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Eine Eisenbahn-Entdeckungsfahrt
Als leidenschaftlicher Autofahrer habe ich seit dem Erwerb des Führerscheins nur selten öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Nun komme ich aber in die Jahre und das Autofahren ist, besonders auf langen Strecken, nicht mehr die reine Freude für mich. Deswegen entschied ich mich neulich, als eine Fahrt von Hamburg nach Frankfurt anstand, die Bahn zu benutzen. Es war zwei Tage vor Weihnachten, der Zug war nicht nur gut besetzt, sondern stark überfüllt. Aber mir konnte ja nichts passieren, hatte ich doch eine Platzkarte, während die anderen Fahrgäste im Gang stehen mussten und viele junge Reisende auf ihren Koffern oder auf dem Boden saßen.
Von meinem Platz aus, der sich in der ersten Reihe hinter einer Sitzinsel befand, bestehend aus einem Tisch und sechs Stühlen, konnte ich mühelos beobachten, was sich dort abspielte. An der hinteren Tischseite hatte ein Pärchen in den Mittzwanzigern Platz genommen. Er saß über seinen Laptop gebeugt, starrte auf das Display und griff gelegentlich in die Tastatur. Sie war mit Mikro-Kopfhörern ausgerüstet und ließ sich während der Buchlektüre mit Musik berieseln. Neben ihr saß ein junges Mädchen, geschmückt mit Piercings in Nase, Lippen und Zunge, das zur Musik, die aus seinen Kopfhörern dröhnte, rhythmisch den Kopf bewegte. Als das Jungblut den Stöpsel aus dem rechten Ohr zog, um ein Handy-Gespräch zu führen, welches recht laut ausfiel - musste doch die Musik des linken Ohrs übertönt werden - beschwerte sich der ihr gegenüber sitzende Herr, wurde er doch in der Zeitungslektüre gestört. Ihm zur Seite saß seine Frau, in ein Kreuzworträtsel vertieft, und beide aßen eine Butterstulle. Der neben ihr sitzende, businessmäßig gekleidete Mittdreißiger, ausgestattet mit Ohrhörern und auf sein Notebook fixiert, bemerkte natürlich nicht, dass das Brillenetui seiner Nachbarin zu Boden gefallen und vor seinen Füßen gelandet war. Also musste die alte Frau es mühevoll unter dem Tisch hervorfischen.
Nach einiger Zeit des Beobachtens drängte es mich zur Toilette. Während ich mich zwischen den auf dem Gang stehenden Passagieren hindurchpresste, hatte ich genügend Zeit, die anderen Sitzpassagiere zu beobachten, von denen die meisten mit modernen Kommunikationsgadgets ausgerüstet und mit Simsen, Telefonieren, Handyspielen, Tippen oder Multi-Touch-Gesten auf ihrem Tablet-Computer beschäftigt waren. Und plötzlich eine Überraschung! Am Wagenende, in der letzten Reihe, befand sich ein junges Paar mit Hund. Ihm gegenüber saß eine Mutter mit ihrer halbwüchsigen Tochter, die den Hund streichelte und mit ihm spielte, was er offensichtlich sehr genoss. Die vier Fahrgäste waren in ein lebhates Gespräch vertieft. Ich war auf eine Kommunikationsinsel gestoßen.
Während ich die Gesprächsgruppe beobachtete, fiel mir plötzlich ein, dass ich früher sehr wohl mit der Bahn gefahren bin. Als Pennäler fuhr ich jahrelang von meinem Dorf in die Kreisstadt zum Gymnasium. Unsere ausschließlich männliche Fünfergruppe war ausgesprochen kommunikativ und interaktiv. Auf der Fahrt zur Schule wurden Hausaufgaben besprochen, häufig auch abgeschrieben, und vor Klassenarbeiten mögliche Fragestellungen diskutiert. Ansonsten ging es um Sport, lokale Ereignisse und natürlich haben wir auch über Mädchen und Lehrer gesprochen, meist gelästert. Auf der Rückfahrt war, wenn es keine aufregenden Themen gab, Kartenspiel angesagt. Erwachsene, die mit uns morgens zur Arbeit fuhren, unterhielten sich oder lasen die Zeitung. Auf dem Rückweg waren unsere erwachsenen Begleiter in der Regel Hausfrauen, die vom Einkaufen kamen - damals ging man noch nicht 'shoppen'. Sie saßen gesellig in kleinen Grüppchen und unterhielten sich über ihre Schnäppchen, das zu kochende Mittagessen oder Dinge, die am Nachmittag und Abend noch anstanden.
Mein Blasendruck zwang mich, die Beobachtung der Hundegruppe abzubrechen, die Reminiszenzen über meine Schul-Bahnfahrten zu beenden und zur Toilette zu gehen, die mir jedoch versperrt war. Ein junger Mann, der auf dem Boden sitzend in sein Notebook starrte und sich gleichzeitig per Mikro-Hörer mit Musik berieseln ließ, blockierte den Zugang. Versunken in die virtuelle Internetwelt und abgeschirmt von störenden Außengeräuschen, kam meine verbale Bitte, mir den Weg zum Klo frei zu machen, bei ihm nicht an. Erst als ich ihn anstupste, wurde er sich wieder seiner Umwelt bewusst und gab mir den Weg frei.
Ich habe auf dieser Bahnfahrt die zweite Welt unserer Gegenwart entdeckt. Und mir fiel auch noch ein, dass es in meinem Freundeskreis ein betagtes Ehepaar gibt, das sich im Zug kennengelernt hat.