzig werden. Irgendwas, das den Zug mit Leben erfüllt.' Diese Bemerkung zeigt, dass dir die Intention der Geschichte entgangen ist. Es geht nicht darum, wie von dir angeregt, sich über die Reisenden ein Urteil zu bilden oder sie zu charakterisieren. Mein Anliegen ist es aufzuzeigen, dass sie, obwohl physisch nebeneinander sitzend, gesellschaftlich völlig isoliert sind.

Natürlich streite ich nicht ab, dass es auch völlig anders Situationen in Zügen gibt. Aber ich habe diese Situation erlebt und wollte der Bedrückung, die sie in mir ausgelöst hat, Ausdruck verleihen.


Nochmals vielen Dank für deine Hinweise und Verbesserungsvorschläge.

Gruß Nachtigall

 

Hallo Nachtigall!

Mir hat dein Text gefallen. Mal etwas anderes, als was man sonst so liest. Du hast aufgeschrieben, was du erlebt hast, das macht den Text sehr authentisch. Ist halt eher eine Anekdote als eine Geschichte, eine kleine Szene aus der Wirklichkeit.

Was den Text für mich lesenswert macht, das ist genau dieser Realitätsbezug. So war es früher - so ist es heute. Durch Kontraste werden Sachverhalte verständlich. Schön auch, dass du nicht so sehr ins Wertende gehst, deinen Zeigefinger erhebst und sagst: Früher war es besser! Das klingt natürlich durch, das ist klar, dieses Unverständnis gegenüber der Handygeneration, aber es ist eher ein fasziniertes, beobachtendes Unverständnis.

Deine Sprache finde ich angenehm. Stellenweise etwas altbacken, aber das passt ideal zur Situation, die du beschreibst, denn der Erzähler ist selbst ja wohl kein Jugendlicher mehr.

Bis bald!
yours

 

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