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Ein unbeschriebenes Blatt
In genau einer Stunde und fünfzehn Minuten ist Deadline. Dann muss er fertig sein, der Text.
Wer hätte gedacht, dass eine Woche so schnell vergehen kann?!
Ich sitze mit Fineliner bewaffnet an meinem Schreibtisch, vor mir liegt ein leeres Blatt Papier und grinst mich feist an.
„Na, Tanja, fehlen Dir die Worte?“
„Hä? Wer spricht da?“
„Na wer schon? Ich! Oder glaubst Du etwa, nur weil ich so leer bin, bin ich ein nichtssagendes Objekt? Du solltest Dich nicht nur auf Äußerlichkeiten konzentrieren“
„Du? Du kannst sprechen?“
Ich war wirklich überrascht. Ein ordinäres 80g Blatt Papier, ein ganz ein leeres, fängt an mich voll zu texten! Verkehrte Welt.
„Du, tut mir echt leid, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mich mit Dir zu unterhalten, mein Chef wartet auf mein Text.“
„Ja, ja ich weiß. Ich weiß aber auch, dass Du Dir vor 166 Stunden und nunmehr 43 Minuten vorgenommen hattest, den Text innerhalb der nächsten 48 Stunden zu verfassen. Ich hatte mich schon von Freunden, Verwandten und Nachbarn verabschiedet, in der Hoffnung Du hältst Dich mal an gute Vorsätze.“
Das Blatt hat Recht, ich wollte dem Last-minute-Verfassen tatsächlich eine Abfuhr erteilen. Was war nur passiert, dass die Zeit wieder so vergangen und wo ist der Text?
Mein Gewissen plagt mich schon seit jeher, da muss jetzt nicht auch noch dieses Blatt daher kommen und Salz in unverheilte Wunden streuen, das tut doch weh.
„Lass das man meine Sorge sein. So und nun Ruhe, ich muss arbeiten.“
Ich schwitze, ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, was ich schreiben soll, das Blatt vor mir irritiert mich.
„Na? Wird’s noch was?!“
„Lass mich bloß in Ruhe Du hinterfotziges Stück Papier, bild Dir bloß nicht ein, dass Du Schreibblockaden auslösen kannst.“ Dachte ich leise in mich hinein und sprach: „Psst, still, ich denke nach.“
„Ja, ja, Deutschland: Das Land der Dichter und Denker!“
„Werd nicht zynisch.“
Zähneknirschend suche ich heimlich nach großen Ideen und brillanten Formulierungen die ich als elitäres Texterwesen zu Papier bringen kann, um damit dem klugscheißerischen Stück Papier das vorlaute Maul zu stopfen.
„Max wachst Wachsmasken. Was wachst Max? Wachsmasken wachst Max. Wenn du Wachsmasken magst: Max macht Wachsmasken. Max wachst Wachsmasken. Was wachst Max? Wachsmasken wachst Max. Wenn du Wachsmasken magst: Max macht Wachsmasken. Max wachst...“
„Ruhe, verdammt! Ich muss mich konzentrieren, verschone mich mit Max und seinen dusseligen Wachsmasken!“
So sehr ich auch grüble und denke, mir fällt partout nichts ein, meine Gedanken kreisen nun ausschließlich um Kerzen. Erleuchtung: nicht in Sicht.
„’Tschuldigung. Wie wär’s dann mit ’nem Lied?
Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger...“
„R-U-H-E!“
“Glp!”
Ein quirliges, redseliges Stück Papier kann ich im Moment wirklich nicht gebrauchen.
So, Stille. Und ich sitze immer noch vor einem leeren Blatt und habe noch genau 42 Minuten Zeit.
„Du solltest Dich beeilen, die Zeit...“
„Ja, ja, ich weiß – wie Du, hahaha.“
Oh mein Gott, auch das noch, nun werde ich niveaulos. Das ist so ein übler genetischer Defekt bei mir, zu PID-Zeiten (Präimplantations Diagnostik) wäre das nicht passiert, da wären die niveaulosen Gene gleich im Keim erstickt worden. Nun, egal was ich jetzt schreiben werde, ich werde es vergurken. Was ich selber allerdings nicht bemerken werde, da die Natur aus einer schelmischen Laune heraus, mich mit einem weiteren Gen-Defekt beglückt hat. Dieser Defekt führt zu gnadenloser Selbstüberschätzung und übereifriges Eigenlob.
„Hey, Huhu, Tanja, nu mach’ aber mal.“
„Hm!“
Ein Thema, schnell, ein Thema, ein Königreich für ein Thema.
Ich hab’s:
Die aufregenden, letzten 35 Minuten aus dem Leben einer Schreibenden – kurz vor Deadline
11:25h:
In 35 Minuten ist Deadline. Oh jehmineh, ich habe, wie so oft um diese Zeit zwar ein schlechtes Gewissen, weil ich immer wieder meine guten Vorsätze vergesse, aber keinen Text formuliert. Irgendwas kam irgendwie immer dazwischen, es ist geradezu wie verhext: Da wollte der Rasen gemäht werden, die Autos gezählt die hier an meinem Fenster vorbei fahren, die Cannabissamen mussten in der Stadt und um zu ausgesät werden und die Nachbarschaft verlangt immerzu nach Pflege.
11:30h:
Nur keine Panik. Locker bleiben. Ich lege den Fineliner aus meiner rechten Hand und greife damit meinen Kaffeebecher, die autonome linke zieht währenddessen flink und schneller als ihr Schatten, ein Nikotinstengel aus der Packung.
11:31h:
Achtung, von rechts kommt der Becher, von links die Zigarette... passt irgendwie immer. Fluppe im Mund, linke Hand wieder frei und greift so gleich nach dem Feuerzeug... Yes!
11:32h:
Überlege, ob ich den Text dieses eine mal nicht gleich digital erstellen sollte, viel Zeit zum abtippen wird bestimmt nicht bleiben.
11:35h:
O.k., nun aber, noch ganze 25 Minuten. Ich muss erst mal auf’s Klo.
11:40h:
So, nun aber wirklich, jetzt geht’s los, gnadenlos wird Zeile für Zeile geschrieben, da kenn’ ich jetzt nichts mehr, da bin ich jetzt aber auch so etwas von straight, da bremst mich gooor nichts mehr... Das Telefon klingelt, ich geh ran.
Oha... der Chef, so was dummes aber auch, er will wissen, wie weit ich bin, oha, oha...
„Nun, ja, eigentlich, also eigentlich, also ehrlich gesagt, ähem, ja nun, also, äh,..., fertig. Ja, fertig, also fast. Ein ausgesprochen guter Text, eine großartige Idee, Sie werden ja gleich sehen, ein Brüller, ein Knaller, wirklich ein sauguter Text, ein Hammer, der wird einschlagen –Kawumm- sage ich Ihnen –Kawumm- wie eine Bombe... muss nur noch eben ein paar Zeilen überfliegen, Sie wissen schon, die ein oder andere Schönheitskorrektur vornehmen, wegen der Perfektion, na ja und dann, ja dann...“
Gott ja, was denn und dann?!
„In spätestens zehn Minuten habe ich den Text hier in meinem Büro vor mir liegen!“
„Klar, logisch, selbstverständlich, kein Problem,... äh, wann genau, sagten Sie noch?!“
Keine Antwort. Er hat aufgelegt.
Zehn Minuten, noch zehn Minuten, schon eine Sekunde kann die Welt verändern, aber das nützt mir jetzt gar nichts, es sei denn in genau diesen zehn Minuten fällt nur eine einzig weltveränderte Sekunde. Der Beginn des dritten Weltkrieges beispielsweise wäre sicherlich eine plausible und zulässige Entschuldigung und die Rettung meines Lebens.
„Lieber Gott nur ein klitzekleiner Weltkrieg, wäre das nicht möglich?! Sagen wir so in spätestens sieben Minuten?! Ja?!“
„So wird das nichts, Tanja!“
„G-O-T-T?!???“
„Sei nicht albern! Ich bin es natürlich, Dein Blatt Papier!“
„Ach, Du schon wieder!“
„Was hast Du vor? Du willst doch nicht etwa diesen Text hier abgeben, oder?!“
„Wieso? Was hast Du? Dieser Text hier, Du vorlautes Etwas, dieser Text gilt doch schon jetzt als qualitativhochwertiges Kulturgut, dieser Text ist der H-A-M-M-E-R, verstehst Du das, Du Spatzenhirn?! Dieser Text ist brillant, wirst schon sehen, die Redaktion wird sich krümmen vor Lachen und der Chef erst, der Chef, wie er sich vor Freude die kräftigen Schenkel klopfen wird.
Eine ausgezeichnete Idee großartig umgesetzt, was will man mehr?! Ach ja, ich bin einfach zu gut, ein Genie möchte ich beinahe sagen... Auf, auf, keine Zeit mehr zu verlieren, ab in die Redaktion.“
„Oh nein, bitte nicht, welch’ Schmach, oh Jammer! Ich werde mich bis auf die blanken Fasern blamieren und mich bis ans Ende meiner Altpapiertage in Grund und Boden schämen müssen!“