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Ein Sommertag
Ein Sommertag
Sonnenstrahlen spielten mit der Luft und der feine Wind begleitete sie auf ihrem Weg. Ich wollte an diesem wunderschönen Sommertag nur noch raus. Schnell lud ich meine Badetasche auf das Fahrrad und pfiff nach Bruno, meinem Golden Retriever Mischling. Dann ging es in Richtung Wald. Während ich munter vor mich hin trällerte, drehten meine Beine gemächlich Runde für Runde und mein Hund lief beschwingt neben mir her. Endlich erreichten wir den beschaulichen Waldweg. Weit von der Hauptstraße entfernt waren nur noch feines Blätterrauschen, Vögelzwitschern und Brunos Hecheln zu vernehmen.
„Bruno, gleich sind wir da, gleich ...“, rief ich ihm aufmunternd zu und trat etwas kräftiger in die Pedale. Das letzte Stück musste ich mein Fahrrad durch unwegsames Gelände schieben. Das Bersten von trockenen Zweigen und das Rascheln des Laubes begleiteten uns auf dem beschwerlichen Weg. Durch das Geäst drangen die hellen Lichtstrahlen nur spärlich. Sie neckten sich mit den Schattengebilden und malten aus ihnen neue verschwommene Gestalten. Auf einmal lichtete sich der Wald und gab den Blick auf meinen geliebten See frei. Ungehindert strahlte die Sonne auf die kleine Lichtung und ließ die Luft vibrieren. Der laue Wind umtanzte die Grashalme, bog leicht das Schilf und zog über die fein gekräuselte Wasseroberfläche.
Achtsam sah ich mich um und stellte erleichtert fest: „Es ist keiner da!“
Nur Bruno, ich und die vielen anderen Waldbewohner labten sich an diesem herrlichen Kleinod. Glücklich und entspannt streifte ich meine Kleider vom Leib und streckte mich nackt dem Sonnenlicht entgegen. Bruno sprang sogleich in den See und ich folgte ihm mit einem Jubelschrei. Wir tollten im kühlen Nass umher, bis er die Nase voll hatte und auf die Wiese zurückkehrte. Ich blieb noch im Wasser. Tauchte in sein Reich hinab, ließ mich von ihm tragen und genoss es, von seinen unzähligen Zungen gestreichelt zu werden. Schließlich kroch ich erschöpft ans Ufer und legte mich auf das Badehandtuch. Der Wind fuhr über meine feuchte Haut und die wärmenden Sonnenstrahlen küssten zart meinen Körper. Aber ich wurde durch das gleißende Licht geblendete und drehte mich auf den Bauch. Ich bettete den Kopf in meine Hände und ließ den Blick über die Wellen schweifen. Entzückt beobachtete ich das Spiel der Libellen über der Wasseroberfläche, wie sie durch die flirrende Luft tanzten. Es schien mir, dass sie nur für mich ein Ballettstück aufführten und die anderen fliegenden Insekten als Kleindarsteller benutzten. Diese märchenhafte Atmosphäre nahm mich gefangen und die gesamte Lichtung entpuppte sich als ein Bühnenbild. Es vereinten sich die leicht wiegenden Äste der Sträucher und Bäume, das melodische Rauschen der Blätter, das feine Surren der Insekten mit dem stetigen Plätschern des Sees zu einem großen Szenarium. Das Meisterwerk umspielte meine Sinne, zog mich in seinen Bann, bis mein Kopf auf das Handtuch sank und ich einschlief.
Plötzlich riss mich dumpfes Donnern aus dem Schlaf. Erschrocken setzte ich mich auf. Dunkle Wolken schoben sich zu einem Berg zusammen. Ein kühler Wind pfiff durchs Geäst und ließ mich erschauern. Da war es wieder, das bedrohliche Grollen in der Ferne. Ängstlich sprang ich hoch und zog mich an.
„Bruno, komm!“ rief ich und hastete voller Unruhe durch den Wald. Kleine Äste peitschten nach mir, streiften meine Haut. Ich stolperte und das Unterholz ergriff mich, hielt mich kurz gefangen. Doch ich richtete mich wieder auf und eilte weiter. Es wurde immer dunkler, immer stürmischer. Auf einmal krachte es und ein Blitz erhellte für wenige Sekunden die Umgebung. Angstvoll duckte ich mich. Danach war nichts zu hören, nichts – eine unheimliche Stille umgab uns. Ich richtete mich wieder auf und eilte weiter, wollte schnell auf den Weg zurück. Auf einmal brach ein Regenguss aus den Wolken hervor. Große Tropfen ballerten auf die Erde, zerschlugen manches zarte Blattwerk und hinterließen rasend schnell schmale Rinnsale auf dem Waldboden. An mir gab es keinen trockenen Faden mehr und die schweren Tropfen prasselten auf die Haut, dass es weh tat.
Endlich erreichten wir den Waldweg. Wieder zerschlug ein Donner die Luft und ein Blitz zerschnitt das Dämmerlicht. Ich hatte Angst, schreckliche Angst. In meiner Not fiel mir die kleine Schutzhütte oberhalb des Waldweges ein. Mit dem Fahrrad war ein schnelles Fortkommen unmöglich, so legte ich es einfach ab.
„Bruno komm, komm schnell!“ rief ich und preschte durch den Matsch. Mit eingezogenen Schultern und gesenktem Gesicht rannte ich der Hütte entgegen. Nur noch wenige Meter, nur noch wenige Schritte, da krachte es wieder und ein greller Lichtstrahl durchzuckte die Atmosphäre. Dieses Donnern war so laut, es ließ die Erde neben mir erzittern. Abrupt hockte ich mich hin und brüllte los. Immer wieder brüllte ich die Angst aus meiner Brust heraus.
Unverhofft fühlte ich eine Hand auf meinen Rücken, spürte, wie sie unter meinen Arm griff und mich behutsam nach oben zog. Willenlos folgte ich dieser Geste. Langsam drehte ich mich um und sah in das Gesicht eines Mannes. Er nahm meine Hand und zog mich fort, zog mich in die Hütte.
„Danke ...“
„Sie haben ja so fürchterlich geschrieen. Dachte schon, es ist was passiert.“
„Ich hatte Angst, schreckliche Angst!“
„Hier draußen kann man ja auch Angst bekommen.“
„Ich habe immer Angst bei Gewitter, immer ...“, und schaute ihn an, schaute in seine graublauen Augen.
„Haben Sie denn niemanden, der Sie dann beschützt?“ fragte er lachend.
Ich stockte. Sagte er beschützt? Wo war Bruno hin? Entsetzt schaute ich mich um, doch er war nicht hier. Ich ging zur Tür. Öffnete sie und brüllte in das Unwetter hinaus: „Bruno – Bruno – Bruunoo!“
„Wer ist das?“
„Mein Hund, mein Bruno ...“, antwortete ich und brüllte weiter seinen Namen.
„Wo ist er?“
„Ich, ich weiß nicht ...“ stotterte ich.
„Ob ihm was passiert ist? Kann ihm hier etwas passieren?“ fragte ich hilflos.
„Hm, keine Ahnung. Das weiß ...“
Er redete und redete, ich hörte nichts. In meinem Kopf hämmerte nur der Gedanke: ‚Wo war Bruno?’. Ich durfte ihn doch nicht im Stich lassen, nein – ich musste ihn finden. Also trat ich vor die Tür und rief nach ihm. Wieder spürte ich eine Hand, die mich sanft zurück zog, die mich hielt.
„Du willst doch jetzt nicht da raus?“ fragte er entgeistert.
„Ja, das will ich. Ich muss!“ flüsterte ich und trat demonstrativ einen Schritt nach vorn.
„Warte noch, es wird doch schon heller. Dann suchen wir gemeinsam.“
„Nein, ich muss jetzt. Er braucht mich.“
„Du hast Angst, bleib hier!“
„Danke, danke für alles“, rief ich. Entschlossen setzte ich einen Fuß vor den anderen und ging hinaus.
Komisch, das dumpfe Grollen und die Blitze erschreckten mich nicht mehr. Die Furcht um Bruno trieb mich voran. Mutig suchte ich meinen Weg und lief durch den Schlamm. Immer wieder blieb ich stehen und bildete mit meinen Händen einen Trichter vor dem Mund, laut schrie ich dann: „Bruno – Bruunoo – Bruuunooo!“
Ich lief den Weg zu meinem Rad zurück. Als ich wieder im Regen stand und nach meinem Hund rief, bemerkte ich im Unterholz eine Bewegung. Ich verharrte und sagte: „Bruno, Bruno bist du es?“
Keine Reaktion, nichts. Trotzdem ging ich hin. Ich bückte mich. Ganz vorsichtig schob ich Äste beiseite und blickte ins dunkle. Ich konnte nichts erkennen. Da war wieder eine Bewegung, ein Rascheln. Sollte ich zugreifen, sollte ich ins Unbekannte fassen? Meine Gedanken rasten hin und her. Da war wieder dieses Rascheln und ich stellte mir vor, wie er hilflos und verletzt da lag. Zögerlich schob ich meine Hand weiter, schob sie näher zu dieser Bewegung hin. Ich spürte deutlich Wärme, spürte einen Körper und wollte schon danach greifen. Da stupste mich etwas an die Seite. Erschrocken zog ich meinen Arm aus dem Gehölz und drehte mich ruckartig um. Vor mir stand mein Bruno. Glücklich zog ich ihn in meine Arme und drückte ihn fest an mich: „Da bist du ja. Oh, bin ich froh!“
In dem Moment schoss ein kleines Tier aus dem Gestrüpp, stob an uns vorbei und verschwand im Wald. Ein dicker Kloß hing in meiner Kehle und Bruno bellte, aber blieb zum Glück eng an mich geschmiegt stehen. Ich schluckte, holte tief Luft und richtete mich auf. Wie der Regen an mir runter rann, rann auch meine innere Anspannung und meine Angst aus mir heraus. Ich breitete meine Arme aus und lachte, ich stampfte im Matsch umher und lachte einfach. Bruno sprang an mir hoch und freute sich mit mir. Beide sahen wir schrecklich wild und schmutzig aus. Trotz allem war ich froh gelaunt und hob lächelnd mein Rad auf. Langsam machten wir uns auf den Heimweg.
Allmählich brachen die dunklen Wolken auf. Aus ihrem Schwarz wurde ein Grau, aus dem Grau wurde ein Weiß und das Weiß brach auf. Schließlich lugte bereits das erste Himmelsblau aus den Wolkengebilden hervor und machte Platz für die wärmenden Sonnenstrahlen.
Wir waren kurz vor der Hofeinfahrt, als die Sonne abermals ungehindert vom blauen Firmament schien. Was für ein Sommertag!
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